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Der Pate des Basketballs

23.11.2008 || 00:00 Uhr von:

Für einen Lehrer und Head Coach gibt es am Ende wohl nichts Größeres, als die Fackel an jene Menschen weiterzugeben, welche von einem lernten. Vor allem, wenn es sich dabei um einen Lehrer wie Pete Newell handelt, der den Basketball so sehr liebte, dass auch dessen eigene Gesundheit zurückstecken musste. Im Jahre 2005 – etwa vier Jahrzehnte nach Ende seiner Karriere als Head Coach – wurde ihm ein Teil seiner Lunge entfernt, da Newell auf Grund seines langen Zigarettenkonsums an Krebs erkrankt war.

Als Peter Francis Newell am vergangenen Montag, den 17. November 2008, im Haus seines Arztes und ehemaligen Spielers Earl Schultz im kalifornischen Rancho Santa Fe im Alter von 93 Jahren verstarb, waren auch dessen Schüler Jerry West und Bobby Knight an Newells Sterbebett zugegen. Leider konnte sich Newell sowohl von West – der für seine eigene Autobiographie Newell besuchen wollte – als auch von Knight – der nach einem Anruf Wests über den Tod ihres Lehrmeisters gekommen war – nicht mehr persönlich verabschieden. Für Knight, selbst eine lebende Legende des College-Basketballs, hatte niemand einen größeren Einfluss auf den modernen Basketball: „Niemand trug mehr zu diesem Spiel und seine Geschichte bei als Pete Newell.“ In den frühen Jahren Newells konnte dies jedoch noch niemand erahnen.

Die jungen Jahre

Anfang der 1930er Jahre steckt der organisierte Basketball nicht nur in seinen Kinderschuhen, auch die US-Amerikaner haben nach der Wirtschaftskrise andere Sorgen. Im Leben des Peter Francis Newell spielt das orangene Leder zu Beginn eine untergeordnete Rolle. Der am 3. August 1915 in Vancouver geborene Kanadier wächst in Los Angeles auf – zu einer Zeit, in sich der Schwerpunkt der Filmindustrie in den Westen der USA verlagert. So malt sich auch Petes Mutter eine Schauspielkarriere ihres Sohnes aus. Dabei hasst Pete das Schauspielern, wie er später erklären wird. „Alles, was ich tun wollte, war zu Hause zu sein und Basketball zu spielen.“ Dennoch steht Pete als Kind in einigen Filmen vor der Kamera; unter anderem sogar in Charlie Chaplins „The Kid“ von 1921, in welchem Jackie Coogan seinen großen Auftritt hat. Dabei wird der junge Newell sogar für dessen Rolle in Betracht gezogen.

Jedoch ist seine Kindheit nicht wirklich von eitel Sonnenschein geprägt: Er prügelt sich häufig mit Kindern, die sich über seinen Haarschnitt lustig machen. Bereits im Alter von zehn Jahren spielt Newell Poker und trinkt Kaffee in großen Mengen. Schon damals scheint die Gesundheit an zweiter Stelle zu stehen. Als Seekadett auf einem Dampfschiff kommt er mit 19 Jahren zwar um die Welt und bereist Shanghai, Hongkong, Manila und Singapur, jedoch erlebt er wenig später in Diensten der Marine das Grauen des Zweiten Weltkrieges. Und so jagt Newell auch nur wenige Jahre dem Basketball hinterher, und zwar sowohl an der Highschool als auch am College von Loyola Marymount. Dabei hat der Forward meist mehr Fouls als Punkte auf seinem Konto. Als er vom Krieg letztendlich zurückkehrt, wird der Korbsport immer mehr zum Mittelpunkt Newells Schaffens.

Ein jähes Ende

Bereits 1946, im Alter von gerade einmal 31 Jahren, wird Newell zum Head Coach der University of San Francisco ernannt. Dabei trainiert er nicht nur die Basketballmannschaft, sondern auch Studenten in Baseball, Tennis und Golf. In insgesamt vier Jahren kann er eine Bilanz von 70 Siegen und 37 Niederlagen aufweisen. In seinem dritten Jahr als Übungsleiter der Dons gewinnt der Sportllehrer mit seiner Mannschaft das National Invitation Tournament (NIT), das zur damaligen Zeit mindestens auf einer Stufe mit dem NCAA-Turnier steht. Im Finale besiegt Newell dabei seine Alma Mater mit 48:47. Als Markenzeichen führt Newell dabei seine Zonen-Press-Verteidigung ein, welche für einige Mannschaften als Vorbild dienen sollte. Des Weiteren setzt er auch vermehrt schnelle, aber kleinere Spieler ein – zu einer Zeit, in der die Big Men dominieren.

