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Der unbekannte Korbjäger

09.09.2004 || 00:00 Uhr von:

Wie alles begann

Welcher Spieler erzielte in der NBA von 1980-89 die meisten Punkte? Jordan? Wilkins? Bird? Falsch! Alex English sammelte in dieser Zeitspanne sagenhafte 19.682 Punkte in der stärksten Liga der Welt und führte trotzdem ein Leben im Schatten von Stars wie Erving, Johnson, Bird und Jordan.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Geboren wurde der elegante Forward am 5. Januar 1954 in Columbia im US-Bundesstaat South Carolina. Dort ging er zur Schule (Dreher High) und besuchte später auch die University of South Carolina (1972-76), an der er nach vier Jahren seinen Abschluss machte. Während dieser Zeit sammelte er als Starter im Basketballteam ordentlich Punkte (14,6 ppg im ersten, 18,3 ppg im zweiten und 16,0 ppg im dritten Jahr). In seinem Seniorjahr legte er sogar 22,6 ppg auf. Insgesamt warf English in seiner Zeit bei South Carolina beeindruckende 53,8% aus dem Feld.

Im NBA Draft 1976 fand English jedoch wenig Beachtung, denn der Jahrgang war gespickt mit vielversprechenden Basketballern wie z.B. John Lucas, Adrian Dantley oder Robert Parish. So kam es, dass English erst in der zweiten Runde als 23. Pick von den Milwaukee Bucks gewählt wurde. Die NBA-Franchise aus Wisconsin ging in ihre achte Saison und konnte bereits auf eine Meisterschaft zurückblicken, aber die Schlüsselspieler des Meisterteams von 1971 (Kareem Abdul-Jabbar und Oscar Robertson) spielten woanders bzw. hatten ihre Karriere beendet. Head Coach Don Nelson hatte es sich daher zur Aufgabe gemacht, das Team wieder wettbewerbsfähig zu machen. Relativ unbekannte Spieler wie Brian Winters, Junior Bridgeman, Swen Nater oder Quinn Buckner sollten die tragenden Säulen für die Franchise aus der amerikanischen Bierhauptstadt bilden. English kam wenig Beachtung zu und er fand sich auf der Bank wieder. In knapp zehn Minuten erzielte er gut fünf Punkte im Schnitt.

In der Saison 1977-78 bestritt English alle 82 Partien für die Bucks, die er mit soliden zehn Punkten und beinahe fünf Rebounds unterstützte. Neuzugänge auf seiner Position (Marques Johnson, David Meyers) brachten ihn jedoch zu der Erkenntnis, dass er in den Plänen des Clubs keine Rolle mehr spielte. So unterschrieb er am sechsten August 1978 als Free Agent bei den Indiana Pacers, die den Bucks im Gegenzug einen Erstrunden-Pick bereitstellten. Auch die Mannschaft aus Indiana war im Umbruch, aber English konnte dort zumindest als Starter auflaufen und in 135 Partien für das ehemalige ABA-Team knapp 16 Punkte im Schnitt auflegen.

English entwickelte langsam sein Offensivarsenal. Andere Scorer bei den Pacers – u.a. Mickey Johnson (19,1 ppg), Johnny Davis (18,3 ppg), Ricky Sobers (17,3 ppg) – ließen allerdings nicht zu, dass er ernsthaft demonstrieren konnte, wozu er in der Lage war. Kurz vor der All-Star-Game-Pause 1980 (am ersten Februar) schickten die Pacers Alex English für George McGinnis nach Denver.

Neuanfang in Denver

In den Rocky Mountains kam er von Anfang an sehr gut zurecht und ließ die Statistiker in den letzten 24 Spielen der Saison 1979-80 21,3 ppg für ihn eintragen. Die Nuggets beendeten diese Spielzeit mit einer Bilanz von 30-52. Sie waren auf der Suche nach tragenden Stützen und English war der Spielertyp, der diese Rolle erfüllen sollte. Zur Mitte der darauf folgenden Saison stieß Trainerlegende Doug Moe zu den Nuggets. Sofort gab er English den offensiven Freiraum, den dieser für sein Spiel benötigte. Mit seinen Mannschaftskollegen David Thompson und Kiki Vandeweghe zündete er den Motor, der die Liga mit Punkten überrollen sollte.

