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Hey! Wir wollen die Rockets sehen!

04.05.2018 || 19:51 Uhr von: , ,
Oettinger Rockets Team
Mit der knappen Niederlage am letzten Spieltag in Jena sind die Rockets abgestiegen. Warum das noch lange nicht das Ende dieses mutigen Projekts sein darf, das voll auf junge deutsche Spieler vertraut, erklären Linus Müller, Lukas Feldhaus und Simon Linder.

Als die letzten Sekunden heruntertickten und der Abstieg fast schon sicher war, da nahm sich Andreas Obst nochmal ein Herz. Mit sechs Punkten lagen die Rockets zurück, 13 Sekunden waren noch zu spielen. Randle klaut den Ball und passt ihn weiter zu Obst. Jerome Randle, MVP der litauischen Finalserie, MVP in Australien, übergibt den Ball also an Andreas Obst, 21 Jahre alt, deutsch. Mit dem Selbstverständnis eines Veteranen nimmt Obst den Dreier aus acht, neun, vielleicht zehn Metern, Andi Obst ist das egal. Natürlich trifft er, die Bank jubelt nochmal, nur noch drei Punkte Rückstand. Aber es reicht nicht. Mit der Niederlage gegen Jena und dem gleichzeitigen Sieg der Eisbären Bremerhaven finden sich die Rockets zum Saisonende auf dem 17. Tabellenplatz wieder. Die Symbolik dieses Augenblicks erzählt trotzdem viel über das Team, den Trainerstab und die ganz spezielle Philosophie des Vereins.

Andreas Obst Oettinger Rockets Fan-Award

Jung und deutsch

Denn die Rockets gingen einen anderen Weg als die restlichen Clubs. Als der Verein im Vorjahr trotz 0:2-Serienrückstand gegen Chemnitz den Aufstieg sicherte, wussten die Verantwortlichen recht schnell, wie sie weitermachen wollten: jung und deutsch. Das war von Anfang an der vorgegebene Weg. Besonders mutig war dies, weil die Rockets zum ersten Mal überhaupt in die erste Liga aufstiegen. Dies fordert normalerweise alles ab von einem Verein, sportlich und auch strukturell. Dennoch entschieden sich die sportlichen Verantwortlichen um Wolfgang Heyder und Ivan Pavic für diese Philosophie. Weil sie daran glauben, dass man mit diesen Spielern erfolgreich sein kann. Und weil sie daran glauben, dass es das Richtige ist.

Dazu eine kleine Geschichte: Als das Portal basketball.de aus der Taufe gehoben wurde, trafen wir Redakteure uns in einer Würzburger Jugendherberge. Für den zweiten Tag stand unter anderem eine Podiumsdiskussion auf dem Programm, das Thema lautete umformuliert: Wie steht es um den deutschen Basketball und wie machen wir ihn größer? Es diskutierten Wolfgang Heyder (jetzt Manager der Rockets), Pete Miller (damals Sportdirektor von Chemnitz), Daniel Müller (Geschäftsführer der 2. Basketball Bundesliga), André Voigt (Chefredakteur der FIVE, Host von Got Nexxt!) und Jörg Bähren (Pressesprecher der Telekom Baskets Bonn).

Besonders beim Thema Nationalmannschaft herrschte große Einigkeit. Mit einem erfolgreichen Nationalteam könne man viele Menschen erreichen und vielleicht von der Sportart begeistern. Generell wünschten sich die Diskutanten auch mehr prägende deutsche Gesichter in der Liga. Wie man diese Ziele am besten erreicht, darüber wurde dann weiter intensiv diskutiert.

Man kann sagen, Ivan Pavic hat einfach mal angefangen. Wo andere vor allem reden oder der Liga die Verantwortung zuschieben, setzte er ganz bewusst auf deutsche Akteure. Andreas Obst erreichte im letzten Jahr in Gießen einen Effektivitätswert von 2,9, inzwischen kann er sich seinen Verein in der Liga wohl aussuchen. Und er ist erst 21 Jahre alt, unter Pavic wurde er zum A1-Nationalspieler.

Johannes Richter spielte in der letzten Saison für Bonn und kam auf acht Minuten Einsatzzeit und 2,3 Punkte im Schnitt. Dieses Jahr sah der 24-jährige A2-Nationalspieler 20 Minuten im Schnitt und erzielte acht Punkte pro Spiel, holte dazu 4,7 Rebounds. Der inzwischen 22-jährige Niklas Wimberg galt schon in der Jugend als herausragendes Talent, sah im letzten Jahr bei Oldenburg aber dennoch nur in 21 Spielen überhaupt Einsatzzeit. In seinen durchschnittlich knapp sechs Minuten auf dem Feld erzielte er im Schnitt einen Punkt. Trotz Verletzung zu Saisonbeginn spielte er bei den Rockets nun 16 Minuten und erzielte 4,7 Punkte, bei einigen Ausreißern nach oben.

