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NBA

Big Skills

13.08.2017 || 15:12 Uhr von:
Oft wird in der Pace-and-Space-Ära das Loblied auf Dreier werfende, mobile und defensiv versierte Big Men angestimmt. Ihre Vorgänger finden als „Skillballer“ indessen kaum Anklang. Ein Missverhältnis, das es zu korrigieren gilt.

Gerne wird in der Basketballkultur der Diskurs um die (R)Evolution der Big Men geführt. So ist nach dem Niedergangsgerede um die Center-Position von einer aufstrebenden Generation junger Großer die Rede. Etwas vorschnell (da sie, was den Teamerfolg anbetrifft, bisher wenig vorweisen können) – aber nicht zu Unrecht – heißt es: In puncto Skillball schicken sie sich an, die Grenzen des Spiels sowie die Machtverhältnisse in der National Basketball Association zu verschieben.

Denn hybride Bigs haben sich an die Anforderungen des durch Aufbau- und Flügelspieler dominierten Pace-and-Space-Stils eindrucksvoll angepasst. Anthony Davis, Karl-Anthony Towns, Joel Embiid, Kristaps Porziņģis, Nikola Jokić und Myles Turner sind allesamt nicht älter als 24 Jahre (hinzu kommen, je nach Eingrenzung und Verständnis, der 27-jährige große „Wasservogel“ DeMarcus Cousins sowie ein einzigartiger junger „Platzhirsch“ wie Giannis Antetokounmpo). Sie bringen Länge, eine teils anmutige Agilität und als potenziell komplette Spieler ein pralles Paket an Fertigkeiten mit, das unfair anmuten mag und die ohnehin schnelle, offene Spielweise noch befeuert.

Gefragt sind im postmodernen Basketball, beim heute praktizierten Skillball, offensiv wie defensiv vielseitig befähigte und damit variabel einsetzbare Big Men. Diese sollen zentrale Spielzüge (zuvorderst das Pick-and-Roll) bemeistern, diverse Spielfacetten beherrschen (auch veranschaulicht während der dies- und letztjährigen All-Star Weekend Skills Challenge, die Porziņģis und Towns für sich entschieden haben) und den gesamten Statistikbogen befüllen können (siehe etwa Jokićs 21 Rebounds, 17 Punkte, zwölf Assists und zwei Steals gegen den amtierenden Meister; während die Triple-Double-Top-Ten 2016/2017 fünf Bigs umfasste, die jeweils mindestens zwei TDs aufgelegt haben).

Schärfer konturiert, weisen solche Viel- bis Alleskönner idealerweise folgende Schlüsselfähigkeiten auf: ein breit gefächertes Offensivrepertoire, das auf einem ausbalancierten Innen-Außen-Spiel basiert, welches das Positionsdenken überholt erscheinen lässt. Auch weil ersteres einen verlässlichen Distanzwurf (den Dreier als derzeit spielbestimmenden Wurf), das Umgehen-Können mit dem Ball (Dribbling, Drive) und sichere Finden der Mitspieler als Passgeber sowie generell ein gutes Entscheidungsverhalten einschließt.

Defensiv sollen die Bigs zudem als blockbereite Ringbeschützer, mobile Hilfeverteidiger und resolute Rebounder amtieren. Kurz gesagt heißt das: Wurf-, verteidigungs- und spielstarke Lange (besonders Seven-Footer) werden als „Game Changer“ begehrt und gefeiert.

Gegenwartsversessen, geschichtsvergessen

Nur leider ist der Wohlfühldiskurs um die großartige Big-Man-Riege (wie so viele Diskussionen) gegenwartsversessen und geschichtsvergessen.

Sicher, gewohnheitsmäßig werden Kevin Garnett, Dirk Nowitzki (der jüngst mit Porziņģis trainierte) und Hakeem Olajuwon als Vorreiter angeführt, die das (Big Man-)Spiel durch ihren einzigartigen Mix an Fähigkeiten anschaulich verändert und verfeinert haben. Garnett konnte laufen, passen und werfen (auch wenn er den Dreier verweigerte) wie ein Guard, zumal er zugleich als Top-Rebounder amtierte sowie als Individual- und Teamverteidiger Maßstäbe setzte. Nowitzki, mit seinem überragenden Mitteldistanzspiel, ist der bis dato wohl effizienteste Scorer und Shooter unter den Big Men. Olajuwon reinterpretierte die Center-Position mit seinem traumhaft-leichtfüßigen Post-Spiel, derweil er auch als b(l)ockstarker Ringbeschützer brillierte …

Doch: Weiter reichen die Betrachtungen – abseits vereinfachter Verweise auf einst mit Athletik und Physis die Zone dominierende, aber heute „unzeitgemäße“ Brett-Center – meist nicht. Dabei muss hinsichtlich der „goldenen“ Center-Jahre der 1990er in der Regel Shaquille O’Neal mit all seiner Brachialgewalt als Beweisträger herhalten.

