BASKETBALL.DE ist Partner von Sportforen.de. Ehemalige Nutzer von crossover-online.de und Nutzer von sportforen.de können sich auch auf BASKETBALL.DE mit ihren bestehenden Login-Daten anmelden.
Anmelden oder registrieren

Der chinesische Traum

22.07.2011 || 00:00 Uhr von:

Als Yao Ming das Podium des noblen Shanghaier Kerry Hotel betrat, um seinen Abschied vom aktiven Sport zu verkünden, saß sein Vater Yao Zhiyuan in der ersten Reihe. Vor 32 Jahren hatte der 2,08 Meter große Center mit seinem Shanghaier Team die erste NBA-Auswahl zu Gast in China. Die Washington Bullets um Wes Unseld wurden teilweise wie Außerirdische empfangen. Ob er ein Spion sei, wurde Unseld von einem verdutzten Passanten gefragt.

Drei Jahrzehnte später ist China für viele Beobachter von damals kaum wiederzuerkennen. Basketball, auf Chinesisch „Lan Qiu“, hat sich zum Volkssport Nummer eins entwickelt. Bis zu 200 Millionen chinesische Zuschauer erleben die Spiele der Houston Rockets vor dem heimischen Fernseher. Niemand anderes als Michael Jordan und das Dream Team I haben den Basketball international so geprägt wie Yao Ming.

Eine neue Generation

In den 1980er Jahren strahlte der staatliche Fernsehsender CCTV die ersten NBA-Spiele aus. Während in den USA der Stern Jordans aufzugehen begann, wuchs in China eine neue Generation heran: die Kinder der 80er („Ba Ling Hou“). Neben Yao Ming (1980) gehören auch Hürdensprinter Liu Xiang (1983) und Tennis-Ass Li Na (1982) dazu.

Die Zeit internationaler Isolation hat keiner von ihnen erlebt. Ein-Kind-Politik. Westliche Einflüsse. Individualität. Vieles unterscheidet die „Ba Ling Hou“ von ihren Eltern und Großeltern. Doch auch das zeichnet sie aus: ihr ausgeprägtes Nationalbewusstsein. Der einstmals „schwache Mann Ostasiens“ sollte endlich wieder teilnehmen am Konzert der Großen – politisch wie sportlich.

Liu Xiang und Yao Ming wurden nicht nur zu sportlichen Aushängeschildern der Volksrepublik erklärt, sondern auch zu inoffiziellen Botschaftern ihres nach Anerkennung ringenden Landes. Vor den Olympischen Spielen 2008 trug Yao die Fackel über den Platz des Himmlischen Friedens. Bei der Eröffnungsfeier im Pekinger Vogelnest wählte man ihn zum chinesischen Fahnenträger. Der 2,29 Meter große Riese verkörperte die Hoffnungen einer ganzen Nation und zugleich längst vergessen geglaubte Tugenden.

Mehr als nur Chinas Antwort auf die Weltmacht USA

Yao widersprach den westlichen Klischees klein gewachsener Chinesen, stets zuvorkommend, zurückhaltend und schwach zu sein. Nach einigen Jahren in der besten Basketballliga der Welt ließ es Yao unter dem Korb regelmäßig krachen, schrie nach Dunkings seine Freude heraus, ohne dabei arrogant zu wirken.

Die Houston Rockets katapultierte er zum NBA-Team der Superlative. Im Lichte Yao Mings wurden Steve Francis und Tracy McGrady zu Superstars. Beinahe alle ehemaligen Rockets-Kollegen kamen in den Genuss gut dotierter Werbeverträge (Shane Battier, Luis Scola, Ron Artest, Carl Landry, Patrick Patterson, Kyle Lowry, Steve Francis usw.).

Auch wenn Spieler wie Kobe Bryant, Kevin Durant oder LeBron James sich mittlerweile selber einen Namen gemacht haben – ohne Yao hätten sie ihren Weg nach China nie so schnell gefunden. Er öffnete ihnen das Tor zum Reich der Mitte.

Der Yao-Effekt

In den NBA-Arenen häufen sich die chinesischen Schriftzeichen und Logos chinesischer Unternehmen. Reebok, BMW oder McDonalds nutzen den Namen Yao Mings, um in China Fuß zu fassen. Für David Stern war Yao ein lang erwarteter Glücksfall, sicherte es ihm doch die Aufmerksamkeit des größten Basketballmarktes der Erde. „Er war ein Beleg für die Globalisierung unseres Spiels.“

Doch warum gerade Yao, dieser dünne, damals 22-jährige Center, der 2002 in Houston aufschlug wie ein Unbekannter aus einer anderen, aber reizvollen Welt? Ein Werbegag? Ein Geniestreich des Managements? Warum nicht Wang Zhizhi vor ihm oder Yi Jianlian nach ihm?

