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Kyle O’Quinn: der Rollenspieler

01.02.2017 || 09:55 Uhr von:
Backup-Big-Man, Spaßvogel, Babysitter – Kyle O'Quinn erfüllt bei den New York Knicks zahlreiche Aufgaben. basketball.de stellt den vielleicht wichtigsten Rollenspieler der Knicks vor.

„Sag Entschuldigung“, mahnt die tiefe Männerstimme, doch der kecke Neunjährige denkt nicht daran. Also hebt der bärtige Mann den Jungen scheinbar mühelos in die Höhe und bewegt ihn kopfüber in Richtung der Eiswasserwanne, sodass das kühle Nass die blondierten Haarspitzen des Jungen benetzt. „Ich habe dich gewarnt“, sagt der Mann und setzt den Jungen ab, der laut kreischt, als ein paar eisige Tropfen in sein Knicks-Shirt mit der Rückennummer 7 hinab rollen. Doch spätestens als der bärtige Hüne ihm das Handtuch, welches um seinen muskulösen Oberkörper geschlungen ist, zum Trocknen überlässt, ist auch der Ärger des Jungen über die eisige Strafe verflogen. So stimmen der kleine Kiyan Anthony und der hünenhafte Kyle O’Quinn dann doch noch in das Lachen der umstehenden Journalisten und Mitarbeiter im Locker Room der New York Knicks mit ein.

„Ich übernehme hier alle möglichen Aufgaben“, verrät O’Quinn augenzwinkernd, und es ist klar, dass er damit nicht nur auf seine Arbeit auf dem Feld abzielt. Denn sei es als Babysitter seines prominenten Teamkollegen oder – noch viel wichtiger – als schillernde Persönlichkeit innerhalb der Mannschaft, ist der 26-Jährige auch abseits des Parketts ein wichtiges Zahnrad im bekanntlich nicht immer rund laufenden Getriebe der New York Knicks. Während Teamkollege Derrick Rose anderthalb Stunden vor dem Spiel kaum eine Miene verzieht, als er von den Knicks-Physiotherapeuten nahe der Grundlinie gedehnt wird, hat O’Quinn für jeden der beistehenden Presseleute und Mitarbeiter einen Spruch auf den Lippen. Und auch nach dem Anpfiff ist es – neben Chef-Antreiber Joakim Noah – immer wieder O’Quinn, der sowohl auf dem Feld als auch von der Bank emotionale Impulse setzt und seine Teamkollegen mitreißt.

„Ich versuche immer noch, seine Persönlichkeit zu verstehen“, erklärt Knicks-Coach Jeff Hornacek der New York Post. „Manchmal ist er der Clown – oder zumindest der Typ, der andere nachmacht und damit alle etwas auflockert. Es ist großartig, so jemanden in der Mannschaft zu haben. Und [seine Späße] kommen immer zur richtigen Zeit. Wenn man drei Spiele in Folge verloren hat, ist dies keine Zeit für Albereien.“

Impulse von der Bank

Kyle O’Quinn als Maskottchen und Gute-Laune-Bär zu charakterisieren, würde indes seiner Rolle im Spiel der Knickerbockers nicht gerecht. An jenem Dienstagabend kurz vor Weihnachten ist es nämlich O’Quinn, der Anfang des zweiten Viertels einen 18:2-Lauf der Gäste aus Indianapolis mit einem krachenden einhändigen Putback-Dunk beendet und die Knicks aus ihrer vorübergehenden Lethargie befreit. Als er kurz vor der Pause das Spiel mit sechs Punkten, drei Rebounds und einem Steal verlässt, sind die Gastgeber wieder bis auf einen Zähler herangekommen. Auch in der zweiten Halbzeit setzt er einen Glanzpunkt, als er Jeff Teague nahe der Mittellinie den Ball klaut und den erfolgreichen Fastbreak als Ballhandler anführt.

