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Der Mythos des Earl Manigault

19.11.2003 || 00:00 Uhr von:

Die Legende des Earl Manigault ist nicht nur eine Geschichte über ein atemberaubendes Basketballtalent. Es ist eine Geschichte über einen Mann im Zwiespalt mit der Gesellschaft. Einem Kampf gegen einen schier übermächtigen Gegner, den er lange zu verlieren schien…

Zu Lebzeiten hatte der 1945 in New York geborene Manigault mit den alltäglichen Problemen zu kämpfen, mit denen ihn sein Leben in den Projects in Harlem, NYC, zu jeder Zeit konfontierte. Gewalt, Drogen, Rassismus. Ein Kampf ums Überleben. Wer sich durchsetzen will, braucht Respekt.

Der jugendliche Earl war mit knapp 1,80m, ohne besondere Muskelberge ausgestattet, keine besonders imposante Person. Doch nichts war größer als sein Ehrgeiz respektiert und bekannt zu werden. Obwohl Freunde und Bekannte schnell auf die falsche Bahn gerieten und mit dem Gesetz in Konflikt traten, schien Manigault zunächst unbeeindruckt von Drogen und Gewalt. Er hatte einen anderen Weg gefunden, um respektiert zu werden: Streetball.

Schnell wurde klar, welches unglaubliche Potential der junge Manigault in sich trug. Es dauerte nicht lange, da machte er auf dem berühmtesten Freiplatz dieses Planeten, dem Holcombe Memorial Park (Rucker-Park) in Harlem, NYC auf sich aufmerksam. Mit 13 Jahren war er in der Lage zwei Volleybälle gleichzeitig zu dunken. Seine Sprungkraft katapultierte ihn schätzungsweise 1,30 Meter in die Höhe. Earl Manigault tat Dinge, die niemand zuvor getan hatte, holte Penny-Münzen von der oberen Kante des Backboards, dunkte und schnappte sich den gerade durch den Ring gedroschenen Ball um ihn im selben Sprung ein zweites Mal im Korb zu versenken. Die Straßen erzählen sogar, er habe bei einem Dunk einem Gegenspieler auf den Kopf getreten. Sein Ballhandling, aber vor allem seine Sprungkraft übertraf alles, was man bis dahin gesehen hatte.

Earl Manigault war ein regionaler Mythos. Einer der besten professionellen Basketballspieler der Welt, Kareem Abdul Jabbar, wird ihn später als den besten Basketballer bezeichnen, gegen den er je spielte. Die 60er Jahre sollte das Jahrzehnt des Earl Manigault werden.

Der neu gewonnene Ruhm brachte jedoch schnell seine Schattenseiten mit sich und gefährdete den jugendlichen Traum vom professionellen Basketball. Nachdem Manigault ´63 beim Rauchen einer Marihuana-Zigarette auf seiner High-School, der Benjamin Frankin High-School (Harlem) ertappt wurde, wurde dieser sofort der Schule verwiesen.

Sein Spitzname „The Goat“ stammt allerdings noch aus dieser Zeit. Sein damaliger Coach sprach ?Manigault? stets falsch aus, nannte ihn „Mani-Goat“ (Goat = Ziegenbock). Mitte der Sechziger wurde dann aus dem Ziegenbock der G.O.A.T., der „Greatest Of All Time“. Und dieser gab nicht auf: Er besuchte fortan das Laurinburg Institute in North Carolina und beendete dort auch seine schulische Ausbildung. Nach grandiosen sportlichen Leistungen (52 Punkte in einem HS-Spiel) schienen sich etliche Colleges um ihn zu reißen, darunter auch renommierte Universitäten wie Duke oder North Carolina. Angeblich erhielt er Angebote über mehr als 75 Stipendien. Manigault entschied sich schließlich für eine der kleineren Universitäten, der ausschließlich von Schwarzen besuchten Johnson C. Smith University.

