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ratiopharm ulm: Zurück in die Zukunft

25.07.2018 || 09:56 Uhr von:
Spitzenspiel
Nach der rekordträchtigen Saison 2016/17 lief es vergangenes Jahr überhaupt nicht rund bei ratiopharm ulm. Wir analysieren die Probleme des letzten Jahres und werfen einen Blick auf das neue Ulmer Team.

75:102. So lautete das Ergebnis des letzten Auftritts von ratiopharm ulm in der sich auf die Zielgerade bewegenden Saison 2017/18. Allerdings nicht standesgemäß in den Playoffs, sondern bereits am 34. Spieltag verabschiedete sich das Team von Trainer Thorsten Leibenath mit einer herben Niederlage bei ALBA Berlin in die Sommerpause. Damit hätte vor der Saison wohl kaum einer gerechnet. Was ist schiefgelaufen? Und vor allem: Wie geht es nun weiter?

Halbfinal-Aus trübt Rekordsaison kaum

Blicken wir etwas mehr als ein Jahr zurück: Nach einem überragenden und rekordträchtigen 27-0-Start in die regulären Saison marschierten die Ulmer als Hauptrundenprimus in die Playoffs. Nach einer äußerst kräftezehrenden Serie gegen die MHP RIESEN Ludwigsburg im Viertelfinale war allerdings im Halbfinale gegen die EWE Baskets Oldenburg um Ricky Paulding Schluss.

Nichtsdestotrotz absolvierten die Ulmer eine gute Saison, obwohl das Bild natürlich durch das Halbfinalaus etwas getrübt wurde. Allen voran dank des überragenden Trios Augustine Rubit, Hauptrunden-MVP Raymar Morgan und Chris Babb. Allerdings – wie es das Geschäft so will – verließen selbige den Club, um sich größeren, finanzstärkeren Vereinen anzuschließen. Rückblickend fielen wohl auch die Wechsel der Leistungsträger Braydon Hobbs, Karsten Tadda und Taylor Braun schwerer ins Gewicht als erwartet. Denn so blieben nur noch das Gesicht der Mannschaft, Per Günther, die Youngster Joschka Ferner und David Krämer, Leistungsträger Da’Sean Butler sowie der ehemals Langzeitverletzte Tim Ohlbrecht.

Knackpunkt beim Ersatz der Leistungsträger

Rückblickend lässt sich feststellen, dass vielleicht schon bei der Kaderzusammensetzung für die Saison 2017/18 ein paar Fehler gemacht worden sind. Aber beginnen wir von vorne:

Auf den durch die Wechsel von Raymar Morgan und Augustine Rubit vakanten, großen Positionen verpflichteten die Ulmer den NBA- und EuroLeague-erfahrenen, aber auch schon in die Jahre gekommenen Luke Harangody. Allerdings wusste er nur selten die teils sehr hohen Erwartungen zu erfüllen. Dazu musste er zu Beginn des neuen Jahres am Sprunggelenk operiert werden, sodass er gerade in der entscheidenden Phase ab Mitte Januar vorerst außer Gefecht gesetzt wurde. Somit fehlte dem Team gerade in den wichtigen Wochen der Top-Rebounder des Teams sowie vielleicht eine Spur Erfahrung und Ruhe, und das länger als zunächst erwartet.

Als Ersatz für Chris Babb, der zum russischen Topklub Kuban Krasnodar abwanderte, verpflichteten die Schwaben mit Ryan Thompson einen Spieler, der sich bereits einen Namen in der easyCredit BBL gemacht hat. Allerdings konnte auch er nicht in Babbs Fußstapfen treten, was sich allen voran am defensiven Ende des Feldes bemerkbar machte. Auch in der Offensive konnte er nie so recht dem Spiel seinen Stempel aufdrücken, was sich auch statistisch belegen lässt: Thompson erzielte im Vergleich zur Spielzeit 2016/17, damals noch im Trikot der Bonner, exakt drei Punkte weniger (10,7 statt 13,7 PpG) und wies in sämtlichen Kategorien deutlich schwächere Wurfquoten auf als noch im Vorjahr.

Selbiger war zudem ein Paradebeispiel für die Inkonstanz des Teams: Schoss er an manchen Tagen die Lichter aus, wie im Spiel gegen Science City Jena, tauchte er jedoch an anderen Tagen komplett ab und wirkte wie ein Fremdkörper in der Ulmer Offensive.