Aber was ist beispielsweise mit einem beweglichen, überaus abschluss- und passstarken Athleten wie Brad Daugherty? Einem fünffachen All-Star und zeitweisen 20/10-Center. Oder dem erlesenen Skillset des „Admirals“? David Robinson, der in seiner individuell besten Saison (1993/94) 29,8 Punkte, 10,7 Rebounds, 4,8 Assists, 5,0 „Stocks“ (also Steals/Blocks) und sogar ein Quadruple-Double aufgelegt hat (was außer ihm bisher nur Olajuwon, Nate Thurmond und Alvin Robertson gelungen ist).

Sonach lohnt es, einen differenzierteren, kursorischen Blick zurückzuwerfen – weil so weitere wichtige Wegbereiter aufscheinen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, versteht sich). Zumal sich dann zeigt, dass großer Skillball kein grundsätzliches Novum, sondern vielmehr einen andauernden Prozess beschreibt. Eine (R)Evolution, in der die eingangs genannte, vielköpfige Gruppe an Ausnahmekönnern und „Einhörnern“ (ohne sie mit ihren Vorgängern vergleichen zu wollen, was unsinnig wäre) einen vorläufigen Höhe- aber keinen Endpunkt darstellt.

Uncle Cliffy, C-Webb und Sheed

Schauen wir zunächst auf die 90er und frühen 2000er Jahre. In dieser Zeit traten drei agile und athletische All-Stars hervor, denen nachgesagt wird, sie hätten ihr Potenzial nicht vollends realisiert: Clifford Robinson, Chris Webber und Rasheed Wallace. Als vielseitig versierte Big Men haben sie dem Basketball seinerzeit dennoch ein gekonntes Upgrade verpasst.

„Sheed“ agierte als offensiv variabler, wurfstarker Großer mit Dreierpotenz, der trotz aller Talente kein (Low-Post-)Dominator sein wollte und viel lieber selbstbestimmt als geschätzter Teamspieler, Verteidiger und Kommunikator auftrat (legendär: „Ball don’t lie!“, „Both teams played hard“). In seiner statistisch auffälligsten Spielzeit (2000/01) verbuchte der spätere Meistergarant gleichwohl 19,2 Zähler, 7,8 Bretter, 2,8 Vorlagen und 3,0 „Stocks“…

„C-Webb“ darf seinerseits als Alles- und Ausnahmekönner gelten. Denn welcher NBA-Profi kann (trotz vieler Verletzungen) Karrierewerte von 20,7 Punkten, 9,8 Rebounds, 4,2 Assists sowie 2,8 „Stocks“ vorweisen? So war der einstige MVP-Kandidat ein rebound- und defensivstarker Point Forward mit ausgereiftem Low- und High-Post-Spiel, der den Fastbreak lief und zur Zeit der verkürzten Dreierlinie sogar passabel von Downtown traf (1996/97: 39,7 Prozent bei 2,1 Wurfversuchen).

Diesen Wurf patentierte „Uncle Cliffy“, der als Allrounder drei Positionen zu bekleiden und verteidigen vermochte. Mitte der 90er versenkte der vielseitige Scorer – der zweimal in den Finals und im All-Defensive-Team stand sowie als bester sechster Mann 19,1 Zähler, 6,6 Abpraller, 2,2 Assists und 3,2 „Stocks“ generierte – bereits zwei Dreier pro Spiel (über seine lange Karriere insgesamt 1.253). Damit trug der vielbegabte Stirnbandträger als Bahnbrecher entscheidend dazu bei, das Rollenverständnis der Big Men aufzubrechen (in dieser Hinsicht sollte zudem ein wurffreudiger und spielstarker dreifacher All-Star und NBA-Champion zumindest erwähnt werden: Antoine Walker).

Auch trifft dies auf effektive Rollenspieler wie Terry Mills, Sam Perkins und Robert Horry zu, die ebenfalls Mitte der 90er als Stretch-Bigs das Spiel weit machten und damit für ihre Superstarkollegen (Grant Hill, Shawn Kemp und Olajuwon) Räume öffneten. Etwa legte „Big Shot Rob“ für die Rockets in 65 Playoff-Spielen (inklusive zwei gewonnener Finalserien) „skillige“ 6,4 Bretter, 3,4 Vorlagen, 2,8 „Stocks“ und 12,1 Punkte bei 4,3 Würfen und 38-prozentiger Wurfquote aus dem Dreierland auf.