Dort schien sein Traum allerdings ein endgültiges Ende zu nehmen. Unterdurschnittliche schulische Leistungen und Querelen mit dem dortigen Trainer (The GOAT verstand es nicht, sein individuelles Spiel dem der Mannschaft unterzuordnen) endeten in der Rückkehr Manigaults nach Harlem nach nur einem Semester.

Es war in den späten Sechzigern, unmittelbar nach seiner Rückkehr, als sein Leben den frühzeitigen Tiefpunkt erreichte. Manigaults Ehrgeiz und Wille war offenbar gebrochen. Er wurde Heroin-Abhängig und kriminell. In den Jahren ´69 bis ´70 und ´77 bis ´79 wurde er wegen verschiedenen Delikten, darunter Drogenbesitz und versuchter Raub, zu mehreren Haftstrafen verurteilt. Insbesondere die Inhaftierung 1977 ist bezeichnend für seine damalige Situatuion: kurz nachdem er angab seine Drogensucht besiegt zu haben gründete er das „Goat-Tournament“, ein von ihm organisiertes Streetball-Tunier. Da ein Teil der potentiellen Geldgeber der Veranstaltung jedoch bekannte Drogendealer waren, wurde Manigault zu zwei Jahren Haft verurteilt. Seine überwundene Drogensucht kostete ihn damals bis zu 100 Dollar am Tag. Unglückliche Unterstützung fand seine Abhängigkeit in den ihm bekannten Dealern, die ihm oftmals Heroin aufgrund seiner Popularität schenkten. Er verlor sein Spiel und es kam, wie es kommen musste. 1970 verspielt der 25-jährige Manigault eine einmalige, eine letzte Chance, dem ABA Team der Utah Stars beizutreten.

Bei Turnieren im Rucker-Park, die er vor wenigen Jahren noch nach belieben dominierte, zeichnete er sich nun durch ungeschickte Stürze und Turnovers aus; Earl Manigault stand vor den Trümmern seiner Selbst.

Doch erneut schaffte er aus eigener Kraft die Wende. Nachdem er eine zweijährige Haftstrafe abgesessen hatte, zog er mit zwei seiner Söhne nach Charleston, South Carolina. Manigault wollte sie vor jenen Drogen beschützten, die ihn in den Knast und um seine Zukunft brachten.

Er besiegte nicht nur seine Drogensucht, er beteiligte sich fortan an karikativen Veranstaltungen und wurde nie wieder inhaftiert. So organisierte er bis zum seinem Tod das „Walk Away from Drugs“-Turnier, das Jugendliche dazu ermutigen sollte die Schule zu besuchen und sich von Drogen abzuwenden. Er verbreitete seine Geschichte, um Andere vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren.

In den 1980ern kündigte sich jedoch eine weitere große Hürde in Earl’s Leben an. Es war die Zeit, in der sein Herz begann schwächer zu werden. 1987 musste er sich zwei Operationen unterziehen, was ihm die letzten Möglichkeiten nahm, dem Basketballsport aktiv nachzukommen.

Am 16. Mai des Jahres 1998 erlag Earl Manigault seinem Herzleiden. Er hatte sieben Kinder, war jedoch nie verheiratet.

„The Goat“ sollte nicht eine Minute auf professionellem Basketball-Parkett spielen, und doch erzählt man sich noch heute in Harlem, NYC, die Legenden von Earl Manigault, dem „besten Basketballspieler aller Zeiten, den niemand kannte“ (HBO), der trotz persönlicher Niederlagen zum Gewinn für mehr als nur ein Stadtviertel avancierte.

Der Film „Rebound. The Story of Earl Manigault“ dokumentiert seine Legende, der ?Goat-Park? in Harlem trägt seinen Namen, das Buch „Double Dunk“ erzählt seine einzigartige Geschichte.

Bereits erschienen am 20.10.2002 (NBA-News.net)

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