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Zukunft ohne Westbrook?

26.07.2016 || 09:13 Uhr von:
Der Wechsel von Kevin Durant zu den Golden State Warriors hat in Oklahoma für Entsetzen gesorgt. Auf die Franchise kommen in nächster Zeit schwere Entscheidungen zu.

Die schwerste ist die, wie man mit Russell Westbrook verfahren wird. Mit Durant verliert das Team einen absoluten Superstar. Dieser wurde nach einer Monster-Saison 2013/14 zum MVP gekürt und ist einer der drei besten Spieler der Liga. Letztes Jahr hat er pro Spiel knapp 28 Punkte, acht Rebounds und fünf Assists aufgelegt. Und das bei Traumquoten von 50 Prozent aus dem Feld, 39 Prozent von der Dreier- und 90 Prozent von der Freiwurflinie. Sein Abgang lässt sich nicht kompensieren; für ihn gibt es keinen Ersatz.

OKC minus Durant

Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass die Thunder auf Durant verzichten müssen. In der Saison 2014/15 verpasste dieser nämlich auf Grund von Fußproblemen den Großteil der Saison. Insgesamt stand er nur 27 Mal auf dem Feld; nach dem All-Star Game machte er nur noch ein einziges Spiel. Damals drehte der zweite Superstar der Thunder, der ultradynamische Point Guard Russell Westbrook, völlig auf.

31,4 Punkte, 8,6 Rebounds und 9,9 Assists pro Spiel, dazu neun Triple-Doubles – das klingt im ersten Moment schwer nach Statistiken von Oscar Robertson oder Magic Johnson. Es ist aber etwas anderes. Es sind Westbrooks Durchschnittswerte nach dem All-Star Game 2015. Dieser riss in Durants Abwesenheit das Spiel der Thunder komplett an sich. Davon zeugt auch seine, selbst für hemmungslose Werfer wie Kobe Bryant, Michael Jordan oder Allen Iverson astronomisch hohe, Usage-Rate von 40 Prozent während dieser Zeit.

Allein der Teamerfolg blieb aus. Aus dem Meisterschaftsanwärter wurde ohne KD ein Mittelklasseteam. Die Thunder gewannen nach dem All-Star Game 16 von 28 Spielen. Das ist zwar gut, war aber im starken Westen letzten Endes nicht gut genug, um die Playoffs zu erreichen.

Projiziert man die Siegquote der Thunder nach dem All-Star Game auf eine ganze Saison, so kommt man auf 47 Siege. Das reicht, um die Playoffs zu erreichen. Das reicht aber nicht, um wirklich um den Titel mitzuspielen. Auch die Buchmacher in Las Vegas sehen das so und geben den Thunder eine 1/75-Chance, den Titel zu gewinnen.

Und tatsächlich: Sieht man sich die Depth Chart des Teams für die kommende Saison an, erscheinen diese Vorhersagen durchaus realistisch.

Point GuardShooting GuardSmall ForwardPower ForwardCenter
Russell WestbrookVictor OladipoAndre RobersonEnes KanterSteven Adams
Cameron PayneAnthony MorrowKyle SinglerErsan IlyasovaDomantas Sabonis
Josh HuestisNick CollisonMitch McGary

Das Team ist weiterhin wettbewerbsfähig und hat sich durch den Trade von Serge Ibaka für Victor Oladipo und Domatas Sabonis verjüngt. Trotzdem reichen die Möglichkeit nicht aus, um den Warriors, Spurs oder Clippers richtig gefährlich zu werden.

Westbrooks Vertragssituation

Die Thunder sind also plötzlich kein Contender mehr. Das alleine ist schon bitter genug. Zu allem Überfluss läuft nächsten Sommer auch noch Westbrooks Vertrag aus. Wenn dieser seinen Vertrag nicht verlängert, kann er sich wie KD in der Free Agency einen neuen Arbeitgeber suchen. Die Frage, wie mit dieser Situation verfahren werden soll, hängt wie ein Damoklesschwert über der Franchise.

