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Gegen den Strom

26.08.2015 || 13:11 Uhr von:
Er hatte keine Lust sich anzupassen und prägte eine neue Art des Spiels. „AI“ kannte nur seinen eigenen Weg und wurde dadurch zur Legende.

„You have to show me the fool that says dreams don’t come true, because they do. I love you, Philadelphia. I love y’all for accepting me and letting me be me. Letting me make my mistakes, letting me be human, let me learn from them. Just embracing me and making this my home forever“

Es war der 1. März 2013, als Allen Iversons Trikot mir der Nummer drei unter die Hallendecke der Philadelphia 76ers gehisst wurde. Zum ersten Mal seit langer Zeit war das Wells Fargo Center mal wieder ausverkauft, weil die ganze Stadt sehen wollte, wie ihr allerliebster Sohn geehrt wurde. Er hatte die Sixers 2001 bis in die Finals getragen, die Über-Lakers um „Shaqobe“ mehr als nur geärgert und spätestens nach seiner 48-Punkte-Gala im ersten Finals-Spiel der Liga und dem Sport seinen eigenen, ganz besonderen Stempel aufgedrückt. Und nun war er gekommen, um sich bei der Stadt der brüderlichen Liebe dafür zu bedanken, dass er bei ihr immer er selbst, immer der echte Allen Iverson sein durfte.

Der echte Allen Iverson war so vieles. Er führte die NBA ins neue Jahrtausend, seine Spielweise hat vielleicht mehr Spieler nach ihm geprägt als die von Michael Jordan oder Kobe Bryant. Er war Topscorer der Liga und MVP mit gerade einmal 1,83 Meter, er war ein Streetballer, der seinem Spiel solange treu blieb, bis sein alternder Körper es nicht mehr zuließ. Er war ein Teenager, der wegen einer Lappalie zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, ehe ihn ein Akt der Gnade und Vernunft rettete. Er war ein Vorbild für die Kinder aus dem Ghetto, obwohl er nie eines sein wollte. Er blieb sich immer treu und trug sein Herz auf der Zunge. Er war ein Dorn im Auge der Liga, die sich um ihr Image sorgte – und vor allem war er jemand, der oft missverstanden wurde.

Das Kind eines Kindes

Allen Iverson wurde in Hampton geboren, einer unschönen Gegend in Virginia. Seine Mutter war selbst noch ein Teenager und gerade einmal 15 Jahre alt, sein biologischer Vater hatte keine Lust auf den Stress und suchte das Weite. Die Mutter allerdings tat alles, was sie konnte, um ihrem Sprössling eine halbwegs normale Kindheit zu bescheren – so soll sie einst beispielsweise ihre Stromrechnungen nicht bezahlt haben, um dem kleinen Allen stattdessen neue Basketballschuhe zu kaufen.

Dass Iverson diese Basketballschuhe auch trug, war keinesfalls selbstverständlich, denn dem aufmüpfigen Jungen war der Sport mit dem orangenen Leder einfach „zu soft“. Er suchte auf dem Feld den Körperkontakt, wollte seine Kraft und seine Schnelligkeit unter Beweis stellen. Also spielte er in der Schule Football und zeigte als Quarterback auch beachtliches Talent. Seine Mutter war zum Glück etwas weitsichtiger und erkannte das naheliegende Problem: Ihr Sohn war sehr schmächtig gebaut und wirklich groß würde er auch nie werden. Was natürlich auch keine optimalen Voraussetzungen für eine Basketballkarriere waren – vielversprechender als Football war dieser Sport dennoch.

Vor allem hielt er ihn weg von der Straße, die in Hampton von Bandenkriegen dominiert wurde. Iverson merkte, dass sein Talent für den Sport sein Ticket raus aus dieser Gegend sein könnte und verbrachte seine Zeit auf dem Freiplatz und natürlich in der High-School-Halle. Er dominierte bereits als 15-jähriger Freshman nach Belieben, die Colleges standen Schlange – bis dem schnellen Aufstieg ein jähes Ende bereitet wurde.

