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Die Legende von Connie Hawkins

23.07.2004 || 00:00 Uhr von:

Es sind diese Geschichten, die sich die Fans immer und immer wieder erzählen. Aus diesen Geschichten werden Legenden, weil jeder noch seine eigene Phantasie beim Weitererzählen in die Story einfließen lässt. Diese Legenden entstehen, weil die Dinge, die Connie Hawkins dem Basketball schenkt, nie auf Film festgehalten werden. Die New Yorker Streetball-Legende muss immer wieder mit unbekannten Mannschaften in halbleeren Hallen spielen und die Fans, die damals seine Flugkünste vor Ort miterleben, sind die Urväter dieser Legenden.

Vor Michael Jordan definiert Julius Erving die Gravitationsgesetze neu. Aber vor dem Doctor versucht bereits Connie Hawkins, die Erdanziehungskraft zu überwinden, um mit Eleganz zum Korb zu gleiten und so zu einem der besten Basketballer der Geschichte zu werden.

Larry Brown, derzeit Coach der Pistons, sagt über Hawkins: „Er war Julius vor Julius. Er war Elgin vor Elgin. Er war Michael vor Michael. Er war einfach der größte Einzelspieler, den ich je gesehen habe“, denn im Eins-Gegen-Eins ist Hawkins nicht zu stoppen. Seine Offense ist außergewöhnlich für damalige Verhältnisse und dank seiner Schnelligkeit und unfassbaren Sprungkraft dominiert er beinahe jedes Match. Sein Schuss von außen ist zwar nicht der beste, doch sein schneller erster Schritt macht dies wett. „Er war der erste Spielertyp, der auf dem Level von Dr. J oder Michael Jordan spielte“, analysiert Doug Moe, der einst mit Hawkins im College zusammengespielt hat. Hawkins gilt vor Julius Erving oder Larry Bird als der talentierteste Flügelspieler aller Zeiten. The Hawk, so sein Spitzname, ist einer der ersten Spieler, der den Dunking als Offensivwaffe zu nutzen weiß. Anlauf, Abflug, Anflug, Dunk lautet immer wieder die Devise, mit der er nicht nur seine Anhänger verzückt.

Brooklyn, New York, im Sommer 1942. Am 17. Juli erblickt der kleine Cornelius L. Hawkins im ältesten afroamerikanischen Teil Brooklyns namens Bedford-Stuyvesant das Licht der Welt. Er wächst in armen Verhältnissen auf. Basketball definiert früh sein Leben und bereits im zarten Alter von elf Jahren stopft Connie das erste Mal den Ball durch den Ring. Diese Story breitet sich so schnell aus wie ein Waldbrand in Kalifornien. Bald weiß jeder im Viertel Bescheid. Jeder möchte wissen, wer dieser Junge ist. Die Geschichten um Connie häufen sich. Mit 13 Jahren wird Hawkins beim Rauchen von Marijuana erwischt und mit 14 trinkt er regelmäßig billigen Wein in den Straßen von Brooklyn. Aber, was Connie Hawkins auf dem Basketball-Court zelebriert, sorgt für den Stoff aus dem Legenden sind. Die Massen erzählen sich, er würde vom Planeten abheben – so hoch kann er springen. Sie behaupten, er würde die Gesetze der Gravitation durchbrechen. Viele Jahre später rechtfertigt sich Hawkins in einem Interview mit dem Philadelphia Inquirer: „Jemand sagte, ich durchbrach sie nicht, aber ich war kurz davor.“

Seine Leistungen in der High School überzeugen nicht. Seine Statistiken im Basketballteam sind nicht gerade besonders in den ersten beiden Jahren, aber er verhilft seinem Team als Junior ungeschlagen zum Gewinn der Public School Athletic Meisterschaft. Die Tageszeitung „New York Post“ nominiert Hawkins daraufhin in das All-City First Team. Als Senior sorgt er mit 25,5 Zählern (darunter ein 60-Punkte-Spiel) für die zweite Saison ohne Niederlage, erneut vom Titel gekrönt. Schnell wird er als bester Nachwuchsspieler New Yorks gehandelt. Bereits in der High School macht Hawkins allerdings schon Dinge, die in naher Zukunkft den Sport revolutionieren sollen. „Er machte all die ‚Doctor J Moves‘ fünfzehn Jahre bevor jemand überhaupt von Julius Erving gehört hatte“, meint Jerry Harkness, der später für die Pacers auf Korbjagd geht.