Das Collective Bargain Agreement sieht die Möglichkeit vor, langfristig geschlossene Verträge frühzeitig zu verlängern. Bedingung hierfür sind, dass die Vertragslaufzeit ursprünglich mindestens vier Jahre beträgt und das mindestens drei Jahre seit Vertragsabschluss vergangen sind. Westbrook hat im Januar 2012 einen Fünfjahresvertrag über 78.595.310 Dollar unterschrieben. Die Bedingungen für das sogenannte „Renegotiate and Extend“ (deutsch: Nachverhandeln und Verlängern) sind also gegeben.

Berichten zu Folge sollen die Thunder eine solche Vertragsänderung vorgeschlagen haben, allerdings ohne Erfolg. Westbrook ist zur Zeit also nicht willig, sich durch eine frühzeitige Verlängerung langfristig an die Franchise zu binden. Das überrascht nicht wirklich, denn Westbrook ist ein Siegertyp, ein Gewinner. 45 Siege und frühes Playoff-Aus? Nicht mit ihm. Nicht umsonst wird seine Spielweise von vielen mit der von Kobe Bryant verglichen – unter anderem von Kobe selbst.

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Die Möglichkeiten der Thunder

1. Trade vor der Saison: Diese Möglichkeit halten Howard Beck von „Bleacher Report“ zu Folge mehrere General Manager von anderen Teams für die wahrscheinlichste. Westbrook ist ein Top-10-Spieler in der Liga und die Aussicht, diesen verpflichten zu können, ist für viele Teams extrem verlockend. Jeder GM, der die Möglichkeit hat, Russell Westbrook zu verpflichten, wird es versuchen. Dementsprechend ist es für Thunder-GM Sam Presti vielleicht möglich, einen extrem hohen Gegenwert zu erzielen.

2. Trade während der Saison/vor der Deadline: Die Thunder sind in der kommenden Saison Westbrooks Team. Im Angriff ist er jetzt die Option Nummer eins. Die Zahlen, die er nächste Saison abrufen könnte sind historisch. Das wird seinem Trade-Wert sicher nicht schaden. Dazu kommt, dass Teams während der Saison meistens mit der Realität bezüglich ihres Kaders und dessen Qualität konfrontiert werden. Sollte ein Team merken, dass es weit hinter den eigenen Erwartungen zurück bleibt, würde für dieses Team ein Trade für Westbrook immer interessanter werden. Die Gefahr zu lange zu warten ist allerdings real. Andere Teams werden sich, wenn die Trade-Deadline näher rückt, zweimal überlegen, ob sie nun wertvolle Spieler oder Picks abgeben sollen, um Westbrook noch in dieser Saison zu verpflichten. Denn: Warum jetzt Trade Assests abgeben, wenn man ihn im Sommer vielleicht ohne Abgaben verpflichten kann?

3. Kein Trade: Diese Möglichkeit ist wohl die unwahrscheinlichste. Um eines klar zu machen: Wenn man Russell Westbrook irgendwie halten kann, dann hält man ihn auch. Wenn Westbrook Free Agent wird und sich entscheidet, bei den Thunder zu bleiben, ist das der absolut beste Fall für die Franchise. Aber nach den Erfahrungen diesen Sommers wird OKC besonders vorsichtig sein. Westbrooks Abgang in der Free Agency wäre ein Schlag, von dem sich OKC vermutlich lange nicht erholen würde.

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Mögliche Tradepartner

Das aktuelle Team um Westbrook ist extrem jung und wird sich in Zukunft weiter entwickeln. Deshalb sollte das Hauptaugenmerk der Thunder bei einem möglichen Trade darauf liegen, Draftpicks und/oder junge Spieler mit Potential zu erhalten. Ihn im Tausch für einen bereits etablierten und älteren Star, z.B. Carmelo Anthony, abzugeben, wäre aus der Teambuildung-Perspektive unsinnig.

