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Skal Labissière: ein Semester Achterbahn

30.05.2016 || 14:49 Uhr von:
Skal Labissière ist mit immensen Erwartungen in die Saison gestartet – und konnte diese nur selten erfüllen. Dennoch ist der 20-jährige Haitianer eines der interessantesten „Projekte“ im Draft 2016.

Name: Skal Labissière
Position: Big Man
College: Kentucky
Größe: 2,13 m
Gewicht: 98 kg
Alter: 20
Armspannweite: 2,19 m

Die Freshman-Saison von Skal Labissière hätte eigentlich ganz anders verlaufen sollen. Das Gesicht der Kentucky Wildcats hätte er sein sollen, der direkte Nachfolger von Big Man-Talenten wie DeMarcus Cousins, Anthony Davis und Karl-Anthony Towns, die im Wildcats-Dress bereits als „One-and-done“-Freshmen dominierten. Er hätte eine Schlüsselfigur sein sollen bei jenem Team, das viele Experten vor Saisonbeginn als Titelfavorit Nummer eins bezeichneten. Und er hätte Ben Simmons und Brandon Ingram Feuer machen sollen im Rennen um die Draft-Krone 2016.

Stattdessen standen für den Haitianer nach Ende seiner ersten und einzigen College-Basketball-Saison nur relativ bescheidene 6,6 Punkte, 3,1 Rebounds und 15,8 Minuten pro Spiel zu Buche. Noch vor dem Jahreswechsel, im letzten Spiel der Non-Conference-Saison, wurde der 2,13-Meter-Mann von Head Coach John Calipari sogar aus der Startformation gestrichen. In den darauf folgenden 18 Spielen von der Bank erzielte Labissière lediglich 4,1 Punkte pro Partie, ehe er kurz vor Saisonende wieder in die Startformation berufen wurde und gegen Florida (11 Pkt, 8 Reb), LSU (18 Pkt, 9 Reb, 6 Blk), Alabama (7 Pkt, 5 Reb) sowie im NCAA-Tournament gegen Stony Brook (12 Pkt, 4 Reb, 6 Blk) und Indiana (4 Pkt, 5 Reb) sein Talent einige Male aufblitzen ließ.

Trotz einer – gemessen an den immensen Erwartungen – insgesamt enttäuschenden College-Karriere dürften die Leistungen von Skal Labissière somit gerade gut genug gewesen sein, um im NBA-Draft 2016 noch als legitimer „Upside-Pick“ durchzugehen.

Offense

Zu sagen, dass Skal Labissière dem Offensivspiel der Kentucky Wildcats selten seinen Stempel aufdrücken konnte, wäre untertrieben. Zwar hatte er mit einer Usage Rate von immerhin 22,1% neben den balldominanten Guards Jamal Murray (27,1%) und Tyler Ulis (23,1%) den höchsten Wert im Team. Absolut gesehen gab es jedoch nur drei Spiele, in denen der Haitianer zwölf oder mehr Versuche aus dem Feld verbuchte: direkt zu Saisonbeginn gegen die weniger namhaften Gegner vom NJIT (26 Punkte), Wright State (13) und der Boston University (16). Weder gegen renommiertere Gegner wie Duke, Ohio State und Louisville noch in den meisten SEC-Spielen spielte er hingegen offensiv eine Rolle.

Aus einem rein spielerischen Problem entwickelte sich dabei sukzessive auch ein mentales, das sich in einer zunehmenden Verunsicherung des Youngsters manifestierte. Neben der Mentalität des Spielers und dem Umgang seines Coachs dürften hierbei auch die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt haben. Erst langsam konnte Labissière im Saisonverlauf wieder sein Selbstvertrauen aufbauen und zuweilen auch offensive Akzente setzen.

Einer seiner besseren Auftritte gelang Labissière in seinem sechsten SEC-Spiel gegen Arkansas, wo er elf Punkte erzielte und einige seiner Fähigkeiten unter Beweis stellte. Dabei sticht dem Beobachter zuerst ins Auge, mit welcher Leichtigkeit der Haitianer seine 2,13 Meter über das Parkett bewegt. Nicht nur im Fastbreak kann er problemlos mit den kleineren Guards mithalten. Auch als Springer hebt er mühelos und schnell vom Boden ab und schließt – sofern er eine freie Bahn hat – über Ringniveau ab:

Das offensive Potential von Labissière stützt sich jedoch insbesondere auf seine Fähigkeiten aus der Mitteldistanz, wo er den Fadeaway…

…und Sprungwurf…

…treffen und aus dem Dribbling kreieren kann:

Zwar verwandelte Labissière keinen seiner beiden Dreierversuche im Wildcats-Trikot, doch seine Quoten bei langen Zweiern und Freiwürfen sowie seine solide Wurfform legen nahe, dass er seine „Shooting Range“ potentiell bis in den Dreierbereich ausbauen kann. Damit könnte sich Labissière auch zu einer gefährlichen Option aus dem Pick-and-Pop entwickeln, wo sich der Blocksteller nicht zum Ring sondern nach außen abrollt, um den langen Sprungwurf zu verwandeln:

Größere Probleme offenbart Labissière hingegen in unmittelbarer Ringnähe, wo seine Trefferquote (67,3%) laut hoop-math.com trotz seiner beeindruckenden Kombination aus Athletik, Körperlänge und Wurfgefühl deutlich hinter der seiner Vorgänger Towns (75,7%), Trey Lyles (74,4%) und Willie Cauley-Stein (72,7%) sowie seiner Teamkollegen Marcus Lee (82,5%) und Alex Poythress (79.8%) lag.

Zwar verfügt Labissère über einen soliden Baby-Hook und Fadeaway-Sprungwurf am Zonenrand und zeigt gelegentlich gute Ansätze mit dem Rücken zum Korb. Die ihm zugedachte Rolle des Low-Post-Scorers vermochte Labissière jedoch nur selten adäquat auszuüben. Hierbei machte sich insbesondere seine fehlende Masse und Durchsetzungsfähigkeit bemerkbar, die ihm gegen Spieler mit vergleichbarer Körperlänge (wie Dukes Marshall Plumlee) Probleme bereitete:

Defense

Das Problem der fehlenden Masse und Durchsetzungsfähigkeit macht sich auch auf der defensiven Seite des Parketts deutlich bemerkbar – und auch hier kann das Aufeinandertreffen mit Duke als Gradmesser dienen. Bereits in der dritten Minute ließ sich Labissière dabei von Amile Jefferson zu leicht unter den Korb drängen, wurde beim Defensivrebound vollkommen überwältigt und beging schließlich ein unglückliches „And-1“-Foul an Plumlee:

Eine Minute später war Labissieère, nachdem er zunächst (erfolglos) auf den Block spekuliert hatte, beim Defensivrebound außer Position und ließ die einfachen Punkte von Plumlee zu:

Und wenige Sekunden später ließ sich der Freshman von Plumlee zunächst davon abhalten, Brandon Ingrams Penetration zu verteidigen, ehe er den Defensivrebound abgab und ein weiteres Foul beging:

Auch in den Zahlen spiegeln sich Labissières Schwächen am defensiven Brett wider. Zwar steigerte sich seine Reboundrate in der zweiten Saisonhälfte merklich, doch mit einem Saisonschnitt von nur 14,6 Prozent griff er nur marginal mehr Defensivrebounds ab als Guard Isaiah Briscoe – und weitaus weniger als etwa Karl-Anthony Towns (22,3 DRB%) oder Ben Simmons (26,8 DRB%).

Somit ist Skal Labissière in der Verteidigung vor allem auf die Rolle des Shotblockers reduziert, in der er sich als Freshman im Saisonverlauf steigern und zeitweise überzeugen konnte – nicht nur bei seiner Sechs-Block-Gala gegen LSU:

So ist er mit 4,2 „Rejections“ je 40 Minuten der beste Shotblocker unter den Top-Big Men in diesem Draft, knapp vor Michigan States Deyonta Davis (3,9) und deutlich vor Diamond Stone (2,8), Marquese Chriss (2,6), Brice Johnson (2,1), Jakob Pöltl (2,0), Henry Ellenson (1,8), Domantas Sabonis (1,1) und Ben Simmons (0,9).

Auch seine Blockrate von 10,3 Prozent kann sich sehen lassen, wobei sich Skal Labissière diesbezüglich noch nicht ganz auf dem elitären Niveau eines Towns (11,5%), Nerlens Noel (13,2%) oder Anthony Davis (13,7%) befindet. Alles in allem lässt sich jedoch festhalten, dass seine Fähigkeiten als Shotblocker zu seinen größten Trumpfkarten zählen.

Spielstil

Zu Saisonbeginn versuchte Head Coach John Calipari seinen Schützling in die Rolle von Karl-Anthony Towns zu zwängen und setzte ihn regelmäßig am Zonenrand ein. Dieses Experiment war nicht von Erfolg gekrönt, sodass schließlich auch Calipari ein Einsehen hatte. Während Labissière in der ersten Saisonhälfte laut hoop-math.com noch rund 40 Prozent seiner Wurfversuche in unmittelbarer Ringnähe verbucht hatte, war dieser Anteil in der zweiten Saisonhälfte nur noch etwa halb so hoch.

