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Eine falsche Entscheidung

19.02.2018 || 23:56 Uhr von:
Brose Bamberg hat seinen Coach Andrea Trinchieri entlassen. Simon Linder hält diese Entscheidung für einen großen Fehler.

Jede Ära endet einmal – die von Andrea Trinchieri in Bamberg jedoch schneller als gedacht. Seine Entlassung beweist einmal mehr: Vergangene Erfolge haben im Profisport keinen Wert. Wenn du heute nicht lieferst, bist du weg. Das kann man aus guten Gründen bedauern, schlussendlich muss man es akzeptieren. Die Entlassung von Andrea Trinchieri entspricht dieser Logik, und dennoch ist sie kaum nachvollziehbar. Weil bei Trinchieri „vergangene Erfolge“ nicht eine kurze Periode guter Leistungen meinen, sondern drei Meisterschaften in drei Jahren. Und weil es wenig Gründe gibt, daran zu zweifeln, dass ein ausgezeichneter Basketballfachmann wie er bei entsprechender Unterstützung des Vereins diese Erfolge hätte wiederholen können.

Es steht außer Frage, dass diese Saison bei Bamberg einiges nicht zusammenpasste. Nach der Posse um Quincy Miller wurde kein sportlich adäquater Ersatz gefunden. Die Verletzungen von Luka Mitrovic, Bryce Taylor und Elias Harris rissen ein tiefes Loch in den Kader, der von Beginn an nicht ideal zusammengestellt schien. Sogar Trinchieri selbst war verletzt, coachte unter Schmerzen, bis er um die nötige Schulter-Operation nicht mehr herumkam. Mit der Entlassung Trinchieris schieben die Bamberger Chefs die Verantwortung für all diese Probleme auf den Trainer. Und noch schlimmer, sie sprechen sich selbst von möglicher Schuld frei.

Alibis für alle

Auch der Mannschaft mit durchweg guten Individualspielern wird ein Alibi gegeben. Die Entlassung besagt: Die schlechten Ergebnisse sind nicht auf die Weigerung einzelner Spieler zurückzuführen, Defense zu spielen, sondern auf Fehler des Trainers. Die Entlassung Trinchieris könnte die miserable Einstellung einzelner Akteure manifestieren. Die Entscheidung möchte zukunftsweisend sein, aber verhaftet den Verein in der erfolglosen Gegenwart.

Die Saison ist für Bamberg noch nicht vorbei. Das Team steht in der BBL auf dem zehnten Platz, die Playoffs sind alles andere als außer Reichweite. Dass man gegen München mithalten kann, wurde bereits im Pokal gezeigt. Mit einem bis dahin wiedergenesenen Trinchieri hätten die Bamberger gute Chancen gehabt, trotz der vielen Probleme doch noch im Kampf um die Meisterschaft eingreifen zu können. Anstatt dessen haben die Verantwortlichen einen der besten Basketballtrainer Europas entlassen. Die Ära Trinchieri war in Bamberg noch nicht vorbei. Der Verein hat sie mutwillig beendet.

Eine falsche Entscheidung
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Lorenz2000
Lorenz2000 21. Februar 2018 um 14:56 Uhr

