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„Wir waren am Limit“

13.01.2016 || 14:56 Uhr von:
Kurzurlaub statt ALLSTAR Day. basketball.de traf einen ausgeruhten Löwen-Coach Raoul Korner zum Interview über sein Team, Standortnachteile und persönliche Ziele.

basketball.de: Hallo Raoul und vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst! Nach einer anstrengenden Serie von Spielen um den Jahreswechsel war die Pause bitter nötig, oder?

Raoul Korner: Ja, auf jeden Fall – allein durch den Tapetenwechsel. Freundschaften zu pflegen und die Familie zu sehen, ist mir sehr wichtig, das geht nicht immer nur über Facebook, E-Mail und Telefon. Die Zeit war zwar kurz, aber ich habe sie trotzdem sehr genossen.

Die letzten Niederlagen gegen Ulm und Hagen waren bitter. Habt ihr trotzdem etwas mitnehmen können aus den Partien?

Wir waren zum Schluss einfach am Limit. Wir müssen nach wie vor auf Josh [Gasser] verzichten, das tut uns vor allem in Sachen Kreativität weh. Die Last für unsere anderen Kreativspieler ist in diesem Rhythmus kaum zu bewältigen, und das ist uns die letzten zwei Spiele auf den Kopf gefallen. Es war zweimal dasselbe Muster: Wir haben das Spiel 25 Minuten lang in der Hand und dann ist es, als würdest du den Stecker ziehen. Wir sind ein Team, das auf allen Zylindern laufen muss, um in solchen Spielen eine Chance zu haben. Ohne Josh und wenn der ein oder andere Spieler noch erkältet oder sonst irgendwie nicht voll fit ist, ist das kaum machbar.

War die Intensität in der Verteidigung mitverantwortlich für die fehlende Kraft?

Klar. Die Defensive ist unsere Lebensversicherung. Wenn wir defensiv nicht konsequent, aggressiv und physisch präsent sind, dann haben wir gegen kaum ein Team eine Chance, weil wir offensiv zu sehr abhängig von einigen Akteuren sind. Unsere harte Verteidigung ist sicherlich ein Grund dafür, dass wir die engen Spiele zum großen Teil gewonnen haben. Sie ist aber auch der Hauptgrund dafür, dass wir gegen sämtliche Topteams lange im Spiel geblieben sind.

Du machst der Mannschaft also keine Vorwürfe?

Nein. Wir haben uns auf allen Vieren über die Ziellinie der Hinrunde gerettet und müssen jetzt rebooten und neue Kräfte sammeln.

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A photo posted by Basketball Löwen Braunschweig (@basketballloewen) on

Aus fünf Spielen in zwei Wochen habt ihr aber Auswärtssiege in Bonn und Göttingen geholt.

Ich glaube, wir dürfen uns grundsätzlich darüber freuen, wie positiv die Hinrunde gelaufen ist. Dass wir nicht all diese Spiele gewinnen würden, war klar. Aber wir haben in der Hinrunde alle Teams, die hinter uns liegen, geschlagen.

„Wir sind genau eine weitere Verletzung von einer Katastrophe entfernt“

Heißt das Saisonziel trotzdem noch Klassenerhalt?

Das Ziel heißt erst mal, die notwendigen zwölf Siege zu holen. Man muss ja realistisch bleiben: Wir sind das einzige Team, das seit acht Runden mit fünf Ausländern spielt und das einzige, das keine Veränderungen im Kader vornehmen kann. Natürlich werden wir versuchen, oben dran zu bleiben und unsere Chance zu wahren, aber das wird verdammt schwer. Für die mittelfristige Entwicklung des Clubs ist es sicher kein Nachteil, dass Spieler wie Lucas Gertz und Martin Bogdanov jetzt deutlich mehr spielen und auch mehr Verantwortung übernehmen müssen. Aber wir sind genau eine weitere Verletzung von einer Katastrophe entfernt, dessen müssen wir uns bewusst sein. Es ist eine ganz schmale Gratwanderung: Wir müssen hart trainieren und ans Limit gehen, um uns weiter zu entwickeln, aber mir ist auch bewusst, dass wir dadurch keine weitere Verletzung riskieren dürfen.

Wenn wir auf den Start in die Rückrunde blicken, steht euch ein schweres Programm bevor: In den ersten fünf Spielen warten Berlin, Ulm, Ludwigsburg, Hagen und der FC Bayern.

Das sind vor allem Teams, die wir trotz der guten Hinrunde bisher nicht schlagen konnten. Das kann zum einen in eine ganz schöne Negativspirale führen, zum anderen ist es aber auch eine Riesenchance, besser zu beginnen als in der Hinrunde. Wir werden aber über uns hinauswachsen müssen, um Erfolg zu haben – vor allem ohne Josh.

