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Cold as Ice

19.06.2005 || 00:00 Uhr von:

Mit der Saison 1972/73 beginnt die Profikarriere des George Gervin an der Seite vom Doktor des Funk, Julius Erving. Für die Virginia Squires bilden die beiden einen One-Two-Punch, der nicht zu stoppen ist. Der Doc schnappt sich den Scoring-Titel mit 31,9 Punkten; Gervin macht sich mit 14,1 Zählern einen Namen als Rookie. Sicherlich ist Gervin Rookie in der American Basketball Association, aber längst kein Neuling im Geschäft, denn den Profivertrag über 40 000 Dollar verdankt er seinem Talent. Er unterschreibt nach einem Saisonspiel in der Amateurliga Eastern Basketball Association einen Kontrakt bei dem ABA-Team, das sich mit Julius Erving ein Jahr zuvor eine dominante Gallionsfigur in die eigenen Reihen geholt hat. Johnny Kerr, Talentspäher der Squires, ist auf den athletischen Swingman aufmerksam geworden, nachdem der für die Pontiac Chaparrals 50 Punkte versenkt hatte. Nach der Partie treffen sich die Beiden und kommen ins Gespräch, und als sich ihre Wege wieder trennen, hat Gervin einen neuen Arbeitgeber.

Es dauert nicht lange, bis ihm Squires-Guard Fatty Taylor während der Saison einen Spitznamen verpasst. ?Iceberg Slim? lautet sein Vorschlag, in Anlehnung an einen schlaksigen Zuhälter, der gerade eine Autobiographie über seine Vergangenheit auf den Straßen von Chicago veröffentlicht hat. Gervin identifiziert sich mit dem Autor des Buches, sieht Parallelen zu seinem eigenen Leben.

Mit fünf Geschwistern wächst er ohne Vater in einem Armutsviertel von Detroit auf. Seine Mutter arbeitet tagein, tagaus, um ihre Kinder zu ernähren. Irgendwann beginnt der kleine George mit Basketball. Beim Haus seines Cousins spielt er mit einem Nachbarjungen namens Ralph Simpson (später Michigan State und Denver Nuggets. und entdeckt seine Liebe zum Spiel. Er flüchtet in den Sport und vergisst so das Bild des harten Alltags auf den Straßen der Großstadt.

Doch auch im Basketball hat es Gervin anfangs nicht leicht. In der Schulmannschaft der Martin Luther King High School will ihn der Head Coach nicht. Nur weil der Assistenztrainer des Teams, Willie Meriweather, Gefallen an dem talentierten Knaben gefunden hat, überzeugt er den Coach, einen zusätzlichen Spieler in den Kader aufzunehmen. Gervin ist im Team und Meriweather wird zum Lehrer und gleichzeitig zur Vaterfigur für den jungen Ballakrobaten. Gervin freundet sich nach einer Weile auch mit dem Hausmeister der Schule an. Der lässt ihn jeden Abend in die Sporthalle zum Basketballspielen. Zum Dank fegt Gervin danach die Halle. Auf diese Weise bleibt er am Ball und gerät nicht in Konflikt mit dem Gesetz der Straße. Er kümmert sich nur um Basketball. Seine Athletik verbessert sich zusehends und auch sein Wurf entwickelt sich. Auf der Schulbank überzeugt er jedoch nicht und muss deshalb die Hälfte der Spiele seiner Junior-Saison aussetzen. Wieder setzt sich Meriweather für ihn ein und bittet den Head Coach, Gervin in die Summer School zu schicken. Die Entscheidung zahlt sich aus und Gervin rechtfertigt das Vertrauen von Meriweather in seinem Senior-Jahr mit unglaublichen 31 Punkten und 20 Rebounds pro Begegnung. Er führt seine Schule in das Viertelfinale des Landes und macht ordnungsgemäß seinen Schulabschluss.

Von Long Beach State erhält er daraufhin ein Stipendium, kommt aber mit dem Leben in Südkalifornien nicht klar und geht noch im ersten Semester zurück nach Michigan. Er schreibt sich an der Michigan University ein und ist in seinem zweiten Uni-Jahr mit 29,5 Punkten der König des Campus. Aber sein Star-Status verfliegt schnell, als er während eines Turniers die Kontrolle über sich verliert und einen Spieler des Gegners schlägt. Die Auswirkungen sind erschreckend: Zuerst tritt der Coach zurück, dann wird Gervin für die Saison 1972/73 suspendiert und schließlich aus dem Team geworfen. Offiziell lautet die Begründung zwar, er sei bei einem Eignungstest durchgefallen, aber Gervin ist anderer Meinung. Seine Karriere scheint durch diesen Ausraster bereits zu Ende zu sein, bevor sie richtig beginnen konnte, denn Nominierungen für Olympia und Pan-American-Teams werden zurückgezogen.

Seine Leidenschaft sorgt aber für die Rückkehr auf den rechten Pfad und die Neudefinition seines Schicksal, als er trotz einem Punkteschnitt von knapp 40 Zählern für gut 500 Dollar im Monat sein Leben finanziert und Basketball weiterhin als seinen Lebensmittelpunkt ansieht. Der Iceman ist also zurück und kann nun auf der Bühne der ganz Großen seine Coolness unter Beweis stellen. In der ABA dauert seine Show an der Seite von Erving aber nur eine gute Saison, denn an dem Tag seines ersten All-Star-Spiels im Jahr 1974 wird sein Vertrag an die San Antonio Spurs verkauft. 23,4 Punkte legt er für die Texaner in den nächsten beiden Jahren auf und trifft im All-Star-Spiel 1975 auf einen alten Bekannten. Gemeinsam mit seinem jugendlichen Trainingspartner Ralph Simpson bestreitet er das Spiel der Besten.

