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Killer Miller

21.05.2005 || 00:00 Uhr von:
Good Bye, Reggie Miller. Einer der letzten Helden der 90er-Jahre stand zum letzten Mal auf dem NBA-Parkett und hängt nach 18 Spielzeiten seine Basketballschuhe an den Nagel. New York atmet auf.

Indianapolis, das sechste Spiel des Conference-Halbfinals 2005: Die Indiana Pacers stehen gegen den amtierenden Meister mit dem Rücken zur Wand. Sechs Punkte liegen sie gegen Detroit hinten. Es bleiben ihnen nur noch knapp 90 Sekunden, um eine Niederlage abzuwenden, die das Saisonende für Indiana bedeuten würde. It’s Millertime. Reggie Miller umkurvt einen Block, fängt den Pass, springt und drückt ab.

Zehn Jahre zuvor…

Madison Square Garden in New York, die erste Partie der Conference Semifinals 1995: Die Pacers stehen mit dem Rücken zur Wand. Sechs Punkte liegen sie gegen die Knicks hinten. Der riesige Videowürfel unter der Hallendecke zeigt die noch verbleibenden 18 Sekunden Spielzeit an. Einwurf Pacers, Reggie Miller schüttelt seinen Verteidiger ab, fängt den Pass und wirft noch halb in der Drehung. Der Ball fliegt durch die Stille im MSG und findet sein Ziel. Miller für drei, es steht 102:105.

Die Knicks versuchen den Einwurf unter ihrem Korb zu einem sicheren Freiwurfschützen zu bringen. Indiana wird foulen, um die Uhr anzuhalten. Kein Knickerbocker schafft es, seinen Verteidiger abzuschütteln. Die Zeit, um einen Einwurf auszuführen, ist fast abgelaufen, da wirft Knicks-Spieler Anthony Mason endlich ein. Doch Greg Anthony strauchelt und kann den Ball nicht entgegennehmen. Die Kugel fliegt hoch und landet in den dünnen Armen von Reggie Miller. Er dreht sich um und läuft zur Dreierlinie.

Spike Lee sieht Miller fast direkt auf sich zurennen. Der Regisseur und exzentrische New Yorker Edelfan sitzt auf seinem Stammplatz direkt an der Auslinie und ahnt wie der Rest im Madison Square Garden, was kommen muss.

Im Vorjahr, damals in den Conference-Finals, schenkte Miller den Knicks 39 Punkte auf eigenem Parkett ein. Der Shooting Guard lief damals im vierten Viertel heißer als heiß und machte alleine im Schlussabschnitt 25 Zähler. Die Pacers gewannen das Spiel, doch die Knicks entschieden die Serie für sich. Auch in der Saison 1992/93 hatten sie das Team aus Indiana aus den Playoffs in den Urlaub befördert.

Zum dritten Mal in Folge gegen die Knicks ausscheiden? Reggie Miller hat etwas dagegen. Spike Lee muss mit ansehen, wie sein Hassobjekt nach dem Steal hinter der Dreierlinie stoppt, sich umdreht und den wilden Dreier gegen einen heranstürmenden Knicks-Spieler nimmt. Miller trifft zum 105:105. Vor fünf Sekunden sahen die Knicks noch wie die sicheren Sieger aus.

Die schockierten New Yorker vermasseln ihren nächsten Angriff und Miller vollendet sein Werk mit zwei erfolgreichen Freiwürfen. Acht Miller-Punkte innerhalb von 18 Sekunden bringen den Pacers den Sieg.

Zwar kämpfen sich die Knicks nach dieser dramatischen Niederlage in der Auftaktbegegnung in die Serie zurück, verabschieden sich jedoch nach sieben umkämpften Partien mit einer astreinen Miller-Neurose aus den Playoffs.

Vom Kind in Beinschienen zum NBA-Spieler

Hätten die New Yorker Fans Reggie Miller damals nicht so gehasst, hätten sie sich sicher gewünscht, die Knicks hätten den spargeligen Absolventen der UCLA im Draft 1987 bekommen.

Doch der damals 21-Jährige, der mit 2.095 Punkten in der Bestenliste der Universität in Kalifornien nur hinter Kareem Abdul-Jabbar lag, landete bei den Indiana Pacers, deren Trikot er in seiner gesamten Karriere tragen sollte. Dort brach er in seiner ersten Saison Larry Birds alten Rookie-Rekord für erfolgreiche Dreipunktewürfe. Miller traf 61 Dreier und deutete seine größte Stärke an. Sein Distanzwurf war kaum zu verteidigen. Er hatte eine ganz eigene Technik, die er sich als Kind in den vielen Hinterhofduellen beigebracht hatte.

