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Fiasko in Orange – Fünf Fragen zur Lage des DBB

09.09.2016 || 16:16 Uhr von:
DBB Chris Fleming
Deutschland verliert gegen die Niederlande, Tibor Pleiß verlässt das Team, und die Qualifikation zur EuroBasket 2017 ist unsicherer denn je. basketball.de stellt fünf Fragen.

Yannick Franke reißt beide Arme in die Luft, lässt einen amtlichen Flex folgen und setzt mit Roeland Schaftenaar zum donnerndem High Five an. Kann man mal machen, wenn man seine Niederlande 1:53 Minuten vor Schluss mit 12 Punkten in Front schießt. Wohlgemerkt mit Ablauf der 24-Sekunden-Uhr, in Oberhausen, gegen Deutschland. Am Ende verlieren die Jungs von Chris Fleming mit 71:75 gegen den Vierundachtzigsten der FIBA-Weltrangliste und müssen nun tatsächlich um die Qualifikation für die EuroBasket 2017 bangen. Willkommen auf dem Parkett der Realität.

Um die Niederlage richtig einordnen zu können, „lohnt“ sich jedoch die Zeitreise zurück zum vergangenen Samstag in den Wiener Vorort Schwechat. Dort wurden Zipser und Co über drei Viertel nicht nur phasenweise vorgeführt. Dass man nicht schon in der Multiversum Arena die erste Niederlage der EuroBasket-Qualifikation hinnehmen musste, verdankt man einem guten Schlussviertel und einer plötzlich eiskalten Österreichischen Wurfhand.

Anders als am Samstag gab es diesmal jedoch keinen Turnaround im Schlussabschnitt. Die Niederländer spielten zu abgezockt und schlichtweg zu gut für den DBB. Ein Satz, der weh tut – und zusammengenommen mit den Eindrücken aus dem Österreich-Spiel sowie dem „Rücktritt“ Tibor Pleiß‘ Fragen aufwirft, die diskutiert werden müssen.

1. Wer ist der Go-to-Guy dieses Teams?

Wer übernimmt Verantwortung, wenn das Spiel, wie am Mittwoch, aus den Händen gleitet? Wer reißt die Offensive an sich, wenn der Rhythmus bei den Mitspielern fehlt? Fragen, die die Mannschaft aus dem Spiel heraus noch nicht beantworten konnte. Gegen Österreich klappte das Comeback dank einer kollektiven Leistungssteigerung im letzten Viertel, gegen die Niederländer blieb der letzte Push aus. Basketball ist ein Teamsport, der oftmals durch individuelle Leistungen entschieden wird oder entschieden werden muss. Man sollte meinen, dass es innerhalb des deutschen Kaders mit Spielern wie Zipser, Theis oder eben auch Maodo Lo Akteure gibt, die auf diesem Niveau Spiele entscheiden können – bisher blieb der Beweis dafür leider aus.

2. Wie bewertet man Pleiß‘ Abflug in die USA?

Ganze 14 Minuten und 37 Sekunden. Länger ließ Coach Fleming seinen (ehemaligen) NBA-Center in Oberhausen nicht auf dem Parkett – und das hat seine Gründe. Bereits in Österreich wirkte der 2,18 Meter große Pleiß schlichtweg überfordert. Rasid Mahalbasic machte in der Zone was er wollte, der deutsche Center fand weder körperlich noch spielerisch Antworten. Nicht einmal 12 Minuten ließ ihn Fleming in Schwechat auf dem Parkett. 6,3 Punkte bei einer Wurfquote von 35,7 Prozent – so lesen sich Pleiß‘ magere Zahlen aus den ersten drei Partien der Qualifikation, die für ihn nun auch die einzigen bleiben werden. Ob die geringen Einsatzzeiten nach Absprache zustande kamen? Ahnte man beim DBB bereits, dass Pleiß das Team nach der Qualifikations-Hinrunde verlassen wird? Laut Pressemitteilung wusste man zumindest, dass so eine Situation eintreten könne. Der Spieler bezeichnet den Zeitpunkt selbst als unglücklich, seine Chance auf die NBA-Rückkehr wolle er trotzdem nutzen. In der Tat muten der Zeitpunkt und der Umstand des „Rücktritts“ komisch an. Weder befindet sich die deutsche Nationalmannschaft in Sachen Qualifikation in ruhigem Fahrwasser, noch machte Pleiß mit außerordentlich guten Leistungen auf sich aufmerksam. Gründe für eine Rückkehr in die beste Liga der Welt? Sucht man vergebens. Anstatt den Karren aus dem Dreck zu ziehen, kümmert sich der Center um den Fortbestand seiner Karriere. Ganz oder gar nicht? Eher halb und unfertig.

