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In Erinnerung an Chris Williams

09.07.2018 || 12:10 Uhr von:
Chris Williams war ein Teil der Frankfurter Meistermannschaft von 2004. Der US-Amerikaner spielte nur zwei Jahre in der BBL, doch war seiner Zeit voraus.

Wenn Ende September die Saison in der Basketball-Bundesliga wieder losgeht, befinden sich im Kader von Science City Jena zwei Spieler des Jahrgangs 1980. Immanuel McElroy und Derrick Allen werden beide mit 38 Jahren ihre Sneaker für das Team von Björn Harmsen schnüren. Auch Chris Williams hätte in diesem Jahr am 9. Juli 38 Kerzen auf seinem Geburtstagskuchen finden können. Doch Chris wurde nur 36 Jahre alt und erlag im März 2017 einem Blutgerinnsel im Herzen. Zwischen 2003 und 2005 verzauberte der US-Amerikaner die Basketball-Bundesliga mit seiner filigranen Spielweise und führte die FRAPORT SKYLINERS 2004 (damals unter dem Namen Opel Skyliners) zu ihrer ersten – und bis dato einzigen – Meisterschaft. An einen Spieler, der seiner Zeit voraus war, erinnert sich Manuel Schust.

Ob den Verantwortlichen der Skyliners an jenem trüben Abend im Oktober 2003 klar gewesen war, wen sie da zum Try-Out eingeladen hatten? Bereits seit einigen Wochen stand der Kern des Kaders fest, und die Saisonvorbereitung war längst in vollem Gange. Ein letzter Kaderplatz war noch zu vergeben, und Trainerstab und Management der Frankfurter hofften wohl, zu einem so späten Zeitpunkt noch einen Steal auf dem Transfermarkt landen zu können. Dass Chris Williams überhaupt in Frankfurt gelandet war, verdankte man einem nicht bestandenen medizinischen Test: Ein japanischer Klub hatte sich kurzfristig gegen das Engagement des US-Amerikaners entschieden. Und so stand Chris plötzlich in der Trainingshalle der Opel Skyliners im Frankfurter Nordwestzentrum und absolvierte ein Try-Out.

In zwei Testspielen gegen RheinEnergie Köln hinterließ der damals 23-Jährige zunächst einen durchwachsenen Eindruck. Nach nur einer einzigen Trainingseinheit mit der Mannschaft ließ Chris im ersten Spiel in gerade mal 25 Minuten Spielzeit mit 16 Punkten und 7 Rebounds seine Klasse aufblitzen. Im zweiten Spiel gegen die Rheinländer waren ihm hingegen nur magere sechs Punkte und vier Rebounds gelungen. Eine Leistung, die Wasser auf den Mühlen derjenigen war, die den knapp zwei Meter großen, agilen Forward für zu schmächtig hielten, um sich in der Basketball-Bundesliga unter den Körben durchsetzen zu können. Während Williams zwar immer wieder seine Schnelligkeit ausspielen konnte, wirkte er gegen die Hünen in Reihen der Kölner wie Geert Hammink, Stipo Papic und Marko Jovanovic stellenweise körperlich schlicht unterlegen.

Physische Robustheit stellte in der damaligen Basketball-Bundesliga besonders in der Defensive für jeden Power Forward ein ganz wichtiges Anforderungsprofil dar. Und so gab es an jenem Oktoberabend viele Zuschauer und Fans der Skyliners, die meinten, dass dieser Chris Williams zwar ein guter Basketballer sei, aber wohl nicht den Spielertyp verkörperte, den die Mannschaft wirklich bräuchte. Dass ausgerechnet dieser schlaksige US-Amerikaner nicht nur das fehlende Puzzleteil, sondern die tragende Säule für den Gewinn der Meisterschaft darstellen würde, hätten sich viele damals nicht annähernd vorstellen können.

