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Kirmesboxer mit großem Herz

02.11.2010 || 00:00 Uhr von:

Die NBA hat einen ihrer größten Kämpfer verloren. Maurice Lucas, eine Legende der Portland Trail Blazers, starb am Sonntag im Alter von 58 Jahren an Krebs. Ihr fragt: Maurice Wer? Lucas beendete 1988 seine Karriere nach 14 Profijahren in der ABA und in der NBA. Er war nie einer der großen Stars. Er sammelte zwar fünf All-Star-Nominierungen, aber verbrachte den Großteil seiner Karriere als schuftender Power Forward am Brett, der seinen Mitspielern den Rücken frei hielt. Lucas war ein Mann für die Drecksarbeit, keiner für die Schlagzeilen. Die heutige Generation hat ihn fast vergessen, vielleicht weil es auch kein Highlight-Video auf Youtube gibt, das spektakuläre Aktionen von ihm zeigt. Aber Lucas‘ Vermächtnis ist größer, als es Karrierewerte wie 14,6 Punkte und 9,1 Rebounds pro Spiel ausdrücken können. ESPN-Blogger Henry Abbott, selbst ein glühender Portland-Fan, nannte Lucas den „vielleicht wichtigsten Profi in der Geschichte der Blazers“.

In Portland muss man niemandem erklären, wer Maurice Lucas war. Dort erschütterte die Nachricht von seinem frühen Tod die Menschen am vergangenen Wochenende. „Es ist ein trauriger, trauriger, trauriger Tag für die Blazers“, sagte Head Coach Nate McMillan, der mit Lucas als Assistent noch bis vor einem Jahr zusammen gearbeitet hatte. Im November 2009 hatte Lucas, beim dem die Ärzte im Frühjahr 2009 Blasenkrebs feststellten, einen Rückfall erlitten. Dann ging es gesundheitlich bergab. Seine letzten Tage verbrachte er in seinem Haus in Portland. Blazers-Besitzer Paul Allen machte eine tiefe Verbeugung vor dem Ex-Profi: „Maurice Lucas war ein unglaublicher Mann und ich zähle mich glücklich, ihn persönlich gekannt zu haben.“

Lucas war so etwas wie der große alte Mann der Franchise in Oregon, für die er von 1976 bis 1980 und von 1987 bis 1988 spielte. Zwar gilt gemeinhin Bill Walton als bester Spieler in der Geschichte des Trail Blazers. Mit „Big Red“ als Center gewannen die Blazers 1977 ihren bisher einzigen NBA-Titel. Aber wenn es um die Liebe der Fans geht, stand nicht der kontroverse Querkopf mit den roten Haaren an erste Stelle, sondern sein damaliger Teamkollege „Luuuuuuke“. Dieser Ruf klang Ende der 1970er Jahre durch die Arena in Portland, wenn Publikumsliebling Maurice Lucas den Ball in die Hände bekam.

Aufpasser mit Türstehermentalität

Im Rest der USA hatte Lucas damals eher einen zweifelhaften Ruf. Er trug den Spitznamen „The Enforcer“, weil er auf dem Feld oft wie ein Bodyguard für seine Mitspieler auftrat. Wer einen Spieler der Blazers anging, hart foulte oder einen Ellenbogen in die Rippen rammte, der bekam es mit Lucas zu tun, einem 110 Kilogramm schweren Kraftpaket. Lucas forderte die Gegner schon mal wie ein Kirmesboxer mit erhobenen Fäusten heraus. Mehrmals war er mittendrin, wenn auf dem Feld eine Prügelei ausbrach, was damals in der Liga gar nicht so ungewöhnlich war. Wer die Fäuste fliegen ließ, wurde zwar von den Schiedsrichtern vom Feld geworfen, aber es gab hinterher keine harten Strafen wie heute. Oft bekamen die Beteiligten nicht einmal eine Sperre. Das Klima war wesentlich rauer als in der heutigen NBA, darum hatte damals jede Mannschaft mindestens einen Profi mit Türstehermentalität im Kader, der eher zart besaitete Mitspieler auf dem Feld schützte. Und bei den Blazers war dieser Typ Lucas.

Der selbstbewusste Profi wurde in Portland auch so verehrt, weil man im äußersten Nordwesten der USA ohnehin das Gefühl hatte, vom Rest das Landes nicht so ganz für voll genommen zu werden. Selbst als die Blazers im Conference-Finale 1977 die Lakers mit MVP Kareem Adbul-Jabbar mit 4-0 aus dem Weg räumten, galt das Team im Finale gegen die Philadelphia 76ers nur als Underdog. Der Doc, Julius Erving, würde kurzen Prozess mit dem Außenseiter aus Oregon machen, hieß es. Die ersten beiden Spiele schienen das zu bestätigen. Philly ging 2-0 in Führung. Doch im zweiten Spiel gab es eine Szene, von der heute viele sagen, sie habe den Ausgang der Serie beeinflusst wie kein anderer Moment des Finals. Lucas geriet mit Daryl Dawkins aneinander. In einem Interview mit der Slam erinnerte sich „The Enforcer“ an das Duell: „Die Leute hatten echt Angst vor ihm (Dawkins, d. Red.). Der Typ wog 140 Kilo und war 2,10 Meter groß. Das war ein richtiges Vieh, so jemanden hatte man in der Liga noch nicht gesehen. Er schlug nach Bobby (Gross, einem Teamkollegen von Lucas), und ich dachte, er hätte ihn getroffen. Das konnte ich nicht zulassen. Die hätten uns dann in vier Spielen einfach weggewischt. Du darfst nicht zulassen, dass jemand aus deinem Team geschlagen wird.“ Dutzende Menschen hatten große Mühe, die beiden Bullen auseinander zu halten.

