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Wie im Märchen: Oettinger Rockets steigen in die BBL auf!

04.05.2017 || 13:47 Uhr von:
Einfach Wahnsinn! Die Oettinger Rockets haben das schier Unmögliche geschafft und stehen als zweiter Aufsteiger in die easyCredit Basketball Bundesliga fest. Eindrücke eines verrückten Abends.

Auf dem Weg nach Chemnitz schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Können die Oettinger Rockets heute wirklich in die BBL aufsteigen? Nach dieser Saison? Nach einem 0-2 Rückstand im Halbfinale? Mein Kommilitone und Mitfahrer ist sich unterdessen sicher: „Die ziehen das Ding heute.“ Unsere Fahrt von Dresden vergeht jedenfalls wie im Flug. Bin ich gerast? Auf keinen Fall. Bin ich aufgeregt? Oh ja!

Auf dem Parkplatz neben der altehrwürdigen Richard-Hartmann-Halle entschließen wir uns kurzfristig die „dritte Reihe“ aufzumachen und parken das Auto direkt neben dem Chemnitzer Frühlingsfest. In meinen Gedanken meldet sich Frank Buschmann und sein legendäres „Im Himmel ist Jahrmarkt“ zu Wort, als ich mich durch die drängelnden Fans Richtung Presseeingang aufmache. Noch eine Stunde bis Tip-Off.

Einiges Händeschütteln und kurze Organisationsprobleme mit meiner Akkreditierung später finde ich mich auf dem Parkett der Hartmann-Hölle wieder und ergattere hinter dem Korb den allerletzten Stuhl für Pressevertreter. „Perfekt“, denke ich mir. „Mit den Chemnitzer Hardcore Fans hinter mir könnte es zwar etwas laut werden heute, aber umso besser!“

Als just aus dieser Richtung das erste Mal „Auf geht’s Chemnitz – kämpfen und siegen!“ erklingt, während ich gerade den Laptop aufklappe, steckt sich die Dame neben mir dezent ihre Ohrstöpsel ein und ich stelle zufrieden fest: „Heute ist Ausnahmezustand!“

Zehn Minuten vor Spielbeginn platzt die Halle aus allen Nähten. Nicht nur auf dem Parkplatz wurde eine dritte Reihe aufgemacht, auch im Inneren des Chemnitzer Basketballtempels stapeln sich regelrecht die Fans. Die eine Ecke, nicht zu verkennen, gefüllt mit blauen Shirts, Schals und Fahnen. Der Rest der Halle, besonders aus meiner Position nicht zu überhören, mit orangefarbenem Blut in jeder Zelle.

Als die drei Unparteiischen dann endlich zum Sprungball bitten, hat sich die Halle auf gefühlte 30 Grad erhitzt. Meinen Stuhl teile ich mir mittlerweile mit einem Kollegen, der von 30 aufgeregten NINERS-Cheerleadern vertrieben worden ist und mit seinem Laptop Asyl sucht. „Dann machen wir es uns heute kuschlig. Die Klimaanlage funktioniert ja zum Glück prima“, sage ich mit einem Lächeln zu ihm und mache mich schmal.

Die Offense der beiden Teams kommt trotz der hitzigen Atmosphäre zunächst nicht wirklich auf Betriebstemparatur. Den Rockets und den Niners ist die große Bedeutung dieses Spiels anzumerken. Egal, wer die ersten oder die letzten beiden Aufeinandertreffen gewonnen hat: Heute geht es um alles. Erst nach sieben Minuten erlöst Malte Ziegenhagen die Massen mit dem ersten verwandelten Dreier des Abends, als die Niners zu einem kleinen Lauf ansetzen und die Jungs hinter uns leicht ausrasten. Ganz zur Unfreude der Dame neben mir, die sich ihre Ohren nur noch weiter zu verbarrikadieren versucht.

