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Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

28.01.2016 || 14:00 Uhr von:
Derrick Rose durchlebt bislang eine äußerst durchwachsene Saison. Doch es gibt Lichtblicke am Horizont. Kann der ehemalige MVP wieder an seine alten Stärken anknüpfen?

Neue Saison, altes Leid. Nach den zahlreichen, schweren Verletzungen der vergangenen Jahre wollte Derrick Rose von den Chicago Bulls endlich eine Spielzeit ohne größere Blessuren überstehen. Doch das Schicksal holte den Spielmacher bereits weit vor Saisonbeginn ein. Direkt am ersten Tag des Training-Camps vor der Saison erwischte ihn ein Ellbogen, und er zog sich einen Bruch der linken Augenhöhle zu. Nach der erfolgreichen Operation war er fortan gezwungen, eine Maske zu tragen, und sah während den Spielen, laut eigener Aussage, verschwommen. Keine gute Voraussetzung, um sich wieder an die eingerosteten Abläufe zu gewöhnen. Bis Anfang Dezember musste er sich mit der Maske abmühen, ehe er in der zweiten Halbzeit gegen die Los Angeles Clippers vergaß, diese aufzusetzen.

Seitdem hat er keine größeren Einschränkungen mehr, sondern plagt sich hier und da mit kleineren Wehwehchen herum. Für die Entscheidungsträger der Bulls gilt es nun herauszufinden, ob sie mit dem Point Guard in die Zukunft gehen wollen oder vorzeitig die Reißleine ziehen. Aktuell befindet sich der Junge aus Chicago im vorletzten Vertragsjahr und ist mit etwas mehr als 20 Millionen Dollar Topverdiener im Team. Er selbst sagt, dass er seine Karriere bei den Chicago Bulls beenden möchte. Doch ob die Verantwortlichen ihm den Gefallen machen, hängt einzig und alleine von ihm ab.

In 37 Spielen legt der Guard bislang 15,6 Punkte, 4,6 Assists und 3,2 Rebounds bei durchschnittlich 2,7 Turnover auf. Bis auf Letzteres bewegt er sich in jeder der genannten Kategorien deutlich unter seinem Karierreschnitt und auf Tiefstwerten – abgesehen von der Saison 2013/14, in der er lediglich zehn Spiele absolviert hatte. Nicht verwunderlich, dass sich auch seine True-Shooting-Quote mit 46,0 Prozent komplett im Keller befindet, auch wenn er noch nie als herausragender Schütze bekannt war. Mit einem Player Efficiency Rating von lediglich 11,8 befindet er sich in Gesellschaft mit Herren wie Pablo Prigioni oder Raymond Felton. Sein persönlicher Anspruch sagt eindeutig etwas anderes. Doch wie kommt es zu so einem drastischen Absturz des ehemaligen MVPs von 2011?

Gescheiterte Comeback-Versuche

Zunächst einmal sollte bei der Betrachtung Roses mit zweierlei Maß gemessen werden. Wer sich alleine seine Verletzungshistorie vor Augen führt, dem läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Wann immer er dachte, die Leidenszeit sei endlich vorbei, kam eine neuerliche Verletzung hinzu. Jeder Comeback-Versuch wurde sofort im Keim erstickt. Nahezu jeder Hobbysportler hätte bereits seine Sportschuhe an den Nagel gehängt und würde nur noch von dem heimischen Sofa aus die Spiele verfolgen. Doch bei Rose ist die Liebe zum Spiel ungebrochen. Die fürstliche Bezahlung kommt natürlich auch dazu.

Von daher ist es schwierig, die Saison bis zum jetzigen Zeitpunkt, ohne Blick auf die Vergangenheit, einzuordnen. Der größte Fehler ist es, seine Leistung mit der seiner MVP-Saison zu vergleichen. Der mittlerweile 27-Jährige ist schlichtweg nicht mehr derselbe Spieler wie damals. Zudem hat er sich auch als Mensch stark weiterentwickelt und wirkt aktuell noch nachdenklicher als zuvor.

Seine größte Stärke ist sein unnachahmlicher Zug zum gegnerischen Korb. Trotz der Einschränkungen liegt er aktuell mit 9,5 Drives auf einem guten elften Platz in der Liga und erzielt dabei 7,2 Punkte, was zum dritten Rang reicht. Direkt am Korb schließt er mit 52 Prozent ab; nicht herausragend, aber sehr solide. Auffällig ist, dass seine Freiwürfe auf gerade einmal 2,7 Versuche pro Spiel gesunken sind, bei Zügen zum Korb sind es nur 1,8 Versuche. Kommt er dennoch mal an die Linie, schließt er mit knapp unter 80 Prozent unter seinem Schnitt ab. Über solche Werte würden sich aber definitiv einige Big Men der Association freuen.

