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Pistol Pete

30.09.2005 || 00:00 Uhr von:

Wir schreiben das Jahr 1974. Die NBA duelliert sich mit der ABA um Fans, Marktanteile und Gelder. Sie kämpft gegen die Insolvenz, weil die Showmen des Basketballs entweder bei den Harlem Globetrotters oder den verachteten Kollegen aus der American Basketball Association ihr Brot verdienen. 1974 ist aber auch das Jahr, in dem Deutschland zum zweiten Fußball-Weltmeister wird. Im Boxen besiegt Cassius Clay, später besser bekannt als Muhammad Ali, im legendären "Rumble in the Jungle"-Kampf George Foreman und holt sich seinen WM-Titel zurück. Die NBA wird (Anfang der Siebzigerjahre; d. Red.) von Teams wie den Celtics, Lakers, Knicks, Bucks und Warriors dominiert. Außerdem versinkt 1974 in einem Interview eines egozentrischen Shooting Guards der Atlanta Hawks ein simpler Satz im dunklen Archiv der Sportgeschichte. Erst nach seinem Tod taucht diese Aussage wieder ins Licht der Öffentlichkeit und erntet mehr Bedeutung als es die Basketballwelt damals zu glauben vermochte. Pete Maravich äußerte damals folgendes: "Ich will nicht zehn Jahre in der NBA spielen und dann mit 40 an einem Herzinfarkt sterben".

Zum Zeitpunkt dieses Zitats war Maravich ein aufstrebender Spieler in der Liga, der mit seinem Scoring, unglaublichem Ball-Handling und Basketballverstand die Fans verzückte und die Gegenspieler wegen seines egomanen Spielstils zur Weißglut brachte. In vier Jahren bei den Hawks brachte es dieser Sohn eines serbischen Einwanderes auf 24,3 Punkte, 4,2 Rebounds und 5,6 Assists pro Spiel. Im Draft 1970 wurde "Pistol Pete" an Position drei gewählt, nach Center-Legende Bob Lanier und dem späteren Rockets- und Lakers-Coach Rudy Tomjanovich. Sein damaliger Rookie-Vertrag in Höhe von knapp zwei Millionen Dollar sorgte für schlechte Stimmung im Team. Die Veteranen entwickelten schnell eine Abneigung gegen den abschlussstarken Neuling. Sie konnten die Entscheidung des Managements nicht nachvollziehen, einen weiteren Scorer zu verpflichten, da sie mit Lou Hudson einen der besten Werfer seiner Zeit in den eigenen Reihen wussten. Maravich nahm jedoch die alte Position vom soliden Joe Caldwell ein, der im gleichem Jahr, als Maravich in die Liga kam, in der Konkurrenzliga ABA einen neuen Arbeitgeber fand. Mit Hudson und Maravich im Backcourt und den starken Reboundern Walt Bellamy und Bill Bridges auf den Flügeln (zusammen holten sie mindestens 20 Rebounds pro Partie) stand ein gutes Gerüst bereit, das von 1970 bis 1973 einen Stammplatz in den Playoffs hatte. Doch leider waren die Spiele der ersten Runde gleichzeitig der Saison-Abschluss für das Team aus Georgia. 1974 konnten sich die Hawks nicht für die Post-Season qualifizieren, obwohl es Hudson und Maravich zusammen auf über 52 Punkte pro Partie brachten.

52 Punkte im Schnitt vom einem Duo? Das hört sich nicht schlecht an. Bedenkt man aber, dass Maravich allein auf dem College in drei Jahren im Schnitt 44,2 Punkte erreichte, war dieser Wert für ihn nur eine dumpfe Genugtuung. Pistol Pete führte die NCAA drei Jahre im Scoring an. In seinem letzten Jahr netzte er in zehn der 31 Punktspiele für LSU mindestens 50 Zähler ein und hält bis heute die Rekorde für die meisten Punkte (1381) und den höchsten Punkteschnitt (44,5) in einer Saison. 1970 erhielt Maravich für seine offensiven Glanztaten die Auszeichnung als College Spieler des Jahres. Nach seiner College-Karriere hatte Maravich so gut wie jeden nennenswerten Punkte-Rekord der NCAA gebrochen, darunter die meisten Karriere-Punkte (3667), den höchsten Schnitt (44,2), die meisten Treffer (1387), die meisten Wurfversuche (3166) und auch die meisten 50-Punkte-Spiele. Diese großartigen Leistungen sind allerdings noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Maravich all dies ohne einen einzigen Drei-Punkt-Wurf erreichte. Dieser wurde nämlich erst ab der Saison 1986-87 in der NCAA zugelassen. Aber was nützt es einem Spieler, individuell zu brillieren, wenn der Teamerfolg ausbleibt? Bereits am College musste Maravich häufig Kritik einstecken: er sei zu sehr auf die Show fixiert, kein Gewinnertyp. Der nüchterne Rekord von Louisiana State in seiner Zeit lag bei bescheidenen 49 Siegen gegenüber 35 Niederlagen.

