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Das Arbeitstier

12.08.2006 || 00:00 Uhr von:

Schaut man sich Bilder von Artis Gilmore an, denkt man sofort an einen Pimp. An einen Typen, den Shaft gerade erst verhört hat, weil er zuviel Funk gefressen hat. So war es aber damals in der ABA, so sahen viele Spieler aus. Die Haare waren länger, der Afro war in. Kotletten à la Elvis waren angesagt und in der Glitzerwelt der Stars und Sternchen ebenso hip wie im schweißtreibenden Business des Basketballsports.

Sein Spitzname lautet "the A-Train", ein Zug erster Klasse, der regelmäßig Double-Doubles abliefert als kämen sie auf Bestellung. In 420 ABA-Spielen erkämpft sich Gilmore allabendlich über 22 Punkte und gut 17 Boards für sein Team, die Kentucky Colonels. Fünf Jahre spielt er in der verrücktesten Liga der Siebziger Jahre. Verrückt ist er auch wegen seines Afros, der 13 cm misst, und der Angewohnheit, mit Halskette auf dem Spielfeld aufzulaufen.

Gleich in seiner ersten Profi-Saison 1971-72 feiert Gilmore mit 23,8 PpG, 17,8 RpG und sensationellen fünf Blocks pro Begegnung nicht nur 68 Spiele mit seinem Team, sondern auch den Titel des Rookie des Jahres und er stellt sich auch die MVP-Trophäe in sein Wohnzimmer. Vier Jahre später gewinnt die Nummer 53 mit den Colonels die Meisterschaft, bevor nach der Saison 1975-76 die Franchise aufgelöst wird, weil sich die ABA mit der NBA zusammenschließt.

Einen durchtrainierten Profi, wie Gilmore es ist, kann man jedoch nicht arbeitslos lassen. 1976 wird er von den Chicago Bulls verpflichtet, für die er sechs Jahre lang dunkt, reboundet und Blocks absahnt. Von seinem Rookie-Jahr in der ABA bis zur Saison 1979-80 läuft er in 670 Spielen in Folge auf. Seine Power und sein unbändiger Einsatz bringen ihm Vergleiche mit einem Arbeitstier ein. Arbeitstier deshalb, weil er ruhig und zuverlässig seinen Job erfüllt, sich nicht mit Schiedsrichtern anlegt und Streitereien mit Teammates und Coaches aus dem Weg geht. Im heutigen Zeitalter lässt sich seine Spielweise mit der eines Karl Malone oder Ben Wallace vergleichen – zuverlässig, aber knallhart.

In der NBA spielt er 909 Partien für die Chicago Bulls und die San Antonio Spurs. Mehr als 15 000 Zähler stehen nach seinem letzten NBA-Match hinter seinem Namen in den Geschichtsbüchern der Liga, dazu eine traumhafte Trefferquote von 59,9 Prozent, da er meist per Dunk, Finger-Roll oder Baby-Hook-Shot abschließt.

Für einen solchen Spieler würden sich Manager heutiger Franchises die Finger lecken und Millionen investieren, aber Gilmore war anders. Geld war ihm nicht wichtig – auch wenn damals fünfstellige Summen an Topverdiener gingen. Ebenso geht er dem Medienrummel aus dem Weg. Gilmore ist eher von der Mentalität eines Malone, egal ob Moses oder Karl.

Geboren in Chipley, einem 5000 Seelen Nest in Florida, wächst er als Sohn eines Fischers auf. Seine Eltern haben nicht genug Geld, um ihre zehn Sprösslinge zu ernähren, ihnen ausreichend Klamotten und Schulmaterialien zu kaufen. Als Gilmores Füße auf Schuhgröße 46 anwachsen, muss er barfuß durch die Gegend laufen, weil kein Schuhladen in der der Umgebung solch großes Schuhwerk herstellt. Auch die Freunde des kleinen Artis machen sich Sorgen, weil sie glauben, er würde nicht genug zu essen bekommen. Trotzdem versuchen seine Eltern, ihren Kindern die richtigen Dinge vom Leben beizubringen. Sie zeigen ihnen, dass man mit ehrlicher, harter Arbeit etwas erreichen kann. Gilmore glaubt daran. Vielleicht weiß er schon damals, wohin ihn sein Weg führen kann, wenn er seine Ziele verfolgt und am Ball bleibt?

So kommt es, dass Gilmore für sein letztes High School-Jahr ins 30 km nördlich gelegene Dothan in Alabama zieht. Dort pflanzt er sein Talent, das ihn wenige Jahre später zu einem der besten Center seiner Zeit werden lassen soll.