English sammelte in seiner ersten kompletten Saison für Denver (1980-81) 23,8 Punkte pro Begegnung. In den nächsten neun Jahren sollte er immer mindestens 23 Zähler pro Spiel erzielen, in sechs Jahren in Folge (1981-82 bis 1986-87) fand er seinen Namen in den Scoring-Charts der Liga jeweils unter den ersten fünf Plätzen wieder. Die Saison 1982-83 beendete er sogar als bester Punktesammler der NBA (28,4 ppg).

Als neue Offensivmacht im Westen katapultierten sich die Nuggets von Platz 14 auf Platz eins bei den Punkten, aber leider ließen die Jungs aus ?Mile High City? auch die meisten Zähler bei den Gegnern zu. Ernüchterndes Ergebnis zum Saisonende: 37 Siege gegenüber 45 Niederlagen. Playoffs verpasst.

Voller Motivation startete English mit seinen Nuggets in die Saison 1981-82, legte 25,4 Punkte im Schnitt auf und Denver schaffte nach einer Bilanz von 46-36 nach zwei Jahren Pause wieder den Sprung in die Playoffs. Nach drei Spielen (1-2) gegen Phoenix war aber der Postseason-Besuch schneller beendet als erwartet. In diesem Jahr wurde English auch zum ersten Mal zum All-Star ernannt. Insgesamt achtmal (von 1982-89) kam er zu dieser Ehre. Auch im NBA Second Team (insgesamt dreimal; 1982, 1983, 1986) fand er seinen Namen am Ende der Saison wieder.

Die nächste Saison war für die Denver Nuggets eine besondere, denn ihre beiden Stars English und Vandeweghe belegten die beiden ersten Plätze in der ligaweiten Punktestatistik (28,4 bzw. 26,7 ppg). Das hatte es in der Ligageschichte zuvor nur einmal gegeben (1954-55; Neil Johnston, Paul Arizin, beide Philadelphia). Auch wenn die Nuggets wieder die offensivstärkste Mannschaft der gesamten Liga aufboten (u.a. mit den Veteranen Dan Issel und T.R. Dunn), bekamen sie erneut die meisten Zähler gegen sich. Am Ende hatte Denver 45 Spiele gewonnen und rächte sich in den Playoffs an den Suns (2-1 Sieg) für das Aus im Vorjahr. Im Halbfinale des Westens zogen die ?angriffslustigen Bergleute? dann aber gegen die Spurs mit 1-4 den Kürzeren.

1983-84 dominierte das Frontcourt-Duo English-Vandeweghe einmal mehr die Saison (Platz drei bzw. vier bei den Punkten), aber die Probleme in anderen Bereichen wurden größer. Es mangelte in der Verteidigung und im Rebounding. Keiner im Team sammelte mehr als sieben Boards im Schnitt und die Mannschaft bekam erschreckende 124,8 Punkte pro Spiel in den eigenen Korb. Mit einer Bilanz von 38-44 schafften die Nuggets gerade noch den Sprung in die Postseason, die jedoch nach der ersten Runde gegen Utah (2-3) bereits wieder vorbei war.

Die einzige Titel-Chance und der Abschied aus Colorado

Ein Umbruch folgte zur Saison 1984-85. Vandeweghe wurde nach Portland abgegeben und m Gegenzug kamen Rebounder (Calvin Natt und Wayne Cooper) sowie der schnelle Guard Lafayette Lever in die Rocky Mountains. Als die reguläre Saison (52-30) vorüber war, hatten die Nuggets den Division-Titel gewonnen und kämpften in den Playoffs zuerst die Spurs (3-2) und anschließend die Utah Jazz (4-1) nieder. Im Western-Conference-Finale trafen English und seine Jungs schließlich auf die dominierenden Lakers. Es brauchte fünf Spiele (1-4), bis Denver und insbesondere Alex English seine Titelambitionen begraben musste. Es sollte seine beste Chance gewesen sein, Champion zu werden. In seiner Karriere sollte der NBA-Titel nie wieder greifbarer für ihn sein.

Das NBA-Jahr 1985-86 krönte English mit einer persönlichen Bestleistung von 29,8 ppg ? Platz drei in der Liga. In dieser Spielzeit konnte English den Houston Rockets sogar 54 Zähler einschenken ? persönlicher Rekord. Nur David Thompson erzielte je mehr Punkte in einem Spiel (73) für die Nuggets. Ohne unterstützende Mitspieler verlor Denver aber seinen Spitzenplatz als bestes Offensivteam der NBA nach drei Jahren in Folge.