Dass Miller überhaupt Profisport betreiben konnte, grenzte an ein Wunder. Geboren am 24. August 1965 im kalifornischen Riverside, litt er als Kind unter einer angeborenen Hüftfehlstellung. Klein-Reggie musste die ersten vier Jahre seines Lebens Beinschienen tragen, und die Ärzte hielten es bereits für einen Erfolg, dass er später ohne Gehhilfen laufen konnte.

Doch Reggie wollte mehr. Sport wurde in seiner Familie groß geschrieben. Sein Bruder Darrel war Ringer, seine Schwester Tammy spielte erfolgreich Volleyball und seine Schwester Cheryl spielte jenen Sport, den Reggie nach einem Umweg über Baseball für sich entdeckte: Basketball.

Im heimischen Garten wurde Cheryl zu Reggies erster Herausforderung. Es ist keine Schande gegen seine Schwester im Eins-gegen-Eins zu verlieren, zumindest nicht, wenn die Schwester Cheryl Miller heißt. Cheryl wurde später eine Legende im Frauenbasketball. 1982 erzielte sie in einer High-School-Partie 105 Punkte. Cheryl Miller sammelte auch am College und als Profi Rekord um Rekord, und viele sehen in ihr die dominierendste Basketballspielerin ihres Jahrzehnts. Um seine talentierte Schwester im heimischen Garten zu schlagen, legte sich Reggie damals seine tödlichste Waffe zu.

Die Beine nie parallel, der Körper gebogen und die Arme überkreuzten sich fast, wenn Reggie Miller von der Dreierlinie auf den Korb hielt. Basketballpuristen grauste es bei dieser Schusstechnik, doch Miller traf und behielt Recht. Nach zehn Punkten pro Spiel in seiner Rookie-Saison steigerte er seinen Punkteschnitt über 16 Zähler im darauffolgenden Jahr auf 24,6 Punkte pro Partie in der Saison 1989/90. In dieser Saison erhielt Miller die erste seiner insgesamt fünf Nominierungen für das All-Star Game.

Duelle im Big Apple

Reggie Miller wurde einer der großen Stars der 90er. 1996 holte er mit der dritten Auflage des Dream Teams Gold bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Doch erst die Playoff-Aufeinandertreffen seiner Pacers mit den Erzrivalen aus New York schufen seinen Ruf als „Killer-Miller“.

Sechs Mal duellierten sich beide Teams in den NBA-Playoffs in den 90er-Jahren. Nach der Serie mit Millers berühmtem 18-Sekunden-Auftritt gewannen die Pacers auch 1998 gegen die Knicks in fünf Spielen. 1999 trafen beiden Teams erneut aufeinander, diesmal in den Conference-Finals des Ostens.

Drei Mal waren die Pacers mit Miller hier schon kurz vor den NBA-Finals gescheitert. Auch in diesem Jahr fanden die Finalspiele ohne Reggie Miller statt. Die Mannschaft aus New York behielt in sechs Spielen die Oberhand und zog ins Finale ein.

Im Frühjahr 2000 bot sich den Pacers wieder die Chance, ins Finale einzuziehen. Natürlich hieß der Gegner im Conference-Finale wieder New York. Beim Stand von 3-2 für Indiana wechselte die Serie wieder in den Big Apple, wo Miller die Knicks-Fans zur Verzweiflung trieb. 34 Miller-Punkte, 17 davon im letzten Viertel, machten den Madison Square Garden zu Reggie Millers persönlichem Wohnzimmer. Die Pacers fuhren ihren vierten Sieg in der Serie ein und Miller hatte es geschafft. Endlich würde er in den NBA-Finals im den Titel spielen können.

Doch der Gegner dort hieß L.A. Lakers, die, angeführt von Shaquille O?Neal und Kobe Bryant, den Westen dominiert hatten. Nach sechs Spielen stemmten Shaq und Kobe die Trophäe in die Luft, und die Pacers gingen wiederum leer aus. Miller war mittlerweile 34 Jahre alt, und so nah wie dieses Mal würde er nie wieder in die Nähe des Titels kommen.

