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Überteam mit Crunchtime-Phobie

18.01.2017 || 10:49 Uhr von:
Curry Warriors
Die Golden State Warriors sind das dominanteste Team dieser NBA-Saison. Doch in knappen Partien tut sich die Star-Truppe erstaunlich schwer. basketball.de analysiert das Problem und nennt Lösungsansätze.

Seien wir ehrlich: Viel lässt sich an den Golden State Warriors nicht aussetzen. Die Dubs weisen die beste Bilanz der Liga auf (35-6) und haben die zweitbeste Offensive sowie die beste Defensive der NBA. Ihr Net-Rating ist noch besser als in den beiden Vorsaisons (12,1) und liegt meilenweit über dem aller anderen Teams. Und doch gibt es einen Umstand, der die Warriors-Fans und -Verantwortlichen vor allem im Hinblick auf die Playoffs beunruhigt: Das Team tut sich extrem schwer, wenn es darum geht, enge Spiele für sich zu entscheiden.

Von den acht Partien mit drei Punkten oder weniger Unterschied in den letzten drei Minuten des Spiels verloren die Warriors immerhin drei. Die Wurfquote in diesen One-Possession-Situationen kurz vor Spielende? Unterirdische 31 Prozent aus dem Feld sowie 13,6 Prozent von der Dreierlinie. In beiden Heimspielen, die in die Overtime gingen, musste sich Golden State geschlagen geben. Welch ein Glück, dass die Warriors nur selten in diese Situationen geraten.

Wie das überragende Net-Rating schon andeutet, fegt Golden State seine Kontrahenten regelmäßig vom Feld. Statt Crunch- gibt es meistens relativ früh Garbage-Time. Die Warriors bestritten in dieser Saison bislang zehn Partien, in denen der Vor- oder Rückstand während der letzten drei Minuten im letzten Viertel fünf Punkte oder weniger betrug. Alle anderen Teams haben mindestens 16 solcher Partien vorzuweisen.

In den wenigen Minuten jedoch, in denen jeder (Fehl-) Wurf, jeder Ballverlust und jeder nicht gefangene Rebound über Sieg und Niederlage entscheiden kann, dort treten die Schwächen der Warriors hervor. Dabei ist festzustellen, dass die sonst von Ball- und Mannbewegung geprägte Offensive stagniert. Die Akteure, die nicht den Ball in der Hand haben, stehen häufig regungslos in der Ecke und schauen zu, was Stephen Curry oder Kevin Durant machen. Ein besonders prominentes Beispiel war der Crunchtime-Kollaps gegen die Memphis Grizzlies vor gut zwei Wochen.

Über Einzelaktionen und Durants Integration

In dieser mittlerweile schon berüchtigten und im Anschluss viel interpretierten Szene nahm Kevin Durant einen schweren Dreier aus dem Dribbling. Nicht nur die schlechte Körpersprache von Curry war in dieser Szene auffällig, als er widerwillig den Ball an seinen Teamkollegen abgab. Auch Draymond Green machte keinen Hehl daraus, dass ihm der Angriff ganz und gar nicht gefiel. Nach der Partie beklagte er, dass man sich mit einer Isolation zufrieden gab, anstatt wie zuvor Zach Randolph im Pick-and-Roll zu attackieren. Zudem fügte er ein bemerkenswertes Statement an: „Es ist mir wirklich egal. Ich bin sogar froh, dass wir heute verloren haben, weil es Dinge gibt, die wir verbessern müssen, um die Meisterschaft zu gewinnen.“

Welche Dinge er wohl damit meint? Neben dem schlechten Zusammenspiel als Mannschaft ist jedenfalls festzustellen, dass Neuzugang Durant noch längst nicht vollständig im System integriert ist. Des Weiteren ist die Hierarchie innerhalb der Mannschaft nicht geklärt. Den Oklahoma City Thunder wurde immer vorgeworfen, dass Russell Westbrook und Durant sich mehr in ihren Aktionen abwechselten als zusammenzuspielen. Genau dies ist bislang aber auch in Golden State festzustellen – nur halt mit Curry und Durant. Beide verstricken sich in entscheidenden Situationen oft in Einzelaktionen – sei es, weil sich die Mitspieler nicht genügend freilaufen oder weil sie den Wurf als gut genug erachten.