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„Ich rechne nicht mit Josh in nächster Zeit“

Wann ist damit zu rechnen, dass Josh zurückkehrt?

Da sich nicht mal die Ärzte trauen, eine Prognose abzugeben, werde ich das auch nicht tun. Ich rechne nicht mit ihm in nächster Zeit. Das ist bitter, er fehlt uns sehr, aber es ist so. Mein Job ist es, mit den mir zur Verfügung gestellten Ressourcen zu arbeiten – und das mache ich. In die Kreativrolle wächst Lucas [Gertz] im Moment ein bisschen rein und macht das als Entlastung für Derek [Needham] und Keaton [Grant] schon beachtlich. Wir müssen jedenfalls aus jedem einzelnen Spieler sein volles Potenzial herauskitzeln.

Was macht Josh so wertvoll fürs Team?

Josh ist deshalb so wichtig, weil er auf mehreren Ebenen hilft. Er ist einer unserer kreativsten Spieler, unser bester Passer auf den Außenpositionen und ein kluger Verteidiger, auch für größere und kleinere Gegenspieler. Außerdem ist er unser bester Freiwerfer, das fällt uns bei der Freiwurfquote gerade auf den Kopf. Noch dazu ist er unser bester Schütze von draußen und kann das Feld weit machen. Da fehlen also schon sehr, sehr viele Bereiche – und gewisse Dinge können wir einfach nicht ersetzen.

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Während Lucas zum Beispiel gegen Tübingen und Göttingen richtig gute Leistungen gezeigt hat, kommt Cornelius Adler bisher überhaupt nicht in Tritt. Woran hapert es bei ihm?

Das ist schwierig, weil es mit der Zeit auch eine Kopfgeschichte wird. Er war natürlich als wichtiger Faktor eingeplant, aber wenn Lucas seinen Job besser macht und der Mannschaft mehr hilft, dann muss ich ihm natürlich mehr Minuten geben. Auf der Vier liefert Sid [-Marlon Theis] im Moment extrem gute Leistungen – und wenn man sich im internen Konkurrenzkampf nicht durchsetzt, steht man eben hinten an. Ich habe Corni aber überhaupt nicht aufgegeben und hoffe, dass ihm noch der Knopf aufgeht und er irgendwann produziert.

„Maurice gehen zu lassen, war die einzig richtige Entscheidung“

Auf den großen Positionen ist die Rotation insgesamt relativ kurz. War es ein Fehler, Maurice Pluskota vor der Saison ziehen zu lassen?

Mo war als Backup-Center für wichtige Minuten eingeplant. Aber Fakt ist: Wenn ein Spieler aus welchem Grund auch immer nicht hier sein will, andere individuelle Pläne hat, als es dem Team guttun würde, dann bringt es nichts, ihn zu halten. Das Team ist immer wichtiger als der Einzelne, immer! Ich hätte Mo zwar vertraglich hier halten können, aber wir brauchen eine gewisse Chemie in der Mannschaft, und da hilft es nie, wenn ein Spieler eigentlich nicht hier sein möchte. Das war alles auch keine Entscheidung von heute auf morgen, sondern reiflich überlegt. Für uns war es so mit Sicherheit die beste Lösung. Was sehr unglücklich begonnen hatte, ist letztendlich korrekt abgelaufen, wir haben eine Ablöse erhalten, haben Sid in seiner Rolle aufgewertet und ihm mehr Minuten gegeben. Unterm Strich war das sportlich für uns letztendlich kein Nachteil.

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Mit Sid seid ihr also zufrieden?

Absolut. Sid ist ein Spieler, der extrem hart an sich arbeitet, seine Stärken und Schwächen ganz genau kennt, sich bedingungslos in den Dienst der Mannschaft stellt und uns mindestens so viel hilft wie Mo letztes Jahr. Abgesehen davon hat er noch einen Vertrag für die nächste Saison.

„Geld muss das einzige Argument für einen Wechsel sein“

Wo wir gerade beim großen Nachwuchs sind: Lars Lagerpusch gilt als großes Talent und zeigt mit 17 Jahren schon in der ProB gute Leistungen. Im Sommer habt ihr ihn direkt mit einem Vier-Jahres-Vertrag ausgestattet …

Es ist eine meiner wichtigsten Aufgaben als Sportdirektor, die Braunschweiger Talente, die wir haben, hier zu halten. Längerfristige Verträge sind immer so eine Sache: Wenn ein Spieler gehen will, dann wird man sich in irgendeiner Form einigen müssen. Aber wenn er einen gültigen Vertrag hat, bekommst du eben Geld dafür. Es liegt aber ohnehin am Verein, dem Spieler eine Perspektive zu geben, dass er gar nicht daran denkt, wegzugehen. Das einzige Argument für einen Spieler, zu wechseln, darf bei einer Organisation wie Braunschweig ausschließlich das Geld sein, weil er alles andere hier hat. Und ich glaube, dass ein Spieler hier nach wie vor extrem gute Möglichkeiten hat, sich zu entwickeln. Er bekommt hier hervorragende individuelle Betreuung und hat die Möglichkeit, in der ProB und irgendwann in der BBL zu spielen. Wenn du es bei uns nicht schaffst, wird es ganz schwer, es irgendwo anders zu schaffen.

