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Wen interessiert’s…

14.09.2017 || 12:40 Uhr von:
Das beste Turnierergebnis seit einem Jahrzehnt. Doch wen interessiert das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft um einen neuen Anführer überhaupt? Ein Kommentar.

Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft hat bei der EuroBasket 2017 die beste Turnierleistung seit einem Jahrzehnt abgeliefert. Wäre nicht Spaniens marcant-dominanter Schlussspurt im dritten Viertel gewesen, hätte nach Frankreich vielleicht auch der amtierende Europameister fallen können. Nach einer holprigen Vorbereitung führte der Coaching-Stab um den scheidenden Bundestrainer Chris Fleming die Truppe punktgenau zur EM zu ihrem Leistungshöhepunkt.

Doch wen interessiert das wirklich? Die Zuschauer in Istanbul kaum. 1.845 Menschen verfolgten das Viertelfinalduell zwischen Deutschland und Spanien im 16.000 Zuschauer fassenden Sinan Erdem Dome; gar nur 1.060 Leute nahmen beim Achtelfinalspiel des DBB-Teams gegen Frankreich in der Arena Platz. Der Zuschauerschnitt bei deutschen EM-Partien lag bei 2.761. Zum Vergleich der der BBL-Saison 2016/17: 4.424.

„Nicht mehr beobachtet, käme er sich […] bedeutungslos sinnlos vor“

Gut, wenn interessiert schon eine deutsche Nationalmannschaft in Israel und der Türkei? Dafür konnten die Basketballinteressierten doch alles zuhause verfolgen… von wegen, zumindest nicht im Free-TV. Immerhin sicherte sich Telekom Sport die Übertragungsrechte und zeigte alle deutschen Spiele sowie weitere EM-Partien kostenfrei. Doch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde kein einziges Länderspiel übertragen – Rundfunkauftrag hin oder her (immerhin gab es zum Spanien-Spiel einen Einminüter in der Tagessschau). Der langjährige Deal zwischen Telekom Sport und der FIBA sichert uns Basketball-Nerds Länderspiele en masse, doch wie sieht es mit der ÖR-Sichtbarkeit aus?

In Tel Aviv war das Öffentlich-Rechtliche dennoch mit einem zweiköpfigen Kamerateam vor Ort – als einziges aus Deutschland. Der Rechteinhaber war hingegen gar nicht erst in Tel Aviv. Vor vier Jahren bei der EM in Slowenien waren gar noch zwei Camera-Crews dabei. Mit Blick auf den Medientribünensitzplan in der Vorrunde waren rund 15 Journalisten aus Deutschland auszumachen – doch zu Turnierstart war gerade einmal gut die Hälfte davon anwesend. Es hat natürlich etwas, nach einem Mannschaftstraining mit dem Bundestrainer unter acht Augen zu sprechen.

Medial hätte die deutsche Nationalmannschaft sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Ob das am zuletzt holprigen Abschneiden in der EM-Quali liegt, darf bezweifelt werden. Denn trotz einiger Absagen kann man diesem Team sportliches Potential nicht absprechen. Vielleicht ist und bleibt der Basketballkreis einfach ein kleiner. Als würde man sich auf dem Freiplatz treffen, ein wenig zocken, aber ohne Publikum, und dann wieder nach Hause gehen – ein Punktspiel ist es eh nicht.

„Nicht mehr beobachtet, käme er sich nicht beachtenswert, nicht beachtenswert nicht geachtet, nicht geachtet bedeutungslos, bedeutungslos sinnlos vor“, schrieb Friedrich Dürrenmatt einmal.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Journalisten vor Ort haben es nicht immer leicht: viele arbeiten als Freie, die O-Ton-Möglichkeiten sind kurz, und Themen müssen abgenommen werden. Dann werden die sportlichen Aussichten auf ein Weiterkommen auch mal nebensächlicher als die Handblessur des einzigen „NBA-Stars“.

Der natürlich auch im Boulevard stattfinden muss. Assoziationen zu „Dennis Schröder“ und „EM“? Bargeld, Frisör, Forderungen? Müssten es nicht vielmehr Führungqualitäten, Scoring-Dominanz sein? Eine „Untold Story“ zu Schröder? Wie wäre es mit seinen angenommenen Offensiv-Fouls, seinem Hechten nach Lose Balls.