Am Ende des Abends triumphieren die Knicks mit 118:111 und die Helden heißen wie zumeist Carmelo Anthony und Kristaps Porzingis, die 40 ihrer 56 Punkte in einer furiosen zweiten Hälfte erzielen und dabei mit neun Dreiern (bei nur zwölf Versuchen) die Menge im Garden zum Toben bringen. Doch wenngleich Kyle O’Quinn an diesem Abend nicht in den Sportscenter-Highlights gerühmt werden wird, sorgte er mit seinen Punkten in der ersten Hälfte und engagierter Verteidigungsarbeit nach der Pause für wichtige Entlastung von der Bank.

„Al Jefferson hat in der zweiten Halbzeit nur zwei Punkte gemacht“, analysierte Derrick Rose nach Spielende, Bezug nehmend auf Jeffersons 16 Punkte in der ersten Halbzeit. „Joakim und Kyle haben eine großartige Arbeit gemacht, seine Würfe behindert und in der Verteidigung kommuniziert. Das ist genau das, was wir uns von unseren Bigs versprechen.“ Und auch Hornacek hatte für seinen Backup-Big-Man ein Sonderlob parat: „Er hat uns heute Energie gegeben und vor allem in der zweiten Halbzeit war seine Arbeit in der Defensive ein wichtiger Faktor für uns.“ „Mir bedeutet es viel, von Coach so gelobt zu werden“, kommentierte O’Quinn. „Immerhin ist er derjenige, der die Mannschaft aufstellt. Wir haben als Team gewonnen und da sollte man niemanden herausheben. Aber ich freue mich, wenn er meine Arbeit schätzt und mir Vertrauen schenkt.“

Tatsächlich dürfte sich Hornacek über jedes bisschen „Firepower“ von seiner zweiten Garde freuen. Denn während das Offensiv-Rating der Knicks-Starter von November (107,0 / 11. Platz in der Liga) auf Dezember (103,6 / 22.) deutlich rückläufig war, steigerte sich die Bank von 100,5 (20.) auf 105,7 (14.). Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung: Kyle O’Quinn. Denn der 2,08-Meter-Mann drehte nach einem unauffälligen November (4,2 PPG, 3,6 RPG, 12,2 MPG, 53,7 TS%, 16,7 USG%, 106 ORtg, -11,8 +/-) im Dezember förmlich auf und steigerte sich sowohl bei den traditionellen Statistiken (8,8 PPG, 7,8 RPG, 18,0 MPG), als auch in Sachen Wurfeffizienz (60,4%), Usage (20,2 USG%), Offensiv-Rating (117 ORtg) und Plus-Minus (+5,2) signifikant. Nachdem O’Quinn am 2. Dezember als Starter für den verletzten Noah den Timberwolves 22 Punkte und 14 Rebounds eingeschenkt hatte, markierte er in den folgenden Spielen – nun wieder von der Bank – unter anderem 12/ 7 in Miami, 10/ 7 gegen Cleveland, 8/ 11 in Sacramento, 22/ 14 in Phoenix und 14/ 16 gegen Orlando.

Und während sich im „Big Apple“ zumeist die gegenwärtigen (Anthony), zukünftigen (Porzingis) und ehemaligen (Noah, Rose) All-Stars im Kader das mediale Rampenlicht teilen, führt aktuell kein Geringerer als Kyle O’Quinn mit einem Player Efficiency Rating von 19,8 die teaminterne Rangliste der Knicks souverän an.

Übersehen

Dabei war Kyle O’Quinn noch zu Uni-Zeiten von einem Auftritt im Madison Square Garden weiter entfernt als sein New Yorker Heimatstadtteil Jamaica, Queens, von der gleichnamigen Karibikinsel. In seinem vorletzten Jahr an der Campus Magnet Highschool, die neben Celtics-Legende Bob Cousy einst auch Rapper 50 Cent besucht hatte, spielte O’Quinn im Basketballteam keine Rolle und dachte darüber nach, die Sneaker zugunsten der Football-Stollenschuhe komplett an den Nagel zu hängen.

