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O Captain, my Captain

12.11.2017 || 11:46 Uhr von:
Matthias Grothe ist im Alter von 39 Jahren gestorben. Ramona Neohoridis war auf der Trauerfeier, die im Sinne Grothes mehr eine Party sein sollte, und das Parkett seine Kirche.

Ein ganz normaler Donnerstagmittag. Eigentlich. Noch auf der Hinfahrt nach Iserlohn entspanntes Plaudern mit alten Weggefährten von Phoenix Hagen. Der zugestiegene JBBL-Coach Alex Nolte bringt ein altbewährtes Männerthema auf den Plan: Autos. Ich kann nicht mitreden, aber lausche gespannt und traue mich eine typische Frauenfrage einzuwerfen: „200 PS? Braucht ,Mann‘ das überhaupt?“ Ungläubiges Staunen der Fahrzeuginsassen ist die Folge.

Ja, es ist alles wie immer, bis zur Ankunft an der neuen Iserlohner Hemberghalle. Hier wird klar, so ganz normal ist dieser Tag nicht. Alte Bekannte und auch Unbekannte in den Farben von Phoenix Hagen und mit traurigen Mienen schlendern am Auto vorbei, meine Mitfahrgelegenheit fragt sich mit trübem Blick: „Welches meiner Trikots ziehe ich an?“ Die Wahl fällt auf das mit der Unterschrift einer kürzlich verstorbenen Basketball-Ikone: dem Hagener Headcoach Matthias Grothe.

Schon vor der Halle herrscht betretene Stimmung. Dieser Anlass – eine Trauerfeier – ist keiner, an der sich die Freude über das Wiedersehen alter Bekannter einstellt. Schlimmer wird es noch in der Halle. Es ist recht leer, wir sind zu früh und werden von dem sich bietenden Anblick schier überrollt. Aufgebahrt in einem Sarg, direkt auf der Mittellinie, ein weiterer alter Weggefährte: Matthias Grothe. Über ihm eine Leinwand mit einem Bild, wo eben dieser zu Lebzeiten scheinbar fröhlich in der Trainer-Kluft der Iserlohn Kangaroos geradezu auf uns herablächelt.

So schön die Assoziation auch ist, die sich im nächsten Gedankengang bietet, zeigt sich hier der sprichwörtliche Kloß im Hals. Diese unwirkliche Situation ist wahr. Es ist unumkehrbar. Ein junger Mann (39), Vater, Trainer, Freund, ein Vorbild ist von uns gegangen. Während ich auf meiner Bank sitze und mein Blick immer wieder vom Sarg auf die Leinwand wandert, prescht diese Wahrheit immer weiter in mein Bewusstsein vor. Das stumpfe und eindringliche Brummen der Belüftungsanlage der Halle tut sein übriges. Dieser tranceartige Zustand wird nur kurz durch meine Sitznachbarin unterbrochen: „Wenn es schon für uns so schlimm ist, wie muss es dann erst für die Familie sein?“ Ein scheußlicher Gedanke…

Wie jung und modern der Verstorbene war, zeigt sich auch an der Musik, die all die bedrückende Stille nach einer gefühlten Ewigkeit endlich unterbricht. Aus den Boxen dröhnt Soul-Ikone Erykah Badu mit dem Song „Love Of My Life“. Nun verändert sich auch der Ausblick auf die Leinwand. Minutenlang sehen wir Fotos aus dem Privatleben der Familie Grothe. Glückliche Momente zwischen Matthias, Ehefrau Maja, den Kindern Sophie (16) und Phillip (8) sowie anderen Familienmitgliedern und Freunden. Nicht nur das, sondern auch John Legends „All of me“ treibt so manchem Besucher die Tränen in die Augen. Inklusive mir.

Unterbrochen werden die hippen musikalischen Einspielungen sowie die Eindrücke auf der Leinwand gelegentlich durch diverse Ansprachen eines Pfarrers, Michael Dahmen (dem Chef der Kangaroos), der andeutete, dass die neue Hemberghalle eventuell nach Grothe benannt werden solle, und Matthias‘ besten Freundes. Alle erzählen von ihren Erinnerungen und werden nicht müde zu erwähnen, dass Matthias keine klassische Trauerfeier wollte. Eine Party habe er sich gewünscht, und das Parkett sei seine Kirche gewesen. Auch wenn (logischerweise) nicht so recht Partystimmung aufkommen will, lockert sich die Situation mit jeder weiteren Rede. Langsam fängt es an, sich nicht mehr wie ein trauriges Ereignis anzufühlen. Langsam mausert sich die Veranstaltung zu einem durchaus geselligen Nachmittag, an dem viele und vor allem gute Erinnerungen ausgetauscht werden.