Tweener als Kritikpunkt

Chris Williams kannte sicher beides: Lob und Anerkennung für sein geschmeidiges Spiel und seine beeindruckende College-Karriere, aber eben auch die Zweifel daran, welche Position er denn jetzt genau spiele. In den frühen Nuller Jahren etablierte sich im Basketball ein passendes Wort für Spieler, die sich jenseits der klaren Rollenzuteilung bewegten: Tweener! Wo der Begriff heute für Vielseitigkeit steht und im modernen, positionslosen Basketball durch und durch positiv besetzt ist, wurde der „Tweener“ (abgeleitet vom engl. „between“ – dazwischen) in den 2000er Jahren überwiegend kritisch gesehen. Es handelte sich in den Augen vieler Trainer und Experten um Spieler, die weder Fisch noch Fleisch und (auf den ersten Blick) keiner Position richtig zuzuordnen waren. Ein Tweener könne zwar alles ein bisschen, aber eben nichts so richtig überzeugend gut, lautete die vorherrschende Meinung.

In vielen Köpfen geisterten wohl Überlegungen, dass das an der Uni gegen schmächtigere Amateursportler noch geklappt haben mochte. Aber gegen durchtrainierte Profis traute man Chris Williams kaum zu, auf der Position des Power Forwards agieren zu können. An der renommierten University of Virginia hatte Williams ohne große Anlaufschwierigkeiten auf Anhieb zu überzeugen gewusst. In der für ihre Spielstärke bekannte ACC-Conference legte er direkt als Freshman durchschnittlich 16,8 Punkte und 7,8 Rebounds auf und heimste neben der prestigeträchtigen Ehrung zum „ACC Freshman of the Year“ auch eine Berufung für die Juniorennationalmannschaft der USA ein. Bei der U19-Weltmeisterschaft in Portugal 1999 musste sich die amerikanische Auswahlmannschaft im Finale der spanischen Mannschaft um Pau Gasol, Juan Carlos Navarro und Raúl Lopez geschlagen geben.

Während seiner Unizeit bei den Virginia Cavaliers zeichnete Chris vor allem seine Vielseitigkeit aus. Für Coach Pete Gillen muss er wohl so etwas wie ein Schweizer Taschenmesser gewesen sein, das sich für jede erdenkliche Situation als nützlich erweisen sollte. Gillen setzte Williams auf beiden Forward-Positionen ein und ließ ihn je nach Spielsituation und Gegner mal näher am Korb, mal vom High-Post aus agieren. Am Ende seiner dreijährigen College-Zeit sollte Chris in der langjährigen Geschichte seiner Alma Mater einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: Noch heute ist er als einziger Spieler in den Top-Ten der Kategorien Punkte, Rebounds, Blocks und Steals vertreten.

Perfiderweise sollte es diese Vielseitigkeit verbunden mit dem effektiven, aber unscheinbaren Spiel und dem bescheidenen Auftreten sein, die Chris nie so recht auf den Radar der NBA-Scouts bringen sollte. Seinem Spiel fehlte wohl eine herausragende Qualität, die den Verantwortlichen die Gewissheit vermittelt hätte, dass er mit seinen Allroundfähigkeiten auch in der NBA bestehen könnte. Obendrein war Chris mit zwei Metern Körpergröße nicht groß genug, um seine angestammte Power-Forward-Position auch in der NBA ausfüllen zu können. Um hingegen dauerhaft als Small Forward auflaufen zu können, hätte Chris einen stabileren Wurf vorweisen müssen.

Die verantwortlichen Personen in der NBA hatten die Spielstärke von Chris sicher registriert, ihnen fehlte aber wohl der Glaube daran, dass seine Anlagen kompatibel mit dem Spiel in der NBA seien. Man hatte ihn als Tweener, einen Spieler ohne feste Position, abgestempelt, und daher konnte sich keines der 30 Teams dazu entschließen, Chris Williams zu draften. Stattdessen wurden am Draft-Abend von den NBA-Clubs einige individuell wesentlich schlechtere Spieler ausgewählt, die aber gewisse athletische oder spielerische Anlagen wie eine atemberaubende Spannweite oder einen herausragend guten Distanzwurf mitbrachten. Am skurrilsten ist rückblickend sicher die Tatsache, dass die Seattle SuperSonics in jenem Jahr mit dem 48. Pick den jungen deutschen Regionalligaspieler Peter Fehse auswählten. Abgesehen von einer flüchtigen optischen Ähnlichkeit mit Dirk Nowitzki qualifizierte Fehse nur wenig dafür, als NBA-Kandidat zu gelten. Offenbar reichten den Scouts die nackten Zahlen, die Fehse als 2,11 Meter großen, wurfstarken Spieler auswiesen, um in ihm genug schlummerndes Potenzial zu vermuten und ihn anschließend zu draften.