Schröder offenbart einen Spielertyp, den Basketballdeutschland so noch nicht gesehen hat. Der Point Guard spielt allein dadurch teamdienlich, dass er individuell mit seinen Drives attackiert, die gegnerische Defense zum Rotieren zwingt, ihr Zusammenfallen forciert. Mit Schröders Speed scheint das Scoring so einfach, als würde er mit seinen Drives den Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ auf Hartholz bannen.

Wie Schröder seine Mitspieler eingesetzt, heiße Akteure wie Daniel Theis gegen Frankreich gesucht, im Pick-and-Roll das Tempo bestimmt, in der Zone mit dem Floater agiert hat – das zeugt von so viel Fortschritt auf europäischer Ebene im Vergleich zur 2015er EM. Schröder war Anführer eines kollektiv schon jungen Teams, in dem er der viertjüngste Spieler war!

Sicherlich ist sein Spiel damit nicht perfekt – das wird Schröder selbst wissen, wie kein anderer. An seinem Sprungwurf wird er solange arbeiten, bis seine Verteidiger nicht immer konstant unter dem Block beim Pick-and-Roll gehen. Einige Ballverluste resultieren aus Schlampigkeit, mitunter nimmt sich Schröder verbal noch selbst aus dem Spiel. Letzteres macht ihn aber auch so. Ohne Selbstbewusstsein wäre er nicht den kontinuierlichen Weg gegangen, der da heißt: NBA-Starterrolle und 70-Millionen-Dollar-Vertrag. Vor gut vier Jahren zockte er noch bei einem BBL-Mittelklasseteam, das sich mehr am Klassenerhalt als an den Playoffs orientiert.

Hat Deutschland nicht einen neuen Anführer gesucht? Da ist nun einer, der sich seiner treu bleibt, und dann passt es wieder nicht. Deutschland: Land der Dichter und Denker, oder vielmehr der Hater und Heuchler? Das hatte Schröder sicherlich nicht gemeint, als er vor dem EM-Sommer davon sprach, das „deutsche Feeling“ zu suchen.

„Das ist mir alles zu blöd, ich will einfach nur Basketball spielen“

Das „deutsche Feeling“ sollte aktuell dennoch positiver Natur sein, wenn man eine sportliche Basis zu Grunde legt. Das gilt auch und gerade mit Blick in die Zukunft. Man stelle einfach mal einen U25-DBB-Kader zusammen und kommt dabei auf Spieler wie Schröder, Maodo Lo, Paul Zipser, Maxi Kleber, Theis, Johannes Voigtmann, Danilo Barthel, Johannes Thiemann, Isaiah Hartenstein, Patrick Heckmann sowie Nachwuchsnationalspieler Moritz Wagner, Kostja Mushidi, Isaac Bonga, Oscar Leon Da Silva, Louis Olinde, Nelson Weidemann, Richard Freudenberg, Niklas Kiel, David Krämer und, und, und.

Wie die DBB-Kader in Zukunft aussehen werden, wird auch abseits des Parketts entschieden. Man sollte den aktuellen Erfolg wertschätzen und genießen, denn in zwei Monaten wird schon wieder ganz anders über Nationalmannschaften gesprochen werden. Dann kommt es zu den ersten WM-Qualispielen – während der Vereinswettbewerbe, womit NBA- und auch EuroLeague-Spieler fehlen werden. Mindestens sechs Spieler des diesjährigen EM-Kaders können nicht dabei sein.

„Das ist viel zu viel Politik, es geht darum: Wer ist der Mächtigere? Das ist mir alles zu blöd, ich will einfach nur Basketball für die Nationalmannschaft spielen“, stellte Joe Voigtmann gegenüber der DPA den Sport in den Vordergrund – welcher hinter Politik und Geschäft oft zurücktreten muss.

Vielleicht zeigt sich im Basketball auch die Frage nach der Henne und dem Ei: Kommt erst der sportliche Erfolg der Nationalmannschaft, womit der Sport dann mehr in den Fokus rückt? Oder müssen erst Typen geschaffen, Geschichten geschrieben werden, um einen Fokus zu erreichen, in dem dann der Sport stattfinden kann? Wir wollen doch auch nur über Basketball schreiben. Oder?

Die Nationalmannschaft wird von Verbandsseite gerne als Lokomotive des Sports interpretiert, deswegen auch die Sichtbarkeit während der Vereinssaison. Doch es klafft eine große Lücke zwischen Theorie und Praxis. Vielmehr läuft man Gefahr, dass die Nationalmannschaft nicht als treibende Lokomotive mit Hochgeschwindigkeit nach vorne fährt, sondern als verspäteter ICE mit Störung im Betriebsablauf herumtuckert. Aber wen interessiert das schon.

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