Dass Maravich mit seinem Team nicht erfolgreich war, lag besonders an der überdrehten Spielweise des weißen Jungen aus Aliquippa, Pensylvania. Als er sieben Jahre alt war, brachte ihm sein Vater, Press Maravich, früher selbst Spieler und Trainer, die Grundlagen des Basketballs bei. Der kleine Pete war sofort verliebt in diesen Sport und übte seitdem vier bis fünf Stunden täglich Dribblings, Pässe, Wurffinten und Distanzwürfe. Selbst sein Vater war von dem Willen und dem Talent seines Sohnes beeindruckt: "Ich brachte ihm die Grundlagen bei, aber die Dribblings durch die Beine und hinter dem Rücken; die No-looks, die Pete macht, konnte ich mir nie erträumen." Sein Trick-Arsenal wuchs in Dimensionen des Unfassbaren und später meinten die Experten sogar: "Zuschauer und Gegner mussten ihn ganz aufmerksam beobachten, denn "Pistol Pete" hat selten einen Trick wiederholt." Es kam sogar soweit, dass sein kreatives Spielverständnis mit Showtime-Syndrom zukünftigen NBA-Showmen, wie z.B. Magic Johnson, Isiah Thomas oder Jason Williams, als Inspiration diente. Dieser Aspekt seines Spiel ist der Teil, der überlebt hat, der sein Image geprägt hat. Hawks-Kollege Lou Hudson fasste die Karriere von Maravich mit den passenden Worten zusammen: "Vom rohen Talent her, ist er der Größte, der jemals gespielt hat. Aber er wird für immer ein Verlierer bleiben. Das ist sein Vermächtnis. Es war für ihn nie einfach, Pete Maravich zu sein." In den ersten neun NBA-Jahren konnten die Teams, für die Maravich auflief, nur einmal mit einer positiven Bilanz die Saison beenden. Der Schleier des Egoismus haftete ständig über dem Ballzauberer. Er musste sich anhören, dass er nur für sich spiele und die Mannschaft ihn nicht interessiere. Genau deshalb, weil er nur für mittelklassige Mannschaften interessant war, um hauptsächlich Fans anzulocken, kam er auch nie in die Nähe einer Meisterschaft.

1974 wurde Maravich zum Expansion-Team aus New Orleans getradet. Maravich war zu Hause und der absolute Star der Jazz, denn die Verantwortlichen der neuen Franchise glaubten, die Verpflichtung der Heimatlegende sei ein guter Start in das NBA-Geschäft. Im ersten Jahr enttäuschte Maravich. Er traf nur 41,9 % aus dem Feld für magere 21,5 Punkte im Schnitt. Die Jazz beendeten ihre Rookie-Saison mit 23 Siegen bei 59 Niederlagen. Eine Spielzeit später schraubte der hellhäutige Guard seinen Schnitt um gut fünf Zähler auf 25,9 PpG. Auch seine Quote verbesserte sich. Er war in der Saison 1975-76 so treffsicher wie noch nie in seiner Karriere. 45,9 % seiner Würfe fanden den Weg durch Ring und Netz. Diese Leistungen brachten ihm einen Platz im All-NBA First Team ein. Im darauffolgenden Jahr führte er die Liga sogar im Scoring an: 31,1 Punkte pro Spiel. 13 Mal sammelte er mehr als 40 Zähler und fand sich erneut im Kader des All-NBA Teams. Eine besondere Duftmarke seines Könnens setzte Maravich aber am 25. Februar 1977 gegen die New York Knicks und Walt Frazier ab. Er versenkte 68 Punkte und erzielte damit die drittmeisten Punkte eines Guards in der NBA-Geschichte.