„Die Tatsache, dass Chris nicht gedraftet wurde, schockt mich noch heute“

Adam Hall, ein früherer College-Teamkollege von Williams, zeigte sich auch Jahre später noch immer verständnislos darüber, dass Chris von keinem NBA-Team ausgewählt wurde. In einem Interview mit Miles Schmidt-Scheuber verriet er: „Chris war einer der Topspieler in der damaligen ACC, in der zukünftige NBA-Spieler wie Elton Brand, Steve Francis und Shane Battier spielten. Die Tatsache, dass Chris nicht gedraftet wurde, schockt mich noch heute, wenn ich darüber nur nachdenke.“

Williams und sein damaliger Agent schätzten Williams‘ Situation damals realistisch genug ein, um zu registrieren, dass es sinnlos war, aussichtslos dem NBA-Traum hinterherzurennen. Sein erstes Überseeengagement sollte ihn 2002 nach Australien zu den Sydney Kings führen. Dort dominierte er die Liga nach Belieben, erzielte mit durchschnittlich 23,6 Punkten, 12,1 Rebounds und 4,3 Assists atemberaubende Statistiken und gewann auf Anhieb mit der Mannschaft die australische Meisterschaft. Er wurde zudem zum wertvollsten Spieler der Liga und der Finalserie gewählt. Noch heute gilt Williams in Down Under als einer der besten Ausländer, die je in Australien das orangene Leder in die Hand genommen haben.

Doch die australische Liga besitzt nicht die beste Reputation im internationalen Basketball. Die Statistiken lesen sich auch deshalb so außergewöhnlich gut, weil die Viertellänge in der australischen NBL zwölf Minuten betrug und somit acht Minuten mehr pro Spiel absolviert werden als in den meisten anderen Ligen. Zudem hatte das hohe Tempo, das traditionell in Australien gespielt wird, sehr gut zu Williams‘ Spielstil gepasst. Wie würde er in einer sehr viel physischeren Liga wie der Basketball-Bundesliga und dem systemorientierten, europäischen Basketball generell zurechtkommen?

Ob Frankfurts Head Coach Gordon Herbert bereits an jenem Oktoberabend im Jahr 2003 das Patentrezept dafür entwickelt hatte, wie er Williams‘ körperliche Schwächen kaschieren könnte, ist nicht bekannt. Doch die Skyliners ließen sich von Williams‘ zweitem, schwächeren Auftritt im Testspiel nicht beunruhigen und verpflichteten ihn gleich für zwei Jahre. Mario Kasun erinnert sich im Interview mit Miles Schmidt-Scheuber an die ersten Wochen von Chris Williams in Frankfurt und die Skepsis, die auch er dem jungen Amerikaner entgegenbrachte:

„Wir hatten schon bevor [Chris] nach Frankfurt kam, zusammen für Orlando in der NBA Summer League gespielt. Ich kannte daher seine Spielweise und wusste, dass er großartig zu uns passen würde. Das einzige, was mir am Anfang etwas Sorgen machte, war, dass unser Coach ihn auf der Position Vier spielen lassen wollte, obwohl ich ihn eher auf der Drei sah. Zuerst dachte ich, dass wir ein Problem haben könnten, aber es lief alles gut. Coach Herbert wusste, wie er Chris einsetzen musste, und es war wirklich großartig, mit ihm zu zusammenzuspielen.“

