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Nicht vorm X-Faktor gefeit

15.06.2018 || 16:52 Uhr von:
Hat ALBA BERLIN gegen Bayern seinen X-Faktor gefunden? Niels Giffey führte per Career-High die Albatrosse zum Sieg im vierten Spiel, präsentiert sich aber schon im Playoff-Verlauf vielseitig.

Niels Giffey gegen Danilo Barthel. Während des kommenden WM-Qualifikationsfensters könnte es häufiger zu diesem Duell kommen – jedoch hinter verschlossenen Türen, beim Training der deutschen Nationalmannschaft. Doch schon jetzt steht das Duell zweier Nationalspieler im Fokus, auf einer noch größeren Bühne: die der Endspielserie der deutschen Basketball-Bundesliga.

Barthel hat in den ersten dreieinhalb Partien als Finals-MVP-Kandidat auf sich aufmerksam gemacht. Offensiv agiert Münchens Big Man zwischen Wurf von Downtown und Wille am Zonenrand vielseitig und mit Mismatch-Potential. Defensiv machte Barthel dem Hauptrunden-MVP Luke Sikma das Leben schwer.

Währenddessen avancierte Giffey im vierten Spiel zum X-Faktor Berlins und sogar zum Matchwinner. Mit 20 Punkten, inklusive perfekter Quote aus dem Feld (6/6 FG), stellte der Forward einen persönlichen Karrierebestwert auf. Gibt es dafür eine bessere Gelegenheit, als in einem Do-or-Die-Spiel, wenn auch noch die Flügelspieler Marius Grigonis und Spencer Butterfield kalt gestellt werden?

In den letzten sieben Minuten stand der etatmäßige Reservist und Backup von Luke Sikma auf dem Parkett. Giffey wurde zudem nach der Halbzeitpause von Aíto direkt auf das Feld geschickt. Ein Beispiel dafür, wie sehr der Berliner Coach mit seinen Rotationen gespielt hat. Aíto musste auch reagieren, da von strikten Wechseln zwischen Starter und Reservisten eher die Bayern profitiert hatten.

Gerade kleine Lineups mit Giffey auf der Vier und Sikma auf der Fünf stellten sich zuletzt als erfolgsversprechend heraus. Egal ob als Vierer oder Fünfer, Sikma gibt vom Low-Post oder mehr noch von der Dreierlinie den Spielmacher im Set-Play. Mit Giffey neben ihm auf den großen Positionen bekommen die Albatrosse noch mehr Spacing. Wichtig, wenn die noch potenteren Scorer und Schützen Butterfield und Grigonis nicht zum Zug kommen.

Defensiv können die Berliner mit kleinen Lineups noch aggressiver verteidigen sowie vermehrt switchen. Sicherlich kann Barthel in der Offensive gegen Giffey Mismatches forcieren, doch dieser potentielle Nachteil scheint für Aíto nicht derart stark ins Gewicht zu fallen, als dass sich an anderer Stelle Vorteile ergeben. Ohne Dennis Clifford mag auch ein Ringbeschützer und Hüne am Defensiv-Brett fehlen, doch Giffey bringt den Albatrossen unter anderem eines: einen schnellen Help-Verteidiger.

In folgendem Video sind drei Szenen aufgeführt, die Giffey mit guter Rotation in der Verteidigung zeigen. In der ersten Sequenz beschützt Giffey sogar den Ring und zwingt Devin Booker mit starker vertikaler Verteidigung (er spring nach oben, hat stets beide Arme hochgestreckt) zum Fehlwurf.

Auch gegen Nihad Djedovic ist Giffey mit dieser vertikalen Verteidigungsposition zur Stelle, während er in der dritten Aktion seitlich rotiert und seinen Anteil daran hat, dass Djedovic beim Drive den Ball verliert.

In der Offensive war Giffey in der Crunchtime mit einem wichtigen Jumper zur Stelle – einem von nur zwei erfolgreichen Feldwürfen in den letzten drei Minuten der Partie (wohingegen Reggie Reddings Anschlusstreffer zum 68:70 fünf Sekunden vor Schluss von der Berliner Defense gebilligt wurde).

Giffey mag in der Verteidigung gegen Barthel anfällig sein? Doch in der Offensive ist Giffey auch schneller auf den Beinen. Wenn Barthel zudem absinkt, um zu helfen – was gerade nominelle Big Men tun –, eröffnen sich für Giffey Räume. Diese erkennt Giffey, nutzt sie per guter Positionierung und trifft von dort seine Sprungwürfe.