Analog zu Thompson erging es einer weiteren geplanten Stütze des Teams: Trey Lewis, der mit einigen Vorschusslorbeeren von medi bayreuth gekommen war und als begnadeter Werfer stets eine Gefahr von außen darstellen sollte. Genauso wie Thompson konnte auch Lewis, die in ihn gesteckten Erwartungen nicht erfüllen und seine Leistungen aus der Vorsaison nicht bestätigen, was sich abermals statistisch belegen lässt: Im Vergleich zu seiner Bayreuther Zeit gelangen Lewis knapp vier Punkte weniger, bei nur noch 33-prozentiger Dreierquote statt wie zuvor 41 Prozent. Nicht zuletzt seine defensive Anfälligkeit sowie ein fehlerhaftes Rollenverständnis, da Lewis vehement als Point Guard agieren wollte, obwohl er als Shooting Guard verpflichtet wurde, waren die Gründe für eine vorzeitige Vertragsauflösung im Februar.

Missverständnisse und viele Baustellen

Auch die Verpflichtung Toure Murrys sollte sich als Missverständnis herausstellen, denn nach nur 13 Partien trennten sich die Ulmer vom Combo-Guard. Abgesehen von den personellen Fehlgriffen spielten die Ulmer auch als Team eine unterdurchschnittliche Saison:

Ein negatives Net Rating von -0,93 spricht hierbei eine deutliche Sprache. Erzielten die Ulmer in der Saison 2016/17 noch 120,5 Punkte pro 100 Angriffe, waren es in der abgelaufenen Saison lediglich 113,3 Punkte. Noch auffälliger gestaltet sich der Unterschied in der Defensive: Hielten die Ulmer 2016/17 ihre Gegner durchschnittlich bei 102,1 Punkten je 100 Angriffen, kassierten sie in der abgelaufenen Hauptrunde 114,2 Punkte je 100 Angriffe. Dass die Ulmer zudem die schwächste Mannschaft bei den Steals stellten und auch beim Shotblocking im unteren Drittel der Liga landeten, spricht eine deutliche Sprache.

Offensichtlich ist, dass den Ulmern Fehler in der Kaderzusammenstellung unterlaufen sind, denn der Kader der abgelaufenen Spielzeit konnte nicht annähernd das Niveau von Babb, Morgan und Co. erreichen. Gerade mit Karsten Tadda, Taylor Braun sowie Chris Babb hatte man seinerzeit überdurchschnittliche bzw. herausragende Verteidiger im Team. Demgegenüber standen eher offensivgesinnte Verpflichtungen wie Trey Lewis, Ryan Thompson oder Luke Harangody.

Dass es in der Offensive offenkundig nicht erwartungsgemäß lief, war nicht absehbar. Zu oft geriet diese ins Stocken. In der Vergangenheit stellten die Ulmer immer eines der Teams mit der höchsten Pace, was in der abgelaufenen Spielzeit nicht der Fall war. Coach Thorsten Leibenath begründete dies im basketball.de-Interview mit Problemen beim eigenen Rebounding sowie unzureichender Rim Protection: „Dadurch haben wir weniger eigene Abschlüsse generiert.“ Zudem gestand Leibenath, seine Mannschaft mit seinem Playbook vielleicht etwas überfordert zu haben.

Ein weiteres, nicht minder unerhebliches Problem waren Verletzungen, welche dem Team über die komplette Saison hinweg zusetzten. So fielen sowohl Da’Sean Butler, Luke Harangody und vor allem Tim Ohlbrecht allesamt mindestens zehn Spiele aus. Ob die Saison ohne diese wohl anders verlaufen wäre? Man ertappt sich beim Gedankengang, dies zu vermuten. Auch die nachverpflichteten Spieler um Jerrelle Benimon und Luka Babic hatten mit Verletzungsproblemen zu kämpfen und konnten im Vergleich zu den Vorjahren keine drastische Wendung herbeiführen. Einzig Katin Reinhardt schlug ein, wurde mit 14,4 Punkten pro Partie gar Topscorer des Teams und zeigte immer wieder couragierte Defensivleistungen. Allerdings kam er zu spät in das Gefüge, um eine Teilnahme an den Playoffs herbeizuführen.

