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„Die grundsätzliche Idee steht für mich nicht in Frage“

05.05.2018 || 14:01 Uhr von:
Nach dem Abstieg der Rockets spricht Nachwuchskoordinator Florian Gut über Erkenntnisse aus der vergangenen Saison und erklärt, warum es sich lohnt, für die Perspektive des Vereins zu kämpfen.

Florian Gut ist seit etwa zwei Jahren bei den Rockets als Nachwuchskoordinator angestellt. Erste Erfahrungen in diesem Bereich sammelte er in Bamberg, wo er sechs Jahre lang tätig war. Anschließend wechselte er zur BBL-Ligazentrale und bearbeitete dort schwerpunktmäßig die Themenfelder Nachwuchs und Trainerausbildung. Mit den Rockets hat er im letzten Jahr den erstmaligen Aufstieg in die 1. Bundesliga gefeiert. Nach einer Niederlage am letzten Spieltag rutschte der Club nun aber noch auf den 17. Tabellenplatz ab und muss die BBL somit nach einem Jahr wieder verlassen. Im Interview blickt Florian Gut auf die Saison zurück und erklärt, warum es sich lohnt, für die Perspektive des Vereins zu kämpfen. 

„Die grundsätzliche Idee steht für mich nicht in Frage“

Herr Gut, der Verein hat in seiner ersten BBL-Saison einen mutigen Weg gewählt und vor allem auf junge deutsche Spieler gesetzt. Wie blicken Sie heute auf diese Entscheidung und den zurückliegenden Weg zurück?

Auch wenn das Jahr sehr schwer für uns war und wir einige Rückschläge einstecken mussten, ist für mich und auch für die anderen Verantwortlichen über das Jahr hinweg die Überzeugung noch weiter gewachsen, dass wir einen sinnvollen Weg gewählt haben. Nach dem Spiel gegen Jena waren die Spieler schon sehr frustriert, vor allem die jungen deutschen Spieler. Für die ist natürlich erstmal ein Traum zerplatzt. Auch in den Einzelgesprächen am nächsten Tag haben die Spieler sehr emotional auf die letzten Monate zurückgeschaut und mit uns unter anderem darüber gesprochen, wie sehr sie über das Jahr eine gewisse Scheu abgelegt haben. Trotz des traurigen Verfehlens des Klassenerhalts sehe ich in diesen Reaktionen doch eine Form von Bestätigung für unser Konzept und gerade deshalb sollten wir diese Idee jetzt umso stärker weiterverfolgen.

Neben Pech gab es in diesem Jahr natürlich auch Dinge, die wir zurückblickend anders machen wollen würden. Daraus müssen wir lernen, um besser zu werden. Aber die grundsätzliche Idee, die steht für mich überhaupt nicht in Frage. Und ich bin mir sicher, dass sich die Weiterverfolgung dieser Idee lohnt – sowohl für den Standort im Sinne einer sportlichen Identität, als auch für den deutschen Basketball insgesamt.

Der Trainerstab hat also mit den Spielern schon Einzelgespräche geführt. Was für ein Feedback habt ihr von diesen erhalten?

Bereits direkt nach dem Spiel und dann auch abends bei einem spontanen gemeinsamen Abendessen der Mannschaft wurde es sehr, sehr emotional. Nachdem wir als Trainerstab dann mit den Spielern am Tag darauf nochmal einzeln gesprochen haben, hatten die meisten Spieler, aber auch wir als Verantwortliche, öfter Tränen in den Augen. Weil viele Spieler in den letzten Tagen umso mehr realisiert haben, was für eine Entwicklung sie über das ganze Jahr hinweg gemacht haben. Darüber waren wir beiderseitig sehr gerührt. Ich hoffe, dass die Jungs daraus nochmal viel Motivation mitnehmen, selbstbewusst weiterzumachen und an sich zu glauben. Und dass sie sich von diesem Schlag eben nicht demotivieren lassen, sondern erst recht neuen Antrieb für das nächste Jahr herausziehen.

Andreas Obst, Oettinger Rockets Erfurt

Eingangs haben Sie gesagt, dass ihr manche Sachen im Nachhinein womöglich anders machen würdet. Können Sie darauf noch genauer eingehen?