Und es wird nicht besser für sie. Die Chemnitzer setzen zu Beginn des zweiten Viertels einen 11:0-Lauf an und gehen deutlich in Führung. Dass die Rockets zu diesem Zeitpunkt keinen Faden in ihr Angriffsspiel bringen können, wissen die Hausherren eiskalt auszunutzen. Auszeit von Coach Ivan Pavic. „Womit werden sie jetzt versuchen ihre ersten Punkte des Viertels zu machen?“, frage ich mich gespannt. Die Antwort liefert Darrel Mitchell. Isolation. Dreier. Foul. Die Rockets sind zurück im Spiel und die Temparatur steigt um weitere fünf Grad. „Ich liebe Basketball.“

Zwei Minuten vor der Halbzeit versenkt Chemnitz‘ Virgill Matthews einen Buzzer Beater von draußen, kurz gefolgt von einem krachenden Alley-Oop Dunk von Martin Seiferth. Die NINERS gehen wieder mit acht Punkten in Führung, die Jungs hinter mir eskalieren und die Dame neben mir… naja ihr wisst schon.

„Wann trifft der Hicks denn endlich mal?“ schreibt mir ein Kollege bei WhatsApp. Gute Frage, denke ich mir, als gerade der nächste Dreier für Chemnitz durch die Reuse fliegt. 36:25 und damit die erste zweistellige Führung des Abends. Als mir kurz darauf das Halbzeit-Scouting gereicht wird, stelle ich fest, dass die Rockets damit noch zufrieden sein können. Nur 29 Prozent ihrer Würfe fanden das Ziel, neun Ballverluste und – wir hatten es bereits festgestellt – null von vier Treffer für David Hicks. Immerhin schickt Coach Pavic seine Jungs nach nur fünf Minuten wieder aus der Kabine. Einwerfen ist angesagt, begleitet von einem Pfeifkonzert der Chemnitzer.

Mit einer der Hardcore-Fans (gibt’s dafür eigentlich eine Gender-Schreibweise?) komme ich kurz ins Gespräch. Kernaussage: „Die Rockets haben keine Identität. Alles nur Einzelkünstler. Unsere Jungs sind nur für uns hier!“ Okay, notiert. Konzentrieren wir uns wieder auf das Wesentliche.

Ein verbessertes Shooting war zwar auch im dritten Viertel nicht zu erkennen, aber die Oettinger Rockets dominieren weiterhin die offensiven Bretter und können somit immer wieder Punkte aus zweiten Chancen erzielen. Die Chemnitzer verteilen, angeführt von Matthews und Carter, ihre Punkte weiterhin auf alle Schultern und lassen insgesamt mit ihrer aggressiven Defense nicht viel anbrennen. Was die Gäste auch versuchen, der Vorsprung schmilzt nie so wirklich. Im Gegenteil: Nach sieben Minuten im dritten Viertel haben die NINERS die höchste Führung des bisherigen Spiels inne (47:35). „Das wird schwer aufzuholen“, stellt mein Stuhlkollege fest.

Die Oettinger Rockets kommen unterdessen immer wieder an der Freiwurflinie zum Zug, aber auch die sichersten Schützen um Darrel Mitchell und Grant Gibbs scheitern kläglich. Als daraufhin einer der Jungs hinter mir mein Kopfschütteln mitbekommt, nehme ich mir vor, weniger Emotionen zu zeigen. Leichter gesagt, denn kämpferisch liefen beide Mannschaften zunehmend zur Höchstform auf. „Ein Basketball-Leckerbissen ist das hier nicht gerade“, sage ich vor mich hin. Die Stimmung und die Intensität des Spiels sind dafür absolut unglaublich. Kein Wunder, dass es auch die Fans auf den beiden Tribünen nicht auf ihren Sitzen hält. Am liebsten wäre ich auch aufgesprungen. „Ruhig bleiben!“

Als das letzte Viertel startet, zeigt das Scoreboard sieben Punkte Vorsprung für die NINERS Chemnitz. „Noch zehn Minuten bis zur Bundesliga“, heißt es hinter mir. Und plötzlich spielen die Gäste Basketball. Mit jedem Spielzug, den die Oettinger Rockets nun fahren, wird die Hartmann-Halle ungeduldiger. NINERS-Coach Rodrigo Pastore arbeitet energisch an der Seitenlinie und versucht seine Jungs zu ordnen. Der kleine aber feine Vorsprung ist aber schon dahin.