Außerdem haben die Berliner mit Giffey einen Spieler auf der Vier, der über ein starkes Ballhandling für diese Position verfügt. Am Flügel eingesetzt, stellt in der Crunchtime Sikma zwar keinen wirklich Block, dennoch hat Barthel damit Probleme, an Giffey dranzubleiben – welcher den langen Zweier trifft. Dies kann für die Berliner weiterhin eine Option sein: Giffey am Flügel den Ball geben, ihm einen Ball-Screener zur Seite schicken und ihn nach ein, zwei Dribblings einen Pull-up-Jumper nehmen lassen.

Apropos Wurf: Dort gibt Giffey seinem Team als Power Forward einen klassischen Stretch-Vierer. Giffey hat sich bei seiner Dreierquote von schon überdurchschnittlichen 44,3 Prozent in der Hauptrunde auf 55,0 Prozent in den Playoffs gesteigert. Spot-up? Spot on! Dabei versteht es Giffey gut, entlang der 6,75-Meter-Linie zu rotieren, um eine gute Anspielstation darzustellen sowie sich in den Lücken der Verteidigung zu platzieren. Die letzte Aktion des folgenden Videos zeigt zudem schön Giffeys sauberen Wurf – mit hohem Release-Punkt und hoher Flugkurve. Bei seinem Dreier liegt schon fast Schnee drauf (während bei Bayerns Anton Gavel wohl eher Bodenfrost am Ball klebt).

Giffeys zweithäufigste Abschlussart in den Playoffs sind Cuts. Auch und vor allem hier kommt sein Spielverständnis zur Geltung, wann er die Verteidigung als off-ball-Option attackieren kann. Die erste Aktion in folgendem Video ist aus dem vierten Spiel gegen Bayern. Dabei ist Giffey stets in Bewegung, schleicht sich in Stefan Jovics Rücken (Switch oder nicht?) und findet auch im High-Post einen Sweet-Spot vor.

Giffey überrascht die gegnerische Defense aber auch mit dem harten Cut bis in die Zone.

Als 93 Kilogramm leichter Vierer scheut Giffey aber nicht den Kampf in der Zone, im Gegenteil: Er sucht immer mal wieder das Post-up. Sechs Possessions sind keine große Stichprobe, Giffey deutet hier aber seine Effizienz an wie auch die Aktionen illustrieren, dass er die Skills für die Arbeit am Zonenrand beherrscht.

Zudem ist Giffey ein solider Offensiv-Rebounder, der etwaige körperliche Nachteile gegen bulligere Vierer mit Instinkt wettmacht. Folgende Aktion gegen Oldenburgs Philipp Schwethelm zeigt auch hier Giffeys Spielverständnis: ein Fake sowie das Suchen des Kontakts, mit dem er sich einen Vorteil verschafft.

Es ist diese Vielseitigkeit, mit der Giffey zum Berliner X-Faktor avanciert ist und vor dem die Bayern nicht gefeit sind. Natürlich kann Giffey als kleiner, aber dafür umso flinkerer Vierer auch den Schnellangriff mitlaufen. Und ebenso im Pick-and-Pop oder als Back-Screener im Pick-and-Roll zwischen zwei anderen Berliner Spielern ist Giffey eine Option. Das alles tut er mit ungemeiner Effizienz: 1,28 Punkte pro Possession generiert Giffey in den Playoffs. Sicherlich profitiert er davon, dass die Defense eher Spieler wie Siva, Sikma, Butterfield oder Grigonis im Blick hat. Doch eben mit jener Vielseitigkeit versteht es Giffey, als Rollenspieler auf unterschiedliche Weise seinem Team zu helfen.

Kontinuierlich hat Giffey in den Finals seine Einsatzzeit gesteigert. Aíto wird in seinen kleinen Formationen viel Positives gesehen haben, womit die Berliner auch im entscheidenden fünften Finalspiel häufig klein gehen könnten. Und somit dürfte erneut das Duell zwischen Barthel (welcher nach Anton Gavel der zweite deutsche Finals-MVP der BBL-Historie werden könnte) und Giffey im Fokus stehen. Zwei deutsche Nationalspieler mit derartigen Schlüsselrollen in den Finals sieht man auch nicht alle Jahre.


Material zur Verfügung gestellt von Telekom Sport: Alle Spiele der easyCredit BBL, der deutschen Teilnehmer des Eurocup und der Euroleague exklusiv. Alle Infos hier.

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