Nach zwei Jahren am Gardner-Webb Junior College in Boiling Spring, North Carolina, schüchtert er schließlich erstmals seine Gegenspieler auf dem Feld mit seiner ganzen Größe und Kraft ein. Er bringt das komplette Paket für einen dominierenden Center mit und wechselt nach zwei Jahren erneut die Bildungsstätte. Es zieht ihn an die Jacksonville University. Dorthin wechselt er nicht nur aus sportlichen Gründen, sondern auch, um wieder näher an seiner Heimat zu sein. Er führt die Dolphins in seinem zweiten Jahr zu einer Bilanz von 27 Siegen in 29 Spielen und der Vize-Meisterschaft. Gegen die Übermacht der UCLA ist kein Kraut gewachsen ist, obwohl Gilmore das schafft, was nur wenige vor ihm geschafft haben: Er beendet seine Karriere bei Jacksonville mit einem Schnitt von über 20 Punkten und 20 Rebounds. Bis heute hat es niemand in der NCAA Division I geschafft, seinen Rekordschnitt von 22,7 Boards in einer Saison zu brechen.

Solch fabelhafte Statistiken bringen seinen Namen schnell in die Notizbücher der ABA- und NBA-Scouts. Ein regelrechter Wettbewerb um den Center-Hünen entfacht und der Sieger soll die Liga bzw. das Team werden, das mehr Dollars auf den Tisch legen kann. Gilmore unterschreibt schließlich bei Kentucky einen Zehn-Jahres-Vertrag über 2,5 Millionen Dollar.

Sofort zahlt sich die Investion der Colonels aus. Gilmore wird umgehend zum Star und wandert mit seinem Team erfolgreich durch die Saison, um erst im Finale gegen die New York Nets in vier Spielen einen Dämpfer zu erlangen. Seine fünfjährige Reise in der ABA ist erfolgreich, doch das Business wird vom Geld regiert und so kommt es, dass er zwangsweise ab der Saison 1976-77 sein Brot in der NBA verdienen muss.

Schnell merkt Gilmore, der von den Chicago Bulls vor Stars wie Moses Malone aus dem ABA-Draft gewählt wird, dass die NBA anders ist. Sie ist härter. Weniger Spaß. Weniger Funk. Mehr Business. Mehr Wettbewerb. Die Bulls starten mit 13 Niederlagen in Folge in die neue Spielzeit. Die Playoffs scheinen so weit entfernt wie Illinois von Florida. Trotzdem gelingt es der jungen Mannschaft um Jerry Sloan und Artis Gilmore, von den verbleibenden 24 Spielen 20 zu gewinnen und doch noch in die Postseason einzuziehen. Dort verlieren sie aber gegen Portland.

In den sechs Jahren bei den Bulls qualifiziert sich Gilmore mit den Bulls insgesamt nur zwei Mal für die Meisterrunde. Er darf aber vier Mal als All Star auflaufen. Der "A-Train" rollt nach seiner Ankunft in der Windy City in 250 Spielen in Folge über den Platz, bevor ihn eine Knieverletzung pausieren lässt. Danach nimmt er wieder Fahrt auf und bestreitet 212 Partien in Folge.

Doch je mehr Schweiß er für die Bulls lässt, desto lauter werden die Stimmen seiner Kritiker. Er könne das Spiel nicht richtig lesen, sei zu mechanisch in seiner Spielweise. Er wüsste nicht, wie er ohne Ball agieren solle und dass er seine Größe nicht richtig einsetzen könne. Gilmore selbst sieht das zwar anders; trotzdem fordert er nach der Saison 1981-82 einen Trade. Als (damals) drittbester Rebounder und viertbester Scorer in der Geschichte der Bulls verlässt er Chicago. Der stärkste Kontrahent von Kareem Abdul-Jabbar spielt von nun an bei den San Antonio Spurs, bei denen er sofort eine gute Mannschaft vorfindet. Obwohl viele glauben, er sei zu alt, fügt er sich bedingungslos in das Team von George Gervin ein. Die Spurs spielen auch mit Gilmore im Team an der Spitze der Liga und verlieren in den Playoffs 1983 erst in den Conference Finals gegen die Los Angeles.

Danach beginnt allmählich der Niedergang der Spurs. Die Bilanz verschlechtert sich von Jahr zu Jahr, bis schließlich Franchise Player Gervin 1985 nach Chicago getradet wird. Gilmore, mittlerweile 36 Jahre alt, kann das Team aus Texas nicht allein tragen, obwohl er 1986 zum sechsten und letzten Mal in seiner Karriere ein All Star-Jersey überstreifen darf.

Leider trifft das Sprichwort "It’s better to burn out than to fade away" nicht auf die Laufbahn Gilmores zu, denn anstatt seine Sneaker an den Nagel zu hängen, bleibt er der Liga treu. 11,4 Punkte produziert er im Schnitt in der Spielzeit 1986-87, bevor er zurück nach Chicago geschickt wird. Nach 24 Spielen wird er dort jedoch entlassen und findet als Backup für Robert Parish in Boston einen letzten Arbeitsplatz in der NBA. Im Alter von 38 Jahren verlässt ein relativ unbekannter Big Man die größte Bühne des Basketballs. Ein letztes Mal versucht Gilmore in der italienischen Liga bei Bologna Arimo in der Saison 1988-89 sein Glück (12,3 PpG; 11,0 RpG), bevor er sich endgültig vom Spiel verabschiedet – als bedingungsloser Arbeiter des Basketballs.

Das Arbeitstier
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J-rich
J-rich 26. Februar 2007 um 20:12 Uhr

Der Typ war glaub ich ziemlich cool

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