Eins wird aber klar: Er scheut deutlich den Kontakt zum Gegenspieler. Unterbewusst spielt hierbei sicherlich die Angst mit, sich erneut mit schmerzverzerrtem Blick auf dem Feld wiederzufinden. Hinzu kommt, dass ihm noch merklich Sprungkraft abhanden geht. Mit ein paar Zentimetern mehr Luftstand wären auch die Korbleger einfacher zu verwerten. Auf Dunks hat er diese Saison bis jetzt gänzlich verzichtet. Hier muss man bis in die letztjährigen Playoffs gegen die Milwaukee Bucks zurückschauen.

Defensivprobleme und Wurfschwäche

Ein weiterer Kritikpunkt ist sein mangelnder Einsatz am hinteren Ende des Feldes. Rose war nie ein herausragender Verteidiger, doch zumindest schadete er seinem Team im Normalfall nicht zu sehr. Doch seine Situation ist alles andere als normal. Ihm fehlt eindeutig die Fitness und Wettkampfhärte, um sich über seine komplette Einsatzzeit nicht ab und an eine Auszeit zu genehmigen. Das Offensiv-Rating des Gegners erhöht sich von 99,9 auf 105,8 Punkte, wenn Rose auf dem Feld ist. Insgesamt ist sein Net-Rating mit 2,8 Punkten im negativen Bereich.

Er bleibt mitunter noch zu häufig an Screens des Gegners hängen und kommt daher zu schnell ins Hintertreffen. Dazu fehlt ihm noch deutlich die laterale Geschwindigkeit, um die Gegner vor sich zu halten. Trotzdem sollte er sich hier zügig verbessern können, sofern erst einmal die physischen Voraussetzungen wieder auf einem hohen Level sind. Nicht verwunderlich ist daher seine verringerte Spielzeit bei aufeinanderfolgenden Spielen. Im Schnitt steht er dort über drei Minuten weniger auf dem Feld. Insgesamt befindet Rose sich bei fünf Minuten weniger im Vergleich zu seinen Glanzzeiten. Aufgrund seiner Historie wird er stärker geschont als zuvor, doch ist er auch bei Weitem noch nicht auf einem konditionellen Level, um nächtlich über 36 Minuten das Feld hoch und runter zu sprinten.

Diese Einschränkungen wirken sich folglich auf sein Shooting aus. Ein tödlicher Schütze war Derrick Rose noch nie. Dennoch sind seine Quoten alles andere als zufriedenstellend. Seine Zweipunktwürfe trifft er zu 40,7 Prozent (Karriereschnitt: 44,8%), und der Dreier fällt bislang gerade einmal zu 26,4 Prozent. Alles andere als furchteinflößend. Sein Abschluss in Korbnähe ist, wie oben beschrieben, sehr solide, zudem trifft er aus der Mitteldistanz mit 51,7 Prozent deutlich über seinem Durchschnitt. Im Vergleich zur letzten Saison sind seine Versuche von hinter der Dreierlinie um drei Würfe auf 2,3 gesunken.

Quelle: vorped.com

Quelle: vorped.com

Interessant zu erwähnen ist, dass er seine Pullups nur zu 36,5 Prozent verwertet. Damit schlägt er zumindest einen halb-invaliden Kobe Bryant, der diese nur zu 33,4 Prozent trifft. Zum Meister aller Klassen namens Stephen Curry fehlen aber über 20 Prozentpunkte. Auch hier sind das größte Problem seine Beine und der schwächer gewordene Absprung bei den Würfen. Zudem wird es mit anhaltender Spielzeit schwieriger, den optimalen Ablauf aufrechtzuerhalten. Trotz allem sollten sich diese Werte in Zukunft wieder in seinem Normalbereich einpendeln.

Es ist auffällig, dass Teams Rose vermehrt an der Dreierlinie offenstehen lassen, um die Drives von Jimmy Butler zu unterbinden und die Zone zu verdichten (siehe Bild). Seine Züge zum Korb werden zwar immer noch respektiert, dennoch müssen sich die Quoten zwingend stabilisieren, um den Platz für sich und seine Mitspieler zu öffnen.

