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Chicago: Kein Dreier – kein Problem!

08.12.2016 || 10:34 Uhr von:
Obwohl die Chicago Bulls nach einigen rätselhaften Offseason-Akquisitionen mit vielen Fragezeichen in die Saison gingen, läuft es derzeit recht rund in der "Windy City". basketball.de erklärt.

Die Offseason der Chicago Bulls sorgte für reichlich Kopfschütteln. Dass die Franchise Derrick Rose per Trade u.a. für Robin Lopez nach New York schickte, sorgte bei vielen noch für Verständnis. Doch dann kam die Free Agency, wo das Front Office auf den Guard-Positionen mit Rajon Rondo und Dwyane Wade zwei historisch schlechte Distanzschützen verpflichtet hat. Und das, obwohl Headcoach Fred Hoiberg im Angriff auf Pace-and-Space setzt und das Spiel in der Mitteldistanz vermeidet.

In der Theorie dürften die Neuverpflichtungen das Gegenteil von dem entsprechen, was sich Hoiberg vorgestellt hat. Hinzu kommt, dass der beste Bulls-Spieler, Jimmy Butler, in der abgelaufenen Saison ebenfalls nur 31,2 Prozent seiner Dreier getroffen hatte. Mitte Oktober folgte dann die „Krönung“, als Tony Snell ausgerechnet für Michael Carter-Williams, einen der wurfschwächsten Point Guards, nach Milwaukee geschickt wurde.

Die NBA-Welt war sich einig: Diese Mannschaft kann in dieser Zusammenstellung eigentlich keinen erfolgreichen Basketball spielen – trotz der Ansammlung von Veteranen. Nach etwa 20 Spielen der regulären Saison darf nun erstaunt bilanziert werden: Die Bulls sind sehr wohl konkurrenzfähig… und sogar mehr als das. Mit einer positiven Bilanz belegt Chicago derzeit einen Playoff-Platz in der Eastern Conference. Wie ist dies zu erklären ist, haben wir uns gefragt… und haben Antworten gesucht und gefunden.

Faktor 1: Jimmy Butler

Die Bulls sind Jimmy Butlers Team. Daran haben auch die bekannten Neuverpflichtungen nichts geändert. Der 27-Jährige pulverisiert mit 26 Zählern pro Partie seinen bisher höchsten Punkteschnitt (vorherige Bestmarke: 20,9 PpG, 2015/16) und stellt auch bei der Feldwurfquote und den Rebounds pro Spiel Karrierebestwerte auf.

In der aktuellen Saison hat Butler eine Transformation vollzogen, die der von James Harden in Houston zumindest ähnelt. Vormals ein Flügelspieler, der häufig abseits des Balls agierte, übernimmt Butler mittlerweile über Teile der Partie den Spielaufbau. Auch in Anbetracht der Unfähigkeit von Rondo, den Sprungwurf zu treffen, nutzen die Bulls Butler als Spielmacher, der den Dreier häufiger nimmt und besser trifft. Dadurch gelingt es den Bulls, das Feld breiter zu machen. Da sein Verteidiger ihn an der Dreierlinie respektieren muss und er beim Zug zum Korb Doppel- oder Triple-Teams zieht, öffnet Butler Räume in der Offense, welche sich immer noch schwer tut, freie Dreier zu erspielen.

Besonders seit der Niederlage in Indiana Anfang November spielt der Bulls-Star wie von einem anderen Stern. Die Partie darf durchaus als Wendepunkt gewertet werden. Butler forderte im Anschluss an die Pleite mehr Aggressivität von sich und seinen Teamkollegen und setzte dies auf phänomenale Art und Weise um. Beweis gefällig: 27,9 Punkte, 6,9 Rebounds, 4,8 Assists und 2,0 Steals lauten seine Statistiken seit diesem Zeitpunkt. Auch seine Usage-Rate stieg drastisch auf fast 30 Prozent.

In Sachen Scoring wird Butler vor allem von Dwyane Wade unterstützt, der über die Saison ebenfalls knapp 20 Punkte pro Spiel erzielt. Der Routinier verblüffte zu Saisonbeginn mit einer für seine Verhältnisse astronomisch guten Treffsicherheit von der Dreierlinie. Obwohl jene in der Folge etwas abkühlte, steht seine Quote von Downtown nach wie vor bei 35,5 Prozent. Sollte er diese halten, wäre sie die bei weitem beste Wurfquote in seiner 14-jährigen NBA-Karriere. Ansonsten hilft Wade den Bulls mit seiner Fähigkeit, sich seinen eigenen Wurf zu kreieren und auch in Isolations effizient zu scoren.