Ein Junge im Gefängnis

Es begann mit einem harmlosen Abend auf einer Bowling-Bahn. Iverson war mit seinen schwarzen Freunden da, ehe eine Gruppe weißer Jugendlicher angeblich das N-Wort benutzte. Es kam wie es kommen musste, eine Schlägerei brach aus. Iverson wurde als Aggressor ausgemacht und angeklagt. Schnell wurde klar, dass es für den jungen Sportler nicht gut laufen würde. Gerüchte gingen um, dass die Justiz ein Exempel statuieren, dass sie zeigen wollte, dass auch lokale Berühmtheiten vor dem Gesetz nicht sicher waren. Der zuständige Richter hatte zudem den Ruf, aus rassistischen Motiven zu handeln. „Ich war schon verurteilt, bevor ich überhaupt im Gerichtssaal erschien“, sagte Iverson später. 15 Jahre Gefängnis wurden verhängt, zehn Jahre davon sollte er absitzen. Für eine Schlägerei, bei der er der mutmaßliche Aggressor gewesen sein sollte und die letztlich glimpflich verlief. Allen Iverson war zur Tatzeit 17 Jahre alt. Willkommen in Amerika.

Was Iversons Karriere und vielleicht auch sein Leben rettete, war ein Akt der Gnade und der Vernunft. Nach vier Monaten in seiner Zelle schrieb er einen Brief an Governor Doug Wilders, in dem er um eine zweite Chance bat. Dieser begnadigte den All-American Athlete und schickte ihn wieder nach Hause. Danken wir ihm.

„Sie hat uns rekrutiert“

Seine Verurteilung hatte allerdings eine bittere Folge: Die Colleges nahmen Abstand vom Jungen, der im Knast war. Also nahm seine Mutter das Heft des Handelns in die Hand und sprach mit allen Verantwortlichen, mit denen sie irgendwie in Kontakt treten konnte. Am Ende erbarmte sich Georgetown und dessen Head Coach John Thompson, der auf die Verpflichtung Iversons so zurückblickt: „Ich habe ihn nie rekrutiert, seine Mutter hat uns rekrutiert. Ich war, ehrlich gesagt, eher abgeneigt.“ Doch er sollte sein Einlenken nicht bereuen.

In seinem zweiten Jahr führte „AI“ das Team bis ins Finale des NCAA Tournaments, wo man sich erst Massachusetts geschlagen geben musste. Iverson legte durchschnittlich 25 Punkte und 4,7 Assists auf und dankte seinem Coach später für das Vertrauen: „Er hat mein Leben gerettet.“

Schon im College zeigte sich, was für eine Art Spieler Allen Iverson für immer sein würde. Dem balldominanten Guard ging es immer in erster Linie darum, seinen Gegenspieler im Eins-gegen-Eins zu schlagen, ihn mit seiner Schnelligkeit und mit seinem Wahnsinns-Ballhandling zu demütigen. War ihm das erstmal gelungen, dann war der Rest nur noch Formsache – ob Würfe aus dem Dribbling (egal, von wo), Floater über die Center oder auch Layups und Dunks mit viel Kontakt. Iverson hatte vor niemandem Angst, sein Selbstvertrauen war zerberstend. Schon in der High-School soll er gegenüber seines Coaches getönt haben, dass er „Michael Jordan fertig machen“ könne.

Und Allen Iverson wäre nicht Allen Iverson, wenn er seinen Worten nicht Taten folgen lassen würde. Im März 1997, inzwischen frischer Nummer-eins-Pick der Philadelphia 76ers, schenkte der kleine Quirl His Airness 37 Punkte ein, sein Crossover gegen den verzweifelten Bulls-Guard ist bis heute legendär. Spätestens nach diesem Spiel wurde klar: Im Eins-gegen-Eins ist dieser Kerl nicht zu stoppen. Wenn nicht von MJ, dann von niemandem.

https://www.youtube.com/watch?v=KuW-QG2vRtY

Der Wegbereiter für Westbrook und Co.?

Die Basketball-Welt staunte nicht schlecht, als sie diesen kleinen Guard gegnerische Verteidigungen zur Verzweiflung bringen sah. Zuschauer waren es zu Zeiten von John Stockton oder Steve Kerr gewöhnt, dass Point Guards das Spiel lenken und ihre Mitspieler einsetzen sollten – für das Scoring waren andere verantwortlich. Iverson sah das bekanntlich anders und brachte einen komplett neuen Stil in die Liga, der heutige Einser wie Russell Westbrook, Derrick Rose oder auch Stephen Curry prägt. Selbst LeBron James gab einst zu: „Ich wollte nicht sein wie Jordan oder Magic, ich wollte sein wie Iverson“.

