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Ein König im Big Apple

08.01.2005 || 00:00 Uhr von:

Playoffs 1984, Eastern Conference, Runde Eins: Detroit gegen New York. Bernard King zerlegt die Pistons um Isiah Thomas im Alleingang. ?Was er mit uns gemacht hat, habe ich zuvor noch nicht erlebt. Wir treffen auf ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er ist einer der besten Forwards, die je in der Liga gespielt haben. Es ist nicht so, dass er 45 Punkte macht und 40 Würfe nimmt. Er erzielt 45 gegen uns bei nur 22 Würfen!? King sammelt 213 Punkte in den fünf Matches gegen die Pistons und trifft knapp 60 Prozent seiner Würfe. Thomas erzählt weiter: ?Im letzten Spiel gegen uns hat er ungefähr 50 (es waren 44; Anm. d. Autors) Punkte gemacht und Kevin McHale meint danach zu mir, dass er gegen uns (Boston) keine 50 Punkte erzielen kann. Ich sage zu ihm ‚OK!‘, und im ersten Spiel gegen Boston (die Knicks spielen in den Semi-Finals gegen die Celtics, Anm. d. Autors) macht Bernard 60 Punkte oder so.?

Doch der in Brooklyn geborene King hat es während seiner ganzen Basketballkarriere nicht einfach. Dabei steht ihm nicht nur sein jüngerer Bruder Albert King im Weg, der einst als bester High-School-Spieler des Landes bezeichnet wurde und selbst auf einige solide Jahre in der stärksten Basketballliga der Welt zurückblicken kann, sondern auch Alkoholprobleme und die Knieverletzungen, die ihn von den ganz großen Namen dieses Sports unterscheiden.

Im Team der Brooklyn Fort Hamilton High School ist er ein aufstrebendes Talent, und später am College von Tennessee ein Star, der auf und abseits vom Court für Aufsehen (auf dem Feld positiv, abseits eher negativ) sorgt. 1977 hält er es nach seinem Junior-Jahr am College, in dem er 25,8 Punkte im Schnitt erzielt, für angemessen, in die NBA zu wechseln. Er meldet sich zum Draft an und wird von den New Jersey Nets an siebter Stelle verpflichtet. Nach dem Abgang von Überflieger Julius Erving reißt er das Zepter an sich und führt die Nets in seiner Rookie-Saison mit 24,2 PpG an. Ligaweit ist das Platz Zehn. Im Rennen um den Titel als Rookie des Jahres muss er sich Walter Davis von den Phoenix Suns geschlagen geben, wird jedoch mit einem Platz im All-Rookie Team entschädigt. Seine Nets hingegen schließen Kings erstes Profijahr mit einer Bilanz von 24-58 als Kellerteam der Atlantic Division ab.

Im zweiten Jahr knackt der junge "König" die 20-Punkte-Grenze erneut und streut dem Gegner durchschnittlich 21,6 Punkte in den Korb. Trotz seiner Dominanz auf dem Feld setzen sich seine Eskapaden außerhalb der NBA-Arenen aber fort, so dass ihn die Nets kurzerhand nach Utah abgeben. Für die Jazz laeuft er jedoch nur neunzehnmal auf, bevor er wegen Drogenmissbrauchs suspendiert wird. Hinzu kommt sein Drang zum Alkohol. "Ich bemerkte, dass es keine Karriere gäbe, wenn ich trinken würde. Das wäre aber kein Leben mehr", meint er selbstkritisch gegenüber dem HOOP Magazine.

Auch die Jazz haben bald genug vom jungen und smarten Flügelspieler und verfrachten ihn vor der Saison 1980-81 nach Golden State. Die Warriors kostet King Wayne Cooper und einen Zweitrundenpick. Zwei Jahre beim Ballclub aus Oakland mit je über 20 Punkten sind beachtlich. Nach der Saison 1980-81 wird er sogar zum "Comeback-Spieler des Jahres" gekürt – 21,9 PpG und 58,8 % FG stehen in seinen Statistiken. Das Jahr darauf krönt er seinen Schnitt von 23,2 Zählern mit seiner ersten Aufstellung als All-Star plus der Wahl in das All-NBA Second-Team. Bei Punkten und der Trefferquote liegt King in jener Saison jeweils in den Top Ten der Liga (23,2 PpG – Platz 8, 56,6% FG – Platz 7).

Als die Zeit in Kalifornien für King nicht die Früchte trägt, die er sich erhofft, unterschreibt er in der Offseason 1982 als Free Agent ein Offersheet bei den New York Knicks. Die Warriors ziehen mit deren Angebot gleich, lenken aber kurze Zeit später ein und schicken ihren korbgefährlichen Forward für Michael Ray Richardson und ein Draftpick in den Big Apple.

Am Ziel seiner Träume angelangt, trumpft Bernard King ganz groß auf. In seiner Heimatstadt spielt er nun für das Team, das er als kleiner Junge bewundert hat, die New York Knicks. Er gibt nicht nur dem Team, sondern auch den Fans aus NYC das, wonach sie sich lange gesehnt haben – die Liebe zum Spiel. Sein erstes Jahr bei den Knicks beendet er mit 26,3 PpG (Platz 5 ligaweit).