Als Zugpferd führte English die Nuggets 1988 zu einem weiteren Division-Titel und unterlag in den Conference-Semi-Finals den Dallas Mavericks in sechs Partien.

Ein Jahr später beendete English seine Arbeit bei den Nuggets und unterschrieb nach der Saison 1989-90 als Free Agent einen Ein-Jahres-Vertrag bei den Mavs, weil ihm das Management der Nuggets mitteilte, ihn nicht halten zu wollen. In seiner Zeit bei den Denver Nuggets stellte Alex English 31 Teamrekorde auf, u.a. für die meisten Punkte (21.645), Assists (3.679), Spiele (837) und Minuten (29.893).

Die letzte Chance in Dallas und Nachrichten aus Denver

Bei den Mavericks traf English auf ein junges Team mit talentierten Spielern (Rolando Blackman, Derek Harper, Roy Tarpley, u.a.), mit denen er viel vor hatte. ?Endlich fühle ich, dass ich die Möglichkeit habe, um eine NBA-Meisterschaft mitzuspielen?, freute sich English zu Beginn der Saison 1990-91. Sein Traum verflüchtigte sich schnell, als Tarpleys Drogenprobleme an den Tag kamen und viele Spieler der Mavs mit Verletzungen zu kämpfen hatten. Nach einem Jahr und etwa zehn Punkten im Schnitt wurde der Vertrag mit English nicht verlängert und er beendete seine NBA-Karriere nach 1.193 Partien bzw. 25.613 erzielten Punkten.

Im Alter von 37 Jahren spielte English in der Saison 1991-92 in Italien. Für Depi Napoli kam er in 18 Begegnungen auf durchschnittlich 14 Punkte. 1992 kam dann endlich die Entschuldigung der Nuggets für ihre schlechte Behandlung gegenüber ihrem gefährlichen ehemaligen Star-Forward. Sie verewigten sein Trikot mit der Nummer zwei, das bei den Retro-Trikots derzeit sehr angesagt ist. Mit den Worten: ?Als Organisation sind die Nuggets in den letzten fünf bis sechs Jahren einen falschen Weg gegangen. Zuerst möchten wir uns bei Dir, Alex, entschuldigen, einen falschen Weg gegangen zu sein?, bekam English endlich die Ehre, die ihm gebührte. Sein Kommentar: ?Das war wirklich nötig. Irgendetwas fehlte. Heute geht etwas zu Ende, aber es beginnt auch etwas Neues. Ich freue mich auf die Herausforderung, auf unbetretenen Pfaden zu wandern.?

Auf diesen Pfaden wanderte er bereits kurze Zeit später. Mit ungehaltenem Engagement arbeitete er in sozialen Projekten gegen Alkohol- und Drogensucht. Er kämpfte gegen Krankheiten wie AIDS und reiste mehrmals nach Afrika (u.a. Äthiopien), um dort Hilfsorganisationen zu unterstützen. Bereits während seiner Zeit als Spieler reiste er auf den schwarzen Kontinent (1985) und erhielt für sein soziales Auftreten den J. Walter Kennedy Citizenship Award 1988.

Seine Liebe zum Spiel blieb aber auch nach seiner aktiven Zeit erhalten. Nachdem er 1997 in die Hall of Fame aufgenommen wurde, arbeitete er als TV-Analyst und bekleidete einen leitenden Posten bei der NBA Player Association. Als Coach in der NBDL bei den North Charleston Lowgators führte er das Team 2001-02 in das Endspiel. In der nächsten Saison arbeitete er als Assistant Coach bei den Atlanta Hawks, in der Spielzeit 2003-04 als Assistent bei den Sixers und im NBA-Jahr 2004-05 unterstützt er den neuen Trainer Sam Mitchell bei den Toronto Raptors.

Der Vater von sechs Kindern hat bereits drei Bücher mit Gedichten veröffentlicht. Auch als Schauspieler bekleidete er eine emotionale Rolle. In dem Film ?Amazing Grace and Chuck? spielte er an der Seite von Gregory Peck und Jamie Lee Curtis den Charakter von Amazing Grace, einem Spieler der Boston Celtics. Er selbst beschreibt sich eher bescheiden: ?Ich bin nicht so verrückt, so ungestüm. Ich bin gelassen. Mein Job ist es, einfach den Job zu tun, den ich tun soll.? Und genau das tat Alex English in der NBA. Auch wenn am Ende kein Titel für ihn heraussprang.

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