Laimbeer, Sikma und Sampson

Aber: „Wahre“ Pioniere sind neben dem als Scorer und Dunker bekannten Tom Chambers, der als erster NBA-Big-Man regelmäßig den Dreier anbrachte (1986/87: 37,2 Prozent bei 1,8 Wurfversuchen), wohl eher Bill Laimbeer und Jack Sikma.

Denn die beiden Meister-Center (1989/90 bzw. 1979) waren nicht nur knallharte Verteidiger, erstklassige Rebounder und spielintelligente Passgeber, sondern sie verfügten (bei überschaubarer Athletik und Agilität) auch über einen sicheren Sprungwurf und ein erprobtes Inside-Outside Game (checkt z.B. den „Sikma Move“ im folgenden Video). So spielten sie schon Ende der 80er erfolgreich das Pick-and-Pop an der Dreierlinie.

Abo-All-Star Sikma, der über seine sieben Auswahljahre ansehnliche 17,7 Punkte, 11,4 Rebounds, 3,5 Assists und 2,2 „Stocks“ erzielte, traf zum Ende seiner Karriere (die er dadurch verlängerte) gar einen Dreier pro Spiel. Überdies führte der herausragende Freiwerfer die Liga 1987/88 mit einer Wurfquote von 92,2 Prozent an (außer ihm gelang dies nur einem weiteren Big Man: Hall-of-Famer Dolph Schayes Ende der 50er). Und auch ein als Schläger verschriener Laimbeer stand an der Linie seinen Mann: in sechs Spielzeiten versenkte er mehr als 85 Prozent seiner Freiwürfe, zumal er in den beiden Meisterkampagnen der „Bad Boys“ in 37 Playoff-Partien 30 Dreier einnetzte.

Durch die Maschen fällt oftmals auch ein weiterer viermaliger All-Star, der ein 2,24 Meter großer „Skillballer“ war, jedoch durch Verletzungen jäh gestoppt wurde. Gemeint ist Ralph Sampson. 1986, bevor ihn Knieprobleme ausbremsten, führte er die Rockets gemeinsam mit Olajuwon bis in die NBA Finals, wobei er in den Playoffs 20,0 Zähler, 10,8 Bretter, 4,0 Vorlagen und 3,3 „Stocks“ beisteuerte. Sampson war seiner Zeit voraus, er konnte und wollte werfen, dribbeln, passen und Würfe blocken, galt aber als „soft“, weil er sich eben nicht (nur) als physischen Post-Spieler sah.

Big Red und Big Mac

Wenig überraschend, waren letztere schon in den 70er Jahren keine Seltenheit. Gleichwohl kann auch die vernachlässigte NBA-Dekade mit einer Riege vielseitig dominanter Big Men aufwarten. Nebenbei: Die 70er sind das einzige Jahrzehnt, in dem der MVP-Titel ausnahmslos an Center ging; allein fünfmal an Kareem Abdul-Jabbar, der in dieser Zeit nicht nur seinen eleganten, unblockbaren Skyhook an den Mann, sondern auch 28,6 Punkte, 14,8 Boards, 4,5 Assists und 4,8 „Stocks“ auf den Statistikbogen brachte.

Erwähnenswert sind offensiv wie defensiv befähigte All-Teamer wie Dave Cowens und Bob McAdoo – die Physis und Finesse vereinten, sich reboundstark und agil-athletisch zeigten sowie als variable Angreifer gerne auf ihren exzellenten Mitteldistanzwurf vertrauten und ihre Nebenleute einzusetzen verstanden. Zur Anschauung: In ihren jeweiligen MVP-Saisons konnten „Big Red“ (1972/73) und „Big Mac“ (1974/75) 20,5 Punkte, 16,2 Rebounds und 4,1 Assists („Stocks“ wurden erst ein Jahr später erhoben) respektive 34,5 Zähler, 14,1 Bretter, 2,2 Vorlagen und 3,2 „Stocks“ vorweisen. Ach, und was das Defensiv-Rating anbelangt, ist „Tough Guy“ Cowens in der Bestenliste aller ABA- und NBA-Profis auf dem zweiten Rang zu finden, McAdoo steht dort (trotz schlechtem Ruf als Verteidiger) immerhin an 36. Stelle.

Im Übrigen: Der dreimalige NBA-Topscorer McAdoo – über den Bill Russell Mitte der 70er sagte, er sei mehr als „the greatest shooting big man“, nämlich: „the greatest shooter of all time“ – führte die Liga 1973/74 bei den Minuten, beim Punkteschnitt und (ungeachtet vieler langer Zweier) bei der Feldwurfquote an. Zugleich rangierte McAdoo, der anfänglich wie Cowens als zu klein und zudem als zu fragil galt, bei den Rebounds und Blocks auf Rang drei. Abrundung erfuhr seine Gesamtperformance durch das damals ligaweit beste Player Efficiency Rating.