Die letzte Herausforderung

In den folgenden Spielzeiten wandelte sich Millers Rolle im Team der Pacers. Seine Statistiken sanken, während um ihn herum ein neues talentiertes Team entstand. Führungsspieler war nun Jermaine O’Neal. Miller unterstützte das Team mit seiner Erfahrung und seinen Dreipunktewürfen. 2004 kamen die Pacers wieder ins Ostfinale, wo sie gegen den späteren Champion Detroit unterlagen.

Bald darauf kündigte Reggie Miller an, dass die Saison 2004/05 die Letzte seiner Karriere werden würde. Sein Team, im Vorjahr nur knapp gescheitert, galt als einer der Favoriten. Vielleicht würde sich Miller ja doch am Ende seiner Karriere den lang ersehnten Titelring überstreifen können.

Doch jene Ereignisse während des Auswärtsspiels in Detroit im November 2004 schienen Millers letzte Chance zu beerdigen. Niemand hatte wie Miller die Emotionen der gegnerischen Fans hochkochen lassen. Erst wenn die Fans im New Yorker Madison Square Garden ihn während der Spiele ausgebuhten, lief er zur Hochform auf. Reggie Miller nahm immer die Herausforderungen an und verhielt sich wie ein Profi, sein Teamkollege Ron Artest tat es an diesem Abend nicht.

Nach jener Prügelei mit Detroiter Zuschauern und den von der NBA ausgesprochenen Suspendierungen gegen drei Spieler der Pacers, schrieb man das Team aus Indianapolis bereits ab. Doch als Mitglied einer, zudem von Verletzungen gebeutelten, Rumpftruppe schraubte der 39-jährige Miller seine Statistiken wieder nach oben. Fast 15 Punkte erzielte der Altmeister pro Begegnung, und das Team aus Indiana erreichte die Playoffs.

Nur noch 90 Sekunden…

Zurück in Detroit, das sechste Spiel der Conference-Halbfinalserie: Miller steigt hoch und verkürzt mit einem Dreier auf 79:82 aus Sicht der Pacers. Es bleiben noch 90 Sekunden, und in Millers Augen glaubt man wieder das Blitzen von „Killer-Miller“ zu erkennen. Detroit antwortet postwendend. Eine halbe Minute vor Schluss liegen die Pacers mit fünf Punkten hinten und sind wieder in Ballbesitz. Miller läuft sich wieder frei, bekommt den Ball und hängt seinen drahtigen Körper wieder schief in die Luft.

Doch diesmal blockt Ben Wallace seinen Distanzversuch. Der Center der Pistons beendet damit die Saison der Pacers und eine der herausragendsten Karrieren in der NBA. Reggie Miller verlässt endgültig das NBA-Parkett.

Das Publikum in Indianapolis feiert seinen Star trotz des Ausscheidens der Mannschaft mit stehendem Applaus. Das gesamte gegnerische Team der Pistons steht auf dem Platz, um einem der letzten großen Stars der 90er den Respekt zu erweisen.

Mit 39 Jahren erzielt Reggie Miller 27 Punkte in seinem letzten Spiel. Er verlässt die Bühne der NBA ohne den ersehnten NBA-Titel. Doch er hat seinen Namen in den Statistikbüchern der NBA verewigt. 25.279 Punkte hat „Killer-Miller“ in seiner Karriere erzielt und liegt damit auf Platz zwölf der ewigen Bestenliste. Seine 2.560 erfolgreichen Dreipunktewürfe sind mehr, als jeder andere NBA-Spieler jemals erreicht hat.

„Seinen“ New York Knicks hat er allein in den Playoffs neun Mal 30 oder mehr Punkte eingeschenkt. Miller und die Knicks sind eines der besten Kapitel, das in der NBA im vergangenen Jahrzehnt geschrieben wurde. Sogar „Erzfeind“ Spike Lee umarmte Miller nach seiner letzten Partie während der regulären Saison im Madison Square Garden.

New York atmet auf, während der Rest der Basketballwelt traurig einen Helden verabschiedet. Good Bye, Reggie.

Killer Miller
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Dr.House
Dr.House 28. August 2012 um 23:47 Uhr

Toller Artikel!
Aber zu der Frage ob er der beste 3er Schütze aller Zeiten ist:
Nein.Ganz knapp vor ihm ist und bleibt Ray Allen.
Egal wie…beide hatten/haben den mit Abstand schönsten Wurf und Reggie ist halt echt ne Legende.

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