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Portland: Tief gefallen

07.01.2017 || 15:22 Uhr von:
Terry Stotts
Nach einer fantastischen Vorsaison sind die Portland Trail Blazers krachend auf dem Boden der Tatsachen gelandet. An welchen Stellschrauben muss die Franchise drehen, um die laufende Saison noch zu retten?

„Heimvorteil oder Eintagsfliege?“ – so lautete die provokante Schlagzeile in unserer Blazers-Saisonvorschau. Provokant deswegen, weil ein größerer Absturz Portlands als nahezu unvorstellbar galt. Schließlich wurden alle Rotationsspieler in der Offseason gehalten. Zudem ist das Team jung und entwicklungsfähig und damit bereit für den nächsten Schritt nach vorne. Selbst die größten Pessimisten trauten dieser Mannschaft genauso viele Siege zu wie in der Vorsaison, also mindestens 44 – ein Wert, der aber bereits jetzt nur noch durch einen kaum vorstellbaren Turnaround zu erreichen sein wird.

Horror-Defense sorgt für Absturz

22 Niederlagen stehen gerade einmal 16 Erfolge gegenüber. Das bedeutet nur Rang acht in der Western Conference. Sechs Siege beträgt bereits der Rückstand auf die Plätze sechs und sieben, also Plätze mit einer zumindest einigermaßen realistischen Chance auf die zweite Playoff-Runde. Das Team von Headcoach Terry Stotts enttäuscht bislang auf ganzer Linie. Waren die Trail Blazers von 2015/16 also wirklich nur eine Eintagsfliege?

Dieses Urteil wäre dann doch etwas voreilig, schließlich ist trotz der misslichen Lage nicht alles schlecht im äußersten Nordwesten der Association. Die Offensive gehört weiterhin zu den zehn besten der Liga. Das Problem liegt größtenteils in der Verteidigung, welche die drittschlechteste der gesamten NBA ist (DefRtg: 109,8). Wie schlecht dieses Defensiv-Rating kurz vor Halbzeit der Hauptrunde ist, zeigt der Blick auf die jüngere Vergangenheit: Das letzte Team mit einem schlechteren Wert zum Abschluss der regulären Saison waren die Toronto Raptors in der Saison 2010/11.

Damian Lillard Mason Plumlee

Die Pick-and-Roll-Verteidigung ist dabei eine der größten Schwachstellen der Blazers-Defense. Die Probleme liegen dabei sowohl bei den Aufbauspielern, als auch bei den Big Men. Damian Lillard ist einer der drei schlechtesten Starter auf der Point-Guard-Position, wenn es darum geht, das Pick-and-Roll zu verteidigen (0,95 PPP). Auch C.J. McCollum gehört zu den schwächeren Verteidigern in der NBA. Allerdings bekommen die Guards auch zu wenig Unterstützung von ihren Big Men, die bei Blöcken selten aushelfen, sondern meistens in die Zone absinken.

Portland’s Defensiv-Philosophie unter Headcoach Terry Stotts beinhaltet eine konservative Verteidigung des Pick-and-Rolls. Dabei soll die Zone dicht gemacht und gegnerische Dreier limitiert werden. Dadurch ergeben sich für den Gegner Räume in der Mitteldistanz. In der Realität ist aber festzustellen, dass die Blazers zu viel Penetration zulassen, was zu einfachen und hochprozentigen Würfen in Zonennähe bzw. in der Zone führt.

Erste Änderungen greifen

Terry Stotts ist in den letzten Wochen stellenweise von seiner strikten Philosophie der Pick-and-Roll-Defense abgekehrt. Als Beispiel dienen die Partien in Chicago Anfang Dezember und zuletzt gegen Toronto. In diesen Begegnungen verteidigten die Big Men der Blazers die Ballhandler der Bulls und Raptors wesentlich aggressiver. Anstatt wie sonst üblich ICE zu spielen und den Big Man in die Zone absinken zu lassen, blitzten jene oder doppelten den Ballführenden. Hintergrund der Überlegung: Sowohl Chicago (Butler, Wade), als auch Toronto (Lowry, DeRozan) verfügen über Playmaker, die gerne zum Korb ziehen und dort hochprozentig abschließen oder Freiwürfe ziehen, sind allerdings mit Ausnahme von Lowry nicht für einen guten Distanzwurf bekannt.

In beiden Spielen ging das Konzept auf: Zwar erzielten Wade und Butler trotz allem zusammen 60 Punkte, die Blazers gewannen dennoch das Auswärtsspiel. Die Pick-and-Roll-Verteidigung galt als Schlüssel im vierten Viertel. Gegen Toronto verlor man zwar, allerdings hielt Portland die beste Offense der Liga unter 100 Punkten. Allerdings war diese Umstellung vom Matchup abhängig und nicht von dauerhafter Natur. In den meisten anderen Begegnungen blieb Stotts seinen Prinzipien treu.

