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„Hausaufgabenhilfe für Basketballer“ – Misan Haldin und sein Little Rookie-Programm

08.12.2016 || 10:34 Uhr von:
Misan Haldin (ehem. Nikagbatse) hat mit der aktiven Karriere abgeschlossen – und gibt heute Individualtraining für Kids. basketball.de traf den ehemaligen Nationalspieler zum Interview.

Kaum eine Laufbahn eines deutschen Basketballers wurde so kontrovers beäugt, wie die des Misan Haldin. Streetball-Hintergrund, tätowiert, Straßen-Attitüde: Teile der deutschen Basketballszene hatten ihr Enfant terrible gefunden, eine einseitige Berichterstattung tat ihr Übriges. Die Kehrseiten dieser Karriere zum wiederholten Male aufzurollen, wäre mühselig – zumal es auch schlichtweg Spannenderes zu erzählen gibt. Denn der WM-Bronzemedaillen-Gewinner von Indianapolis hat sein eigenes Basketball-Projekt ins Leben gerufen.

Arbeit an Details

Es begann mit einem Freundschaftsdienst. Ein Bekannter suchte lediglich einen Basketballer, der seinem Sohn Rouvie im Einzeltraining dabei hilft, seine individuellen Skills zu festigen und weiter zu verbessern. Über einen gemeinsamen Freund entstand der Kontakt zum ehemaligen Nationalspieler Misan Haldin. „Dass daraus eine dauerhafte Trainingsmöglichkeit entsteht, hätte ich damals nicht gedacht“, so der Bekannte heute. Zumal der Anfang kein leichter war: „Vor dem ersten Training habe ich einen kompletten Plan für 60 bis 80 Minuten Training erarbeitet. Und dann stand da eben ein achtjähriger Junge vor mir (lacht). Wir haben Zeit gebraucht, um uns aneinander anzupassen“, sagt Haldin rückblickend.

Rund drei Jahre später steht er am Samstagmorgen mit Rouvie in einer Basketball-Halle in Berlin-Wilmersdorf. Auf dem Programm steht der Sprungwurf aus dem Dribbling. Zu dem mittlerweile Elfjährigen haben sich weitere basketballbegeisterte Kids gesellt, denen das Training im Verein nicht genug ist. „Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses Programm aus einem Bedarf heraus entstanden ist“, resümiert Rouvies Vater, der das Little Rookie-Projekt mittlerweile finanziell unterstützt.

Zäune und Hallenwarte

Die Möglichkeiten, von ehemaligen Basketballprofis individuell und intensiv betreut zu werden, habe es zuvor nicht in dieser Form gegeben. Die Arbeit an wichtigen Details wie Fußarbeit, dynamischeren Bewegungsabläufen und Ballhandling könne hier intensiver betrieben werden. „Wenn man in Deutschland außerhalb der Trainingszeiten Basketball spielen möchte, muss man oftmals immer noch über Zäune klettern oder hoffen, dass der Hallenwart ein Auge zudrückt“, so Rouvies Vater weiter. „Wir können hier die kleinsten Details in ihre Einzelteile zerlegen und immer wieder üben. Dafür haben wir den Ort und die Zeit kreiert“, beschreibt Haldin sein Projekt.

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Als Kritik am Vereinsbasketball ist das Angebot dennoch nicht zu verstehen: „Ich würde Little Rookie eher als ‚Hausaufgabenhilfe‘ betrachten – und die steht ja auch nicht in Konkurrenz zur Schule“, erklärt Rouvies Vater. Das Programm sei schlichtweg eine Ergänzung zum Training in den Vereinen: „Als Spieler kommst du zu uns, weil du Träume und Ziele hast, und wir helfen dir mit allem was wir haben, diese wahrzumachen und zu erreichen. Es ist ein ständiger Austausch“, sagt Haldin. Das Ziel seines Projekts sei es nicht, die bestehenden Vereinsstrukturen aufzubrechen. Den Spielern sollen lediglich Möglichkeiten geboten werden, neben dem Training im Kollektiv noch besser an dem eigenen Spiel arbeiten zu können.