Seine schulischen Leistungen sind ebenfalls alles andere als befriedigend, trotzdem wollen sich knapp 250 Colleges die Dienste des jungen „Hawk“ sichern. Schließlich entscheidet sich Hawkins für das College von Iowa, nachdem er dort Don Nelson (14 Jahre NBA-Profi, derzeit Coach bei den Mavericks in der NBA; der Autor) im Eins-Gegen-Eins locker an die Wand spielt.

1961 möchte Hawkins schließlich an das College von Iowa wechseln, als in New York ein Skandal wegen illegalen Glückspiels und beeinflussten Wetten ausbricht. Connie wird zwar nicht festgenommen, angeklagt oder ist in irgendeiner Weise in diese Skandale direkt verwickelt. Ihm wird aber vorgeworfen, er habe andere Spieler einem Mann vorgestellt, der später ins Gefängnis kam, weil dieser Sportveranstalter mit Geld erpresste, um den Spielausgang der Begegnungen nach seinem Willen zu manipulieren.

Die Angeklagten in dieser Sache bestreiten, dass Hawkins über diese miesen Aktionen, Basketballspiele zu beeinflussen, Kenntnis besitzt. Trotzdem kann er diesen Skandal nicht von sich abschütteln. Als er sich für sein erstes Spiel für Iowa vorbereitet, sagen die Verantwortlichen der NCAA: „Das war’s.“ Auch die NBA, die damals als junge Liga am Hungertuch nagt, will einen solchen Typen nicht in ihrem Business sehen: „Nein, niemals!“

Daraufhin wird Hawkins zum Basketballnomaden. Er tourt mit den Harlem Globetrotters, spielt in unterklassigen Ligen und hofft insgeheim, eines Tages auch mal bei den großen Vögeln mit fliegen zu dürfen.

Mit 19 Jahren spielt er ein Jahr (1961-62) für die Pittsburgh Rens in der American Basketball League und wird prompt zum MVP gewählt. Diese Zeit stellt für ihn das erste Highlight nach dem Sportskandal dar – nicht nur weil die ABL auch ein Team auf Hawaii hat. Nach einer weiteren Saison muss die ABL jedoch den Spielbetrieb einstellen.

Hawkins schließt sich den Globetrotters an und umrundet mit ihnen vier Jahre lang die Weltkugel. Hauptsächlich wegen des Geldes, ernsthafte Gegner kennt die Crew aus Harlem sowieso nicht. „Es war damals wirklich so, dass ich sonst überhaupt keinen Job gehabt hatte“, meint er in einem Interview aus dem Jahr 1992. „Diese Jahre machten mich zu einem besseren Basketballspieler, aber was noch wichtiger ist, zu einem besseren Menschen“.

Nach seinen Reisen mit der „World’s Greatest Basketball Show“, bei denen er u. a. dem Papst und dem russischen Politiker Nikita Chruschtschow begegnet, heuert er zur Saison 1967-68 in der neu gegründeten ABA an. 70 Spiele läuft er für die Pittsburgh Pipers auf. Obwohl die Liga sportlich nicht wirklich überzeugt, nutzt „Hawk“ seine Chance, als Rick Barry für die gesamte Spielzeit disqualifiziert wird. Hawkins wird sofort zum neuen Aushängeschild der neu gegründeten Liga. Pittsburgh beendet die Saison als bestes Team der Liga mit einer Bilanz von 54-24. Auch in den Playoffs kann es keine Mannschaft mit den Pipers aufnehmen und sie gewinnen den ersten ABA-Titel überhaupt. Mit 26,8 Punkten (51,9% FG) und 13,5 Rebounds dominiert er die „Liga des Funk“ und wird zu Recht MVP. Im Jahr darauf ziehen die Pipers nach Minnesota um und Hawkins kann wegen Knieproblemen nur die Hälfte aller Spiele bestreiten. In 47 Spielen sammelt er durchschnittlich 30,2 Punkte (50,3% FG) und pflückt 11,2 Boards. Wie schon im Jahr zuvor schafft Connie erneut den Sprung ins All-ABA First Team.

Die Saison 1969-70 bestreiten die Pipers wieder in Pittsburgh, doch für Hawkins sind zwei Jahre im Rampenlicht der ABA genug. Seine 28,2 Punkte in der regulären Saison als auch in den Playoffs bringen ihm die nötige Anerkennung, die er zuvor in seinem Leben, insbesondere nach dem Wetten-Skandal, nicht finden konnte.