Als die Spurs 1976 in die NBA umziehen, ist Gervin das Zugpferd des texanischen Teams. In neun Jahren (1976-1985) bei den Spurs sammelt er 27,3 Punkte im Schnitt, steht jede Saison im All-Star Game und erzielt dort im Schnitt 15 Punkte. 1980 gewinnt er die Trophäe des MVP des Star-Spektakels; zweimal belegt er Platz Zwei bei der Wahl zum wertvollsten Spieler der Liga. Eine unglaubliche Serie von 407 Spielen in Folge, in denen er zweistellig punktet, steht am Ende von Gervins Karriere in seiner Akte. Ebenso wie die 26,2 Punkte, die er in 791 NBA-Spielen durchschnittlich gesammelt hat.

Legendär ist sein Showdown mit Denver-Guard David Thompson am letzten Spieltag der Saison 1977/78. An diesem 9. April 1978 benötigt er mindestens 58 Punkte, um sich den Titel des besten Punktesammlers der Liga zu sichern, weil Thompson an diesem Tag seinem Gegner bereits 73 Zähler (28-38 FG, 17-20 FT) eingeschenkt hat. Gegen die New Orleans Jazz verfehlt Gervin an diesem Abend seine ersten sechs Würfe und will das Scoring-Duell frühzeitig aufgeben. Doch seine Teamkollegen füttern ihn weiter mit Bällen, und am Ende stehen 63 Punkte (23-49 FG, 17-20 FT) in den Statistiken des Iceman ? davon 33 Punkte im zweiten Viertel. Mit 0,07 Punkten (27,22 zu 27,15 PpG) Vorsprung gewinnt er seinen ersten von insgesamt vier Scoring-Titeln. Damit ist er neben Jordan, Chamberlain und Iverson der vierte Spieler der Geschichte, der mindestens viermal bester Korbschütze der NBA wurde.

Die Saison 1978/79 bezeichnet für Gervin die Spielzeit, in der er beinahe die Spitze des Eisbergs erklimmen kann. Im Viertelfinale der Playoffs kämpfen die Spurs in sieben Partien die Philadelphia 76ers nieder und erzielen im entscheidenden siebten Spiel der Conference Finals gegen Washington drei Punkte zu wenig (105:107), obwohl sie zuvor bereits in der Serie mit 3-1 geführt haben. 1982 und 1983 erreicht Gervin mit seinen Spurs erneut die Finals des Westens, unterliegt aber beide Male den dominierenden Lakers.

Nach der Saison 1984/85 verlässt Gervin San Antonio, weil er mit Cotton Fitzsimmons, dem neuen Head Coach der Spurs, im Clinch liegt. Fitzsimmons kritisiert das Verteidigungsspiels des Iceman und seine Nervenstärke in engen Spielen. Chicago heißt Gervins neue Heimat nach einem Trade, und er erlebt in der Windy City sofort ein Déjà-vu: Er spielt erneut mit einem überragenden Spieler, der sich im zweiten Ligajahr befindet, zusammen, wie damals zu Beginn seiner Profikarriere. Dieses Mal ist es kein Doc, sondern eine Lufthoheit, die den Namen Michael Jordan trägt.

Das Zusammenspiel mit dem jungen MJ dauert nur 18 Spiele, bis sich der junge Superstar den Fuß bricht und Gervin erneut die Last eines Teams auf seinen Schultern tragen muss. 16,2 Punkte stehen in dieser, seiner letzten, NBA-Saison im Basketballwerk des George Gervin. In der Saison 1986/87 geht Gervin in Italien für Banco Roma auf Korbjagd. Seine Beute sind über 26 Punkte im Schnitt. Dort kommt er auch mit Drogen in Kontakt und benötigt drei Rehabilitationen, die letzte im Jahr 1989, bis er endlich wieder auf die richtige Bahn gerät.

Danach wird er erneut abhängig, dieses Mal vom Golf. In San Antonio hat er ein jährliches Golf-Turnier ins Leben gerufen. In der CBA versucht der Iceman 1989/90 ein letztes Mal, seine Coolness auf ein Parkett zu übertragen. Für die Quad City Thunder sammelt er in 14 Spielen 20,3 Punkte. In der Halle der Spurs hängt sein Trikot mit der Nummer 44, und seit 1996 ist er Hall-of-Famer und einer der besten fünfzig NBA-Profis aller Zeiten.

Im Schatten der Megastars (Erving, Earvin Johnson, Jordan) hat der Iceman seinen Job erledigt und gilt als der Spieler, für den Lakers-Legende Jerry West sogar Eintritt bezahlen würde, um ihn spielen zu sehen. Dick Motta hat 1982 sogar in einem Interview gemeint, dass man George Gervin nicht stoppen könne. Man müsse schon hoffen, dass seine Arme nach 40 Würfen schlapp machten. Er glaubt, dass dieser Kerl punkten könne, wann er will. Die 26 595 erzielten Punkte bestätigen die beispiellose Laufbahn des Iceman, einem Superstar ohne Titel.

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