Ich denke, wenn man als Club zum ersten Mal in die Bundesliga aufsteigt, dann realisiert man sehr schnell, dass das ein komplett anderes Niveau ist als das in der zweiten Liga. Damit gehen jede Menge Herausforderungen einher: höhere Auflagen, aber vor allem eine deutlich stärkere Konkurrenz. Dementsprechend werden alle eigenen Fehler, aber auch alle Rückstände, die man als Club hat, einfach härter bestraft. Das haben wir zum einen in den organisatorischen Bereichen gemerkt, wo wir einfach noch nicht auf dem gleichen Level waren wie andere Clubs, die schon Erfahrung in der ersten Liga haben. Viele organisatorische Abläufe – auch rund um die Mannschaft – müssen sich nach so einem Aufstieg eben erst noch einspielen.

Zum anderen haben wir jetzt zum ersten Mal den Versuch unternommen, einen BBL-Kader nach diesem Konzept zusammenzustellen, wie die Rockets eben aussehen sollten. Ich glaube schon, dass wir durch diese Erfahrungen noch genauer festgestellt haben, wie man gerade die Ausländerpositionen besetzen muss, damit das Ganze dann auch in der ersten Liga bestmöglich wettkampffähig ist. Natürlich hatten wir in diesem Bereich teilweise auch unverschuldet, aufgrund der vielen Verletzungsfälle und finanzieller Engpässe, mit großen Problemen zu kämpfen.

Der Ausstieg des Hauptsponsors

Neben den Verletzungen hattet ihr unter der Saison noch mit einer weiteren Problematik zu kämpfen: Der den Rockets seit Ewigkeiten verbundene Hauptsponsor Oettinger beendete sein Engagement während des laufenden Spielbetriebs. Wie hat sich das auf euch und eure Arbeit ausgewirkt?

Natürlich ist das eine krasse Hiobsbotschaft für alle Beteiligten gewesen. Dieses Thema gab es zwar, aber es war nicht präsent. Alle Beteiligten haben gewiss darauf gehofft, dass diese Geschichte einen positiven Ausgang nimmt aus Sicht des Basketballclubs. Klar ist, dass man durch den Ausstieg des Hauptsponsors in der Saison vor finanzielle Probleme gestellt war, die man dann nur dank der sehr großzügigen Unterstützung der Hauptgesellschafterin, Frau Kollmar, bewältigen konnte.

Der Club war über viele Jahre finanziell sehr, stark aufgestellt und konnte vor allem in den Zweitligajahren wirtschaftlich auf einem sehr hohen, überdurchschnittlichen Level arbeiten. Diese Entwicklung hat die Organisation dann natürlich gezwungen, deutlich effizienter und deutlich wirtschaftlicher zu arbeiten, was auch die ein oder andere Reibung verursacht hat. Auch die Spielerverpflichtungen oder eben die nicht erfolgten Veränderungen auf gewissen Spots im Laufe des Jahres waren natürlich durch eine gewisse Begrenztheit der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit bedingt. Dazu nur ein Beispiel, weil das wahrscheinlich auch für Außenstehende verwunderlich war: Es beruhte nicht unbedingt nur auf Freiwilligkeit, dass man nach dem Weggang eines Spielers wie Ibekwe letztlich auf seiner Position ersatzlos den Rest der Saison bestreitet.

Nach dem Abstieg wird es sicher auch Stimmen geben, die kritisch fragen, ob ihr euch nicht verkalkuliert habt mit dem deutschen Konzept. Hätte man nicht auch sechs Amerikaner holen können und damit vielleicht die Chancen auf den Klassenerhalt erhöht?

Wir haben drei Spieltage vor Ende der Saison in einem Auswärtsspiel in Bamberg geführt, bei noch 1:30 Minuten auf der Uhr und eigenem Ballbesitz. Gegen Brose Bamberg, die amtierender deutscher Meister sind und die Saison trotz zwischenzeitlicher Schwächephasen als Tabellenvierter beendet haben; die einen Kader haben, der in der EuroLeague gegen die stärksten Clubs Europas konkurrenzfähig agiert hat. Das Spiel war anders als teilweise vorherige Auftritte der Bamberger Mannschaft durchaus beidseitig engagiert, beide Teams haben um den Sieg gekämpft.