Während man vor zwei oder drei Jahren etwaige Mängel in seinem Spiel mit einem optimistischen Blick in die Zukunft vertuschte, muss damit langsam aber sicher gut sein. Tibor Pleiß ist mittlerweile 26 Jahre alt, hat eine Saison bei den Utah Jazz hinter sich und den Anspruch, auch im kommenden Jahr auf selbigem Level zu spielen. Er muss sich dementsprechend mit einem anderen Maßstab messen lassen, als in den vorherigen Sommern bei der Nationalmannschaft. Pleiß ist nicht mehr das Talent, das im Schatten von Nowitzki zum Führungsspieler des DBB reifen soll, sondern ein gestandener Profi, der diese Mannschaft mitführen muss. Eine Rolle, in die der vereinslose Big Man anscheinend immer noch nicht passt. Niemand sollte einem Profisportler verübeln, das Beste aus seiner Karriere zu machen. Dem Wert der Nationalmannschaft tut dieser Move jedoch alles andere als gut.

3. Ist Bastian Doreth als Backup Point Guard wirklich alternativlos?

Maodo Lo ist zurecht eine der größten Hoffnungen auf der deutschen Aufbauposition. Bereits in dieser Qualifikation reißt der 24 Jährige mehr als 26 Minuten pro Spiel ab. 12 Punkte sowie fünf Assists pro Partie sind dabei auch ordentliche Werte, von den natürlicher Weise eher mittelmäßigen Quoten mal abgesehen. Muss der Berliner durchatmen wird es jedoch wackelig auf der Eins. Bastian Doreth, erster Backup auf der Point Guard Position und emotionaler Antreiber von der Bank, kann die Abwesenheit eines Lo’s nicht einmal im Ansatz kompensieren. In 13 Minuten produziert der Bayreuther weniger als einen Punkt pro Partie, bei einer Feldwurfquote von 16,7 Prozent. Während die Mäkel in der Offense dank der Qualität der Mitspieler weniger zum Tragen kommen, sieht Doreth vor allem vor dem eigenen Korb immer wieder schlecht aus. Charlon Kloof stellte den 27 Jährigen vor unlösbare Probleme und schenkte ihm in weniger als drei Minuten neun Punkte ein – Four Point Play inklusive. Der extra aus den USA rekrutierte Makai Mason kam in den letzten beiden Partien nicht mehr zum Einsatz. Er agiere Chris Fleming im Aufbau zu fehlerhaft. Die Frage muss erlaubt sein, warum der Student der Yale University angesichts der Leistungen von Bastian Doreth wirklich keine Chance verdient. Vielleicht hätte man Kloof mit wechselnden Verteidigern aus dem Konzept bringen können. Chris Fleming entschied sich dagegen.

4. Ist die deutsche Offense zu ausrechnungsfähig?

Wenig Penetration, noch weniger Fastbreaks. Insgesamt agiert die DBB-Auswahl in der Offense sehr Setplay-lastig. Gegen gut vorbereitete Teams wie die Niederlande womöglich das falsche Rezept. Die Holländer fanden auf so gut wie jedes System der deutschen Mannschaft eine Antwort und machten ihr mit wechselnden defensiven Formationen das Leben enorm schwer. Vor allem das fehlende Tempo in der deutschen Offense machte sich immer wieder bemerkbar. Statt nach dem eigenen Rebound eine überfallartige Transition aufzuziehen, suchte der DBB immer wieder sein Heil in den eigenen Systemen, die in der Folge oftmals nur mangelhaft zu Ende gelaufen wurden. Das Spielermaterial für eine schnelle Offensive ist jedoch vorhanden. Lo, Theis, Giffey – alles Spieler, die in vollem Lauf Fouls ziehen- oder die gegnerische Defense überrennen können. Hier traut sich die deutsche Mannschaft schlichtweg zu wenig.

5. Was macht Hoffnung für Qualifikations-Rückrunde?

Die Mannschaft weiß selbst am besten, wo sie ansetzen muss. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls das selbstkritische und reflektierte Postgame-Interview von Robin Benzing bei Michael Körner. Selbstverständlich hat der deutsche Kader auch immer noch die höchste Qualität in dieser Qualifikationsgruppe. Man muss darauf hoffen, dass die richtigen Lehren aus der Fast-Niederlage gegen Österreich und der Niederlage gegen die Niederländer gezogen werden. Es wird spannend zu beobachten, welche Schlüsse Coach Fleming aus den beiden Spielen zieht. Bekommt Mason seine Chance? Kriegen Heckmann und Giffey mehr Minuten? Wie fällt der Ausfall von Tibor Pleiß ins Gewicht? Fragen, auf die der Coaching-Stab und seine Mannschaft in den verbleibenden drei (End)spielen Antworten finden muss. Es wird höchste Zeit.

Fiasko in Orange – Fünf Fragen zur Lage des DBB
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Norbert.Thimm
Norbert.Thimm 10. September 2016 um 12:43 Uhr

Der deutsche Männer- und Nachwuchsbasketball krankt daran, dass bei allen Variationen von Pick and Roll keine BIG MAN korbnah/low spielen oder einfach keine da sind – bis auf Kaman!

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