Yao Ming war mehr als nur ein chinesischer Basketballspieler. Nicht nur ein Mitläufer wie Wang oder Yi. Yao wurde zum Sympathieträger – in China und in den USA. Die einen faszinierten Yaos Verantwortungsbewusstsein und seine Bodenständigkeit. 2007 heiratete er seine Jugendfreundin, Basketballspielerin Ye Li – nach eigenen Angaben die einzige Freundin in seinem Leben. Jeden Sommer kehrte er pflichtbewusst zur chinesischen Nationalmannschaft zurück, Verletzungen hin oder her. Mit seiner „Yao Foundation“ kümmert er sich um jugendliche Opfer des verheerenden Erdbebens in Sichuan.

Yao, der Boss

Andere begeisterte sein Unternehmergeist – eine Eigenschaft, die traditionell den Shanghaiern zugeschrieben wird. Sechs Jahre in Folge führte er die Forbes-Liste der berühmtesten und reichsten chinesischen Stars an. Sein jährliches Einkommen wird auf 50 Millionen US-Dollar geschätzt. Auf seiner Facebook-Seite präsentiert sich der Geschäftsmann Yao im feinen Zwirn. Mehr als einer Millionen Fans „gefällt das“. Yao betreibt Restaurants, investiert in Musikplattformen im Internet und kaufte 2009 sein altes CBA-Team. Die Shanghai Sharks rettete er damit vor dem sicheren Ruin.

In den Augen seiner Landsleute ist Yao Ming ein Vorbild, verkörpert den „chinesischen Traum“ wie kein anderer. Nun möchte er das Management der Sharks übernehmen. Den Trainer Bob Donewald hat er bereits gefeuert. Ob er einige seiner ehemaligen NBA-Kollegen von einem Lockout-Intermezzo in Shanghai überzeugen kann?



Vermittler zwischen den Welten

Auch in seiner Wahlheimat USA wurde Yao von Fans und Spielern geschätzt. Zu seinem Abschied meldete sich Shaquille O’Neal per Videobotschaft bei ihm: „Ich werde dich vermissen, Bruder!“

Was wird nun aus der NBA ohne Yao Ming. Yi Jianlian hat sich als Nachfolger nicht aufgedrängt, ein weiterer Exportschlager ist bislang nicht abzusehen. Braucht es überhaupt einen zweiten Yao? Haben sich die chinesischen Jugendlichen nicht längst an Namen wie Dwight Howard gewöhnt? Für den Moment scheint es keines Türöffners wie Yao Ming zu bedürfen. Sein Feld ist bestellt. Basketball boomt. Für den Moment. Möchte sich der Sport langfristig in Ländern wie China, Indien oder auch Deutschland durchsetzen, werden neue, frische Helden gebraucht.

[ein Rückblick auf Yaos NBA-Karriere]

Der chinesische Traum
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren
Diggler41
Diggler41 22. Juli 2011 um 20:45 Uhr

"Im Lichte Yao Mings wurden Steve Francis und Tracy McGrady zu Superstars."

Beide waren doch Stars bevor Yao in die Liga kam? Oder liege ich da falsch?

Clodewich
Clodewich 22. Juli 2011 um 21:24 Uhr

Stars in China. Vor kurzen gab Steve Francis sogar noch ein Gastspiel in der CBA, weil dort sein Namen noch Gewicht hatte…leider hat er es ordentlich in den Sand gesetzt!

ComebackKid
ComebackKid 22. Juli 2011 um 23:19 Uhr

"Im Lichte Yao Mings wurden Steve Francis und Tracy McGrady zu Superstars."… Sorry, aber das hier ist schon fast eine beleidigung für Tracy McGradyMAn kann vieles schreiben was Yao alles für Houston war, aber das ist eine Übertreibung. Tracy wurde Superstar als Yao noch in CHina gezockt hat und zwar in Orlando. "002/2003 der beste Scorer der Liga….ohne yao.

Clodewich
Clodewich 23. Juli 2011 um 10:47 Uhr

Wie schon geschrieben, steht Yao sportlich nicht auf einer Stufe mit Spielern wie Kobe Bryant oder auch mit Abstrichen Tracy McGrady. Aber seine internationale Bedeutung ist nicht zu überschätzen. Tracys Trikot wurde in China lange Zeit zum bestverkauften überhaupt…sicherlich nicht, weil er in Orlando Topscorer war, sondern weil die hälfte aller ausgestrahlter Spiele in China Rockets-Partien sind. Und auch Kobe Bryant hat vom Yao-Effekt profitiert.

ComebackKid
ComebackKid 24. Juli 2011 um 12:37 Uhr

die tatsache bleibt trotzdem die, dass Tracy schon in Orlando zum Superstar wurde. Der Verkauf von seinem Trikot in china unterschtreich nur diese Tatsache. Klar, ist es Yao zu verdanken weil er eben die Spieler von rockets und die gesamte NBA ich china ein stück attraktiver gemacht hat.Jedoch sind die Spieler wie Tracy, Kobe usw auch ohne den Bekanntheitsgrad in china, absolute superstars (gewesen).

Basketball.de - Footer-Icon
entwickelt von Markenwirt, Werbeagentur Bamberg
Copyright 1998-2017 BASKETBALL.de. Alle Rechte vorbehalten. Für den Sport!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.