In diesem Spiel machen wir 80 Punkte; von diesen 80 Punkten sind 26 beigesteuert von unseren ausländischen Profispielern – und 54 von unseren deutschen Spielern, die überwiegend wirklich jung sind. Ich glaube, nur um es an diesem einen Beispiel zu halten, dass wir sicherlich in der Kaderzusammenstellung nicht hundertprozentig glücklich waren, aber dass das weniger an unserem Konzept lag, weniger ausländische Profis und mehr entwicklungsfähige junge Deutsche zu holen, sondern eher an der ein oder anderen Reibung, die wir vielleicht auch auf den als absoluten Leistungsträgern eingekauften ausländischen Profispots hatten. Man muss außerdem ehrlich sagen, dass wir aus der ProA-Saison noch die ein oder andere vertragliche Verpflichtung hatten – durchaus finanziell verhältnismäßig sehr relevant – an die wir gebunden waren, und es dadurch nicht einfacher wurde.

Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit eurer Idee, junge deutsche Spieler zu fördern, in der Liga Beachtung gefunden habt? Ist das überhaupt wichtig für euch?

Ich glaube, die wichtigste Bestätigung haben wir von den Spielern selbst bekommen. Über das Jahr hinweg und auch jetzt trotz des bitteren Endes in den letzten Tagen. Klar ist, und das möchte ich an dieser Stelle deutlich machen: Ich bin fest überzeugt, dass keiner der anderen BBL-Cheftrainer diese Idee, dieses Konzept mitgetragen hätte oder mit dieser Überzeugung für diese Idee eingestanden wäre wie das Ivan Pavic gemacht hat. Dafür bin ich ihm und dafür sind ihm auch die Spieler sehr dankbar, und dafür gilt ihm auch große Anerkennung. Dass wir am Ende jetzt leider unser sportliches Mannschaftsziel, den Klassenerhalt, nicht erreicht haben, dem müssen wir uns stellen und diesen Rückschlag müssen wir auch annehmen.

Nochmal: Für mich stirbt damit aber nicht die Idee, ganz im Gegenteil, wir haben viele Erfahrungen damit gemacht und sollten aus diesen Erfahrungen lernen um dann weiter angreifen zu können. Und ich denke, dass die Perspektive auch trotz des Abstiegs durchaus attraktiv ist. Wir haben dank des Aufstiegs unserer zweiten Mannschaft als Meister der Regionalliga eine sehr, sehr interessante Ligenkonstellation mit der ersten Mannschaft in der ProA und der zweiten Mannschaft in der ProB. Diese Konstellation bietet nochmal mehr die Möglichkeit, junge Spieler nicht nur individuell zu entwickeln, sondern auch in Verantwortung auf hohem Niveau zu bringen. Und auch unser Nachwuchsleistungsbereich am eigenen Standort ist in den letzten zwei Jahren deutlich gewachsen und hat sich deutlich weiterentwickelt, sodass wir jetzt auch im eigenen Nachwuchsbereich konkurrenzfähig sind mit einer NBBL-Mannschaft, einem Team in der 2. Regionalliga, einer JBBL-Mannschaft und einer klaren Förderung im U14-Bereich. Damit können wir nun nicht nur eine Entwicklungsplattform für junge Spieler auf Höhe der Bundesliga oder im angehenden Bundesligaalter sein, sondern auch verstärkt als Standort Spieler aus der eigenen Region bis ganz nach oben entwickeln.

„Wir alle müssen den Blick nach vorne richten“

Ich möchte Sie gerne mit einer Kritik konfrontieren, die so oder so ähnlich manchmal in Diskussionen auftaucht: Der Club ist vor zwei Jahren von Gotha nach Erfurt umgezogen; zudem kennen sich einige der Verantwortlichen aus Bamberger Zeiten und sind noch nicht so lange hier in Thüringen. Manche Anhänger aus Gotha scheinen nun den Eindruck zu haben, dass der Verein damit ein Stück weit seine Identität verloren hat. Was antworten Sie dem?