Nachdem er von 1950 bis 1954 an der Michigan State University aktiv ist, wechselt Newell anschließend wieder an die Westküste. Bis zum Jahre 1960 steht er in Diensten der University of California at Berkeley, die er zu vier Pac-8-Titeln in Folge führt. Zweimal hintereinander dringen die Golden Bears dabei sogar ins NCAA-Finale vor, das sie 1959 auch gewinnen können. Auf dem Weg zum Titel schlägt Newells Mannschaft, die selbst keine wirklichen Stars in ihren Reihen hat, im Halbfinale Cincinnati mit Oscar Robertson, während im Finale Jerry West in Diensten West Virginas das Nachsehen hat. Im Jahr darauf beweisen die Bears, dass dies keine Eintagsfliege gewesen ist, als sie beide Teams mit ihren Stars ein weiteres Male schlagen. Im Endspiel erweist sich Ohio State, in deren Reihen Jerry Lucas, John Havlicek und Bobby Knight stehen, aber als zu stark, so dass es zu keinem Repeat kommt.

Wer weiß, wie viele Titel Newell noch hätte gewinnen können, aber nach der Spielzeit 1960 raten ihm die Ärzte, die Vollzeitarbeit als Head Coach aufzugeben. Newell ist gerade einmal 44 Jahre alt. Während der Saison „ernährt“ sich der Coach nämlich hauptsächlich von Kaffee und Zigaretten. Während der Spiele sieht man ihm seinen schlechten Gesundheitszustand nicht an, doch am Ende seiner Coaching-Karriere kann er kaum etwas essen, ohne sich danach zu übergeben. Die Tip-Offs der Begegnungen verpasst er des Öfteren, da er lange Zeit vom Tabak in den Katakomben gehalten wird. Des Weiteren gönnt sich Newell auf seinen nächtlichen Streifzügen in örtlichen Piano-Bars und Kneipen nicht viel Schlaf. Er ist dabei meist allein unterwegs.

Dabei scheint er einfach zu sehr vom Basketball in den Bann gezogen zu werden. Selbst kleinste Details beschäftigen ihn ständig. Dr. Jack Ramsay, der 20 Jahre in der NBA als Head Coach tätig ist, erinnert sich beispielsweise an ein Telefonat, das er in den frühen Jahren Newells als Head Coach mit diesem geführt hat. Dabei klärt ihn Newell auf, welchen Fuß man als Standbein bei einem Einwurf benutzen solle.

Auch wenn er seine Laufbahn als Coach beenden muss, kann Newell noch einen letzten großen Erfolg feiern: Im Sommer 1960 gewinnt er mit dem Team USA die Gold-Medaille bei den Olympischen Spielen in Rom. Im Kader stehen dabei unter anderem mit Oscar Robertson, Jerry West und Jerry Lucas Spieler, die kurz davor noch mit ihren College-Teams gegen von die Newell trainierte Mannschaft angetreten sind. Auf dem Weg zum Titel besiegen die US-Amerikaner ihre Gegner mit durchschnittlich 24 Punkten Unterschied. Mit dem Gewinn einer olympischen Goldmedaille steigt Newell endgültig zu den ganz Großen seiner Zunft auf. Er ist der erste Head Coach überhaupt, der ein olympisches, das NIT-, und das NCAA-Turnier gewinnen kann. Nach ihm sollte dies nur noch Dean Smith und Bobby Knight gelingen.

Die Zeit danach

Auch wenn Newell sich nicht mehr dem Stress eines Head Coaches aussetzen darf, so bleibt er dem Basketball weiterhin treu. Von 1960 bis 1968 arbeitet er zunächst als „Athletic Director“ in Berkeley – jener Universität, für die er zuletzt auch als Coach aktiv gewesen ist. Danach arbeitet er vier Jahre als General Manager (GM) der San Diego Rockets, die 1971 nach Houston umsiedeln. Während seiner vierjährigen Zeit in Diensten der Los Angeles Lakers (1972 bis 1976) zeichnet er als GM hauptverantwortlich für den Trade, der Kareem Abdul-Jabbar nach Kalifornien bringt.

Da Newell mehr Zeit mit seiner Frau Florence verbringen möchte, geht er 1976 in Rente – nur um kurz danach als Berater und Verantwortlicher des Spielerpersonals bei den Golden State Warriors anzuheuern. Er braucht das Geld, um die Krankenrechnungen zu zahlen, da es Florence immer schlechter geht. 1984 stirbt seine Frau. Nach der Zeit bei den Warriors – Newell soll sogar zum Teil für den Namen „Golden State“ verantwortlich sein – ist er dann noch einige Jahre als Scout bei den Cleveland Cavaliers tätig.