Erst als Senior setzte er sich durch, doch zu diesem Zeitpunkt zeigten die Scouts kein Interesse mehr an dem ihnen unbekannten 17-Jährigen. Auch die starken Auftritte des mittlerweile 2,08 Meter großen Innenspielers in den Playoffs der „Public Schools Athletic League“ blieben fast allen College-Scouts verborgen. Bis auf Rob Jones, gebürtig aus Brooklyn und damals Assistenztrainer der kleinen Norfolk State University in Virginia. Dieser erkannte das Talent des New Yorkers – und machte ihn zu seinem ersten Highschool-Rekruten. Wenige Wochen später akzeptierte O’Quinn sein einziges Stipendienangebot.

Vier Jahre später, am 16. März 2012, flimmerte Kyle O’Quinns Gesicht – den Spielball in der rechten Hand, Mund und Augen weit aufgerissen – über Millionen Bildschirme in den USA und auf der ganzen Welt. Gerade hatten seine Norfolk State Spartans, im ersten NCAA-Tournament-Spiel ihrer Uni-Geschichte, einen der größten „Upsets“ der March-Madness-Historie gelandet. Denn der spektakuläre 86:84-Erfolg gegen die Missouri Tigers war erst der fünfte Sieg eines an Nummer 15 gesetzten Teams in der Turnier-Geschichte – und Senior-Center Kyle O’Quinn war mit 26 Punkten und 14 Rebounds der Star des Abends.

Es war der Höhepunkt einer College-Karriere, in deren Verlauf sich O’Quinn vom unbekannten Bankspieler zum wertvollsten Spieler und besten Verteidiger der kleinen „Mid-Eastern Athletic Conference“ (MEAC) hochgearbeitet hatte. Und es war das Spiel, welches O’Quinn nicht nur mit einem Schlag auf das Radar der nationalen Basketball-Anhängerschaft katapultierte, sondern auch auf die Notizzettel der NBA-Scouts. Zuvor bestenfalls als Außenseiter gehandelt, nahm O’Quinn – nach dem Turnieraus im zweiten Spiel – seinen Schwung mit in das Pre-Draft-Camp von Portsmouth, wo er zum MVP gewählt wurde. Es sollte sich auszahlen: Am 29. Juni 2012 im Prudential Center von Newark, New Jersey, hörte er seinen Namen an 49. Stelle des NBA-Drafts.

Zurück zuhause

Seine Heldentaten aus dem März 2012 konnte Kyle O’Quinn bei seinem neuen Arbeitgeber, den Orlando Magic, zwar nicht wiederholen. Doch mit 5,4 Punkten und 4,4 Rebounds pro Partie in 177 Einsätzen und einem überdurchschnittlichen PER von 15,8 zeigte O’Quinn in seinen drei Saisons bei den Magiern immerhin genug, um von seinem Heimatverein einen Vierjahresvertrag über 16 Millionen Dollar angeboten zu bekommen. Und während O’Quinn in seinem ersten Jahr in Manhattan mit 4,8 Punkten, 3,8 Rebounds und 47,6 Prozent aus dem Feld in 11,8 Minuten die schwächsten Zahlen seit seiner Rookie-Saison auflegte, scheint er nun seine Rolle im Team der Knicks gefunden zu haben.

„Ich bin ein Rollenspieler – so einfach ist das!“, erklärt O’Quinn im Gespräch mit basketball.de. „Ich komme herein, wenn Joakim eine Pause braucht oder Foulprobleme hat, spiele hier und da ein paar Minuten, mache meinen Job und versuche das Beste aus meiner Einsatzzeit herauszuholen.“ Gerade offensiv ist O’Quinns Rolle dabei recht beschränkt: 83,0 Prozent seiner Würfe versucht er ohne vorheriges Dribbling, nur 5,0 Prozent seiner Würfe gehen zwei oder mehr Dribblings voraus. Über die Hälfte seiner Field-Goal-Versuche verbucht O’Quinn dabei aus drei Metern Entfernung oder weniger, wobei er vor allem im Dezember mit einer Wurfquote von 75 Prozent aus diesem Bereich auftrumpfte. Und auch als Rebounder wusste O’Quinn im letzten Monate des Jahres zu überzeugen: Mit einer Reboundrate von 22,3 belegte er unter allen Rotationsspielern ligaweit den siebten Rang.

