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Paul Zipser: Ein Opfer der Umstände?

21.11.2017 || 15:38 Uhr von:
Paul Zipser befindet sich derzeit in einer Formkrise: Als Starter in die Saison gegangen, ist der 23-Jährige aktuell aus der Rotation der Chicago Bulls raus. Doch wie viel Verantwortung trägt der Forward wirklich für seine Situation?

Wenn über die deutschen Spieler in der NBA berichtet wird, fällt vorwiegend der Name Dennis Schröder. Der Point Guard ist bei den Atlanta Hawks erste Option im Angriff und Anführer des Teams. Dirk Nowitzki ist als lebende Legende natürlich allgegenwärtig. Auch Daniel Theis sorgt dank überzeugender Leistungen beim derzeitigen Ligaprimus Boston Celtics regelmäßig für Schlagzeilen. Selbst Maxi Kleber macht trotz seiner limitierten Spielzeit durch spektakuläre Highlights gelegentlich auf sich aufmerksam.

Um Paul Zipser ist es dagegen in letzter Zeit still geworden. Zu erwarten war dies auf den ersten Blick nicht. Schließlich galt der 23-Jährige vor seiner zweiten NBA-Saison auf der Small-Forward-Position bei den Chicago Bulls als gesetzt. Nach zahlreichen prominenten Abgängen winkte ihm eine größere Rolle im Team. Sogar auf die EuroBasket hatte der Nationalspieler verzichtet, um sich in Chicago voll und ganz auf die neue Spielzeit vorzubereiten.

Miese Quoten, sinkende Spielanteile

Nach einem Saisonmonat befindet sich Zipser jedoch in einem Loch. In der Offensive hapert es beim Forward gewaltig: Seine Wurfquoten, ob aus dem Zweier- oder Dreierbereich, sind im Keller. An der Freiwurflinie stand er lediglich einmal. Nach zwei respektablen Saisonwochen ging es statistisch deutlich bergab. Selbst in der Defense präsentierte er sich in vielen Szenen nicht so stark wie gewohnt. Zipser verlor daraufhin zuerst seinen Platz in der Starting Five und kürzlich sogar den in der Rotation. Die letzten beiden Partien verbrachte der Flügelspieler komplett auf der Bank. Warum tut sich Zipser bislang so schwer? Und inwieweit ist er überhaupt für seine persönliche Lage verantwortlich zu machen?

Fakt ist, dass Zipser verglichen zur Vorsaison bei nahezu gleicher Spielzeit etwa zwei Punkte pro Partie weniger erzielt (3,7 zu 5,5 PpG). Seine Feldwurf- (31,7% FG) und Dreierquoten (25,0% 3FG) sind jeweils um knapp acht Prozent gesunken. Dafür hat er sich bei den Rebounds (3,7 RpG) deutlich gesteigert. Mit Zipser auf dem Parkett spielen die Bulls sowohl in der Offensive, als auch in der Defensive deutlich schlechter als ohne ihn, wie die On- und Off-Court-Stats des Deutschen beweisen. Diese Vergleiche und Statistiken sind zwar wahr, aber ebenso unfair. Stattdessen müssen Zipsers Leistungen im Gesamtkontext betrachtet und aus diesem heraus richtig eingeordnet werden.

In der letzten Saison waren die Bulls trotz schlechtem Shooting und Spacing noch ein respektables Team. Mit Jimmy Butler stand einer der 15 besten NBA-Spieler im Kader, der den Fokus der Verteidigung stets auf sich zog. Auch Dwyane Wade und selbst Rajon Rondo waren in der Lage, Räume für die anderen Rollenspieler zu schaffen. Alle drei genannten Akteure sind weg, die Hoffnungen ruhen nun auf Rookie Lauri Markkanen. Es ist kein überdurchschnittlicher Guard mehr da, der auf hohem Level für sich und andere kreiert und für Mitspieler Lücken reißt. Stattdessen ist Chicago ein Team, in dem Justin Holiday 15 Abschlüsse pro Partie nimmt – einer mieser als der andere.

Schlechte Situation

Die Bulls-Version von 2017/18 ist ein talentarmes, schlecht gecoachtes und gemanagtes Team. Nicht einmal eine gute Team-Chemie, mit der einiges wettzumachen wäre, ist vorhanden, wie die tätliche Auseinandersetzung zwischen Bobby Portis und Nikola Mirotic bewies. Für jemanden wie Paul Zipser könnte eine solche Konstellation nicht verheerender sein. Seine Würfe sind nicht mehr so frei und wenn der Flügelspieler mal abdrückt, dann verhältnismäßig häufig aus dem Dribbling, was jedoch nicht zu seinen Stärken gehört. Darunter leidet die Effizienz. Auch Athletik und Ballhandling sind nicht gut genug, um sich regelmäßig hochprozentige Abschlüsse zu erarbeiten.