Lucas wollte ein Zeichen setzen. „Er war derjenige, der aufstand und sagte: Hey, niemand legt sich mit meinem Team an“, sagte Bill Walton später. Die Botschaft erreichte auch die Fans in Portland, die zu tausenden ihr Team nachts am Flughafen in Empfang nahmen. „Blazermania“, die riesige Euphorie in der Stadt, bekam in diesen Stunden den entscheidenden Schub. Vor dem dritten Spiel, der ersten Partie in Portland, kochte die Arena. Dann ging Lucas vor dem Tip-Off zur Sixers-Bank und baute sich vor dem völlig verdutzten Dawkins auf, der beim Anblick des heranmarschierenden Lucas nicht wusste, ob er die Fäuste heben oder ruhig bleiben sollte. Aber Lucas schüttelte ihm einfach nur mit aller Kraft die Hand. „Danach war er fertig“, sagte Lucas später über Dawkins. Die Psychospielchen brachten den Favoriten aus dem Konzept. Portland gewann vier Spiele in Folge und holte sich den Titel, wobei Lucas in den letzten Sekunden der sechsten Partie einen wichtigen Offensiv-Rebound erkämpfte.

Die erste und einzige Meisterschaft in der Geschichte der Trail Blazers ist ein Teil von Lucas‘ Vermächtnis. Daneben stehen zahlreiche Anekdoten, die von einem ganz besonderen Menschen erzählen. So ruppig Lucas auf dem Spielfeld auftrat, so herzlich galt er als Privatperson. „Er war das Herz unserer Mannschaft“, sagte Jack Ramsey, Head Coach des 1977er-Titelteams. „Er war ein großartiger Mann“, sagte Nate McMillan. Der aktuelle Chef an der Seitenlinie hatte Lucas auch in seinen Trainerstab aufgenommen, weil er wusste, wie gut die Legende mit jüngeren Spielern umgeht. Als Rookie hatte McMillan in Seattle zusammen mit Lucas gespielt, der in den 1980er Jahren von Team zu Team tingelte, ehe er 1987 wieder bei seinen Trail Blazers landete. Als McMillan damals in der Sonics-Kabine Schwierigkeiten mit einem aggressiven Mitspieler bekam, ging Lucas dazwischen und knurrte: „Das ist mein Rookie.“ Der Bully sah zu, dass er wieder in seine Ecke der Kabine kam. Bill Walton war seit den gemeinsamen Tagen eng mit „Luke“ befreundet und benannte seinen Sohn Luke Walton, den Profi von den Los Angeles Lakers, nach seinem damaligen Teamkameraden.

Auch bei den aktuellen Blazers-Profis hinterließ Lucas einen tiefen Eindruck. „Es ging ihm nicht nur darum, wie wir spielten“, sagte Joel Przybilla. Ihm war auch wichtig, wie es bei uns abseits des Feldes lief. NBA-TV-Kommentator Steve Smith, der als Profi auch das Blazers-Trikot trug, sagte: „Wenn dir etwas in Portland gefehlt hat, war Maurice Lucas der Mann, an den du dich wenden konntest. Er hat viel für die Menschen gemacht.“ Clubbesitzer Paul Allen fand bewegende Worte: „Wir alle, ob Spieler, Coaches, Besitzer oder Fans, wurden zu besseren Menschen, weil Maurice ein Teil von uns war.“

Bei den kommenden Heimspielen werden die Blicke des Öfteren Richtung Hallendecke gehen. Dort hängt das Banner mit Lucas Trikotnummer 20, die von den Blazers nicht mehr vergeben wird. Aber wie schon gesagt, Maurice Lucas hat mehr als Zahlen hinterlassen. „Wir werden ihn vermissen“, sagte Paul Allen.

Kirmesboxer mit großem Herz
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Raquel
Raquel 2. November 2010 um 13:49 Uhr

Sehr schöner Artikel. Schade nur der Anlass, warum dieser geschrieben wurde…

justuskoch
justuskoch 2. November 2010 um 22:39 Uhr

ein wirklich toller artikel!
auch wenn ich ihn nicht besonders kannte, hat mich der artikel berührt.

Cabalios
Cabalios 6. November 2010 um 22:13 Uhr

guter artikel! 🙂

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