1. Los Angeles Lakers

Die Lakers haben durch und durch enttäuschende Jahre hinter sich. In der NBA führen enttäuschende Jahre glücklicherweise meistens zu hohen Draftpicks. Dementsprechend haben sie in den letzten Jahren durchweg hoch gedraftet. Mit Julius Randle, D’Angelo Russell und Brandon Ingram verfügen sie über einen vielversprechenden Kern. Dazu kommen mit Larry Nance Jr. und Jordan Clarkson weitere junge und gute Spieler. Ein Paket aus mehreren dieser Akteure könnte für einen Trade genügen.

Die Lakers und Westbrook, das scheint aus mehreren Gründen zu passen. Westbrook wuchs in Los Angeles auf, war in seiner Jugend glühender Lakers-Anhänger und ging nach der High School auf die UCLA.

Dann wiederum wäre der Kader nach einem möglichen Trade schwach und vermutlich nicht wettbewerbsfähig.

Dazu kommt, dass die Lakers denken, sie können Westbrook nächsten Sommer als Free Agent unter Vertrag nehmen. Wieso also jetzt den jungen Kern sprengen für einen Spieler, der nächstes Jahr vielleicht eh kommt?

2. Minnesota Timberwolves

Die Timberwolves haben mit Karl-Anthony Towns, Andrew Wiggins und Zach LaVine drei absolute Toptalente in ihren Reihen. Ein Paket aus Zach LaVine, Ricky Rubio, Kris Dunn (Fünfter Pick des NBA Draft 2016) und einem Erstrundenpick in der Zukunft könnte genügen. Ein Team um Westbrook, Wiggins und Towns wäre auf die Stelle ein Meisterschaftsanwärter.

Die Frage ist nur, ob die Wolves Westbrook davon überzeugen können, seine Zelte hier langfristig aufzuschlagen. Der Markt ist klein und das Wetter kalt. Sportlich bietet Minnesota hingegen eine vielversprechende Option.

3. Boston Celtics

Die Celtics jagen seit gefühlten Ewigkeiten einen Franchise-Player. Mit Al Horford konnten sie sich im Sommer exzellent verstärken und gehen als nominell zweitstärkstes Team im Osten in die Saison. Mit Westbrook würde sich der Abstand zu den Cavs weiter verkleinern.

Mit Jae Crowder, Avery Bradley, Isaiah Thomas, Marcus Smart, Jaylen Brown (Dritter Pick 2016) und den Picks der Brooklyn Nets (Tausch in 2017, vollständig in 2018) verfügen sie über passende Gegenwerte in einen Trade.
Die Celtics sind die Favoriten im Rennen um Westbrook. Die Trade-Assets sind vorhanden; die sportliche Situation stimmt.

Was tun?

Ja, es ist nicht das erste Mal, dass eine große Entscheidung im Hause der Thunder ansteht und ja, OKC hat in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Trades gemacht.

Als sie sich James Harden 2012 nicht auf eine frühzeitige Vertragsverlängerung einigen konnten, wurde er gegen Picks (Steven Adams), Jeremy Lamb und Kevin Martin nach Houston getraded.
Der Trade gilt als einer der einseitigsten in der neueren NBA Geschichte.
Jeremy Lamb war ein Bust und Kevin Martin nach einem Jahr weg. Der einzige Lichtblick: Steven Adams, der mittlerweile zu den besseren Centern der Liga zählt.

Harden war 2012 nicht der Spieler, der er heute ist. Aber es steht außer Frage, dass Oklahoma ihn unter Wert verkauft hat.
Der absolut schlecht möglichste Fall war dieser Trade allerdings nicht, wie man jetzt im Sommer an Durant gesehen hat. Man kann nicht oft genug betonen, wie schmerzhaft es ist, einen Spieler seiner Qualität ohne jegliche Kompensation (ausser Cap Space) zu verlieren.

Sollte Westbrook keine Vertragsverlängerung während der Saison unterzeichnen, müssen die Thunder alles daran setzen, dass sie Westbrook gegen ein gutes Paket tauschen.
Angenommen, Westbrook verlässt im Sommer als Free Agent den Verein, so hätte OKC in wenigen Jahren drei Franchise Player verloren.
Einziger Gegenwert: Steven Adams und 1 Jahr lang Kevin Martin.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie die Thunder sich entscheiden.

 

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