Deutsche Spots hui, ausländische Spots pfui

Was lief gut in der Saison 2017/18 bei ratiopharm ulm? An dieser Stelle sind vor allem die bemerkenswerten Entwicklungen der Youngster zu erwähnen. Vor allem der zu Beginn der Saison aus Berlin gekommene Guard Ismet Akpinar überzeugte. Der 23-Jährige hob seinen Punkteschnitt im Vergleich zur Vorsaison auf 8,9 Punkte an, stand mit über 20 Minuten pro Spiel deutlich länger auf dem Feld und machte vor allem in entscheidenden Phasen des Spiels auf sich aufmerksam. Gerade seine angeeignete Wurfstärke vom Perimeter sowie seine abgezockte Spielweise spielten ihm in die Karten und führten dazu, dass Leibenath immer häufiger Akpinar starten ließ.

Ähnlich wie Akpinar konnte sich der junge David Krämer zusehends einen Platz in der Rotation erspielen. Allen voran aufgrund überzeugender Leistungen in Ulms Farmteam, der Orange Academy, wo er mit 16,8 Punkten pro Partie gar bester deutscher Scorer der ProA war.

Auch dem jungen Neuseeländer Isaac Fotu kann man durchaus eine positive Entwicklung bescheinigen. Denn der 24-Jährige lieferte gerade offensiv eine sehr gute Saison ab, bei überdurchschnittlichen Wurfquoten und sehr guten Entscheidungen. Leider trübten Fotus Leistungen auf der anderen Seite des Feldes das Bild etwas, denn meist war der Neuseeländer seinem Gegenüber körperlich unterlegen, was immer wieder zu einfachen Punkten führte. Erst als er zunehmend die Position des Power Forwards bekleidete, dabei im Laufe der Saison immer häufiger den Dreier für sich entdeckte, konnte er überzeugen. Was vor allem für eine „bessere“ Zukunft spricht, ist die Tatsache, dass Fotu auch in der kommenden Saison bei ratiopharm ulm unter Vertrag steht. Seine Entwicklung ist definitiv noch nicht abgeschlossen.

Die bereits erwähnte Nachverpflichtung Katin Reinhardt kam etwas zu spät in die Mannschaft, um das Team noch in die Playoffs zu retten. Genauso wie bei Fotu besitzen die Ulmer auch in der Akte Reinhardt Planungssicherheit, denn dessen Vertrag wurde verlängert, womit die Ulmer schon einmal für Gefahr vom Perimeter sorgen. Somit besteht schon einmal ein solides Grundgerüst für die kommende Saison aus Günther, Reinhardt, Krämer, Akpinar, Fotu sowie Eigengewächs Till Pape.

Die Neuverpflichtungen

Auch vier Neuverpflichtungen konnte bereits vermeldet werden: Mit dem 22-jährigen A2-Nationalspieler Maximilian Ugrai wechselt ähnlich wie vor einem Jahr (damals Ismet Akpinar) ein junger Deutscher nach Ulm, von dem man sich erhofft, dass er den nächsten Schritt in seiner Karriere geht. Mit Ugrai, der vom Ligakonkurrenten Science City Jena wechselt, kommt ein Power Forward nach Ulm, der sowohl mit dem Gesicht als auch mit dem Rücken zum Korb agieren und dabei auf einen soliden Drei-Punkte-Wurf in seinem Repertoire zurückgreifen kann. Ugrai hat in Ulm einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben.

Dazu gesellt sich mit Dwayne Evans ein sehr physischer und variabler Spieler, der es im Verlauf seiner Karriere bislang geschafft hat, trotz immer höherer Aufgaben sein Spiel auf das nächste Level zu hieven. In der abgelaufenen Saison glänzte Evans, noch in Diensten der MHP RIESEN Ludwigsburg, vor allem durch seine offensive Vielseitigkeit und seine Stärke in der Rebound-Arbeit. Unter John Patrick spielte der etatmäßige Power Forward häufig auf der Position des Small Forwards, wurde aber hin und wieder auch als Center eingesetzt und zeigte dabei sein prall gefülltes offensives Skill-Set. Mit durchschnittlich 12,8 erzielten Punkten sowie 5,9 abgegriffenen Rebounds pro Partie war Evans ein absoluter Leistungsträger in der abgelaufenen Spielzeit, der zudem in der Defensive überzeugen konnte. So sicherten sich die Ulmer mit dem 26-Jährigen etwas mehr Flexibilität auf den großen Positionen für die kommende Saison.