Die Matinen-Williams-Symbiose

Vielleicht reichte Coach Herbert der Blick auf einen seiner Bankspieler, um erkennen zu können, wie er Williams in seiner Rotation gewinnbringend einbauen könnte. Jukka Matinen war in so ziemlich allem das glatte Gegenteil von Chris Williams. Zwar trennten beide nur wenige Zentimeter Körpergröße voneinander, doch wo Williams wie ein agiler, leichtfüßiger Tänzer wirkte, war Matinen stets der Mann fürs Grobe. Von seiner physischen Veranlagung her glich der Finne eigentlich mehr einem zu groß gewachsenen Eishockeyspieler. Jukka ging kompromisslos dort hin, wo es weh tat, und wirkte in seinen Bewegungen recht langsam und behäbig. Offensiv zeichnete sein Spiel vor allem der Distanzwurf aus. Er sollte in der Meistersaison 2003/04 fast doppelt so viele Dreier wie andere Würfe nehmen. Mit der Mischung aus starkem Distanzwurf und körperlicher Robustheit sollte Matinen zum Prototyp des Herbert’schen Forwards werden. In all seinen späteren Frankfurter Mannschaften sollte ein Matinen 2.0 zu finden sein: Shawn Huff, Aaron Doornekamp und Jacob Burtschi verkörperten zuletzt diesen Spielertyp in Frankfurt.

Auf dem Parkett sollten sich Matinen und Williams ideal ergänzen: Waren die Skyliners im Ballbesitz, spielte Williams seine Schnelligkeit auf der Position Vier aus und vernaschte seine Gegenspieler mit seinem gefürchteten Killer-Crossover. Matinen rückte dann auf die Position Drei und lauerte an der Dreipunktelinie auf offene Würfe. In der Verteidigung übernahm anschließend der Finne den kräftigeren und größeren der beiden gegnerischen Forwards und half Williams so, Kraft in der Verteidigung zu sparen. Die Matinen-Williams-Symbiose sollte einen entscheidenden Beitrag zur späteren Meisterschaft darstellen. Das Duo kann als Paradebeispiel dafür gesehen werden, dass die Leistung einzelner Spieler oft entscheidend davon abhängt, in welcher Konstellation sie mit ihren Mitspielern zusammen auf dem Parkett agieren und wie sie eingesetzt werden.

Wenn Jukka Matinen das spielerische Gegenstück zu Williams darstellen sollte, dann war Tyrone Ellis ganz sicher sein menschliches Pendant. Abseits des Parketts war Chris ein zurückhaltender und bescheidener Typ. Von seinem Naturell her konnte er eine Führungsrolle nicht verbal übernehmen, sondern nur sein Spiel für sich sprechen lassen und seine Mitspieler durch sein gutes Auge einbinden. Mit Tyrone Ellis würde er in Frankfurt einen „Vocal Leader“, also jemanden, der auch verbal einen Anführer verkörperte, neben sich haben.

Die Skyliners sollten die reguläre Saison 2003/04 mit 19 Siegen und nur 9 Niederlagen auf dem dritten Platz beenden. In dem breit aufgestellten Kader wirkte Williams in seiner ersten Saison noch wie ein Schattenmann. Oft unbemerkt und unauffällig produzierte er in 16 Spielen Double-Doubles und half der Mannschaft dort, wo seine Unterstützung am nötigsten gebraucht wurde. Wenn offensiv gar nichts mehr ging, wanderte der Ball häufig zu Williams, der dank seiner Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten sich die meist behäbigeren Gegenspieler zurechtlegte und dann mit einer geschickten Körpertäuschung seinen gefürchteten Crossover-Move auspackte.

Crossover als Signature-Move

Wer einmal miterlebt hatte, mit welch schlafwandlerischer Sicherheit Chris Williams regelmäßig durch die Verteidigung der gegnerischen Mannschaften glitt, konnte nur fasziniert über soviel Eleganz staunen. Da Chris kein sonderlich guter Schütze aus der Distanz war, ließen ihm die Gegenspieler meistens etwas Platz – und bemerkten dabei gar nicht, dass sie sich dadurch nur noch schneller ins Verderben stürzten. Denn durch den gewonnenen Abstand hatte Williams bloß den Raum gewonnen, den er brauchte, um sich den Gegenspieler zurechtzulegen und seinen gefürchteten Crossover anzubringen. Mit einem leichten Zucken der Schultern und dem Antäuschen eines Zugs zum Korb verleitete er früher oder später jeden Verteidiger dazu, sich in eine Richtung zu bewegen oder die Balance zu verlieren. Und das war dann der Anfang vom Ende: Denn im Bruchteil einer Sekunde hatte Chris die Richtung gewechselt, war an seinem Gegenspieler vorbeigezogen und punktete blitzschnell in Brettnähe.