Ich denke, das Ganze fängt schon mit dem Wort Umzug an. Die Rockets haben übrigens auch als Idee ihres Vereinsgründers und Förderers Dirk Kollmar vor vielen Jahren nicht nur in Gotha angefangen mit einem Basketballverein und der Nachwuchsarbeit, sondern Dirk Kollmar hat einige Jahre später selbst auch einen eigenen Basketballverein in Erfurt gegründet. Das heißt, das Verständnis, dass man in einer relativ kleinen Region nicht nur an einem mittelgroßen Ort als Verein Basketball machen kann, sondern dass man versuchen muss, das Ganze in der Region aufzuziehen und zu vernetzen, geht gar nicht auf uns Bamberger Verantwortliche zurück, sondern war schon sehr früh letztlich eine völlig logische Erkenntnis.

Deshalb ist auch der Begriff Umzug etwas missverständlich. De facto haben wir gerade auch in den letzten zwei Jahren die Zusammenarbeit zwischen den zwei Standorten Gotha und Erfurt sehr stark vorangetrieben und haben, natürlich auch bedingt durch die neue Heimspielstätte in Erfurt, den Club deutlich stärker in Erfurt positioniert. Das heißt aber nicht, dass wir den Ursprungsort Gotha aufgeben oder schwächen wollen. Ich sehe übrigens auch nicht, wo wir das getan haben. Auch wenn wir natürlich einige schmerzhafte oder zumindest für viele Menschen emotionale Entscheidungen getroffen haben. Damit meine ich nicht die neue Heimspielstätte, diese Entscheidung ist schon vor dem Engagement der neuen sportlichen Verantwortlichen getroffen worden, sondern ich meine Entscheidungen in strukturellen, auch personellen Fragen. Rein emotional kann ich daher verstehen, dass viele Fans oder auch Personen aus dem Umfeld, die natürlich mit sehr viel Herzblut über lange Jahre den Verein begleiten, sich darüber aufregen und auch einiges bedauern.

Nur denke ich, dass wir alle, egal ob wir länger oder kürzer im Verein tätig sind, den Blick nach vorne richten müssen, um eben auch neue Perspektiven zu entwickeln. Und gerade der für uns alle doch sehr plötzliche Ausstieg von Oettinger als Hauptsponsor hat ja gezeigt, wie wenig man vor Veränderungen, auch ungewollten Veränderungen, gefeit ist und wie schnell man sich manchmal mit neuen Situationen beschäftigen muss.

Ich würde gerne noch etwas sagen zum Thema langfristige und nachhaltige Arbeit: eine der ersten Handlungen von mir als Nachwuchskoordinator der Rockets war, dass ich mich mit den anderen Clubs aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt getroffen und die führenden Vereine dieser Bundesländer zu einem gemeinsamen Treffen eingeladen habe, um eine über diese drei Bundesländer gehende, ganzjährige Jugendliga für den U14-Bereich zu etablieren. Diese Idee hatte es bereits jahrelang gegeben, sie war aber bis auf wenige einzelne Turniere nie wirklich umgesetzt worden. Uns ist es jetzt gelungen, mit diesem Impuls nicht nur kurzfristig für uns als Club, sondern auch nachhaltig für die gesamte Region in der Basketballnachwuchsarbeit einen wichtigen Schritt zu gehen. Ich denke, dass auch das als Beispiel zeigt, dass alles immer im Großen und Ganzen betrachtet werden muss und dass auch kurzfristige Veränderungen im Profibereich einhergehen können mit strukturellen Überlegungen, die eher mittel- oder langfristig greifen.

Nach dem Abstieg und dem Ausstieg von Oettinger machen sich die Fans logischerweise Sorgen, wie es weitergeht. Was können Sie dazu momentan sagen?

Ich bin da natürlich sicherlich nicht der in erster Linie Verantwortliche. Ich bekomme mit, dass unsere Gesellschafterin, die Geschäftsführung und die Sportliche Leitung im Hintergrund an vielen Stellen im Moment arbeiten. Für mich aus der sportlichen Betrachtung heraus ist die Perspektive, mit zwei Mannschaften in ProA und ProB aufgestellt zu sein, eine wirklich sehr, sehr attraktive. Dies ist auch sehr gut verknüpfbar mit unserem eigenen Nachwuchsbereich hier in der Region, deshalb finde ich das sehr interessant. Trotz aller Bitterkeit des Abstiegs denke ich, dass darin auch eine neue Chance liegt.