Im Jahr 1969 überschlagen sich die Ereignisse. In der Presse wird der knapp zehn Jahre zurückliegende Spielskandal wieder aufgerollt und Connie als einer der Hauptschuldigen dargestellt. Sein Image verändert sich in der Öffentlichkeit schlagartig. Die Medienberichte über ihn sorgen für Aufsehen und auch der damalige NBA Commissioner J. Walter Kennedy wird erneut auf „The Hawk“ aufmerksam. Da dessen Liga immer noch nicht den gewünschten Erfolg bringt, lässt er die Vergangenheit Geschichte sein und erlaubt Hawkins den Beitritt in die NBA. So kommt es, dass Connie Hawkins endlich im Alter von 27 Jahren für die Phoenix Suns seine Sneakers schnüren kann. „Ich war so froh, dass ich spielen konnte. Ich hatte keine Probleme mit irgendwelchen Vorwürfen mehr. Als ich mein Trikot bei den Phoenix Suns erhielt, wollte ich nur noch spielen“, beschreibt Connie sein Freude.

Da er nun den Respekt bekommt, den er verdient, bringt er das Spiel der Suns auf ein neues Niveau. In der Saison 1969-70 legt er in 81 Spielen im Schnitt 24,6 Punkte aufs Parkett, Platz Sechs in der NBA. Außerdem rechtfertigt er mit 10,4 Rebounds und knapp fünf Assists seinen Platz in der Liga. Die Suns gewinnen im Vergleich zum Vorjahr 23 Spiele mehr und unterliegen in den Playoffs im Halbfinale der Western Conference den Lakers in sieben Spielen nach einer 3-1 Führung. Hawkins schafft es ins All-NBA First Team, neben NBA-Legenden wie Willis Reed, Walt Frazier, Jerry West und Billy Cunningham.

In den zwei Spielzeiten danach lassen seine Leistungen etwas nach. Er erzielt nur noch jeweils knapp 21 Punkte pro Partie und seine Reboundzahlen sinken in den einstelligen Bereich. Sofort wird die Kritik an ihm wieder lauter. Seine Einstellung wird in Frage gestellt, genauso seine Leidenschaft und Liebe zum Spiel angezweifelt, obwohl seine Athletik immer noch vorhanden ist.

Die Saison 1972-73 bestreitet Hawkins nur acht Spiele für die Suns. Danach wird er vom Team aus Arizona zu den Lakers getradet. Beim Traditionsklub aus der Stadt der Engel findet er eine Mannschaft vor dem Umbruch vor. Chamberlain ist vor der Saison zurückgetreten. Jerry West hat mit Verletzungssorgen zu kämpfen und kann nur 31 Spielen absolvieren. Auch der ehemalige Flugkünstler aus Brooklyn kann die Mannschaft nicht anführen. Nur 12,6 Punkte erzielt er im Schnitt.

In der folgenden Saison streift er sich 43 Mal das Trikot der Lakers über und sammelt acht Zähler pro Begegnung. Zur Spielzeit 1975-76 wechselt er nach Atlanta zu den Hawks und bringt es dort auch nur noch auf knapp acht Punkte pro Spiel. Der Vogel ist gelandet. Im Alter von 33 Jahren tritt er zurück und kann in sieben Jahren NBA durchschnittlich 16,5 Punkte in der regulären Saison und 19,3 Punkte pro Playoff-Partie sammeln sowie auf vier Teilnahmen beim All-Star Game stolz sein. 1976 verewigen die Suns seine Trikotnummer 42 und Hawkins wird 1992 der erste Spieler der Phoenix Suns, der in die Hall of Fame aufgenommen wird.

Connie Hawkins fristete ein Schattendasein in der NBA. Er musste keine großen Spiele absolvieren, keine Scoring-Rekorde brechen, um sich zu rechtfertigen. Vor wem denn? Hawkins ist eine Streetball-Legende – so einer wie Rafer Alston aka Skip To My Lou – der seine Chance genutzt hat, um von der Strasse in die Halle zu wechseln, um gepflegten Profibasketball zu zocken. Als einer der ersten Showman des Basketballs, definierte er den Luftweg für spätere Legenden wie Julius Erving mit seiner Art und Weise, wie er das Spiel spielte und mit seinem Style und seiner Coolness wie er zum Korb flog. Nicht nur deshalb gebührt ihm ein Platz in der Ruhmeshalle des Basketballs. Schade, das ihm im Laufe seiner Karriere so viele Steine in den Weg gelegt wurden, sonst gäbe es sicher nicht nur die Legenden.

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