Seine effektive, robuste Art, Basketball zu spielen, macht aus ihm einem außergewöhnlichen Offensivspieler, der in sieben aufeinanderfolgenden Spielzeiten immer mindestens die Hälfte seiner Würfe trifft. Am 31. Januar und 1. Februar 1984 erzielt King sogar in zwei Spielen nacheinander mindestens 50 Punkte (gegen San Antonio und Dallas), springt auf den Zug zum All-Star Game und findet seinen Namen im All-NBA First-Team gelistet.

In den Playoffs schießt Bernard King die Detroit Pistons in der ersten Runde fast im Alleingang ab und erzielt in den fünf Partien viermal 40 oder mehr Punkte. In den Playoffs 1984, die für ihn und seine Knicks nach sieben Kämpfen gegen die Celtics im Halbfinale der Eastern Conference verloren gehen, sammelt King im Schnitt 34,8 Zähler.

Das Jahr darauf ist er zweifelsohne auf dem Höhepunkt seiner Karriere. King legt jeden Abend durchschnittlich 32,9 Punkte in den Korb des Gegners, darunter unter anderem eine 60-Punkte-Gala am 2. Weihnachtstag gegen die Nets und weitere 55 Zähler gegen das selbe Team am 16. Februar. "Sprich mit irgendeinem Scorer und er erzählt dir, dass es einfach läuft, wenn du heiß bist. Als ich 30 Punkte pro Spiel machte, dachte ich nicht darüber nach. Alles lief instinktiv. Es ist ein Gefühl, dass einfach alles klappt, was du anpeilst. Ein unglaubliches Gefühl. Es gibt nicht Vergleichbares", diktiert King der Sports Illustrated. Niemand kann King in dieser Zeit auf dem Platz aufhalten. ?Er hatte nur drei Moves auf Lager, aber du konntest keinen davon stoppen. Er killte dich mit jedem? spukt es noch immer im Kopf von Mark Aguirre (früher Detroit Pistons) herum. Auch Julius Erving (ehem. Philadelphia 76ers) zollt dem Scorertalent Tribut: ?Er war der härteste Gegner in meiner Karriere.? Viele weitere Spieler bewundern seinen Willen, sich nach einer so schweren Verletzung wieder zurück an die Ligaspitze zu kämpfen und fragen sich zu Recht, warum er bei der Wahl zu den 50 besten NBA-Profis keine Berücksichtigung findet.

Doch nach Kings Höhenflug in der ersten Klasse der NBA-Elite folgt die Bruchlandung. 23. März 1985, Kansas City: Sein rechtes Kreuzband reißt. Die Verletzung ist so schlimm, dass er die komplette Saison 1985-86 aussetzen muss. Von der darauf folgenden Spielzeit läuft er nur in den restlichen sechs Matches auf. Kings Unfall hat aber auch etwas Positives: Die Knicks erhalten nach seiner saison-umfassenden Verletzungspause den Nummer-1-Pick des Draft 1985 und verpflichten Patrick Ewing als neuen Starspieler des Teams. Der Center verzaubert die Fans und Verantwortlichen sofort und lässt sie King vergessen. Der wird von den Knicks entlassen, obwohl er nie die Chance erhält, mit Ewing gemeinsam zu zaubern, denn ausgerechnet in den sechs Partien, die King in Ewings Rookiesaison spielt, ist der Center verletzt.

Bernard King heuert daraufhin bei den Bullets in Washington an, bei denen er alle Kritiker verstummen und die Knicks-Manager sich die Haare raufen lässt. In den nächsten vier Jahren feiert er in der US-Hauptstadt ein furioses Comeback. ?Wenn ich etwas in meinem Leben tue, will ich immer der Beste sein. Das treibt mich an, motiviert mich. Ich habe gewusst, dass es mich viel Arbeit kostet, wieder spielen zu können, aber ich wollte es. Ich wollte nicht nur zurückkehren, ich wollte wieder ein All-Star sein.? King schraubt seinen Punkteschnitt von 17,2 (1987-88) auf 28,4 PpG (1990-91, Platz Drei in der Liga vor Michael Jordan und Karl Malone) und sichert sich so einen Platz im All-Star-Game.

Da Bernard King etwas von seiner Aggressivität im Spiel eingebüßt hatte, ändert er seine Art, zu punkten. Er zieht häufiger zum Korb und erzielt auf diese Weise viele einfache Punkte. Doch die Welle des zurückkehrenden Erfolges bricht schneller als erwartet. King verpasst die komplette Spielzeit 1991-92 verletzungsbedingt. Die Operationen bringen das Management der Bullets dazu, den alternden Forward zu entlassen. Seine letzten 32 NBA-Spiele bestreitet King somit wieder dort, wo für ihn als Profi alles angefangen hatte: bei den New Jersey Nets. Der Kreis schließt sich und King beendet seine Karriere als unauffälliger Star, der nie das Glück hatte, bei einem großen Team spielen zu dürfen. Ein Titel ist für ihn nicht herausgesprungen, auch keine Nominierung für die All-Time Top-50, und dem 20000-Punkte-Klub hat er auch nicht beitreten können (19655 Punkte). Aber er hat sich nie aufgegeben, die Kritiker eines Besseren belehrt und ist somit zurecht ein "Superstar ohne Titel".

Ein König im Big Apple
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Gerald Wallace-Fan
Gerald Wallace-Fan 26. September 2009 um 9:25 Uhr

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