Bernd Kruel, der bei den Skyliners häufig der Trainingspartner von Chris war, musste diesen Crossover täglich mehrfach über sich ergehen lassen und träumte sicher noch lange von diesen zuckenden Schultern, die ihn immer wieder aufs Neue täuschten. Auch Mario Kasun kannte das Gefühl, wenn Chris Williams an einem vorbeizog: „Sein Crossover sah nicht wirklich spektakulär aus oder war, wie die Kids heutzutage sagen, ein ‚Anklebreaker'“, schilderte Kasun im zuvor zitierten Interview. „Aber Chris ging mit einer solchen Leichtigkeit an einem vorbei, dass man fast gar nicht merkte, wie er an einem vorbeihuschte.“

Die US-Amerikaner haben für eine in ihrer Durchführung einzigartige und unverkennbare Bewegung den schönen Begriff „Signature-Move“ geprägt. Und tatsächlich war dieser Crossover von Chris etwas, das in der Form mit den zuckenden Schultern wohl noch nie zuvor und nie wieder nachher bei einem Spieler beobachtet werden konnte. Für das deutsche Basketball-Magazin FIVE war es daher naheliegend, ihm den Spitznamen „Chris-Cross“ zu geben. Doch dadurch wurde eine von vielen Facetten in seinem Spiel zu sehr in den Vordergrund gerückt. Auch wenn Sam Bowie bereits in den achtziger Jahren unter dem Spitznamen „Big Smooth“ weltweite Bekanntheit erlangt hatte, passte der auf die Eleganz und Geschmeidigkeit abzielende Name, den man Chris Williams zu College-Zeiten verliehen hatte, viel besser zu ihm. Denn ihn zeichnete so viel mehr aus, als nur dieser effektive Crossover-Move!

Neben seinem hohen Spielverständnis, das es ihm auch mit vergleichsweise geringerer Körpergröße und -masse erlaubte, durch gutes Stellungsspiel den ganz großen Jungs etliche Rebounds wegzuschnappen, verfügte Chris über außergewöhnliche koordinative Fähigkeiten. Um erfolgreich Basketball spielen zu können, muss man verschiedene Bewegungsabläufe beherrschen. Schnelligkeit, Antizipation, Sprungkraft, Beinarbeit, Fingerfertigkeit und Dribbelstärke sind nur einige der grundlegenden Einzelfertigkeiten, über die ein gestandener Basketballprofi in der Regel verfügen muss. Je flüssiger jedoch die einzelnen Elemente ineinander übergehen, desto stabiler wird ein Spieler in seinen Bewegungsabläufen werden. Chris war einer jener Ausnahmeathleten, denen die Bewegungsabfolgen derart ins Blut übergegangen waren, dass er sich auch in größerer Bedrängnis auf die einstudierten, intuitiv gewordenen Prozesse verlassen oder wenn nötig das Handlungsprogramm situationsbezogen abändern konnte. Hiervon profitierte er bei seinem gefürchteten Crossover, aber eben auch in etlichen anderen Spielsituationen.

„Der beste Amerikaner in der Basketball-Bundesliga“

In 15 harten Spielen gelang es den Skyliners 2004, den ersten – und bis dato einzigen – deutschen Meistertitel zu gewinnen. Jede Serie in Viertel-, Halb- und schließlich Finale ging über die volle Distanz, und der 23-jährige Williams sollte mit durchschnittlich 15,2 Punkten und 8,9 Rebounds maßgeblich am Gewinn der Meisterschaft beteiligt sein. Der Kommentator Michael Körner nannte ihn damals in den DSF-Übertragungen der Spiele „den besten Amerikaner in der Basketball-Bundesliga“.

Im entscheidenden fünften Spiel um die deutsche Meisterschaft sollte Chris in zwei Schlüsselszenen das Momentum auf die Seite der Skyliners bringen. In der Anfangsphase des Spiels bekam er nach Pass von Pascal Roller den Ball auf Höhe der Dreipunktelinie und ließ mit seinem typischen Crossover Bambergs Jason Sasser richtig alt aussehen. Auch Jahre später noch erinnert sich Gordon Herbert an diesen Schlüsselmoment im entscheidenden Finalspiel: „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wo Chris auf dem Feld stand, als er diesen großartigen Crossover im Finale zeigte und den Ball anschließend dunkte.“

In einer turbulenten Anfangsphase des Spiels sollte der einhändige Dunk für Mitspieler und Fans einer Initialzündung gleichen. Plötzlich erschien jedem Frankfurter in der Halle klar zu sein, dass an diesem 13. Juni 2004 Geschichte geschrieben werden sollte und die Skyliners nur noch Minuten vom Gewinn der Meisterschaft entfernt waren. Ausgehend von dem krachenden Dunk würden sich die Frankfurter eine komfortable Führung herausspielen, die die Grundlage des späteren 84:78-Siegs darstellen sollte.