Auf der Höhe seins spielerischen Schaffens war Iverson zweifelsohne in den Playoffs 2001, als er seine eher minder talentierten Sixers bis in die Finals führte. Die Lakers traten als haushoher Favorit an, sie hatten praktisch keine Gegner: Nicht Tim Duncans Spurs, nicht Chris Webbers Kings und schon gar nicht die Portland Trail Blazers konnten dem Monster „Shaqobe“ auch nur eine Niederlage in den Playoffs zufügen. Dann kam dieser Zwerg ins Staples Center.

48 Punkte hatte „The Answer“ am Ende auf dem Konto, Lakers-Guard Tyronn Lue dürfte immer noch Albträume haben. Im entscheidenden Moment des Spiels war er in der unglücklichen Lage, Iverson verteidigen zu müssen. Was damit endete, dass er durch einen der gefürchteten Killer-Crossover zu Boden geschickt wurde und die Nummer drei auf der anderen Seite in Seelenruhe einen Jumper versenkte und anschließend genüsslich über sein Opfer hinweg stieg. Wollte man Iversons Spiel in nur einer Szene beschreiben – voilà.

„We’re talkin‘ about practice“

Am Ende waren die Lakers aber doch zu mächtig, gewannen die Serie 4-1. Die Sixers waren einfach zu limitiert und mussten sich zu sehr auf den MVP der regulären Saison verlassen, oder um es mit dessen Worten zu sagen: „Wir hatten in der Offense nur mich plus einen Haufen harter Burschen. Und einen großartigen Coach in Larry Brown.“

Dieser hatte es beileibe nicht immer einfach mit seinem Schützling. Iverson galt als trainingsfaul und disziplinlos, er gab angeblich nur auf dem Court alles. 2002 kam es dann zum ersten großen Krach, der unantastbare Allen Iverson stand kurz davor, in die Wüste geschickt zu werden. Er hatte mal wieder den Zorn des Head Coaches auf sich gezogen, da er erst zehn Minuten vor dem Tip-Off in der Halle erschien. „Entweder gehst du oder ich“, soll ihm Brown entgegen geschrien haben. Der Streit wird gerade noch geschlichtet, eine Pressekonferenz angesetzt, bei der der Verbleib Iversons verkündet werden sollte – doch wie so oft lief mal wieder alles anders, als erwartet.

Von einem Journalisten auf ein verpasstes Training angesprochen, ließ er sich zwei Minuten darüber aus, dass es doch nur ums Training ginge. Wir könne man bei einer Pressekonferenz, bei der der Franchise-Spieler seinen Verbleib verkünden sollte, darüber reden? Iverson konnte es nicht glauben und ließ es die Welt auch wissen.

Das war natürlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die in Iverson einen unbelehrbaren Egomanen sahen, der keine Regeln kennt und tut, was er will. Doch war seine Reaktion nicht irgendwie auch verständlich? Da will man über eine wegweisende Entscheidung für seine eigene Karriere und die der Franchise sprechen, und kann kommt jemand mit so einer Lappalie? Vermutlich hätten 90 Prozent aller Spieler auch so gedacht, wenn sie in Iversons Situation gewesen wären. Sich trauen, das auch zu sagen, das konnte aber nur „The Answer“. Doch seine Offenheit setzte seinem Image noch mehr zu als ohnehin schon.

Hip-Hop vs. NBA

Und dann war da auch noch sein Erscheinungsbild. Die Baggy-Klamotten, der pompöse Schmuck, die Uhren, die Cornrows, die vielen Tatoos und dazu noch die Art, wie er sich artikulierte. Dort, wo er herkam, war das so üblich, wieso also etwas ändern? Iverson wollte sich treu bleiben, wollte sich dem Establishment der reichen NBA nicht anpassen. Das färbte auch auf andere Spieler ab, die seinem Vorbild folgten. Vor allem jedoch zeigte er der Jugend, die in Verhältnissen lebte, in denen auch er aufgewachsen war: Ich bin immer noch einer von euch, ihr müsst euch nicht verbiegen, um etwas zu erreichen.