Dass Tim Ohlbrecht nicht nach Ulm zurückkehren wird, steht ebenfalls bereits fest. Der Big Man fiel verletzungsbedingt lange aus und konnte seine Form nach der Rückkehr auf das Parkett nicht mehr wiederfinden, was Ohlbrecht selbst bewusst war: „Ich bekomme nicht viele Minuten, ganz einfach weil ich scheiße spiele“, ließ er im Interview mit der BIG #73 verlauten. Der eigentlich bis 2020 gültige Vertrag kam aufgrund eines nicht bestandenen Medizinchecks nicht zustande.

Neu in Ulm wird der 22-jährige Rookie Gavin Schilling sein, der von der Michigan State University für zwei Jahre nach Ulm wechselt. Der gebürtige Münchener hat seine basketballerische Ausbildung an der Urspringschule genossen und betritt somit kein Neuland. Der 2,06 Meter große Schilling, der auf der Position des Power Fordwards beheimatet ist, bezeichnet sich als „Fan von Thorsten Leibenaths System“ und kann laut Leibenath vor allem im Pick-and-Roll sowie im Rebounding seine Stärken ausspielen.

Ein weiteres Puzzleteil für die kommende Saison stellt der 26-jährige, Europa- und G-League-erfahrene Aufbauspieler Patrick Miller dar, der für eine Saison in Ulm unterschrieben hat. Mit Dwayne Evans verbindet Miller eine Freundschaft, beide stammen aus Illinois. Miller ist ein kräftiger und athletischer Spieler, der es versteht, durch seinen schnellen ersten Schritt Löcher in die gegnerische Verteidigung zu reißen und anschließend am Korb zu finishen. Der 1,85 Meter große Guard besticht auch durch seine Übersicht sowie seine gute Reboundarbeit. Miller legte letzte Saison in den Trikots von Partizan Belgrad (16,4 PpG, 2,9 RpG, 3,7 ApG) sowie des türkischen Clubs Gaziantep Basketbol (16,9 PpG, 3,3 RpG, 4,5 ApG) beinahe identische Statistiken auf. Thorsten Leibenath verspricht sich von der Verpflichtung Millers eine Bereicherung an beiden Enden des Parketts und deutet die „spektakuläre Spielweise“ seines neuen Schützlings an.

Des Weiteren hat sich auch an der Seitenlinie etwas getan. So wird der ehemalige Headcoach der WALTER Tigers Tübingen, Tyron McCoy, den nach nur einer Saison ausscheidenden Assistant Coach Andreas Wagner beerben.

Fazit

Wie sich die kommende Saison entwickeln wird, lässt sich an dieser Stelle zwar noch nicht sagen, aber die Ulmer werden aus ihren Fehlern in der Kaderzusammenstellung gelernt haben. Thorsten Leibenath räumte im Interview mit der Südwest Presse ein, Fehler gemacht zu haben: „Eigentlich ist ein inoffizielles Credo bei uns, dass, wenn wir einen Spieler verpflichten, ratiopharm ulm das Beste sein soll, was er als Profisportler bis dahin erlebt hat.“ Abgesehen von ein paar Ausnahmen sollte jenes Prinzip für das „Gros“ an Spielern gelten. Das bisherige Prinzip gestaltete sich dann vor allem dadurch, risikobehaftete Verträge mit Verletzten oder ehemals verletzten Spielern einzugehen, deren Marktwert aufgrund dessen gesunken ist. Genauso wie, dass man sich in der Vergangenheit häufig bei Mannschaften aus kleineren Ligen bediente. Man erinnere nur an die Namen Raymar Morgan, Edgar Sosa oder Braydon Hobbs, die anschließend für höhere Aufgaben bestimmt waren. Leibenath konstatierte anschließend, dass man davon selbst etwas abgekommen sei, „auch aufgrund des Drucks, die tolle Mannschaft des Vorjahres zu ersetzen.“

Bei allen Erwartungen durch die zuletzt starken Saisons darf eines nicht vergessen werden, wie Geschäftsführer Dr. Thomas Stoll, der sich im Moment auf Rekrutierungsmission im Rahmen der NBA Summer League in Las Vegas befindet, in der BIG #75 betont: „Wir sind ein Ausbildungsverein.“ So haben die bereits verpflichteten Ugrai, Evans und Schilling genau dies gemeinsam. Sämtliche Mitglieder dieses Trios sind jung, entwicklungsfähig und vor allem hungrig, um eines Tages in die Fußstapfen eines Will Clyburns, Daniel Theis, Raymar Morgans oder John Bryants zu treten.

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