Auch als Vorbereiter glänzte Williams im letzten Finalspiel: Anfang des dritten Viertels sicherte er sich den Rebound nach einem verworfenen Freiwurf und setzte Mario Kasun mit einem No-Look-Pass so gut in Szene, dass der junge Kroate trotz Foul mit einem krachenden Dunk vollendete.

Kasun, der seine Karriere nach weiteren Stationen in Orlando, Barcelona, Istanbul und Zagreb 2014 beendete, erinnert sich gerne an die gemeinsame Frankfurter Zeit zurück: „Ich liebte es, wie Chris für mich Räume schaffen konnte. Wenn ich gedoppelt wurde, konnte ich zu ihm passen, und er würde seine Würfe treffen. Wir haben oft zusammen Pick-and-Roll gespielt, bei dem ich einen Block gestellt habe und Chris mich anschließend wieder anspielen oder mir einen Alley-Oop servieren würde.“

Nachdem die Schlusssirene ertönt war und Frankfurts Malick Badiane den Ball unter dem tosenden Jubel der Fans bis weit unter die Hallendecke gefeuert hatte, lagen sich die US-Boys Chris Williams und Tyrone Ellis jubelnd in den Armen. „Als ich damals nach Deutschland kam, erzählte mir jeder davon, wie gut ALBA BERLIN sei“, betont Tyrone Ellis im Interview mit Miles Schmidt-Scheuber rückblickend. „Sie hätten sieben Meisterschaften in Folge gewonnen und BlahBlahBlah. Chris und ich setzten uns das Ziel, die Meisterschaft nach Frankfurt zu holen. Als die Schlusssirene im letzten Spiel ertönte und wir tatsächlich die Meisterschaft gewonnen hatten, umarmten Chris und ich uns und wir waren so stolz aufeinander. Wir waren stolz darauf, die Amerikaner zu sein, die Frankfurt die erste Meisterschaft gebracht hatten.“

Bei der Fanwahl zum MVP machte 2004 noch sein Teamkollege Pascal Roller das Rennen, Williams sollte erst im Folgejahr die Ehrung in der Hauptrunde zuteil werden.

Topscorer im Bermuda-Dreieck

In seinem ersten Jahr in Frankfurt gab es genügend Punktesammler in der Mannschaft, und Williams musste nicht als primäre Scoring-Option agieren. Durch den Abgang von Mario Kasun und Robert Garrett verlor Frankfurt aber auf einen Schlag circa 24 Punkte pro Spiel. Da die Mannschaft qualitativ den Abgang der beiden Spieler kaum auffangen konnte, übernahm Williams in seinem zweiten Jahr in Frankfurt die Rolle des Topscorers und schraubte seinen Punktedurchschnitt schnell nach oben.

Unter Murat Didin spielten die Skyliners deutlich schneller als noch unter Coach Herbert. Bald schon war die Rede vom Bermuda-Dreieck, wie das Trio Williams-Ellis-Roller genannt und ligaweit gefürchtet wurde. Als Ellis kurz vor Weihnachten unglücklich umknickte und sich den Mittelfuß brach, musste Chris Williams die Mannschaft zusammen mit Nationalspieler Pascal Roller tragen. In der Euroleague schrammte er mit 30 Punkten, elf Rebounds und unfassbaren neun Steals ganz knapp am Triple-Double vorbei. Mit neun Ballgewinnen stellte er einen neuen Euroleague-Rekord auf und wurde anschließend zum Spieler des Spieltags gekrönt. Mit durchschnittlich 2,8 Steals pro Spiel sollte Williams die Euroleague in der Saison 2004/05 anführen.