„Jeder kann dir beibringen, wie man durch die Beine dribbelt. Aber wie strukturierst du ein Training?“

Haldins extrovertierter Spielstil, für den der Berliner in seiner aktiven Laufbahn mehrfach kritisiert worden ist, sei dabei ein großer Vorteil für die jungen Spieler und Spielerrinnen. Er vermittelt Kreativität und ein Verständnis des Spiels. Außerdem habe der Silbermedaillengewinner der EuroBasket 2005 „die grundsätzliche Fähigkeit, Basketball akademisch zu betrachteten. Er nimmt Bewegungsabläufe ganz anders wahr. Er sieht genau, wie sich die Füße und Hüften bewegen oder wenn die Schulter mal zu weit nach vorne greift“.

Im Interview spricht Misan Haldin über sein Programm, Talentförderung in Deutschland und was für ihn als Spieler einen guten Coach ausgemacht hat.

Wie war die Transition zum Coaching für dich? Als Spieler weiß man, an welchen Defiziten man noch arbeiten muss, wenn zum Beispiel der Wurf nicht fällt. Wie ist das beim Coaching?

Es ist der Hammer. Ich habe mein Leben lang Basketball gespielt und wurde mitunter von den besten der Welt gecoacht. Dabei hat sich über die Jahre ein gewisses Verständnis entwickelt. Ich habe mit meinen 34 Jahren einfach schon eine Ruhe beim Coachen, weil ich fast alles schon erlebt und verinnerlicht habe. Was beim Coachen wirklich interessant ist, sind Dinge wie die Vermittlung. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Ich musste herausfinden, wie ich es hinbekomme, meine Botschaften auf den Punkt zu bringen. Anfangs habe ich mich öfters an einzelnen Punkten aufgehangen. Darin wird man mit der Zeit besser. Jeder kann dir beibringen, wie man durch die Beine dribbelt oder einen Linkskorbleger macht. Aber wie strukturierst du eigentlich ein Training? Wie arbeitest du auf etwas hin? Was sind die Ziele mit dem einzelnen Spieler? Wie erreichen wir diese? Das Skillset war schon immer da, in der Arbeit habe ich dann aber gemerkt, dass man auch ein Talent für den didaktischen Teil braucht. Ich habe gemerkt, dass ich einfach auch eine hohe Vermittlungsgabe habe und darin total aufgehe. Ich freue mich extrem, wenn ich es geschafft habe, den Kids etwas beizubringen, das sie auch in der Folgewoche noch drauf haben. Andere Aspekte, auf die ich sehr viel Wert lege, sind die Einstellung und der Wille des Spielers.

Konntest du von den Coaches aus deiner aktiven Laufbahn für dieses Training etwas mitnehmen, oder lassen sich diese Erfahrung nicht eins-zu-eins auf diese Art von Workout übersetzen?

Doch, du kannst es auf jeden Fall übersetzen – aber auch wiederum nicht, weil unser Training nichts mit dem im Verein zu tun hat. Trotzdem habe ich mir in Sachen Herangehensweise, Vermittlung oder Schwerpunktlegung einiges von meinen Coaches bei der Nationalmannschaft oder der Euroleague abgucken können.

Was hat für dich als Spieler einen guten Coach ausgemacht?

Er muss auf dich eingehen. Im Verein bist du natürlich als Mannschaft unterwegs. Da geht es für den Coach darum, das Bestmögliche aus einem Kollektiv herauszuholen. Wenn du einen Coach hast, der genau das tut, aber trotzdem noch eine gewisse Packing Order innerhalb des Teams kreieren kann und den einzelnen Spielern genug Vertrauen gibt, dann hast du eigentlich den ultimativen Coach. Alles steht und fällt mit der Vertrauensbasis. Wie viel Vertrauen gibt er dir? Wie viel Vertrauen hat er generell in seine Spieler? Und dementsprechend lässt er sie dann auch Dinge selbst entscheiden. Mir war es immer wichtig, dass mein Coach sehr kommunikativ ist.

Hat sich denn der Coachingstil in den verschiedenen Ländern, in denen du gespielt hast, voneinander unterschieden?

Ja, aber ich würde das gar nicht so an den einzelnen Ländern festmachen. Ich habe unter vielen Coaches gespielt, die international fast überall unterwegs waren. Es gibt einfach zig verschiedene Arten und Philosophien, wie man Basketball umsetzt. Generell konnte ich aber schon erkennen, dass das Spiel im Ausland schneller ist. Da sucht man schneller den Ausstieg in der Offense, das Ballmovement ist schneller. Ich weiß allerdings nicht, ob das an den Coaches lag oder ob das einfach der Stil der jeweiligen Ligen ist.