Doch die Pick-and-Roll-Verteidigung ist nicht alleine für die schlechte Defensive verantwortlich. In manchen Partien fehlt auch der nötige Einsatz und die Laufbereitschaft, Lücken zum Verteidiger zu schließen und damit Würfe zu erschweren. Viel gravierender ist jedoch der Mangel an Kommunikation und schlechte Rotationen, wie folgende Szenen beweisen. Im ersten Ausschnitt folgt McCollum unerklärlicherweise dem zum Korb ziehenden Ariza, obwohl jener bereits von Teamkollege Harkless bewacht wird. Als Resultat befindet sich McCollum im luftleeren Raum und lässt seinen Gegenspieler einen vollkommen freien Dreier nehmen. Dabei weist Harkless McCollum sogar an, bei James Harden zu bleiben.

 

In der zweiten Sequenz zeigen die Blazers, wie man LeBron James im Post nicht verteidigen sollte. Das Doppeln im Post ist zwar eine angebrachte Methode, allerdings kommt in diesem Fall die Hilfe viel zu spät. James wird letztlich sogar von vier Blazers-Akteuren angelaufen, die alle zu spät kommen. Der Ball ist bereits unterwegs in die Ecke zu Kevin Love.

 

Hinzu kommt häufig eine schlechte Abstimmung im Umschaltspiel nach hinten. Dass ihr bester Verteidiger Al-Farouq Aminu 18 Spiele verletzungsbedingt verpasste, setzte dem Schlamassel die Krone auf. Diese ganzen Faktoren führen dazu, dass die Trail Blazers in sämtlichen Kategorien zu den Schlusslichtern gehören. Sie lassen die vierthöchste Dreierquote (37,7% 3P) und die drittmeisten Freiwürfe (28,2) zu. Auch in Sachen gegnerische Feldwurfquote und gegnerische Turnovers befindet sich die Franchise aus Oregon im unteren Drittel. Erschwerend kommt hinzu, dass Portland zu den miesesten (Defensiv-)Rebounding-Teams gehört. Mit beinahe unverändertem Personal war man in diesem Bereich letzte Saison noch überdurchschnittlich gut. Diese Entwicklung wirft Fragen auf. Um es also kurz ausdrücken: Die Blazers-Defense ist extrem schlecht!

Ein erster Ansatz wäre, die Pick-and-Roll-Verteidigung, wo das Team ebenfalls in den Bottom-Five platziert ist (sowohl bei Abschlüssen des Ballhandlers, als auch des abrollenden Spielers), noch häufiger so umzusetzen wie in den Partien gegen Chicago und Toronto. Mit Center Mason Plumlee und einer Reihe von beweglichen Stretch-Vierern stehen Stotts eigentlich genügend mobile und athletische Spieler zur Verfügung, um diese aggressivere Verteidigungsform zu implementieren. Damit würden die Trail Blazers auch gleichzeitig die Verteidigung des Blocken-und-Abrollens variabler und unvorhersehbarer gestalten. Auch Plumlee selbst hat Gefallen an der neuen Strategie gefunden: „Ich denke, diese Art der Verteidigung liegt uns. Wir haben viele lange, aktive Leute, die schnell auf den Füßen sind.“

Stotts, der bekannt dafür ist, seinen Spielern Gehör zu schenken, täte gut daran, von seinen strikten Vorstellungen abzukehren und die punktuellen Anpassungen häufiger anzuwenden und nicht nur in wenigen Match-ups. Vielleicht nicht permanent switchen, aber ab und zu blitzen, hedgen oder sogar den Ballführenden doppeln. Die wenigen Versuche haben sich bislang schließlich positiv ausgezahlt.

C.J. McCollum

Wenn man nur die sechs letzten Partien aller NBA-Teams betrachtet, belegt Portland sogar den vierten Platz beim Defensiv-Rating – trotz Gegnern wie Toronto, San Antonio und Golden State. Kleine Fortschritte sind also erkennbar. Dennoch lässt sich zusammenfassen, dass es den Blazers einfach an allem fehlt, um eine akzeptable Verteidigung zu errichten: Rebounder, Ringbeschützer und solide Verteidiger im Backcourt. Diese Schwächen sind nicht neu, wurden aber erst in der laufenden Saison von den Gegnern, die sich nun besser auf die Blazers einstellen als noch in 15/16, schonungslos offengelegt. Der Kader in der aktuellen Form hat durch seine defensiven Lücken ein limitiertes Potenzial. Stellt sich also die Frage: Warum ist Portland auf dem Trade-Markt noch nicht aktiv geworden? Dies hat vor allem drei Gründe: Zum einen setzt GM Neil Olshey auf das Wachstum seiner jungen Truppe. Panik-Trades wird es in Portland daher nicht geben.