Das soll allerdings keine Kritik und schon gar kein Diss sein. Kaum ein Spieler wäre auf diesem Niveau dazu in der Lage, erst recht nicht in einer solch miesen Truppe. Zipser Stärken liegen darin, dass er ein solider Teamspieler und Verteidiger ist, der den freien Dreier aus dem Catch-and-Shoot akzeptabel trifft. Mit diesen Qualitäten hat sich der Zweitrunden-Pick letzte Saison als unbekannter Rookie in den USA seinen Platz in der Rotation verdient.

Vor allem mit seiner Energie und seinen Defensiv-Fertigkeiten hat sich Zipser bei den Experten einen Namen gemacht. Selbst vor Duellen mit den Superstars auf seiner Position schreckt der Flügelspieler nicht zurück. Sogar der „King“ bekam die Qualitäten des Deutschen zu spüren, was ESPN’s NBA-Guru Zach Lowe zu seinem legendären Tweet veranlasste.

Allerdings gibt es Qualitäten, die im Moment gefragter sind in Chicago. Die Bulls brauchen Spieler, die auch mal im Eins-gegen-Eins erfolgreich sind, die in die Zone penetrieren können und die – um es simpel auszudrücken – den Ball in den Korb werfen können. Davon gibt es nämlich nur wenige im Kader. Aus diesem Grund steht der athletischere und aggressivere David Nwaba in der Rangordnung derzeit vor Zipser. Aus diesem Grund setzt Head Coach Fred Hoiberg lieber auf einen weiteren Ballhandler wie Denzel Valentine, der neben den Point Guards Jerian Grant oder Kris Dunn aufläuft. „Dadurch haben wir zwei Ballhandler, was uns wichtig ist“, argumentiert Hoiberg die Maßnahme. „Wir wollen zwei Jungs, die in die Zone gehen können. Jerian hat zu Saisonbeginn einen guten Job gemacht, auf den Ball aufzupassen. Das ist wichtig für unser Spiel.“

Zipser braucht Selbstvertauen

Für Paul Zipser bleiben da aktuell kaum Minuten übrig. Mit Zach LaVine steht zudem ein weiterer Spieler vor der Rückkehr, der die Konkurrenzsituation auf den kleinen Positionen weiter verschärfen wird. „Paul bleibt positiv“, sagte Hoiberg zur Chicago Tribune nach der Niederlage in Phoenix am vergangenen Sonntag, bei der der Deutsche nicht zum Einsatz kam. „Ich hatte ein gutes Gespräch mit ihm [am Samstag]. Er wird definitiv weiter seine Chancen bekommen. Er war ein solch wichtiger Bestandteil für das, was wir in der letzten Saison erreicht haben, vor allem gegen Ende des Jahres. Letzte Saison ist er in vielen Spielen gestartet und hat viele kleine Dinge gemacht. Wir haben weiterhin Vertrauen in Paul.“

Klingt ganz danach, als würde Zipser im Moment noch von den starken Leistungen in seiner Rookie-Saison zehren können. Obwohl der 23-Jährige mitunter ein Opfer der Umstände ist, muss er dennoch alsbald aus seinem Formtief herauskommen und im Angriff mehr produzieren. Dies geht allerdings nur über Erfolgserlebnisse, mit denen er sein Selbstvertrauen aufbauen kann. Sogar die Verteidigungsleistung scheint unter dem Formloch zu leiden. Nicht selten bleibt Zipser in Blöcken hängen oder wird im Eins-gegen-Eins geschlagen. Der Forward muss um seine Minuten kämpfen und sich auf beiden Seiten des Court verbessern. Ansonsten läuft er Gefahr, vom Strom der Negativität in Chicago mitgerissen und aus der NBA wieder herausgeschwemmt zu werden (es sei daran erinnert, dass Zipser keinen garantierten Vertrag für die nächste Saison hat).

Ein solches Szenario ist allerdings noch weit entfernt. Im Zweifel gäbe es mit Sicherheit einige andere Teams, die die Qualitäten von Zipser zu schätzen wissen. Für dessen Entwicklung wäre ein baldiger Tapetenwechsel vielleicht sogar das Beste, was ihm passieren kann. Zunächst aber muss sich Paul Zipser in Chicago durchbeißen. Zu wünschen wäre es ihm.

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