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„Ich hielt den Job des Coaches lange für den undankbarsten der Welt“

Hattest du als Spieler Schlüsselmomente, die dafür gesorgt haben, dass du heutzutage selbst im Coaching aktiv bist?

Ich hielt den Job des Coaches lange für den undankbarsten der Welt. Weil eigentlich willst du ja den Ball selbst dunken und nicht den Anderen sagen, wie sie das zu machen haben. Damals war das für mich überhaupt nicht interessant. Das Programm, das wir hier haben, legt seinen Schwerpunkt sehr stark auf das Skill Development und auf den direkten Austausch zwischen Coach und Spieler. Da steckt ganz viel Kommunikation drin. Deswegen ist es auch sehr privat und intim und somit anders, als eine Mannschaft zu coachen. Ich sehe mich deshalb auch weit davon entfernt, irgendwann mal ein Team zu trainieren. Dafür habe ich einfach zu wenig Erfahrung.

Also siehst du dich in Zukunft auch nirgendwo an der Seitenlinie?

Ich will den Kids Basketball beibringen. Ich will Ideen entwickeln und ihnen andere Möglichkeiten bieten. Ich glaube, dass das, was ich hier geschaffen habe, der Ausgleich zu dem ist. Das ist ein sehr starker Teil des Sports, der leider oft unter geht, weil es einfach keine Plattform dafür gibt. Man muss sich das so vorstellen: Wir bereiten die Spieler hier so auf, dass sie super zu coachen sind, dass sie wissen, wie sie sich auf dem Court zu bewegen haben und einfach ein gewisses Maß an Selbstvertrauen mitbringen. Früher sind die Coaches zu mir gekommen und haben gesagt: ‚Du bist extrem coachable und verstehst das Spiel. Man kann dir sagen, was du machen sollst und wir sind auf einer Wellenlänge‘. Da habe ich festgestellt, dass zu einem guten Basketballer auch einfach ein Maß an Verstand gehört und dass man nicht nur den Ball in den Korb werfen muss. Dann merkt man, was wirklich Highend-Basketball ist. Dort herrscht eine andere Kommunikation und ein höheres Verständnis für das Spiel. Das versuche ich den Kids hier näher zu bringen.

Wir reden in Deutschland seit gefühlten zehn Jahren konstant darüber, dass deutsche Spieler in der BBL zu wenig Spielzeit bekommen. Hat das nicht zwangsläufig auch mit der vorhergehenden Ausbildung zu tun? Ist das Coaching in Deutschland zu festgefahren? Und ist das, was ihr hier anbietet, eventuell eine Lösung dafür?

Nein, so würde ich das absolut nicht sagen. Ich glaube nicht, dass man diesen Umstand auf die Coaches und den Basketball an sich zurückführen kann. Es gibt genug Basketballvereine und Programme, die die Jugend fördern. Seien es die Regionalauswahlen, JBBL, NBBL und auch die Jugendnationalmannschaften. Da passiert schon einiges. Ich würde nicht sagen, dass das der Grund ist, warum man in der BBL weniger deutsche Spieler auf dem Parkett sieht. In Russland war es eine Zeit lang so, dass nicht nur eine bestimmte Anzahl von Russen im Kader stehen musste, sondern sie mussten auch auf dem Spielfeld sein. Da kommt man dem schon ein bisschen entgegen. Aber es ist natürlich schwer: Wenn du zum Beispiel einen guten Amerikaner holen kannst, ist das eine Gratwanderung. Du willst ja als Verein auch gute Ergebnisse erzielen und möglichst international spielen. Wenn deutsche Talente dann Mangelware sind, ist es für die Vereine nicht leicht. Dann muss man sich wieder stärker auf die Förderung fokussieren. Man muss die Jugend fördern, ausbilden und weiterbringen. Dann werden auch Leute dabei rauskommen, die mit 18 oder 19 eine Bundesligamannschaft schon ein Stück weit tragen können.

„Hausaufgabenhilfe für Basketballer“ – Misan Haldin und sein Little Rookie-Programm
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