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Superstars ohne Titel ? Sidney Moncrief

21.03.2005 || 00:00 Uhr von:

Es gibt Spieler, die den Dreh- und Angelpunkt einer Mannschaft darstellen. Sie dominieren entweder durch ihre vielfältige Offensive oder ragen durch die erstklassige Art ihrer Verteidigung heraus, mit der sie ihre Gegner kaltstellen.

Bei den Milwaukee Bucks spielte zehn Jahre lang ein quirliger Guard namens Sidney Moncrief, der mit der NBA-Franchise aus der amerikanischen Bierhauptstadt auf einer Welle des Erfolgs schwamm. Obwohl in der Postseason immer entweder die Celtics oder Sixers die Oberhand über den Provinzklub behielten, verwöhnten die Bucks die heimischen Anhänger gut sieben Jahre lang mit mehr als 50 Siegen in der regulären Saison. Von 1979 bis 1989 qualifizierten sich die Bucks durchgehend für die Playoffs, und bedeutenden Anteil daran hatte Moncrief, der durch seine Energieleistungen auf beiden Seiten des Courts herausstach.

1979 wählten die Bucks Moncrief an fünfter Stelle im Draft. Sofort begeisterte er die Fans in Milwaukee mit seiner Vielseitigkeit. Er konnte nicht nur werfen und dribbeln, sondern auch aufposten, zum Korb ziehen, rebounden und besonders gut verteidigen. ?Sir Sid? schaffte es fünfmal ins All-Star-Team, aber wie Scottie Pippen und Michael Jordan später las man seinen Namen auch in der Auflistung der Mannschaften des All-Defensive First-Teams. Für diese Auswahl reichte seine herausragende Defensivkunst von 1982 bis 1986. Als die NBA 1983 den Award für den besten Verteidiger ins Leben rief, war die Wahl einfach: Moncrief erhielt den Titel in den ersten beiden Jahren (1983, 1984).

Mit Pippen teilt er aber nicht nur diese Gemeinsamkeit, sondern auch die Heimat. Während der frühere Champion der Bulls aus Hamburg in Arkansas stammt, wuchs Moncrief in East Little Rock, Arkansas, auf. Die Regierung stellte Familie Moncrief Wohnraum zur Verfügung. Sidneys Mutter arbeitete wegen der schlechten finanziellen und sozialen Situation als Hotelangestellte und überließ ihrem Sohn stets eine Liste mit unterschiedlichen Hausarbeiten, die in ihrer Abwesenheit zu erledigen waren. ?So müde sie auch nach der Arbeit war, sie hat sich immer Zeit für Disziplin genommen. Ich musste es richtig machen. Das gab mir eine solide Grundeinstellung.?, meinte Moncrief später in einem Interview. ?Alles, was du zu Hause lernst, nimmst du mit in das Leben. Ich habe es mit auf den Basketballplatz genommen. Ich konnte also keine halbe Sachen machen.?

Auch in der Schule war Sid ein ordentlicher Schüler mit guten Leistungen. Später an der University of Arkansas glänzte er nicht nur in Seminaren, sondern begeisterte durch seine hohe Intensität in der Verteidigung auch Trainer Eddie Sutton. Der Name "Moncrief" verbreitete sich schneller im ganzen Bundesstaat, als dem Spieler lieb war. Bei den Razorbacks warf er in vier Jahren über 60% aus dem Feld, und in seinem letzten Jahr wurde Sir Sid sogar zum All-American gewählt.

Als Profi sollte er unter der Führung von Don Nelson das NBA-Team aus Wisconsin wieder an die Spitze der NBA führen. Gemeinsam mit Center Bob Lanier, den man von den Pistons geholt hatte, glaubte man, ein zweites Duo vom Kaliber Abdul-Jabbar / Robertson in den eigenen Reihen zu wissen. Mit elf Siegen mehr als in der Vorsaison gewannen die Bucks in Sids Rookiesaison ihren ersten von sieben Division-Titeln in Folge. Im ersten Ligajahr brachte es der kleine Shooter auf respektable 8,5 Punkte im Schnitt. Im Folgejahr steigerte er sich sogar auf 14,0 Zähler und die Bucks gewannen in der Saison 1980-81 60 Spiele. In den Playoffs unterlag man Philadelphia in den Semifinals nach sieben harten Spielen und nur einem Punkt Differenz (das siebte Spiel endete 99-98). Der NBA-Titel war nie greifbarer für Monc als in diesem Jahr.