Abseits der Zahlen konnte man nicht nur bei diesen dreien außerdem beobachten, wie sich ihr Selbstbewusstsein entwickelte. Filip Stanic ist vielleicht die größte Sensation, weil er im Jahr zuvor noch in der vierten Liga aktiv war und dort nicht mal besonders hervorstach. Der 20-jährige Center erzielte in Bamberg zuletzt zwölf Punkte und sieben Rebounds, im nächsten Spiel gegen Bonn legte er nochmal zehn Punkte und drei Rebounds nach. Seine durchschnittliche Einsatzzeit von 15 Minuten zeigt, wie viel Vertrauen Ivan Pavic in seinen jungen Center hat. Auch der schon etwas ältere Daniel Schmidt (Jena), Dino Dizdarevic (aus Baunach), David Taylor (vom College), Ferdinand Zylka (Bernau) und der junge Este Kristian Kullamäe sahen gute Erstligaminuten.

Das waren jetzt zugegeben viele Zahlen, aber irgendwo muss man anfangen, um verständlich zu machen, was die Rockets in diesem Jahr geleistet haben und warum der Abstieg so bitter ist. Wer am Ende absteigt, wird immer auch Kritik ernten. Dennoch ist ein genauerer Blick auf die Saison nur fair.

Oettinger Rockets Team

Die Vorbereitung muss hierbei erwähnt werden, den sie lief katastrophal. Es verletzte sich ein Spieler nach dem anderen, teilweise kamen die Akteure erst einige Wochen nach Saisonstart zurück. Mein Quakenbrücker Kollege Lukas Feldhaus erinnert sich stellvertretend an das Hinspiel gegen Bamberg:


Erinnerung: Rockets – Brose Bamberg

Andreas Obst, Nemanja Jaramaz, Sava Lesic, Dane Watts, Darrel Mitchell, Johannes Richter, Niklas Wimberg, David Taylor – diese genannten Spieler könnten in etwa gemeinsam die Rotation eines BBL-Teams bilden. Mitchell, Obst, Jaramaz, Richter und Lesic hatte Rockets-Headcoach Ivan Pavic vielleicht sogar als Starting Five im Hinterkopf, als er die Mannschaft im Sommer 2017 zusammenstellte. Am fünften Spieltag der abgelaufenen Saison musste Pavic wohl mit der Miene des Entsetzens feststellen: Die zu Beginn genannten Spieler formten am fünften Spieltag gegen Brose Bamberg nicht etwa die Rotation, sondern das Lazarett. Gleich acht Spieler, darunter fast alle Leistungsträger, fehlten dem deutsch-kroatischen Headcoach in der Partie gegen Meister Bamberg.

Die Rockets hatten quasi vom Trainingsstart weg ein Lazarett, dem sich nahezu in einer Regelmäßigkeit Spieler um Spieler anschloss. Kein Wunder, dass die Rockets Anfang Oktober noch ohne Sieg dastanden. Die Mannschaft, die gegen den Meister und EuroLeague-Sieger Schadensbegrenzung – nur das konnte aus der Sicht eines Außenstehenden das Ziel sein – betreiben sollte, beinhaltet die folgenden Namen: Daniel Schmidt, Retin Obasohan, Kristian Kullamäe, Dino Dizdarevic, Robert Oehle, Filip Stanic und Ekene Ibekwe. Obasohan und Ibekwe (temporärer Ersatz für Sava Lesic) waren vor der Saison fraglos als Top-Leistungsträger eingeplant.

Die anderen: Daniel Schmidt spielte in der Vorsaison als klassischer Ballvorträger in Jena, der 18-jährige Kristian Kullamäe vorrangig in der zweiten Mannschaft. Dino Dizdarevic kam als Rollenspieler von ProA-Ligist Baunach, nachdem er dort nahezu die komplette Saison aufgrund einer Verletzung verpasste. Filip Stanic spielte für die Regionalligamannschaft von ALBA BERLIN und nicht etwa für ALBA-Kooperationspartner LOK Bernau in der ProB. Hinzu kam noch Robert Oehle – ein schlagkräftiger ProA-Center, der aber wie bei seiner früheren Station in Tübingen eine sehr unglückliche BBL-Saison verlebte. Nun die Starting Five von Brose Bamberg: Nikos Zisis, über zehn Jahre EuroLeague-Erfahrung. Maodo Lo, ein junger, aufstrebender deutscher Combo Guard mit vielversprechenden Anlagen. Bryce Taylor, ein Veteran und gefürchteter Distanzwerfer in der BBL. Luka Mitrovic, ehemals Kapitän von Roter Stern Belgrad. Leon Radosevic, ein BBL-Veteran mit einem Pfund an EuroLeague-Spielen. An jenem fünften Spieltag trafen also völlig konträre Welten aufeinander. Wer aber erwartete, dass Ivan Pavic und sein Team von Spielbeginn an nur darauf warteten, dass das Spiel so schnell wie möglich zu Ende gehen würde, sah sich hochgradig getäuscht.