Stattdessen fokussierte sich der Haitianer vermehrt auf sein Mitteldistanzspiel. So ist die zukünftige offensive Rolle von Skal Labissière wohl auch als „Shooting-Big“ zu sehen, der von der Power-Forward- oder Center-Position das Spielfeld mit seinem Mitteldistanzwurf (und vielleicht auch von jenseits der Dreierlinie) auseinanderzieht, langsamere Big Men aus dem Dribbling attackieren kann und gegen kleinere Gegenspieler seine Längenvorteile nutzt. Zugleich nimmt er defensiv die Rolle des Shotblockers ein – und könnte mit etwas mehr Körpermasse und Spielerfahrung sogar zum Ringbeschützer avancieren.

Als Blaupause für Labissière könnte hier Myles Turner dienen. Turner fiel nach einer durchwachsenen „One-and-done“-Saison in Texas bis an die elfte Draftposition, konnte als Rookie bei den Indiana Pacers jedoch in eben jener Rolle als „Big“ mit Wurf- und Shotblocking-Qualitäten überzeugen. Doch Vorsicht! Sogar Turner war als Freshman mit 10,1 Punkten und 6,5 Rebounds deutlich produktiver als Labissière und verbuchte eine nahezu doppelt so hohe Reboundrate am defensiven Brett (24,9 DRB%). Zudem ist Turner zwar zwei Zentimeter kleiner als der Haitianer (2,13 Meter), aber auch knapp zehn Kilo schwerer und dank einer überlegenen Armspannweite mit einer rund zehn Zentimeter höheren „Standing Reach“ ausgestattet. Insofern sind Zweifel angebracht, ob Labissière – zumindest zu Beginn seiner NBA-Karriere – ähnlich effektiv sein wird, vor allem am defensiven Ende des Spielfelds.

Fazit

Skal Labissière wird den NBA-Entscheidern zweifellos Kopfzerbrechen bereiten. Als agiler „Sevenfooter“ mit lockerer Wurfhand und Shotblocking-Qualitäten erfüllt er die Anforderungen eines modernen NBA-Bigs. Doch mit Ausnahme seiner Blockzahlen war seine Produktion als NCAA-Freshman äußerst mau; sowohl offensiv, als auch in der Verteidigung und am defensiven Brett ließ sich der 98 Kilo leichte Labissière zu leicht herumschieben. Der zukünftige Arbeitgeber wird sich also allem Anschein nach auf eine mehrjährige körperliche, spielerische und mentale Entwicklungsarbeit gefasst machen müssen, ehe der Haitianer sein Potential voll ausschöpfen kann.

Draftrange: Lottery

Trotz einer – gemessen an den Erwartungen – eher enttäuschenden Saison ist Skal Labissières Entscheidung, das College nach nur einem Jahr zu verlassen, aus Draftsicht absolut nachzuvollziehen. Denn wenngleich er wenig Nennenswertes auf dem Parkett geleistet hat, ist er dieses Jahr noch jung genug, um als „Upside-Pick“ gehandelt zu werden. Zwar ist der 20-Jährige mehr als ein Jahr älter als einige der anderen Freshmen, doch als Spätstarter steht er in vielerlei Hinsicht noch am Anfang seiner Entwicklung – sowohl in Sachen Skills und Spielverständnis, als auch körperlich und mental.

Wenn die Top-Bigs um Ben Simmons und Dragan Bender vergeben sind, zählt Labissière – neben anderen Freshmen wie Marquese Chriss und Deyonta Davis – zur Gruppe der „Hop oder Top“-Kandidaten, die in der späten Lottery ihren Namen hören dürften.

Trivia

Skal Labissière wurde am 18. März 1996 in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince geboren, wo er in der Mittelschule mit dem Basketballspielen begann. Im Januar 2010 wurde der damals 13-Jährige bei dem Jahrhunderterdbeben gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Mutter unter den Trümmern seines Elternhauses begraben, wo er erst einige Stunden später – mit Taubheit in den Beinen – von seinem Vater geborgen wurde.

Infolge des Erdbebens wurde Labissière von Gerald Hamilton, dem nicht unumstrittenen Leiter der „Reach Your Dream Foundation“, aufgenommen, der Labissières Vormund wurde. Von der achten bis zur elften Klasse besuchte Labissière die Evangelical Christian School in Memphis, ehe er für sein Senior-Jahr zur Lausanne High School wechselte. Dort erhielt er jedoch keine Spielberechtigung, sodass Labissière in seinem letzten Schuljahr nur für Hamiltons Auswahlmannschaft auflief. Dennoch wurde Labissière von scout.com und rivals.com in seiner Highschool-Klasse an Nummer eins gerankt.

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