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„Ich weiß, wie viel Arbeit ich in mein Spiel stecke. Und ich weiß, wenn ich erst einmal meinen Rhythmus finde, dann sollten sich die Gegner warm anziehen.“ (Derrick Rose, Dezember 2015)

Mit Optimismus in die Zukunft

Trotz der zu erwartenden Probleme können die Bulls durchaus positiv in die Zukunft schauen. Das wichtigste Gut ist aktuell, Rose Zeit zu geben und nicht in vorschnellen Aktionismus zu verfallen. Eine Faustregel besagt, dass ein Spieler mindestens die Hälfte der Ausfallzeit benötigt, um wieder das alte Leistungsniveau zu erreichen. Dass Rose seit 2012 gerade einmal kurz vor seinem 100. regulären Saisonspiel steht, sagt schon einiges. In der aktuellen Spielzeit kann es primär nur darum gehen, sich wieder an die alltäglichen Belastungen zu gewöhnen, den Rhythmus finden und alle Abläufe zu verinnerlichen. Erschwerend kommt noch eine neue Philosophie unter Rookie-Coach Fred Hoiberg hinzu.

Seit dem Jahreswechsel kommt Rose langsam besser in Form. Sein Wurf sieht nicht mehr so unrund wie zu Beginn der Saison aus, seine Wurfquoten verbessern sich folglich, und auch seine Entscheidungen auf dem Feld sind nicht mehr so konfus wie noch im November/ Dezember.

„Es ist aufregend, dass wir Spiele gewinnen, obwohl ich mein volles Potenzial noch nicht erreicht, noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt habe.“

Diese Aussage zeigt deutlich, wie Rose über sein aktuelles Spiel denkt und was er mit dem Team noch alles erreichen kann und will.

Nach der Verletzungsmisere, die aktuell Joakim Noah für die Saison außer Kraft setzt, heißt es für die Bulls, weiter den neuen Spielstil zu optimieren. Gegen die Topteams aus dem Westen hätte die Franchise in einer Best-of-Seven-Serie aktuell keine Chancen, zumal die inkonstanten Leistungen auch gegen den Primus aus dem Osten, die Cleveland Cavaliers, nicht reichen werden; und das, obwohl die Franchise aus der „Windy City“ die ersten beiden Spiele der Hauptrunde für sich entschied.

Die Playoffs sollten die Bulls dennoch sicher erreichen; danach wird sich zeigen, wie weit die Mannschaft die Entwicklung von einem defensivgeprägten Team zu einer moderneren Spielweise bereits vollzogen haben. An der Trade-Deadline im Februar und im Sommer wird der Kader wohl weiter optimiert, um dem System gerecht zu werden.

Dazu wird wichtig sein, dass Rose sein Spiel in Zukunft an die neuen Voraussetzungen anpassen kann. In seiner Karriere hatte Rose bislang noch nicht so viele gute Schützen um sich herum wie derzeit. Doch aktuell liegt sein Assist-Prozentsatz bei 24,3, was nur für den 63. Platz im Ligavergleich reicht. Zum Vergleich: Chris Paul führt die Liga in dieser Kategorie mit 50,5 Prozent an. Rose wird kein Floor-General wie Paul oder Rajon Rondo mehr werden, trotzdem sollte er versuchen, die neuen Gegebenheiten gewinnbringend für sich und sein Team zu nutzen.

Sidekick von Jimmy Buckets?

Bis dahin kann er sich im Schatten Jimmy Butlers wieder in Ruhe an das Spiel gewöhnen. Bekommen die beiden die Symbiose in der Offensive auf Dauer geregelt, wissen die Bulls eines der besten Backcourt-Duos in der gesamten Liga in ihren Reihen. In der Theorie sollte das Offensivsystem Hoibergs sehr gut auf Rose und Butler zugeschnitten sein; es bleibt lediglich abzuwarten, ob sie die Abstimmung aufeinander perfektionieren können.

Derrick Rose muss dafür allerdings von erneuten, größeren Verletzungen verschont bleiben und den Sommer nutzen, um wieder richtig in Form zu kommen. Jeder Fan des orangenen Leders drückt ihm dafür die Daumen, denn befindet Rose sich wieder an seinem Leistungsmaximum, gehört er definitiv zu den aufregendsten Spielern der Association. Dann kann der Zuschauer auch wieder die typisch akrobatischen Abschlüsse bestaunen.

Zahlen und Statistiken von basketball-reference.com auf dem Stand des 25. Januar 2016

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