Foto: Jacob Schröter

Fordern und Fördern

Das vorweg: Bamberg gewann die Partie in der Messehalle mit 92:64. Eines der undenkbarsten aller Märchen blieb also aus. Einen gewissen Märchencharakter brachte das Spiel dennoch mit sich. Zwar dominierte Bamberg die Partie von Beginn an, doch Erfurt hatte immer wieder Antworten. Nur im zweiten Viertel, das Bamberg mit 31:13 für sich entschied, demonstrierte der hochhaushohe Favorit in dieser Partie eine zermürbende Überlegenheit. Überwiegend zeigten sich die Rockets aber frech und düpierten das Starensemble aus Bamberg phasenweise. Daniel Schmidt, einst in Bamberg noch ein Mann für ein paar Minuten „Garbage Time“, brillierte mit 20 Punkten und stellte in dieser Partie seine persönliche Bestmarke in der BBL auf. Der 18-jährige Kristian Kullamäe, in der Regionalliga als Schütze gefürchtet, zeigte sein Können in diesem Spiel nicht gegen Spieler wie Peter Zeis, sondern gegen Bryce Taylor, einen der besseren Verteidiger in der Basketball-Bundesliga. Kullamäe erzielte zehn Punkte und verwandelte zwei Dreier. Filip Stanic präsentierte sich mit einem Treffer bei sieben Versuchen aus dem Zweierland etwas unglücklich, kämpfte jedoch wie ein Löwe gegen die ausgebufften Bamberger Center – der Filip Stanic, für den LOK Bernau und ALBA BERLIN in der vergangenen Saison keinen Platz in der ProB-Mannschaft übrig hatten. Am Ende standen für Stanic drei Punkte, drei Rebounds und vier Fouls in 24 Minuten Einsatzzeit zu Buche.

Und dann war da noch Dino Dizdarevic. In der vorletzten Saison spielte dieser bei einer 67:92-Niederlage von Baunach gegen Essen noch gerade einmal zehn Minuten. Gegen EuroLeague-Teilnehmer Bamberg waren es zwei Jahre später 31 Minuten. Neun Punkte standen für ihn zu Buche. An der Seitenlinie präsentierte sich Ivan Pavic zu keiner Sekunde resigniert. Bei jedem Fehler kritisierte er seine Jungs, bei jeder gelungenen Aktion lobte er. Mit großer Leidenschaft zeigte er das Prinzip des Forderns und Förderns – und das in einer äußerst misslichen Situation. Auch die an diesem Spieltag etwas sparsam besetzte Erfurter Messehalle honorierte die Leistung der Rockets.

Als Daniel Schmidt in der zweiten Halbzeit bei 25 Punkten Rückstand seinen insgesamt vierten Dreier verwandelte, richtete dieser seinen Blick zu den Rängen und alle wussten: Hier regieren an diesem Abend die Rockets, auch wenn der Gegner aus Bamberg 28 – aber eben nur 28 – Punkte mehr erzielte. Erfurt fuhr mit einer Mannschaft, die personell dünner besetzt war als ihr Lazarett, ein Basketballergebnis gegen einen EuroLeague-Teilnehmer ein. Am Ende der Partie stand somit kein Entsetzen, sondern Optimismus und eine kleine Entwicklung. Beim nächsten Spiel in Gießen – dann „immerhin“ wieder mit Andreas Obst und Nemanja Jaramaz im Kader – fuhren die Rockets ihren ersten Bundesliga-Sieg ein.


Niemand mag den Konjunktiv, aber…

Auch später im Saisonverlauf lassen sich unglückliche Momente finden, wie das Spiel gegen den MBC, als der nachverpflichtete Jerome Randle am Ende dreimal ausrutscht. Oder die Niederlage gegen Ulm mit dem letzten Wurf.