Faktor 2: (Offensiv-) Rebounding

Ein weiterer Grund für den erfolgreichen Start ist die Rebound-Arbeit, insbesondere am offensiven Brett. Hauptverantwortlich dafür zeigt sich Neuzugang Robin Lopez, dessen Offensiv-Rebound-Rate die fünftbeste unter allen etablierten NBA-Rotationsspielern ist (15,2 OREB%). Lopez’ Qualitäten als Top-Offensiv-Rebounder ergeben sich nicht nur durch seine Größe von 2,13 Metern. So hat der Pivot ein gutes Auge dafür, wo die Abpraller hinfliegen. Des Weiteren versteht er es, seine Verteidiger auszuboxen, sobald der Ball in seine Richtung springt. Hinzu kommt sein Wille, der ihn von vielen anderen guten Reboundern hervorhebt. Talent ist das eine, aber dieses gilt es mit Intelligenz und Einsatz zu vereinen, was bei Lopez der Fall ist.

Dank ihm und seinen Big-Men-Kollegen Cristiano Felicio, Bobby Portis und Taj Gibson dominieren die Bulls an den Brettern und generieren jede Menge zweite Chancen. Nur die New York Knicks erzielen mehr Zweite-Chance-Punkte pro Begegnung als die 16,0 von Chicago. Bei der Rebound-Rate liegen die Bulls ebenfalls auf dem zweiten Platz, diesmal hinter den Denver Nuggets. Geht es nur nach Offensiv-Rebounds, führt Chicago die NBA allerdings unangefochten an.

Faktor 3: Der Spielplan

Ein weiterer Aspekt ist das relativ leichte Auftaktprogramm der Bulls. So haben Chicagos Gegner im Schnitt weniger als 47 Prozent ihrer Spiele gewonnen. Zwar feierte Chicago auch Achtungserfolge wie gegen Cleveland oder die knappe Niederlage gegen die starken Los Angeles Clippers; ansonsten mussten die Bulls aber noch kein Spiel gegen ein echtes Top-Team bestreiten. Schon in der kommenden Partie kann Chicago gegen San Antonio beweisen, dass sie tatsächlich ein Team von Playoff-Kaliber sind.

Hinzu kommt, dass Chicago teilweise deutlich ausgeruhter in die Begegnungen ging. So hatten sieben Bulls-Gegner gegen Chicago ein Back-to-Back, während sie selbst bislang nur fünf Mal ein solches bestreiten mussten. Zudem profitierte Chicago von Ausfällen auf Seiten der Kontrahenten: so fehlten gegen Washington auf der anderen Seite John Wall und Bradley Beal, bei den Lakers D’Angelo Russell und bei Philadelphia Joel Embiid. In der Begegnungen gegen Utah waren gleich mehrere Jazz-Leistungsträger verletzt.

Auf der anderen Seite mussten die Bulls die Mehrzahl ihrer Spiele in der Fremde bestreiten, was den leichten Spielplan etwas relativiert. Doch die Truppe von Fred Hoiberg ging überraschend gut damit um. Den alljährlichen „Circus Trip“ im November, bei dem sich die Bulls traditionell schwer tun, schloss das Team mit beachtlichen vier Siegen aus sechs Auswärtsspielen ab. Ohnehin soll diese Aufzählung von günstigen Umständen nicht den guten Saisonstart schlecht machen, sondern nur relativieren.

Is it for real?

Nach den Faktoren für den guten Saisonauftakt bleibt die Frage: Wird Chicago die guten Leistungen bestätigen können? Voraussetzung dafür ist sicherlich, dass Jimmy Butler sein derzeitiges Niveau über die Saison konstant hält. Zudem müssen sich die Spieler in der Offensive noch hochwertigere Abschlüsse erarbeiten. Die Spielzüge sind zwar von einer Vielzahl von Pässen und Blöcken geprägt, allerdings gelingt es den Bulls nicht häufig genug, freie Würfe zu kreieren. Doch solange Butler, Wade und Co. ihre „Contested Shots“ so hochprozentig treffen wie bislang, kann sich Chicago diesen Umstand erlauben. Allzu sehr sollten sich die Bulls jedoch nicht auf die „heiße Hand“ ihrer Top-Spieler verlassen.

Insgesamt haben sich die Probleme auf dem Papier in der Praxis bislang nicht bestätigt. Die erfahrenen Aufbau- und Flügelspieler haben alternative Wege gefunden, um zu scoren und dem schlechten Spacing getrotzt (letzter Platz bei Dreierversuchen und -quote). Sie treffen aus der Mitteldistanz, ziehen zum Korb, erarbeiten sich viele Freiwürfe und erzielen leichte Punkte am Brett. Damit zeigen die Bulls, dass es in der NBA tatsächlich noch möglich ist, mit nur wenigen verlässlichen Dreierschützen erfolgreich zu sein.

Dennoch müssen die Bulls aufpassen, nach zuletzt drei Niederlagen in Folge nicht in eine Mini-Krise zu schlittern. Ein vergleichbarer Absturz wie in der vergangenen Saison, die von Unstimmigkeiten auf und abseits des Courts geprägt war, ist auch aufgrund einer soliden Defense und verbesserten Team-Chemie aber sehr unwahrscheinlich. Dies und ein Jimmy Butler in Topform sollte den Bulls-Fans Hoffnung machen, dass das United Center nächsten April wieder Schauplatz von NBA-Playoff-Spielen sein wird.

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