Einen wohl noch größeren Einfluss hat Newell nach seiner Karriere als Coach durch seine Big Man Camps. Die Etablierung dieser Trainingseinheiten hat Newell dabei zu großen Teilen Kermit Washington – welcher wohl vor allem wegen seines Knockouts an Rudy Tomjanovich 1977 bekannt sein dürfte – zu verdanken. Der Forward, der im Draft 1973 von den Los Angeles Lakers an fünfter Stelle gezogen wird, fragt nach drei enttäuschenden Spielzeiten bei Newell bezüglich eines persönlichen Trainings nach. So verbessert Washington in der Spielzeit 1976/77 seine Werte im Vergleich zur Vorsaison von 3,4 auf 9,7 Punkte und von 4,6 auf 9,3 Rebounds. Und so hat es Washington auch Newell zu verdanken, dass er es vom Bankspieler zum Starter schafft und sogar einmal im All-Star Game (1980) auflaufen darf.

Im Laufe der Jahre sollten immer mehr Big Men das Camp Newells besuchen – pro Jahr wollen etwa stets 25 Frontcourt-Spieler vom Altmeister lernen. Ob James Worthy, Bill Walton, Hakeem Olajuwon oder Shaquille O’Neal – die Liste der Teilnehmer bringt einige All-Stars hervor.

So ist es nicht verwunderlich, dass Newell auch bald in die Ruhmeshalle des Basketballs eintreten darf. Im Jahre 1979 erfolgt die Aufnahme in die Hall of Fame. Doch nicht nur im Mutterland macht sich Newell einen Namen. Er hilft in Japan dabei, ein nationales Basketballprogramm zu entwickeln, so dass ihm 1987 eine große Ehre zuteil wird: Mit dem Orden des Geheiligten Schatzes wird er mit einer der größten Auszeichnungen des Landes geehrt.

Ehre, wem Ehre gebührt

Newell waren solche Auszeichnungen, Geld oder das Scheinwerferlicht aber nie wichtig. Während seiner Zeit in Berkeley beispielsweise riefen alle seinen Namen, wenn sie Newell sahen und applaudierten ihm sogar. „Gott, ich hasste das. Ich zucke noch immer zusammen, wenn ich meinen Namen höre“, so Newell bescheiden. Selbst große Geschenke konnte er nur widerwillig annehmen: Als Kermit Washington und Kiki Vandeweghe, der auch als einer der ersten Spieler das Big Man Camp besuchte und derzeit als General Manager der New Jersey Nets tätig ist, ihm einen silbernen Datsun 280Z mit einem persönlichen Nummerschild schenkten, verkaufte Newell später das Auto, behielt aber das Nummernschild.

Für seine Big Man Camps ließ sich der Altmeister zudem auch nicht entlohnen. Laut Jeff Fellenzer, dem Präsidenten der Pete Newell Challenge – einem College-Basketball-Turnier, das jährlich zu Ehren Newells ausgetragen wird –, wollte Newell einfach ein Zeichen in Richtung der NBA-Akteure setzen, dass es nicht um Geld gehe. Für Newell selbst war es auch die Liebe zum Basketball, die bei ihm im Vordergrund stand: „Ich schulde es dem Spiel. Ich kann nie zurückzahlen, was das Spiel mir gegeben hat.“ Dabei gab Newell in seiner Laufzeit auch seinen Mannen viel zurück. Nicht nur auf dem Feld, sondern auch abseits des Parketts. So beschreiben Jerry West und Bobby Knight Newell auch als eine Art Vaterfigur. Und sie sind sicherlich nicht die Einzigen gewesen.

Newell war es einfach wichtig, sein Wissen weiterzugeben. Ein vermeintlich kurzer Austausch endete dabei meist in einem langen Gespräch, wobei es immer der Lehrmeister war, der viel zu erzählen hatte. Rick Carlisle, derzeit Head Coach der Dallas Mavericks, der auch einmal als Übungsleiter des Big Man Camps arbeitete, hatte einmal folgende Worte für Newell übrig: „Die Möglichkeit, eine Woche mit Pete Newell zu verbringen, ist wie, wenn ein Literaturstudent eine Woche mit Hemingway oder Frost verbringen dürfte. Der Mann ist der großartigste Schatz, den wir in unserem Sport haben. Er ist der Pate des modernen Basketballs.“

Der Pate des Basketballs
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Joe Asberry
Joe Asberry 23. November 2008 um 22:22 Uhr

gute Story, schön erzählt!

Cabalios
Cabalios 25. November 2008 um 20:47 Uhr

sehr guter Artikel. Schön, dass auch immer mal wieder solche „abseitigen“ Geschichten hier zu lesen sind. Daumen hoch. Sehr lesenswert!

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