Drei Jahre bei den Bucks reichten Moncrief, um die Liga seine Dominanz spüren zu lassen. Obwohl er wegen seiner kaputten Knie von den Ärzten prophezeit bekam, nur höchstens zwei Jahre auf professionellem Niveau mithalten zu können, rockte er 1981-82 mit 19,8 PpG, 6,7 RpG und 4,8 ApG in 80 Spielen. Diese Spielzeit markierte den Beginn von fünf aufeinanderfolgenden Nominierungen ins All-Star- und All-Defensive-Team.

Seine Athletik und Vielseitigkeit zeigte er über vier Jahre lang mit über 20 Punkten im Schnitt und mindestens 300 Rebounds sowie 300 Assists. Diese Konstanz hat er zum einen seiner disziplinierten Einstellung zu verdanken, zum anderen aber auch seinem Körper, den er immer wieder fleißig mit Eisen stärkte. ?Er war einer der ersten Spieler, die Gewichte gehoben haben?, erinnert sich Teamkollege Brian Winters, der die mentale Einstellung seines Backcourt-Partners bewunderte. ?Er nahm wirklich Rücksicht auf seinen Körper. Deswegen hatte er solch eine lange Karriere.? Beim Bankdrücken stemmte er locker mehr als sein Körpergewicht und mit diesen Muskeln setzte er sich immer wieder gegen größere Spieler am Korb durch, indem er nicht selten einfach über sie hinweg dunkte. Gepaart mit seiner starken Sprungkraft von über einem Meter aus dem Stand griff er sich auf diese Weise mehr Rebounds als andere Spielgestalter seiner Größe.

Die Bucks würdigten Moncriefs Leistungen in der Saison 1984-85 mit dem Druck des Media Guide, auf dem er in einem Superman-Kostüm abgebildet war. Michael Jordan, später selbst bekannt als der Spieler, der mal eben während der Halbzeitpause in die Telefonzelle huschte und dann als Superheld verkleidet zurückkam und das Spiel entschied, zeigte sich ebenso beeindruckt vom Alleskönner des Bucks: ?Wenn du gegen Moncrief gespielt hast, war es purer All-Around-Basketball. Er jagte dich überall auf dem Platz, auf beiden Seiten.?

Er war unter den individuellen Scoring-Meistern der Achtziger wie Adrian Dantley, Mark Aguirre, Dominique Wilkins oder MJ der Spieler, der rundum überzeugte. Als Teamspieler bekannt, kämpften sich die Bucks Jahr für Jahr in die Playoffs, um dort jedoch entweder gegen die Boston Celtics oder die Philadelphia 76ers unterzugehen. Aber ab der Saison 1986-87 sank der Stern des quirligen Schnurrbartträgers. Immer wieder plagten ihn Verletzungen an den Knien, eingeklemmte Nerven im Rücken und andere Wehwehchen, die ihn 1988-89 nach drei durchschnittlichen Jahren überzeugten, seine aktive Laufbahn zu beenden.

Nach einem Jahr Pause versuchte er ein Comeback bei den Atlanta Hawks. In 72 Partien sollte er die frisch verjüngte Truppe um Dominique Wilkins zur Saison 1990-91 verstärken, hängte aber nach nur einer Saison seine Basketballschuhe endgültig an den Nagel. Seit dem 6. Januar 1990 hängt das Trikot des ehemaligen Leistungsträgers unter der Decke der Bucks-Arena. Nach seiner Zeit als Allzweckwaffe im Basketball begann er seine große Leidenschaft zu pflegen: Er besitzt in Pine Bluff, Arkansas, einen Automobilsalon namens "Sidney Moncrief Hyundai". Auch Basketball ist weiterhin ein bedeutender Teil seines Lebens: Als Head Coach hatte er ein Jahr lang an der University of Arkansas-Little Rock gearbeitet, bevor er als Assistant Coach bei den Dallas Mavericks angeheuert hat.

Der "Mr. Everything" der Milwaukee Bucks ist zweitbester Scorer inder Geschichte des Teams (hinter Abdul-Jabbar) und steht auch sonst noch in vielen Kategorien der Franchise in den Top-Ten. Ein Jahrzehnt als Schlüsselspieler einer ganzen NBA-Franchise brachte ihm Lorbeeren bei den Fans und Coaches ligaweit, nur keine Meisterschaft. Sidney Moncrief war der Scottie Pippen der Achtziger, mit dem Unterschied, dass er als Superstar in seiner Karriere titellos blieb.

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