Auch das Heimspiel gegen Jena war bis zum Ende knapp. Oder das herausragende Auswärtsspiel in Bamberg am drittletzten Spieltag. Diese Überlegungen sind im Nachhinein wohl nicht besonders zielführend; sie sollen nur zeigen, dass diese junge und deutsch geprägte Mannschaft wirklich ganz knapp am Klassenerhalt vorbeigeschrammt ist.

Und das, obwohl sich im Laufe der Saison der Hauptsponsor zurückgezogen hat. Dies brachte sicher nochmal Unruhe in den Verein und führte auch dazu, dass ein Spieler wie Ekene Ibekwe nicht gehalten werden konnte. So spielten die Rockets über einen längeren Zeitraum tatsächlich nur mit zwei Ausländern und verfehlten auch in diesen Wochen den ein oder anderen Sieg nur knapp.

Was bleibt also? Hoffentlich auf keinen Fall die Erkenntnis, dass dieses mutige Konzept nicht funktionieren kann. Am Ende hat Bremerhaven den einen Sieg mehr errungen und damit verdient die Klasse gehalten. Die Rockets sind ganz knapp gescheitert. Das darf aber nicht alles sein, was aus dieser Saison im Gedächtnis bleibt. Den symbolischen Dreier von Andreas Obst sollte keiner vergessen. Auch an den Dunk von Niklas Wimberg gegen Tübingen sollte man sich erinnern. Oder an den einen Buzzer-Dreier von David Taylor gegen Göttingen.

Denn diese Bilder zeigen, wofür die Rockets in diesem Jahr standen. Wem der deutsche Basketball also am Herzen liegt, der darf gerne einstimmen in den Gesang der lautstarken blau-weißen Fans: „Hey, wir wollen die Rockets sehen!“ Denn diese Hoffnung eint nicht nur die Gothaer, Erfurter und aus welchen Dörfern aus der Umgebung die Menschen auch immer anreisen mögen, denen die Rockets am Herzen liegen. Diese Hoffnung einte vor wenigen Jahren auch Wolfgang Heyder, Pete Miller, Daniel Müller, André Voigt und Jörg Bähren. Eine starke Nationalmannschaft und prägende deutsche Gesichter in der Liga. Erstmal müssen die Rockets daran arbeiten, den Oettinger-Ausstieg abzufangen und die ProA zu finanzieren. Dann werden sie hoffentlich weiter dieser Vision folgen und dem Konzept treu bleiben.

Auch mein Kollege Simon Linder aus Ludwigsburg besuchte ein Spiel in der Messehalle und verfolgte den Weg der Rockets. Er findet zum Abschluss noch ein paar Worte, die vielleicht deshalb umso schwerer wiegen, weil sie von einem Außenstehenden kommen:

Erfurt hat Potenzial

Die Stadt Erfurt war gerade dabei, Basketball zu lernen. Jetzt der Abstieg – ist nun alles vorbei? Ich hoffe nicht.

Denn die Stadt hat Potenzial. Sie ist nicht zu groß, dass Basketball als neuer Sport untergeht, wie in München – obwohl Basketball dort mit dem besten deutschen Namen im Sportbereich verknüpft ist, ist der Audi Dome nicht immer ausverkauft. Aber sie ist auch nicht zu klein, wie Gotha es war – das haben die Rockets selbst erfahren müssen.

Erfurt hat Potenzial, die Rockets haben Potenzial. Sie haben Heyder, und Heyder hatte eine Idee. Wie wäre es, mit anderen Basketballverrückten wie Ivan Pavic und Florian Gut etwas aufzubauen, was anders ist? Wie wäre es, einfach mal voll auf junge, deutsche Spieler zu setzen, die anderorts maximal Rollenspieler sein durften?

Klar, die Rockets hätten auch günstige amerikanische Guards holen können, die den Abstieg womöglich verhindert hätten. Ich ertappe mich selbst bei dem Gedanken: Ein, zwei Rookie-Guards, die noch ein bisschen Firepower dazubringen, hätten vielleicht den Abstieg abwenden können.

Aber das war nicht der Weg. Und es ist nicht der Weg, der Erfurter Weg. Die Rockets haben etwas begonnen, und sie ziehen es durch. Sie haben an die jungen Deutschen geglaubt, und wenn sie in einem der knappen Spiele etwas mehr Glück gehabt hätten, oder Gießen in Bremerhaven in der zweiten Halbzeit etwas weniger Verteidigungspech gehabt hätte, hätte es gereicht.

Hätte, hätte…es ist klar, wie der Satz weitergeht. Aber der Erfurter Weg ist noch nicht zu Ende. Hey, ich will die Rockets sehen – kommt bald wieder, Erfurt! Und, mindestens genauso wichtig: Bleibt euch treu!

Hey! Wir wollen die Rockets sehen!
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