Der NBA gefiel das nicht. Sie wollte sich ein Saubermann-Image zulegen, in das ein Allen Iverson nicht hineinpasst. So zwang sie ihren Spielern einen Dresscode auf, indem Hip-Hop-Klamotten nichts verloren hatten. Natürlich gab es Proteste, auch der offensichtliche „Hauptgrund“ meldete sich zu Wort. Er sah darin eine Diskriminierung seiner Kultur, wollte sich damit nicht abfinden. „Wenn man einen schlechten Mensch in einen Smoking steckt, wird er dadurch noch lange kein guter“, sagte er.

Die NBA und David Stern betont zwar bis heute, dass der Dresscode nichts mit Iverson zu tun hatte. So richtig glauben tut das aber niemand. „Wenn es nichts mit Allen Iverson zu tun hatte, dann aber mit allen Spielern, die wie Allen Iverson aussahen“, gibt sich der Deserteur ironisch.

Der sportliche Abstieg

So erfolgreich wie 2001 waren die Sixers derweil nie wieder, auch wenn Iversons Leistungen nach wie vor einzigartig blieben. Er holte sich noch zwei Mal den Titel als Topscorer, ehe er zu den Denver Nuggets verschifft wurde. Vor allem das Zusammenspiel mit dem ebenfalls balldominanten Carmelo Anthony klappte nicht, der sportliche Stern Iversons ging so langsam unter. Er versuchte es später noch einmal bei Detroit, Memphis und erneut in Philly, war aber längst nicht mehr der Alte.

Auch sein Intermezzo in der Türkei trug keine Früchte und stieß auf allgemeines Unverständnis. Wieso hatte er sich nicht schon längst als sechster Mann bei einem Contender angeboten? Hätte er nicht versuchen sollen, irgendwo seine Karriere mit einem Ring zu krönen? Nein, denn das wäre nicht der Allen-Iverson-Weg gewesen, auf dem er entweder alles auf seine Weise regelt oder es gleich bleiben lässt. Ein NBA-Titel mit ihm in einer untergeordneten Rolle hätte ihm vermutlich nicht so viel bedeutet, wie das Vermächtnis, das er auch so hinterlässt.

„Jeder, der in der NBA Cornrows, Schmuck und Headbands trägt, tut es wegen ihm. Er hat uns alle gelehrt, dass wir einfach nur wir selbst sein sollen“, sagt Isaiah Thomas. „Was für eine Ehre, sich mit dir zu messen und im Zuge dessen ein Freund von dir zu werden. Du bist der Grund, warum ich Tattoos, ein Headband und Armsleeves trage. Danke für alles!!“, schreibt LeBron james. „Deinen Einfluss auf das Spiel werden noch Generationen nach uns spüren“, sagt Kobe Bryant.

„Ich will nicht wie Jordan sein, ich will nicht wie Magic sein, ich will nicht wie Bird oder Isiah sein, ich will keiner dieser Leute sein. Doch wenn meine Karriere vorbei ist, dann will ich in den Spiegel gucken und sagen, dass ich es auf meine Weise gemacht habe“, sagt Allen Iverson. Danken wir ihm dafür, dass er sich immer daran gehalten hat – unser Sport wäre sonst nicht derselbe.

Gegen den Strom
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tdeath
tdeath 26. August 2015 um 22:46 Uhr

Iverson war schon ein Charakter, aber nach der ‚Practice‘ Rede war er durch. Im Rückblick wird er der beste aus einer Riege kleiner Spieler mit Street Cred sein, vor Leuten wie Marbury, Telfair, Nate Robinson… aber zum Titel hat ihn das Team-Gen gefehlt.

KLMPN
KLMPN 27. August 2015 um 7:59 Uhr

Erstmal Lob für den Artikel, lässt sich mmN echt gut lesen!
Habe mich bis jetzt nicht sonderlich tiefgehend mit der Personalie Iverson beschäftig, um so interessanter finde ich den Artikel.
Wie oft man im Zusammenhang mit den US Sportarten Dinge wie „so soll sie einst beispielsweise ihre Stromrechnungen nicht bezahlt haben, um dem kleinen Allen stattdessen neue Basketballschuhe zu kaufen.“ liest, finde ich ziemlich krass. Echt Wahnsinn für wie viele Menschen der Sport die einzige halbwegs realistische Chance auf einen Ausweg ist.

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