„Death Lineup“ nicht tödlich

Ein Schlüssel für ein besseres Zusammenspiel zwischen Curry und Durant könnte das Pick-and-Roll zwischen den beiden sein, das sie bislang erstaunlich selten gemeinsam gelaufen sind. In den meisten Fällen tritt Draymond Green als Blocksteller in Erscheinung. Dabei ergibt sich in der Theorie ein großer Vorteil der Kombination mit Durant. Die Defensive konzentriert sich häufig auf Curry und versucht ihn an freien Dreiern zu hindern. Curry wird daher oft gedoppelt, während ein freier Green am Perimeter von der Verteidigung billigend in Kauf genommen wird. Curry trifft in dieser Saison lediglich 30 Prozent seiner Pull-up-Dreier. Für die meisten NBA-Spieler wäre dies ein normaler Wert, doch an dem Scharfschützen werden andere Maßstäbe gesetzt. In der vergangenen Spielzeit versenkte Curry schließlich 42,8 Prozent seiner Pull-ups von Downtown.

Sicher liegt dies auch daran, dass der Point Guard ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen ist. Eine Saison wie die letzte lässt sich kaum wiederholen, und vermutlich ist auch die Leichtigkeit des Seins etwas abhanden gekommen. Dennoch hängt die geringere Wurfquote auch mit dem enormen Druck zusammen, den die gegnerische Defense im Pick-and-Roll auf ihn ausübt. Mit Durant als Blocksteller ließe sich zumindest letzteres eindämmen. Die Verteidigungen würden sich gut überlegen, ob sie „KD“ freistehen lassen.

Curry Warriors

Doch das ausbaufähige Zusammenspiel der beiden Superstars darf nicht als einziger Grund für die Probleme in vierten Vierteln bzw. vor allem in engen Partien kurz vor Schluss herangezogen werden. Viel mehr ist es ein Problem, das mit der so berüchtigten „Death Lineup“ zusammenhängt, also mit Draymond Green als nominellen Center anstatt eines klassischen Big Man. Diese Aufstellung steht so gut wie immer auf dem Feld, wenn es „um die Wurst“ geht. Wie in der folgenden Tabelle zu erkennen ist, hat diese Formation in Schlussabschnitten und Overtime gar ein negatives Net-Rating! Angesichts einer solchen Ansammlung von individueller Klasse nahezu unerklärlich. Insgesamt ist die Aufstellung über die Saison gesehen zwar erfolgreich, doch der Vergleich zur „Death Lineup“ 15/16 fällt vernichtend aus – gerade offensiv. Dabei würde man erwarten, dass ein Tausch von Durant für Harrison Barnes diese Formation noch unschlagbarer machen würde.

LineupMINOffRtgDefRtgNetRtgREB%eFG%
Starting Lineup 16/17428119,397,022,354,359,7
"Death Lineup" 16/17167120,798,821,948,557,0
"Death Lineup" Q4+OT 16/1774111,8115,3-3,443,048,5
"Death Lineup" 15/16172142,095,047,054,172,3
Starting Lineup 16/17: Curry, Thompson, Durant, Green, Pachulia
„Death Lineup“ 16/17: Curry, Thompson, Iguodala, Durant, Green
„Death Lineup“ 15/16: Curry, Thompson, Iguodala, Barnes, Green

Ursachenforschung

Wie lautet die Erklärung für diese Beobachtung? Zunächst muss eingeräumt werden, dass die Fähigkeiten von Harrison Barnes im Nachhinein wohl unterschätzt wurden. Der Forward ist nicht nur ein sicherer Schütze, sondern zeichnete sich in den letzten Jahren auch durch seine exzellenten Blöcke abseits des Balls aus. Dadurch ermöglichte er den „Splash Brothers“ Unmengen an offenen Würfen. Durant lässt dies bislang in dieser Konsequenz noch vermissen – was natürlich damit zusammenhängt, dass jener viel mehr Aktionen am Ball hat. Fest steht aber, dass dadurch eventuell ein solch versierter Blocksteller fehlt. Neben der bereits oben angesprochenen Vielzahl an ineffizienten Abschlüssen nach Isolationen dürfte dies ebenso ein Mitgrund dafür sein, dass die Distanzwürfe der Warriors mit der kleinen Aufstellung nicht so fallen wie gewohnt. Gerade wenn Curry selbst „unmögliche“ Dreier nicht mit der spielerischen Leichtigkeit versenkt wie noch vor einem Jahr, sollte es darum gehen, möglichst gute Abschlüsse zu kreieren.