Alvan Adams und Sam Lacey

In puncto vielseitiger Einflussnahme dürfen auch brillante High-Post-Center wie Alvan Adams und Sam Lacey nicht fehlen. Denn mit ihrem Allroundspiel leisteten die beiden defensiv- und ausnehmend passstarken Big Men eine nicht zu unterschätzende Vorarbeit zum heutigen Skillball. Die Zahlen ihres jeweils einzigen All-Star-Jahres (1975/76 bzw. 1974/75) lesen sich wie folgt: 19,0 Punkte, 9,1 Rebounds, 5,6 Assists und 3,0 „Stocks“ für „The Oklahoma Kid“ Adams sowie 11,5, 14,2, 5,3 und 3,8 für „Slammin‘ Sam“ aus Mississippi, der im Übrigen in sieben aufeinanderfolgenden Spielzeiten mindestens je 100 Steals und Blocks verzeichnete (was bisher nur vier weiteren Akteuren und nur Garnett, Olajuwon und Julius Erving öfter gelang; wohlgemerkt waren in Laceys ersten drei Saisons „Stocks“ nicht erfasst worden).

Generell lässt sich außerdem feststellen, dass den mobilen, spielstarken Big Men der 70er im Dekadenvergleich (wenngleich Jahrzehnte kultürlich durchlässige Einheiten sind) mit großem Abstand am häufigsten die höchsten Assistwerte zukommen. 49 Mal gaben in den 70ern 17 verschiedene Center über eine Saison hinweg mindestens 3,5 Korbvorlagen. Man denke hierbei neben Abdul-Jabbar, Cowens, Adams und Lacey auch an Bill Walton und Wes Unseld, die beide Enden des Feldes mit ihren Pass- und Defensivqualitäten kontrollierten. In den zweitplatzierten 80ern gelang ein 3,5-Assist-Schnitt zehn Fünfern 24 Mal. Sicher, dies hat vor allem damit zu tun, dass die Offensiven vornehmlich über den Post liefen und ein hohes Spieltempo vorherrschte. Anerkennens- und erinnernswert bleiben jene Leistungen dennoch.

Big Men mit Big Skills

Und genau darum geht es. Zugleich bedeuten die spielerischen Beiträge all der Genannten die banale wie basale Einsicht vom sich stetig wandelnden Ballsport, in dem die Spielstärke und Vielseitigkeit der Großen nicht erst seit Mitte der 2010er präsent und wirksam ist.

Dafür steht auch Maurice Stokes mit seiner tragisch verkürzten Karriere Ende der 50er Pate. Bevor der 2,01 Meter kleine Big Man, der Stärke und Schnelligkeit bei herausragender Athletik vereinte, infolge einer posttraumatischen Enzephalitis am Ende seiner dritten Saison mit 25 Jahren zum „Pflegefall“ wurde, war er der erste schwarze NBA- und Abo-All-Star. Noch vor Bill Russell und Wilt Chamberlain, die das Spiel (die Defense, Transition und vieles mehr) in den 60ern bekanntermaßen revolutionierten.

Stokes konnte als Guard, Forward und Center spielen, seine Teamkollegen vom High-Post aus bedienen, von dort den Sprungwurf einnetzen, per Drive zum Korb gehen, sich im Low-Post kraftvoll durchsetzen und generell gekonnt mit dem Ball umgehen. Viermal in Serie legte der originäre Point Center ein Triple-Double auf, während er in seiner finalen Saison auf 16,9 Punkte, 18,1 Rebounds und 6,4 Assists kam. Damit landete der Big Man 1957/58 bei den Abprallern ligaweit auf Rang zwei sowie bei den Vorlagen auf Rang drei – eine Leistung, die nur ein ganz Großer übertrumpfte:

Wilt Chamberlain, der einzige Big Man auf der Triple-Double-Top-Ten-Liste, führte die Basketball Association 1966/67 und 1967/68 bei den Rebounds an und rangierte bei den Assists an dritter bzw. zweiter Stelle. Derweil erzielte er Anfang 1968 neun konsekutive Triple-Doubles und mit 22 Punkten, 25 Rebounds und 21 Assists gar das einzige Double-Triple-Double der NBA-Geschichte. Wie so viele andere Lange vor und nach ihm zeigte der „Big Dipper“ Big Skills.

Übrigens: Mitte der 60er gehörte Wilt einer NBA an, in der sieben der seinerzeit neun Franchises auf der Fünf einen heutigen Hall-of-Famer aufzubieten vermochten. Ein Höchstwert, der nicht einmal in den „goldenen“ Center-Jahren der 90er übertroffen wurde.

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