Dies nicht zuletzt, weil die Redner allesamt sehr herzlich und offen über Matthias Grothe und ihre Erinnerungen sprechen. Womit sie uns teilhaben lassen, an ihrem Leben mit diesem Menschen, der ihnen so viel gegeben hat. Erst die Ansprachen von Tochter Sophie und Ehefrau Maja lassen den Kloß im Hals wiederkehren. Zwei starke, junge Frauen erzählen von ihrem Leben mit dem geliebten Vater und Ehemann. Natürlich brechen sie und auch der kleine Phillip zwischendurch in Tränen aus, was den Saal nur noch mehr mitfühlen lässt. Sophie erzählt, was ihren Papa so einzigartig gemacht hat, und Maja berichtet aus den letzten Tagen der Liebe ihres Lebens. Auch hier wieder: herzliche Offenheit und ebenso ein Gespür für all diejenigen, die Matthias (fast) ebenso vermissen werden, obwohl sie nicht zur Familie gehören.

Diese Empathie lässt selbstverständlich noch immer keine Partystimmung aufkommen, erinnert aber auch an die Dinge jenseits der Traurigkeit. Denn spätestens, als Maja Grothe alle dazu einlädt, nach vorne zu kommen und sich von ihrem Matthias zu verabschieden, fällt wohl auch dem letzten auf, wie viele Herzen der langjährige Jugendtrainer berührt hat. Menschen aller Altersklassen vergießen Tränen, umarmen sich oder geben sich Halt. Die Botschaft, dass ein Leben voll ausgekostet werden muss und dass wir alle helfen können, das Andenken an Matthias Grothe zu wahren, indem wir unser Leben ein bisschen an seinen Werten ausrichten, ist angekommen. Werte wie: niemals aufgeben, an seine Träume glauben und seinen Platz im Leben finden und annehmen. Genau deswegen möchte ich eines los werden:

Liebe Familie Grothe,
liebe Maja,
liebe Sophie und lieber Phillip,

ich hoffe, ihr schaut nicht mit Gram auf diese Trauerfeier zurück. Auch wenn wir es alle nicht geschafft haben, aus diesem Anlass eine Party zu machen. So habt ihr es doch geschafft, ähnlich wie euer Matthias, die Herzen eurer zahlreichen Zuhörer (ca. 800) zu berühren. Ihr habt es geschafft, dass Matthias nicht wegen seiner Krankheit oder seines viel zu frühen Ablebens im Mittelpunkt steht bzw. in Erinnerung bleiben wird. Ihr habt die Menschen auf das aufmerksam gemacht, was wirklich zählt: Matthias hat in seinen 39 Jahren mehr Menschen glücklich gemacht, als so manch einer mit „normaler“ Lebensspanne.

Matthias war nicht nur ein herausragender Basketballspieler, ein Mann mit Ehrgeiz, sondern auch ein gutmütiger Riese, der sein Wissen nur zu gerne teilte. All das, um jungen Talenten den Weg zu ebnen, damit diese ebenfalls an ihre Träume glauben und ihren Platz im Leben finden und annehmen können. Diese Hommage an das Leben eures geliebten Menschen mag keine Party gewesen sein, doch ich bin sicher, dass der Denkanstoß für alle ebenso in seinem Sinne gewesen ist. Jetzt sind die Anderen dran, sich ein Beispiel zu nehmen und etwas aus euren und den eigenen Erinnerungen an Matthias Grothe zu machen, das diesem Andenken gerecht werden kann.

Ich jedenfalls werde mich bemühen, die mit Matthias getroffenen Absprachen in Ehren zu halten. Ich bin Ramona Neohoridis, ehemalige Courtsiderin, ehemalige PR-Assistentin von Phoenix Hagen und große Bewunderin einer starken Familie.

O Captain, my Captain
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