Zweitens dürfen die Blazers einige Spieler, die für andere Teams potenziell interessant sein könnten, noch gar nicht im Tausch anbieten. Dazu gehören zum einen die Restricted Free Agents des letzten Sommers, die allesamt mit neuen und deutlich teureren Verträgen ausgestattet wurden und erst ab dem 15. Januar 2017 getradet werden dürfen (Allen Crabbe, Meyers Leonard, Mo Harkless). Zum anderen darf C.J. McCollum nicht vor dem 27. Januar, also sechs Monate nach seiner Vertragsverlängerung bis 2021, eingetauscht werden.

Cousins nach Portland – why not?

Der dritte Aspekt bezieht sich darauf, dass das Zustandekommen eines Trades in manchen Fällen sehr kompliziert ist. Als Beispiel dient hier ein erfundener Trade, in dem DeMarcus Cousins in Portland landet. Gleichzeitig wäre dabei der Abgang von C.J. McCollum unumgänglich. Den Transfer so schwierig macht die so genannte „Poison Pill Provision“: McCollums neuer Deal beginnt erst nächste Saison, was zu einem deutlichen Unterschied der ein- und ausgehenden Gehälter bei potenziellen Trades führt. Das Gehalt, das Portland abgibt, läge bei 3,2 Millionen Dollar, also McCollums aktuellem Gehalt. Dadurch könnten die Trail Blazers also keinen teuren Vertrag als Gegenwert aufnehmen. Die Summe, die die Kings aufnehmen würden, läge allerdings bei fast 22 Millionen Dollar, also dem jährlichen Durchschnitt aus dem Gehalt der aktuellen Spielzeit und der Gehälter des neuen Vierjahresvertrags ab Saison 2017/18.

Dies macht es quasi unmöglich, dass Portland und Sacramento einen legalen Trade zustande bekommen. Es müsste daher ein drittes Team gefunden werden, das McCollums 22 Millionen Dollar aufnimmt, gleichzeitig deutlich unter dem Salary Cap liegt, ein paar lukrative Assets zu den Kings schicken kann (junge und günstige Spieler, hohe Draft-Picks) und gleichzeitig nach einem Scorer auf den Backcourt-Positionen wie McCollum sucht. Als ideale Franchise für diesen konkreten Deal würden sich daher die Philadelphia 76ers anbieten.

Fantasy-Trade

Quelle: ESPN Trade Machine

Dieses Beispiel soll illustrieren, wie schwierig die Suche nach dem passenden Trade für die Trail Blazers sein kann – unabhängig davon, ob Portland McCollum überhaupt abgeben würde, was als unwahrscheinlich gilt. Dieser Fantasy-Trade ist in der Theorie zwar ein interessanter Gedanke, allerdings dürfte auch Sacramento an diesem Tauschgeschäft nur wenig Interesse haben – trotz zusätzlicher Erstrunden-Picks aus Philadelphia und Portland. Teams wie Boston oder Denver können den Kings einen deutlich schmackhafteren Gegenwert anbieten (viele junge Spieler und Draft-Picks). Zudem möchte sich Sacramento wohl kaum Evan Turner und seinen langfristigen sowie hochdotierten Kontrakt ans Bein binden. Das aufgezeigt Trade-Szenario ist daher nur realistisch, falls die Anzahl der Interessenten an Cousins geringer ist als derzeit vermutet. Wahrscheinlicher ist eher ein Trade zwischen Portland und Philadelphia, der Defensiv-Center Nerlens Noel beinhaltet.

Doch unabhängig davon, ob sich Portland noch per Trade verstärkt, hängt es vom derzeitigen Team und Trainer Terry Stotts ab, die richtigen Lösungen zu finden. Fakt ist, dass letzte Saison praktisch der identische Kader da war, aber die Defensive bei weitem nicht so lückenhaft. Erste Anpassungen der Pick-and-Roll-Verteidigung haben bereits Früchte getragen und auch Defensiv-Anker Aminu ist wieder gesund. Nun bleibt abzuwarten, ob die Trail Blazers mit einer stabileren Defense und einem zudem leichter werdenden Spielplan noch einen Run in die höheren Playoff-Ränge machen können. Der große Abstand macht eine Wiederholung der Zweitrunden-Teilnahme in der Vorsaison aber extrem schwer.

Portland: Tief gefallen
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