Wie lang braucht Lars noch, bis er ein vollwertiger Teil des BBL-Kaders ist?

Das wird letztendlich von ihm abhängen, man muss aber bedenken, dass er noch zwei Jahre zur Schule geht. Diese Doppelbelastung darf man nicht unterschätzen. Außerdem ist seine körperliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen, und darauf müssen wir in der individuellen Trainingssteuerung Rücksicht nehmen. Ich glaube, in dem Moment, wo sich sein Körper stabilisiert hat, wird seine Entwicklung sprunghaft weitergehen, und dann wird es nicht mehr allzu lang dauern.

Du hast gerade die Vorteile eines kleinen Standorts wie Braunschweig angesprochen. Als die Artland Dragons und die TBB Trier vor der Saison aus wirtschaftlichen Gründen die BBL verlassen mussten, gab es immer wieder die Vermutung, Braunschweig könnte es auch bald erwischen. Wie beeinflusst so etwas eure Arbeit?

Mich beeinflusst es am ehesten in meiner Funktion als Sportdirektor. Da perspektivisch zu denken, ist aber nicht einfach, wenn du nicht langfristig planen kannst. Ich bin jetzt im dritten Jahr hier, und wir haben jedes Jahr das Budget reduzieren müssen. Einerseits liegt es mir fern, das ständig zum Thema zu machen. Andererseits sehe ich es auch als meine Aufgabe, in diesem Bereich Aufklärungsarbeit zu leisten. Wer unter den gegebenen Umständen von uns immer noch die Playoffs erwartet, hat die Entwicklungen der letzten Jahre verschlafen. Natürlich wollen wir das trotzdem schaffen, aber dafür müssen wir eben massiv over-performen. Das beginnt beim Rekrutierungsprozess im Sommer, wo ich mir keinen Fehler erlauben kann. Das hat bisher gut geklappt: Wir mussten in allen drei Saisons bisher keinen einzigen Spieler tauschen! Das heißt gleichzeitig, dass wir uns durch die tägliche Arbeit über die Saison sowohl individuell als auch als Team positiv entwickeln müssen. Ich hoffe sehr, dass wir durch diese Arbeit dabei helfen, für mehr finanzielle Mittel zu sorgen.

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„Man fühlt sich ein bisschen wie Sisyphus“

Eine Abschlussfrage zu deiner persönlichen Zukunft: Wenn die Bedingungen immer schwieriger werden, wäre es keine Überraschung, wenn auch ein ambitionierter Trainer irgendwann eine neue Herausforderung sucht. Ist das etwas, worüber du nachdenkst?

Ich würde natürlich lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir über die Zukunft keine Gedanken mache. Aber ich war nie nur kurzfristig bei einem Club, sondern bin immer so lang geblieben, wie ich eine Perspektive gesehen habe. Und so lange ich davon ausgehen kann, dass wir uns hier in die richtige Richtung entwickeln, sehe ich von mir aus überhaupt keine Veranlassung, weiterzuziehen. Ein Top-Team ist natürlich irgendwann ein Ziel, aber ich hab es da nicht übermäßig eilig. Ich will helfen, hier etwas aufzubauen. Dafür wäre es mehr als hilfreich, nach dieser Saison nicht noch einmal bei Null starten zu müssen. Man fühlt sich ein bisschen wie Sisyphus: Man rollt den Stein hinauf und am Ende der Saison fängst du jedes Mal von vorne an. Ich habe da ein sehr offenes Verhältnis mit Stefan Schwope (Geschäftsführer, Anm. d. Red.), und er weiß, dass ich ein ehrgeiziger Typ bin. Wie gesagt: Wenn alles passt, gibt es für mich keinen Grund, den Verein zu verlassen. Dazu ist die Arbeitsatmosphäre hier viel zu positiv, das darf man auch nicht unterschätzen. Ich werde mit meiner persönlichen Entscheidung so lange wie möglich warten und hoffe, dass wir uns finanziell einen Schritt nach vorne entwickeln können. Dann gäbe es für mich erst recht keinen Grund, zu gehen.

In Braunschweig gibt es also Potenzial für mehr?

Ja! Und ich glaube, wenn man das Budget nur ein wenig nach oben entwickeln könnte, würde das Programm sportlich explodieren. Davon bin ich überzeugt. Das würde uns auch ein wenig mehr Kontinuität ermöglichen, was für die Entwicklung des Standorts Braunschweig extrem wichtig wäre.

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