Ich halte die Entscheidung, ST zu beurlauben, schon fast für alternativos: Natürlich hatte Trinchieri mit uns drei Jahre lang großen Erfolg, jedoch sollte man im Sport (s. unser derzeitiger Kader) niemals den Fehler machen, derzeitige Leistungsschwächen durch vergangene Erfolge zu rechtfertigen. Wir leben nunmal im hier und jetzt und nicht in der Verhangenheit vor zwei Jahren, als wir die Playoffs gesweept haben. Genauso leben wir nicht im Jahr 2014, in dem Ricky Hickman einer der besten SG der EL war und nicht im Sommer 2017, in dem Nikolic in der Nationalmannschaft gute Leistungen abrufen konnte. Aber zurück zu AT:
Diese Saison fing ür ihn schon zum Jahreswechsel 2016/17 schlecht an: Damals entwickelte sich nämlich wohl der Machtkampf zwischen Trinchieri und Baiesi, dessen Ausgang ja nun allen bekannt ist. Zwar hat AT diesen gewonnen, ich bin mir jedoch sicher, dass auch Baiesi spätestens seit seinem 30000 Euro Coup mit Miller bei den Chefs ein enorm hohes Standing genoss. Folglich dürfte unser Coach, dadurch, dass die Kombination Baiesi-Trinchieri nicht länger funktioniert hat, dahingehend gelitten haben, dass er somit den Abschied eines intern hoch geschätzten und sehr wichtigen Mitarbeiters heraufbeschworen hat. Dieser Ausrichtungsstreit zwischen Baiesi, der indiziert durch die von ihm eingefädelte, langfristig zu sehende Mitrovic-Verpflichtung weiter auf die bewährte Strategie mit hungrigen Spielern kombiniert mit einigen erfahrenen Akteuren setzen wollte, und Trinchieri, der auf Eroleague erprobte Frührentner mit Erfahrung setzen wollte, schadete mit Sicherheit Trinchieris Reputation im Verein und sorgte schon einmal für eine etwas erhitzte Stimmung. Gleichzeitig übte die Tatsache, dass sich sein Konzept, das ausschließlich auf sofortigen Erfolg in der Euroleague ausgerichtet war, im Machtkampf durchgesetzt hatte auf Trinchieri einen enormen Druck aus, da er somit zum kurzfristigen Erfolg verdammt war. Wenn hier also jemand schreibt, Trinchieri sei zu hohen Bemessungsgrundlagen zum Opfer gefallen, hat Trinchieri diese durch eine kurzfristige Strategie ohne langfristige Perspektive selbst aufgebaut.
Neben dem Machtkampf kam dann die Kaderzusammenstellung selbst hinzu, wo Trinchieri nach meinen Informationen ziemlich freie Hand hatte. Ich rechne damit, dass AT bereits im Sommer nach dem strategischen Machtkampf etwas angezählt war, da ja insbesondere Michael Stoschek immer großen Wert auf eine nachhaltige Mannschaftszusammenstellung gelegt hat (vgl. Interview nach dem Meisterschaftsgewinn 2017). Trinchieri schien für mich damals etwas isoliert und dann auch in der Konsequenz für einen nicht im gesamten Verein mitgetragenen Alleingang angezählt zu sein, wodurch auf ihn natürlich maximaler Druck lastete, mit der alleine von ihm zu vertretenen Mannschaft Erfolg zu haben. Dass dann noch der absolute Wunschspieler Trinchieris Ricky Hickman heißt und sicher auch den Verantwortlichen dahinter als nicht unproblematischer Spieler bekannt war, trägt seinen Teil zur Sache bei.
Apropos nicht unproblematisch: Möglicherweise hat auch die gesamte Umgangsweise Trinchieris mit QMiller nicht unbedingt jedem im Team gepasst. Miller war ein schwieriger Charakter, aber jemand, der einfach unter den richtigen Voraussetzungen mit extrem viel Talent gesegnet ist. Trinchieri war sich, so habe ich zumindest gehört, bereits in der Vorbereitung mit Miller überhaupt nicht grün und wollte ihn charakterlich ein bisschen geradebiegen. Während Miller ja selbst gesagt hat, dass er einen Trainer braucht, der ihm sportlich etwas in den ***** tritt, ist mein Eindruck, dass die Person Miller und Trinchieri einfach von vornherein nicht gepasst haben. Was nämlich passiert, wenn man einen Freigeist glätten will, dürfte denke ich jedem bekannt sein. Ich könnte mir nun vorstellen, dass die Entlassung und das Zerwürfnis zwischen Miller und Trinchieri in der Mannschaft nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß und sich vielleicht hier schon ein kleiner Graben abgezeichnet hat.