Auch die Rolle von Andre Iguodala muss in diesem Kontext behandelt werden. Immer wieder ist zu beobachten, dass der Forward selbst die offensten Würfe verweigert und stattdessen lieber den Extra-Pass spielt. Ob es ihm neuerdings an Selbstvertrauen mangelt? Nachvollziehbar wäre dies nicht, schließlich ist seine Dreierquote vergleichbar mit der in den Vorjahren. Eher ist anzunehmen, dass Iguodala sich mit nunmehr vier All Stars neben sich noch mehr zurücknimmt. Doch mit dieser Einstellung tut er dem Spacing nicht gerade gut.

Ein weiterer Punkt, der den Warriors in entscheidenden Phasen weh tut, ist das schlechte Rebounding. In vierten Vierteln plus Overtime fängt Golden State mit der „Death Lineup“ auf dem Parkett gerade einmal 61,9 Prozent aller Defensiv-Rebounds. Wie schlecht dieser Wert ist? Zum Vergleich: Das schlechteste Team in dieser Kategorie, die Boston Celtics, greifen 73,9 Prozent der defensiven Abpraller. Dies ist ein entscheidender Aspekt, denn um ihr gefürchtetes Spiel in der Transition umzusetzen, müssen erst Stops generiert werden. Auch beim Ausboxen ist somit mehr Einsatz und Konzentration nötig. Fehlende Länge der Akteure kann jedenfalls nicht die Ursache sein.

Iguodala Warriors

Golden Plays

Doch nicht alles, was die Warriors in der Crunchtime spielen, ist schlecht. Es gibt auch gute Beispiele wie in dem kurzen Zusammenschnitt unten. Zum einen wird Draymond Green eingesetzt, der zum Korb cuttet. Sein Gegenspieler bleibt dabei am Block eines Mitspielers hängen, was einen einfachen Korbleger ermöglicht. Dieses Play sagt Steve Kerr gerne nach Timeouts an – in den meisten Fällen mit Erfolg. Auch Klay Thompson wird häufig abseits des Balls in Szene gesetzt, indem ihm Blöcke gestellt werden.

Das Angriffsspiel der Dubs zeichnet sich vor allem durch ihre kreativen Lösungen aus. Kein anderes Team nimmt prozentual weniger Abschlüsse nach direktem Pick-and-Roll und Spot-Up-Situationen (also Catch-and-Shoot oder Catch-and-Drive). Stattdessen sind sie die Mannschaft in der NBA, die am häufigsten nach Cuts und indirekten Blöcken punktet – nur merkwürdigerweise nicht in der Crunchtime, wo ihre Offensive zu oft auf Einzelaktionen beruht. Diese eigentliche Spielweise müssen die Warriors nun auch am Ende von umkämpften Begegnungen aufrecht erhalten. Selbst eine solche Ansammlung von Talent kann sich nicht dauerhaft auf Einzelgänge verlassen. Dies haben die Negativbeispiele bei den Niederlagen wie gegen Memphis oder Houston bewiesen.

Zudem sollten die Dubs beim Zusammenspiel zwischen Curry und Durant sowie bei der Rebound-Arbeit ansetzen. All dies wird Headcoach Steve Kerr mit Sicherheit ansprechen und versuchen, seinem Team einzuimpfen. Es bleibt abzuwarten, ob es die Mannschaft umsetzen wird. Viele Möglichkeiten zum „Crunchtime-Üben“ wird es allerdings wohl nicht geben. Dafür sind die Warriors einfach zu gut.

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