Das Positive an dieser Konstellation, die dann auch ein Alleinstellungsmerkmal mit ProA und ProB darstellen würde, ist die Kostensituation. Wenn man es so aufstellt wie wir, mit einem sehr jungen Kader, der letztlich auch kombiniert über beide Ligen eine Einsatzsituation für junge Spieler schafft, schafft das viele Synergien. Dadurch entstehen keine besonders großen Mehrkosten durch die zweite Mannschaft in der ProB, da viele Bereiche sich zusammengestellt und damit sehr effizient handhaben lassen. Klar ist außerdem, dass in der ProB-Mannschaft dann die Chance bestehen würde, drei bis vier eigene NBBL-Spieler zu integrieren – was für unseren Standort und die ganze Region der nächste logische Schritt ist. Hier haben wir zugegebenermaßen als Verein in den letzten Jahren noch keine Tradition oder Erfahrung, junge Spieler bis auf dieses Niveau zu entwickeln. Nun wollen wir uns auch daran messen lassen.

Können Sie noch etwas zum Zeitplan sagen, bis wann genaueres feststehen soll?

Soweit ich das abschätzen kann, werden sich viele Themen in den nächsten zwei, drei Wochen, also im Laufe des Mai, klären müssen und ich bin zuversichtlich, dass die sich in diesem Zeitraum auch tatsächlich klären.Rockets Fans Thüringenderby

Überlegungen für die Zukunft

Werden wir sportlich noch einmal konkreter. Sie sprachen von drei bis vier NBBL-Spielern, die ihr einbauen wollen würdet. Wie stellt ihr euch die Kader sonst so vor?
Ich habe bereits am Mittwoch gemeinsam mit Ivan Pavic zusammengesessen, um mit ihm eine mögliche Kaderplanung für die beiden kombinierten Mannschaften in ProA und ProB aufzustellen. Diese Planung ist natürlich zum einen stark geprägt von der Idee, deutsche Spieler aus dem diesjährigen Kader zu halten und mit ihnen den nächsten Schritt mit einer noch größeren Rolle zu gehen. Gerade die besonders jungen, 20- und 21-jährigen Spieler wollen wir über Wettkampfpraxis in zwei Teams auf Zweitliganiveau noch mehr reifen lassen. Ein weiterer Ansatzpunkt ist es, die ersten drei bis vier Nachwuchsspieler aus der NBBL unseres Programms in der ProB erste Erfahrungen sammeln zu lassen. Das sind die Kernüberlegungen in meiner persönlichen Kaderplanung, die, so denke ich, gerade mit Ivan Pavic als Cheftrainer eine sehr gute Perspektive bieten kann.

Können Sie schon konkret auf Namen eingehen oder ist das alles zu unsicher?

Wir haben am Mittwoch mit allen Spielern gesprochen und ihnen unsere Situation offen dargestellt. Ich denke aber, es ist aus Fairnessgründen richtig, erst abzuwarten, bis wir unsere Hausaufgaben gemacht haben und dann erst mit den Spielern konkret über die nächste Saison zu sprechen. Klar ist, dass die Spieler es sehr zu schätzen wissen, wie die letzten Monate mit ihnen gearbeitet wurde und wie sehr sie daran gewachsen sind. Das haben die Spieler uns gegenüber in den Einzelgesprächen deutlich ausgesprochen. Ich glaube, dass das die wichtigste Grundlage ist, um dann auch gemeinsam weiterzuarbeiten.

Die Entwicklung der Spieler in der vergangenen Saison

Wo wir gerade beim Thema sind: Wie würden Sie denn die Entwicklung eurer Spieler in der vergangenen Saison bewerten?

Der Spieler, der sicher am weitesten in seiner persönlichen Entwicklung ist, ist Andreas Obst. Er konnte über die Saison zum ersten Mal richtig zeigen, dass er für die erste Liga ein Spieler ist, der nicht nur als Distanzschütze auf höchstem Niveau Qualitäten hat, sondern der das Spiel vielseitig beherrscht und sich offensiv wie defensiv in den nächsten Jahren mit allen Spielern messen lassen kann. Das hat er in zahlreichen Partien bei uns bewiesen, und das hat er auch in seinen ersten Einsätzen mit der Nationalmannschaft gezeigt. Jeder, der ihn näher hat arbeiten sehen in den letzten Monaten, aber auch in den Jahren davor, weiß um sein Potenzial. Es ist klar, dass er natürlich für uns als ProA-Team nicht in Frage kommt. Das ist aber auch gar nicht unser Anliegen. Wir wünschen ihm, dass er in der kommenden Saison den nächsten Schritt in seiner eigenen Entwicklung gehen kann und sind sehr dankbar für das, was er in den letzten Monaten bei uns investiert hat.