Die Basketball-Bundesliga dominierte er in diesem Jahr ebenfalls wie kein Zweiter. Angesichts seiner durchschnittlich 19,2 Punkte, 9,8 Rebounds und 3,9 Assists gab es kaum Zweifel daran, wer zum wertvollsten Spieler des Jahres gewählt werden würde.

Was besonders auffiel an Chris war dieses Lächeln, mit dem er seiner Tätigkeit nachging. Wenn er einem Gegenspieler mal wieder den Ball stibitzt hatte und den folgenden Fastbreak mit einem krachenden Dunk abschloss, dann tat er das stets begleitet von diesem Lächeln, das den kleinen Jungen in ihm zum Vorschein brachte. Gepaart mit der Eleganz, die sein Spiel ohnehin auszeichnete, ließ das Lächeln alles so leicht aussehen. Man hatte bei Chris nicht nur das Gefühl, dass er beim Spielen großen Spaß hatte, sondern auch, dass er das alles mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit tat.

Diese Lockerheit war es wohl auch, die ihm dabei half, in entscheidenden Phasen des Spiels einen kühlen Kopf zu bewahren. In den Playoffs 2005 schaffte es Frankfurt, im Halbfinale den Hauptrundenersten ALBA BERLIN auszuschalten. In einem denkwürdigen dritten Spiel in Berlin gelang Williams ein selten gesehenes Schurkenstück: Bei etwa 30 Sekunden Restspielzeit und Frankfurter Ballbesitz führte Alba vor heimischer Kulisse mit einem Punkt. Die von Henrik Rödl trainierten Berliner verließen sich auf die Verteidigung und verfolgten den Plan, beim letzten Frankfurter Angriff nicht zu foulen. Es ist in so einer Situation eigentlich üblich, dass die angreifende Mannschaft versucht, so viel Zeit wie möglich von der Uhr zu nehmen. Durch einen späten eigenen Abschluss erhöht man die Chance darauf, dass die gegnerische Mannschaft nach Abschluss des eigenen Angriffs nicht mehr genug Zeit hat, um einen gut durchdachten Gegenangriff starten zu können. Hierdurch entsteht oft die kuriose Situation, dass sich verteidigende und angreifende Mannschaft stoisch gegenüberstehen und 10 bis 15 Sekunden verstreichen lassen, bis das Spiel in nonverbalem, gegenseitigen Einvernehmen wieder aufgenommen wird. Die verteidigenden Spieler begeben sich dann auf ihre Positionen, schnaufen nochmal durch und warten auf die letzte Attacke der angreifenden Mannschaft.

Die Skyliners hatten Chris Williams den Ball überlassen, und eigentlich warteten alle darauf, dass Chris den Ball noch einige Male aufdotzen und Zeit von der Uhr nehmen würde, bevor der letzte Angriff ausgespielt werden würde. Bei noch deutlich verbleibender Spielzeit erkannte Chris jedoch, dass die Berliner Verteidigung sich noch nicht richtig sortiert und aufgestellt hatte und entschied sich dazu, einen Überraschungsangriff zu starten. Sein cleverer Plan ging voll auf: Die Berliner Verteidiger hatten tatsächlich überhaupt nicht damit gerechnet, dass Chris schon zum Korb ziehen würde und konnten ihm nur noch verdutzt beim Punkten zuschauen. Frankfurt gewann durch dieses kuriose Ende mit 77:76 in Berlin und zog durch einen anschließenden Heimsieg im vierten Spiel erneut ins Finale um die deutsche Meisterschaft ein.

Dort unterlagen die Frankfurter jedoch Bamberg in einem packenden fünften Spiel. Jedem Fan und Beobachter war klar, dass Chris Williams nach solch einer starken Saison nicht zu halten sein würde. Auf der Saisonabschlussparty gab sich Chris ganz bescheiden und mimte wohl auch aus Höflichkeit den Unwissenden. Fragen nach einer Rückkehr nach Frankfurt versuchte er ausweichend zu beantworten.