Weiterhin schadete Trinchieri seinem eigenen Ansehen in der Mannschaft enorm, als er um Weihnachten seine einigen Ausreißer an der Seitenlinie hatte. Gerade wenn es im Team sehr selbstständige und erfahrene Spieler gibt, kommen solche Aktionen natürlich schnell als Zeichen der Schwäche, nicht der Stärke daher. Die Tatsache, dass Trinchieri damals von oben zurückgepfiffen wurde un sich öffentlich entschuldigen musste, wäre mir im Profisport so noch nicht untergekommen und zeigt zweierlei: Erstens hat damals bereits der Vorstand nicht bedingungslos hinter ihm gestanden und zweitens liegt nahe, dass es vielleicht sogar Beschwerden aus der Mannschaft über das Verhalten des Coaches in diesen Situationen gab. Spätestens hier zeichnete sich aber ein Graben sowohl zwischen AT und dem Team, als auch zwischen AT und der Führung ab.
Nun kam natürlich in den letzten Monaten noch Trinchieris Verletzung und das große Rekonvaleszentenaufkommen dazu, was die Situation nicht einfacher machte. Ich möchte jedoch nochmal darauf zurückkommen, weshalb ich die Entlassung fast für alternativlos befinde. Trinchieri hat, da bin ich mir ziemlich sicher, den Kader im Sommer ziemlich alleine zusammengestellt und vor allem explizizte Wunschspieler wie Hickman bekommen. Den schwindenden Einfluss Trinchieris unter der Saison sieht man dann vor allem auch daran, dass er sich zwar im Sommer noch durchsetzen konnte, ohne 7 Footer in die Spielzeit zu gehen, er aber auch hier dann zurückrudern musste. In jedem Fall hatte Trinchieri so viel Verantwortung für das Zusammenstellen des Teams, wie man es vielleicht einem dreifachen Meistertrainer gibt, wie es allerdings normalerweise für einen Trainer aus gutem Grund nicht üblich ist. Wir wären hier wieder dabei, dass man im Erfolg die größten Fehler macht. Trinchieri hat also durch sein eigenes Handeln massiven Druck auf seine Person provuziert, was dazu geführt hat, dass er nun im Angesicht der Tatsache, dass mittlerweile auch der letzte Verantwortliche bemerkt hat, dass mit diesem Kader so kein Blumentopf zu gewinnen ist und reichlich Geld verbrannt wurde, natürlich auch die Verantwortung zu tragen hat. Zwar gebe ich denen recht, die sagen, die Spieler hätte in Spielen gegen Barca, Piräus, etc. gezeigt, dass sie es besser können, recht, gebe aber auch zu bedenken, dass diese Spiele immer eine Energieleistung beinhalteten und nie spielerisch gewonnen wurden. Da somit ein Austauschen der Mannschaft nicht möglich und ein Festhalten an einem Trainer, der trotz vergangener Erfolge sich in einem Neuaufbau vor dieser Saison nicht unbedingt profiliert und dazu selbst massiv Druck ausgeübt hat, der ihn nun eingeholt hat, nicht berechtigt wäre, ist die Entscheidung AT zu entlassen, um im Angesicht athmosphärischer Störungen in der Mannschaft die Saison wenigstens noch halbwegs zu retten, alternativlos.
Ob Katzouris für diese Saison komplett eingeplant ist, und ob er danach Trinchieri als AC weiter folgt, weiß ich nicht, es ist allerdings jetzt oberste Priorität, die reichlich vorhandenen Kandidaten (Mir als Laie fallen ein: Alonso, Vidoretta, Radonjic (für mich der Topkandidat), Perasovic, Prigioni) unter die Lupe zu nehmen und möglichst zeitnah, aber auch zu einem gut gewählten Zeitpunkt einen neuen zu präsentieren. Ob es allerdings sinnvoll wäre, diesen noch mit einer Mannschaft zu betrauen, deren Coaching einer, der ganz nah dran ist (Scepanovic) dankend abgelehnt hat, halte ich für äußerst fragwürdig. Nun gilt es aber erstmal, alle Kräfte zu bündeln, um ein Erreichen der Playoffs zu sichern und dort möglichst Schadensbegrenzung zu betreiben. Es würde die Aufgabe für den neuen schon etwas erleichtern, wenn man nicht vom FIBA Europe Cup aus agieren müsste…

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