Aus der Traum?

„Wir müssen natürlich von Spiel zu Spiel schauen. Aber für mich als New Yorker wären Playoffs schon etwas ganz Besonderes!“, antwortete Kyle O’Quinn nach jenem vorweihnachtlichen Auftritt gegen die Pacers auf die Frage nach seinem größten Weihnachtswunsch. Kein Wunder, ist der 26-Jährige in seinem Heimatviertel Jamaica doch weiterhin stark verwurzelt und sozial engagiert. Und tatsächlich standen die Aussichten auf Playoffspiele im Madison Square Garden an jenem 20. Dezember bei einer Bilanz von 15 Siegen und 13 Niederlagen gar nicht schlecht: Die Statistiker von FiveThirtyEight taxierten die Playoff-Chancen der New Yorker auf über 50 Prozent.

Rund sechs Wochen später prangt hinter den Knicks nun eine deutlich kleinere Zahl: 19 Prozent. Und dieser Wert wirkt angesichts der jüngsten Entwicklungen im „Big Apple“ sogar noch optimistisch. Nicht nur rutschte die Bilanz der Knicks seither Weihnachten mit 16 Niederlagen in 22 Spielen auf ernüchternde 21-29 ab. Auch abseits des Parketts herrscht in New York nach Derrick Roses unentschuldigtem Fernbleiben gegen die New Orleans Pelicans sowie den Diskussionen um ein mögliches Ende der Anthony-Ära eine angespannte Stimmung.

Zugleich tendierte auch O’Quinns Formkurve während der oben genannten Negativserie nach unten. So sank von Dezember auf Januar nicht nur seine Einsatzzeit (18,0 auf 15,1 Minuten) und Usage Rate (20,2% auf 18,4%) signifikant, sondern insbesondere auch seine True-Shooting-Quote (60,% auf 48,7%) und Rebound-Effizienz. Nur fünfmal gelangen ihm im Januar zweistellige Werte bei Punkten, unter anderem bei den seltenen Sieg gegen die Chicago Bulls und die Charlotte Hornets. Im Vier-Overtime-Thriller gegen Atlanta stand O’Quinn zwar 26 Minuten auf dem Parkett und konnte immerhin zwölf Rebounds abgreifen, allerdings bei einer zugleich mageren Ausbeute von eins von neun aus dem Feld. Auch ein Sieg sprang am Ende bekanntlich nicht heraus.

Stattdessen machte O’Quinn im Januar gar mit einem unsportlichen Foul gegen Anthony Davis auf sich aufmerksam, das neben einer Blessur bei Davis auch einen Spielausschluss sowie eine Geldstrafe für O’Quinn nach sich zog. Dieser zeigte sich später reumütig.

Der nächste Monat dürfte nun richtungsweisend sein, ob O’Quinn konstant an seine effizienten Leistungen aus der Vorweihnachtszeit anknüpfen kann oder sich im Mittelmaß einpendelt. Am Ende werden die sportlichen Hoffnungen der Knicks, sollten diese überhaupt noch existieren, zwar vor allem von den bekannten Hauptprotagonisten wie Anthony, Porzingis und Rose sowie das Front Office um Knicks-Präsident Phil Jackson und Besitzer James Dolan abhängen. In einer eventuellen Erfolgsgeschichte würde jedoch sicherlich der oft überschaute Bartträger aus Jamaica, Queens, eine entscheidende Nebenrolle spielen.

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