Anmelden oder registrieren

Das Vermächtnis von Len Bias und Reggie Lewis

04.04.2005 || 00:00 Uhr von:

Sehr kurze Momente entscheiden im Basketball oft über eine Menge Dinge: über Sieg und Niederlage, über Freud und Leid, über Buzzer-Beater oder Airball, und über Playoffs oder Lottery-Pick. Sehr kurze Momente können im Basketball aber auch über Leben und Tod entscheiden: Es war wohl nur ein kurzer Moment, in dem der Basketballstar des Maryland-College, Len Bias, in der Nacht des 19. Juni 1986 Kokain zu sich nahm, und es war auch nur ein kurzer Moment, in dem sein Herz versagte und Bias an der Dosis Kokain starb.

Dieser kurze Moment beendete das Leben eines der begabtesten College-Spielers der 80er Jahre, vielleicht sogar eines der begabtesten aller Zeiten. Es war das Ende einer NBA Karriere, die erst 48 Stunden zuvor begonnen hatte, und es war das Ende der Hoffnungen der Boston Celtics auf einen Spieler, der auch in den 90er Jahren noch in der Lage sein würde, Meisterschaftsbanner für sie zu gewinnen. Len Bias, geboren am 18. November 1963, spielte von 1982 bis 1986 am Maryland-College und gilt dort noch heute als einer der größten Spieler, die das College je hatte.

Zu Beginn seiner College-Karriere wirkte er jedoch nicht gerade wie ein zukünftiger NBA-Spieler, hatte Schwierigkeiten, sich durchzusetzen und kam nur auf 7,2 Punkte und 4,2 Rebounds pro Spiel – zu wenig für einen 2,03m-Mann mit so großem Talent. Doch Bias lernte bald, seine Stärken auszuspielen, verdoppelte in seinem Sophomore-Jahr seinen Scoring Output auf 15,3 Punkte pro Spiel und traf dabei 56,7% seiner Würfe aus dem Feld. Den endgültigen Durchbruch schaffte Bias in seinen letzten beiden Seasons für Maryland, schraubte seine Zahlen auf 23,2 Punkte und 7,0 Rebounds pro Spiel hoch und wurde zum„Atlantic Coast Conference Player of the Year“ gewählt. Bias war zu einem der Top- Favoriten des NBA-Draft geworden, wurde mit Michael Jordan verglichen und war ohne Frage einer der kommenden Stars der NBA. Die einzige Frage, die sich noch stellte, war, zu welchem Team er kommen würde.

Draft Night 1986 war am 17. Juni und Bias wurde weit vorne gedraftet, sehr weit vorne: Runde 1, Pick 2. Die Boston Celtics, damaliger Champion der NBA, und mit Larry Bird, Kevin McHale und Robert Parish eines der besten Teams in der NBA-Historie überhaupt, sicherten sich den Spieler aus Maryland und setzten größte Hoffnungen in ihn. Zwar waren Bird, McHale und Parish noch in ihrer Blütezeit, doch man plante mit Bias bereits für die 90er Jahre und für ein weiteres Jahrzehnt an der Spitze der Liga. Doch die Träume des Champions zerbrachen nur zwei Tage nach der Entscheidung für Len Bias.

Am 19. Juni 1986 kam Bias aus Boston zurück zum Campus des Maryland-College und feierte mit Freunden seinen Einzug in die beste Basketball-Liga der Welt. Es sollte die letzte Party seines Lebens werden. Kurz nach sechs Uhr morgens kollabierte Bias in seinem Zimmer, hatte einen Herzstillstand und konnte trotz intensiver ärztlicher Hilfe nicht wiederbelebt werden. Dass ein junger Mann von nur 22 Jahren, der noch dazu in der Form seines Lebens ist, einen Herzstillstand erleidet, ist nicht gerade etwas Alltägliches. Eine Autopsie wurde angeordnet. Diese stellte Rückstände von Kokain in einer Urinprobe von Bias fest und konstatierte im Abschlussbericht, dass der Herzstillstand höchstwahrscheinlich durch die Einnahme des Kokains hervorgerufen wurde.

Die gesamte Universität von Maryland stand unter Schock. Der Tod von Bias zog mehrere Untersuchungen nach sich und führte zur Entlassung von Coach Lefty Driesell. Noch heute, fast zwanzig Jahre später, sind die Auswirkungen des Falles Len Bias an der Universität deutlich spürbar. Die Aufnahmekriterien für Sportler wurden sehr viel strenger; regelmäßige Drogentests sind an der Tagesordnung. Außerdem war die Universität nach dem Tod von Bias und den daraus resultierenden strengeren Regeln sportlich für mehrere Jahre nicht mehr konkurrenzfähig. Erst 2002 war man wieder in der Lage, NCAA-Champion zu werden. Doch sportliche Erfolge will die Universität nie wieder auf Kosten eines Menschenlebens haben und handelt nun nach dem Prinzip: „Athletes academic and social well-being are more important than winning championships.“ – ein nobler Grundsatz, der in der heutigen Welt des Sports seinesgleichen sucht.