Den sicherlich größten Leistungssprung zur ersten Liga hatte Filip Stanic, der im Jahr davor in der NBBL und in der Regionalliga-Mannschaft von Alba Berlin stand und es innerhalb von wenigen Monaten zu einem wichtigen Rollenspieler unseres Erstligateams gebracht hat. Klar ist auch, dass er noch sehr viel lernen muss, um zum Leistungsträger zu reifen. Aber wenn er weiter so arbeitet wie in dieser Saison, hat er sicherlich eine hervorragende Perspektive, nicht nur im deutschen, sondern durchaus auch im europäischen Basketball.

Gleiches im Hinblick auf die Perspektive gilt auch für Niklas Wimberg, der als 15-Jähriger schon als großes Talent gefördert wurde, aber leider in den letzten Jahren den Schritt zum gestandenen Bundesligaspieler noch nicht absolvieren konnte. Auch in dieser Saison hatte er es aufgrund einer Verletzung in der Hinrunde sicherlich nicht einfach, aber für mich hat er ganz klar den entscheidenden Schritt nach vorne gemacht, der ihm jetzt in den nächsten ein bis zwei Jahren zum Durchbruch verhelfen wird. Gerade in den letzten Wochen hat er nicht nur im Training, sondern auch in einzelnen Spielen und ich denke für alle sichtbar, klargemacht, dass er eben nicht nur ein talentierter Spieler ist. Er hat auch in Wettkampfsituationen vieles aufgezeigt, worauf sich aufbauen lässt, um ihn als Club auch in einer großen Rolle zum Leistungsträger zu machen.

Sehr stolz sind wir auch auf unsere beiden jüngsten Spieler im Kader, Kristian Kullamäe und unseren späten Zugang Ende Januar, Ferdinand Zylka. Kullamäe kam als talentierter Junge aus Estland vor zwei Jahren zu uns und ist jetzt zu einem jungen Mann geworden, der bereit ist, im Profibereich Verantwortung zu übernehmen und gerade offensiv bereits auf Augenhöhe mit gestandenen Profis spielen kann. Ferdinand Zylka hatte aufgrund des späten Wechsels in der Saison natürlich keine leichte Situation, um bei uns Fuß zu fassen. Dies hat er aber hervorragend gemeistert, was sicherlich vor allem an seiner außerordentlich vorbildlichen Herangehensweise lag. Er hat sich von seinem ersten Trainingstag an erstklassig integriert und unsere sportliche Idee sehr schnell verinnerlicht. Ich bin sicher, dass er in den nächsten ein bis zwei Jahren einen großen Schritt Richtung BBL-Leistungsträger machen wird, der perspektivisch auch europäisch spielen können wird. Dies ist zum einen seiner sehr guten Jugendausbildung bei Alba Berlin zu verdanken, aber auch der Erfahrung der letzten Monate, in denen er viel gelernt hat über Profibasketball und außerdem Selbstbewusstsein auf diesem Level sammeln konnte.

Bei Daniel Schmidt, Johannes Richter und Dino Dizdarevic waren Ivan und ich am sichersten, was sie schon stabil abliefern können. Alle drei kennen wir schon über viele Jahre als Spieler. Sie haben gezeigt, dass sie ihre Einsatzzeit auf Erstliganiveau sehr effizient ausfüllen können. Die drei waren Pfeiler unserer Mannschaft und gaben in dieser Rolle auch den jüngeren Spielern Orientierung, obwohl sie selbst natürlich noch nicht gerade zu den ältesten Spielern gehören. Am schwersten war die Saison sicherlich für David Taylor, der aufgrund einer unglücklichen Verletzung zunächst etwas gebraucht hat und zusätzlich unter der Saison nochmal zurückgeworfen wurde, was seinen Trainings- und Spielrhythmus angeht. Deshalb konnte er noch nicht ganz sein Potenzial zeigen. Ich denke aber, dass sein Talent aufgeblitzt ist und er darauf auch in den nächsten Jahren aufbauen kann.

