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Gänsehautentzündung

21.09.2017 || 16:50 Uhr von:
Goran Dragic, Emotionen
Es gibt kaum noch echte Emotionen im Sport, heißt es. Fast alles dreht sich um Geld und Titel. Umso schöner, wenn es Ausnahmen davon gibt, schreibt Simon Linder.

Das Interview beginnt, und Robert Lewandowski hat einen klaren Plan. Er fordert Investitionen in die Mannschaft, sonst werde der FC Bayern im Kampf um den Champions-League-Titel auf Jahre hin hoffnungslos unterlegen sein. Via SPIEGEL erklärt der Bayern-Stürmer nicht nur der interessierten Öffentlichkeit, sondern auch seinem Arbeitgeber, wie die Sportwelt heute funktioniert. Sein Fazit: Im Endeffekt geht es nur um zwei Dinge – Geld und Erfolg.

Beim Lesen dieses Interviews entsteht ein Gefühl, das sich irgendwo zwischen Bestätigung und Enttäuschung ansiedelt. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Kohle und Titel die beiden Hauptfaktoren bei der Rekrutierung neuer Spieler sind. Gleichzeitig schmerzen Lewandowskis Aussagen aus sportromantischer Perspektive. Es wird deutlich: Echte Emotionen sind im Sport kaum noch vorhanden.

Gespielte Emotionen

Menschen jubeln im Stadion ein zweites Mal, extra für das Snapchat-Selfie. Und sogar noch ein bisschen lauter, um zu zeigen, wie sehr Fan sie sind. Auf dem Feld küsst der Torschütze das Wappen, das er seit einem halben Jahr auf der Brust trägt. Den Verein wird er vielleicht im kommenden Sommer schon wieder verlassen. Und wenn die Fußballer des FC Bayern chinesischen Boden betreten, rastet eine Hundertschaft rot gekleideter Menschen am Flughafen völlig aus und kreischt allen im Radius von einem halben Kilometer einen Tinnitus ins Ohr.

Nahezu alle Sportler nehmen diese Entwicklung gelassen hin. Wieso auch nicht, die öffentlichkeitswirksam vorgebrachte Leidenschaft vieler Menschen bringt ihnen bares Geld, und es ist nicht verwerflich, dieses Spiel mitzuspielen. Sie lächeln für die Frontkameras, geben hier und da ein Autogramm. Sie haben sich gewöhnt an die irreale Zuneigung, die ihnen jeden Tag entgegenschlägt. Momente, in denen Sportler wirklich emotional werden, sind rar. Aber sie sind es wert, gefunden und geteilt zu werden. Denn auch im Jahr 2017 ist Sport immer noch mehr als Geld und Titel.

Ein altes Trikot

Das Interview beginnt, und Goran Dragic hat überhaupt keinen Plan. Eigentlich kann er sich denken, was auf ihn zukommt. Denn der Reporter hält ein blaues Trikot der New Jersey Nets mit der Trikotnummer 3 in der Hand. Es ist die Nummer von Drazen Petrovic, seit seinem Tod wurde sie bei den Nets nie wieder vergeben. Dragic ist sieben Jahre alt, als der Mozart des Basketballs bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Die Trauer ist groß in der Basketballwelt.

Doch Petrovic verschwindet nicht einfach in Legendengeschichten, er bleibt für viele Menschen – vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien – ein Held, für viele Spieler eine Inspiration. Als Dragic nun nach dem Gewinn der Europameisterschaft von Petrovics Mutter ein getragenes Trikot ihres Sohnes geschenkt bekommt, kann der NBA-Star seine Tränen kaum noch zurückhalten. Ein Stück Stoff, einstmals getragen von einem Helden. Ein kleiner Moment, ganz ohne Inszenierung, im Video notdürftig hinterlegt mit etwas Klavier-Geklimper, das es gar nicht bräuchte. Die großen, echten Emotionen: Es gibt sie noch.

Gänsehautentzündung
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