Doch nicht nur die Universität von Maryland spürt auch heute noch die Auswirkungen von Bias‘ viel zu frühem Tod; auch die Boston Celtics stehen nach wie vor unter dem Eindruck dieses verlorenen Superstars. Nicht nur Celtics-Fans spekulieren immer noch darüber, wie die 90er Jahre mit Len Bias ausgesehen hätten und was er aus diesem Team hätte machen können. Da die Celtics 1993 noch eine weitere Tragödie zu verkraften hatten, wog der Tod von Bias noch schwerer als zuvor: Am 27. Juli 1993 starb Team Captain Reggie Lewis im Alter von 27 Jahren.

Lewis hatte das Team nach dem Rücktritt von Larry Bird übernommen, war zum All-Star geworden und führte die Celtics in die Playoffs gegen die Charlotte Hornets. In Spiel Eins trat ein bis dahin unentdeckter Herzfehler auf; Lewis brach auf dem Feld zusammen und fiel für den Rest der Playoffs aus. Boston verlor die Playoff-Serie mit 1:3. Am 27. Juli 1993 nahm Lewis das Training wieder auf. An seiner ehemaligen Universität, Northeastern, übte er seine gefürchteten Jump-Shots, als er erneut kollabierte und an den Folgen seines Herzfehlers starb. Innerhalb von sieben Jahren hatten die Celtics zwei ihrer Top-Leute verloren, beide an einen Herzfehler, beide viel zu früh.

Wie die 90er Jahre dann für die Celtics aussahen, ist bekannt: Es wurde das erste Jahrzehnt seit den 50er Jahren ohne einen einzigen Titel, es wurde ein Jahrzehnt mit erschreckend schwachen Leistungen, es wurde ein Jahrzehnt, in dem selbst der große Rick Pitino an diesem Team scheiterte. Statt Reggie Lewis und Len Bias hießen die Spieler der Celtics Todd Day, Travis Knight oder David Wesley. Da wundert es nicht, dass Celtics-Fans heute noch diesem unglaublich großen Potential nachtrauern und wütend darüber sind, dass die Lakers, Spurs und Pistons Titel gewinnen und der letzte Triumph der Celtics bereits 19 Jahre zurückliegt.

In exakt dem Jahr, in dem Len Bias starb, gewann die Mannschaft aus Boston auch ihren letzten Titel in der NBA. Zwar reichte es 1987 noch mal für das Finale, aber man unterlag den Lakers in 2:4 Spielen. Seitdem waren die Celtics nie wieder in einem NBA- Finale. Das Team war in den späten 80er Jahren überaltert und in den 90er Jahren einfach zu schwach, um in den Playoffs weit zu kommen oder diese überhaupt zu erreichen.
Jetzt, da die 90er Jahre schon wieder einige Zeit zurückliegen, hat Boston mal wieder eine Mannschaft, die in den Playoffs etwas erreichen könnte. Die Stars tragen Namen wie Paul Pierce, Antoine Walker und Gary Payton, und sie dürfen sich auch gerne wieder Stars nennen, denn Boston führt die Atlantic Division an und hat in den Playoffs alle Möglichkeiten. Verantwortliche und Fans sollten sich vielleicht einen dieser kurzen Momente nehmen, um in die Zukunft zu schauen und nicht länger in die Vergangenheit.

Denn bei Len Bias und Reggie Lewis geht es nicht um den Verlust von Punkten, Spielen und Meisterschaften, sondern um den Verlust von Menschenleben. Sehr kurze Momente entscheiden oft über eine Menge Dinge, sowohl auf dem Platz als auch daneben. Sehr kurze Momente werden auch entscheiden, ob Boston ein Team der Vergangenheit bleiben wird, oder endlich ein Team der Zukunft werden kann. Sollte irgendwann in naher Zukunft Championship-Banner Nr. 17 gewonnen werden, so sollte es Len Bias, Reggie Lewis und ihrem Andenken gewidmet werden. Doch sollte man sich bei dem Versuch, den Titel zurück nach Boston zu holen, strikt an den Grundsatz der Universität von Maryland halten: Meisterschaften sind nie so wichtig wie die Gesundheit und das Leben von Menschen. Vielleicht dauert es sehr lange, das zu begreifen, vielleicht dauert es aber auch nur einen sehr kurzen Moment.

Das Vermächtnis von Len Bias und Reggie Lewis
5 (100%) 2 votes
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren
Basketball.de - Footer-Icon
entwickelt von Markenwirt, Werbeagentur Bamberg
Copyright BASKETBALL.de. Alle Rechte vorbehalten.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.