Eigene Zukunft und persönlicher Rückblick

Blicken wir nochmal vorsichtig in die aktuell noch ungewisse Zukunft: Wenn die Finanzierung klappt und der Verein weitermachen kann, bleibt ihr Verantwortlichen dem Club dann erhalten?

Ich denke für jeden, der ab und zu bei uns in der Halle war oder in sonstiger Art und Weise in den letzten Monaten mit uns zu tun hatte ist eindeutig erkennbar, mit welcher hohen Leidenschaft vor allem Wolfgang Heyder als Sportlicher Leiter sich in dieses Projekt, in diesen Standort eingeführt hat, mit welcher hohen Emotion er für die Entwicklung dieses Vereins arbeitet und wie sehr ihm das ganze hier natürlich auch ans Herz gewachsen ist. Gleiches kann ich auch für die anderen Verantwortlichen des Clubs sagen. Ich bin deshalb fest davon überzeugt, dass wenn die Möglichkeit besteht, gemeinsam den Weg fortzuführen, sicher hohes Interesse und auch der persönliche Wunsch besteht, gemeinsam weiterzumachen, und gemeinsam auch die Zukunft des Vereins zu gestalten. Insofern ist der Rückschlag durch den sportlichen Abstieg natürlich schmerzhaft, aber letztlich eben eine der Herausforderungen, denen man sich im Sport immer wieder stellen muss. In den letzten Jahren mussten einige Clubs diesen schweren Weg zurück in die zweite Liga gehen – gerade die, welche vorher erstmals in die Bundesliga aufgestiegen waren. Viele dieser Clubs sind daran natürlich aber auch gewachsen und umso gefestigter zurückgekehrt. Sowohl was die Profimannschaft angeht, wie auch die gesamte Club-Organisation. Und das sehe ich als sehr attraktive Perspektive an, für die es sich lohnt zu kämpfen.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen gerne eine persönliche Frage stellen: Wie haben Sie ihre beiden Jahre hier bisher erlebt?

Mir war vor zwei Jahren bewusst, dass ich mich auf ein Abenteuer einlasse. Ich hatte vorher mit der Ligazentrale der Basketball Bundesliga und mit den Brose Baskets ein anderes Arbeitslevel im deutschen Basketball. Mich hat es aber gereizt, hier an einen noch relativ jungen Standort zu gehen, um eine Perspektive mitzuerarbeiten. Und ich habe trotz aller Probleme und auch schwieriger persönlicher Momente das Ganze nicht bereut. Mir war bewusst, dass die Zeit sehr arbeitsintensiv sein würde; mir war auch bewusst, und so kam es auch, dass ich in diesen zwei Jahren sehr viel – nicht nur beruflich, sondern auch persönlich – in die Arbeit hier und in die Entwicklung dieses Vereins investieren muss, damit wir die doch sehr großen leistungssportlichen Entwicklungsschritte innerhalb von sehr kurzer Zeit gehen können.

Dies ist uns nicht nur durch den Aufstieg in die erste Liga nach einer sehr schwierigen und durchwachsenen ProA-Saison, sondern gerade auch im Jugendleistungsbereich gelungen, wo wir wahrscheinlich der Profiklub sind, der in den letzten beiden Jahren den mit Abstand größten Sprung in Deutschland gemacht hat: mit dem doppelten Aufstieg von der zweiten Regionalliga in die ProB mit der Farmmannschaft, mit der erstmaligen Qualifikation für die NBBL, mit der Neustrukturierung der Nachwuchsarbeit im U14-Bereich durch eine mitteldeutsche Liga und auch einige andere inhaltliche Umstellungen gerade in der Talententwicklung, sowie mit der näheren Angliederung des Erfurter Vereins an unseren Club. Dafür war natürlich die Zusammenarbeit mit vielen Jugendtrainern und Verantwortlichen hier aus den Vereinen notwendig. An dieser Stelle habe ich viel Offenheit und viel Engagement und auch Freude an den Entwicklungen festgestellt und bin dafür sehr dankbar. Ganz unabhängig von unserer ersten Mannschaft ist das natürlich auch eine Motivation, hier die begonnene Arbeit weiterführen zu können.

„Die grundsätzliche Idee steht für mich nicht in Frage“
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