Wegen Knieproblemen und einer bakteriellen Infektion konnte Pistol Pete in der Saison 1977-78 nur 50 Spiele bestreiten; er erzielte trotzdem im Schnitt 27 Zähler. Auch im Jahr darauf musste er mehr als ein Drittel der Saison wegen Verletzungen pausieren und seine Statistiken fielen weiter. 1979 zogen die Jazz nach Utah und mit Tim Nissalke kam auch ein neuer Coach an die Seitenlinie. Dieser verstand sich nicht mit Maravich und Pistol Pete wurde nach nur 17 Spielen von den Jazz entlassen. Kurze Zeit später nahmen ihn die Boston Celtics, mit ihrem Rookie-Phänomen Larry Bird, unter Vertrag. In 26 Spielen konnte er für die Kleeblätter zeigen, dass er noch Basketball spielen konnte. Er konnte zudem auch seine Treffsicherheit aus der Distanz endlich in sichere Punte ummünzen, denn die Liga führte den Drei-Punkte-Wurf ein. In Maravichs letzter Saison traf er 10 von 15 Dreier. Bei den Celtics hatte er somit sogar einen kleinen Anteil am Division-Titel 1980. In den Conference-Finals war aber nach fünf Spielen gegen die Sixers Saisonende. Zu diesem Zeitpunkt war Pete Maravich 33 Jahre alt. Seine schnelle Spielweise zerstörte seine Gelenke, sein Alter entriss ihm seine Schnelligkeit. Er hatte mit Übergewicht zu kämpfen und entschied sich schließlich, am 20. September 1980 seine Profi-Karriere zu beenden.

Nach seinem Leben als Basketballer fühlte sich Maravich die erste Zeit lang verlassen. Depressionen plagten ihn, weil er ohne Basketball zurechtkommen musste. Die ersten zwei Jahre nach seinem Rücktritt, so gab er später zu Protokoll, waren die dunkelste Phase seines Lebens, denn er befand sich nach eigenen Worten auf der Suche "nach Leben". 1982 entdeckte Maravich, dass der Tunnel, in dem er sich befand, einen Ausgang besaß. Das Licht eines neuen Anfangs blendete ihn. Er glaubte, dass Gott zu ihm gesprochen habe und ihn auf einen neuen Pfad leiten würde. Schnell hörte Maravich auf, Alkohol zu trinken; er stellte seine Ernährung auf vegetarisch um, probierte er es mit Yoga und wandte sich dem Hinduismus zu. Er schien wieder auf die rechte Bahn geraten zu sein, denn fortan führte er mit seiner Frau Jackie und seinen Söhnen Joshua und Jaeson ein glückliches Familienleben.

Seine neue Lebensweise richtete Maravich nach einen Vers aus der Bibel. Im Matthäus-Evangelium steht geschrieben: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?" Hatte er etwa gewusst, dass er früh sterben würde? Nein, aber er warf einen Blick zurück auf sein Leben, auf ein Leben als egoistischer Basketball-Profi: "Es ist nicht falsch, wenn man Hingabe zeigt und Ziele verfolgt. Aber wenn du dich nur auf dich selbst konzentrierst, verblassen alle Lichter … 35 Jahre lang habe ich mein Leben einseitig gelebt. Dann endlich bekam ich die Einsicht, wer ich wirklich bin." Diese Worte sagte Maravich 1982, kurz nach seinem religiösen Erwachen. Er begann zu predigen und reiste in Kirchen und Basketball-Camps, um Kinder und anderen mitzuteilen, dass sein gegangener Weg der falsche war. Seine Botschaft war einfach. Der Mittdreißiger, der vor ihnen stand, war bei weitem wichtiger als der alkoholsüchtige Basketballer, den er einst verkörperte.

Sechs Jahre später. Am Vormittag des fünften Januar 1988 spielte Maravich in einem Drei-gegen-Drei in Pasadena, Kalifornien, mit seinem Kumpel James Dobson, in dessen Radio-Show er später am Tag ein Interview geben sollte. Nach dem Match sank er plötzlich bewusstlos zu Boden. Es passierte so schnell. Er hatte Spaß am Spiel und erzählte seinem Freund zuvor, dass er sich großartig fühle. Ein Krankenwagen brachte ihn in ein Krankenhaus. Die Ärzte versuchten 50 Minuten lang, ihn zurückzuholen. Vergebens. Peter Press Maravich trat seine Reise in Jenseits an. Er war 40 Jahre alt und hatte zehn Jahre in der NBA gespielt. Sein nüchternes Statement aus dem Interview von 1974 hatte sich bewahrheitet. Später stellte man in der Autopsie fest, dass Maravich wegen eines angeborenen Herzfehlers gestorben war. Er hatte nur eine Herzkranzarterie; normal sind zwei. Er hätte eigentlich nie Basketball spielen dürfen.

Ein Jahr vor seinem Tod wurde Pete Maravich in die Hall of Fame aufgenommen. Sein Leben wurde 1991 in dem Hollywood-Streifen "Pistol Pete" verewigt. Seit 1996 gehört er zu besten 50 NBA-Spielern aller Zeiten. Seine Spielweise wurde auf einer Videoserie namens "Pistol Pete’s Homework Basketball" festgehalten. Diese vier Kassetten behandeln die Themen Passen, Ball-Handling, Werfen und Dribbling und bewahren das Talent Maravichs für spätere Generationen auf. "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?" – Pete Maravich lebt auch ohne Titel in den Herzen der Basketball-Fans weiter.

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