Wechsel nach Asien

Seine Karriere setzte Chris anschließend in Südkorea fort, wo er ein vier- bis fünfmal so hohes Gehalt einstreichen konnte. In seinem ersten Jahr in Asien erreichte er mit seiner Mannschaft Mobis Phoebus zwar das Finale, musste sich dort aber den Seoul Samsung Thunder sang- und klanglos mit 0-4 geschlagen geben. Chris erkannte schnell, dass die Mannschaft ohne signifikante Verstärkung unter den Körben keine Chance hatte, die Meisterschaft zu gewinnen. Daher überredete er das Management, seinen alten Freund Chris Burgess zu verpflichten. Williams und Burgess hatten sich im Rahmen des NBA Drafts 2002 kennen- und schätzen gelernt.

Das Duo Burgess-Williams führte Mobis Phoebus tatsächlich zur ersten nationalen Meisterschaft seit zehn Jahren. Gerne erinnert sich der 2,08 Meter große Burgess an das Jahr zurück, in dem Williams und er die koreanische Liga dominierten: „Chris war einer der aufrichtigsten und entspanntesten Teamkollegen, mit denen ich je zusammengespielt habe. Er machte wirklich jeden seiner Mitspieler besser. In der Offensive war er damals der Kreativspieler und ich derjenige, der den Abschluss suchte. Ich wusste immer, dass ich mich nur gut positionieren musste und einer seiner guten Pässe mich finden würde. Wenn es nötig war, konnte er aber auch ein Spiel übernehmen und selbst punkten. Im Gegensatz zu mir ließ Chris sich nie von Fans, Gegnern, Fehlern oder Müdigkeit aus dem Rhythmus bringen. Er strahlte immer diese Ruhe aus, die ansteckend auf mich wirkte. Wenn ein Spiel in die entscheidende Phase ging, musste ich eigentlich nur zu ihm herüberschauen und seine Gelassenheit auf mich wirken lassen. Dann war mir klar, dass Chris übernehmen und wir gewinnen würden.“

Nach einer Saison in der Türkei, in der er an der Seite von Khalid El-Amin und Michael Wright mit Türk Telekom den türkischen Pokal gewann, kehrte Williams erneut nach Asien zurück. In der chinesischen CBA ging er für Qingdao DoubleStar auf Korbjagd und bewies auch dort seine Vielseitigkeit. Mit 15 Punkten, 11 Rebounds, 11 Assists und 11 Steals erzielte er in einem Spiel ein seltenes Quadruple-Double und sorgte damit für weltweite Schlagzeilen. In der 73-jährigen Geschichte der NBA haben lediglich vier Spieler dieses statistische Kunststück vollbracht. Zuletzt schafften diesen Meilenstein die beiden Hall-of-Famer Hakeem Olajuwon und David Robinson in den frühen 90er Jahren.

Nach einer weiteren Station in Südkorea und einem letzten Engagement im Iran musste Williams aufgrund eines Blutgerinnsels in der Lunge seine Karriere 2013 beenden. Seine Zeit als Weltenbummler war vorbei und er kehrte in seine Heimatstadt Birmingham im Bundesstaat Alabama zurück, um nun im Immobilengeschäft zu arbeiten. Bei einem Autounfall im November 2016 erlitt Williams eine Beinverletzung, die ihn zu einer langen Rehaphase zwang.

In der Folge traten Komplikationen auf und Chris starb am 15. März 2017 überraschend an einem Blutgerinnsel im Herzen. Anlässlich des Todes seines Freundes erzählte Tyrone Ellis in einem Interview, dass es Chris besonders ausgezeichnet hat, sich nie über etwas beschwert zu haben: „Viele amerikanische Spieler, denen ich in meiner Karriere begegnet bin, neigen dazu, sich über alles mögliche zu beschweren. Sie regen sich über das Training, das Essen, die fremde Sprache und vieles andere auf. Chris hat sich nie über etwas beschwert! Wir haben uns gegenseitig immer wieder versichert, wie glücklich wir uns schätzen können, mit Basketball unseren Lebensunterhalt verdienen zu können.“

Die Fans, die Chris Williams spielen sehen konnten, dürfen sich glücklich schätzen, einen so außergewöhnlichen Basketballer in Deutschland erlebt zu haben. Chris war seiner Zeit weit voraus und man kann nur spekulieren, wo ihn sein Weg in einer Zeit hingeführt hätte, in der man Tweener zu schätzen weiß.

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