Durch den unermüdlichen Max DiLeo verkürzen die Thüringer ihren Rückstand auf zwei Punkte und gleichen kurz darauf erst durch Robert Oehle und nach Chemnitzer Punkten wieder durch Darrel Mitchell aus. 56:56. Noch vier Minuten und dreißig Sekunden auf der Uhr. Jetzt wird es ernst.

Rockets-Point Guard Darrel Mitchell entscheidet sich zu diesem Zeitpunkt, das gesamte Spiel an sich zu reißen und ballert nur Augenblicke später den nächsten Dreier durch den Ring. 56:59 und die erste Gästeführung im Spiel seit dem Anfangsviertel. Angesteckt von den Jungs im Rücken geht mir „Da-rrel Mit-chell, Fuß-ball-gott“ durch den Kopf. Was zur Hölle? Egal, es ging eh schon weiter. Nämlich mit dem nächsten Dreier von Mitchell.

Die komplette Richard-Hartmann-Halle steht Kopf. Der Spielverlauf ist ad absurdum geführt. Plötzlich sind die Oettinger Rockets da. Auf Seiten der NINERS beweist Chris Carter im nächsten Spielzug ganz große Eier und versenkt einen wilden Dreier zum erneuten Ausgleich. 64:64. Noch 40 Sekunden. Der folgende Angriff der Oettinger Rockets wird von einem gellenden Pfeifkonzert begleitet, wie ich es noch nie erlebt habe. So laut war es noch nie beim Basketball. „Das nenn‘ ich mal Heimvorteil…“.

Was die Oettinger Rockets mit ihrem letzten vollständigen 24-Sekunden-Angriff anstellen würden, ist klar. Die ganze Halle schaut auf den 33-jährigen Mann aus Louisiana, der nach einem erzwungenen Switch vom 19-jährigen Jonas Richter verteidigt wird. Und er liefert. „DA-RREL MIT-CHELL“ schickt auch seinen vierten Dreier im Schlussviertel durch die Reuse und erhöht 27 Sekunden vor dem Ende auf 64:67.

Oettinger Rockets Robert Oehle

Ausgerechnet Joe Lawson, der letzte Saison noch das blaue Trikot trug, ist es dann, der einen extrem wichtigen Wurf für Chemnitz aus der Ecke nimmt. Zu kurz. Der Rebound landet bei Oehle. Und plötzlich heißt es: Noch 6,5 Sekunden bis zur BBL für die Oettinger Rockets! Die Hasstiraden der NINERS-Fans gegen den Center der Rockets ufern ins Bodenlose. Der lässt sich davon nicht beirren und verwandelt beide Freiwürfe sicher. „Gut so Robert“, versuche ich meinen Puls zu beruhigen.

Einen vielumjubelten letzten Dreier durch Matthews zum 67:69 später müssen die NINERS feststellen, dass die 0,6 verbliebenen Sekunden nicht mehr viel versprachen. Max DiLeo wird an die Linie geschickt, versenkt den ersten und wirft den zweiten gekonnt auf den Ring. Es ist vorbei!

Während sich Robert Oehle sein Jersey vom Leib reißt, kämpfe ich mich an den Cheerleadern vorbei, laufe aufs Parkett und starte mit zitternden Händen das Facebook Live Video.

„Zwei-te Liga, Chemnitz ist dabei“, hallt es mir aus dem blauen Block entgegen. „Die NINERS haben eine unglaubliche Saison hingelegt und hätten den Aufstieg irgendwie auch verdient gehabt“, geht es mir durch den Kopf. „Aber die Jungs sind ja sowieso nur für die Fans hier“, fällt mir dann wieder ein, sodass ich mich guten Gewissens den jubelnden Raketen zuwenden kann, die sich von ihren Fans feiern lassen. Was für ein Abend!

Oettinger Rockets Dirk Kollmar

In Gedenken an Dirk Kollmar, Macher und Urvater des Gothaer Basketballs, der heute genau vor drei Jahren, viel zu früh von uns gegangen ist.

Wie im Märchen: Oettinger Rockets steigen in die BBL auf!
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