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Bostons schwarze Stunde

27.04.2004 || 00:00 Uhr von:

Wenn sich Larry Bird heute ein Spiel der Boston Celtics anschaut, hat er nur noch selten Grund zur Freude. Paul Pierce versuchte noch vor ein paar Wochen, mit einer Truppe durchschnittlicher NBA-Profis den achten und damit letzten Playoffplatz im Osten zu ergattern. In den Playoffs dann schieden sie kürzlich sang- und klanglos aus. Die Boston Celtics sind seit den frühen Neunziger Jahren im grauen Mittelmaß der NBA verschwunden und haben längst den Ruf des scheinbar unbesiegbaren Serienmeisters verloren, den sie durch Ausnahmeathleten wie Bill Russell oder Bob Cousy jahrelang inne hatten.

Ganz anders noch war die Situation im Jahr 1986. Spieler wie Larry Bird oder Kevin McHale hatten das Erbe der Celtics angetreten und besaßen begründete Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft. Dementsprechend enthusiastisch sah Larry Bird dem Draft-Tag des Jahres 1986 entgegen, bei dem die Boston Celtics den zweiten Pick und so die Hoffnung auf einen weiteren Ausnahmespieler hatten.

Als die Boston Celtics am 17. Juni 1986 dann den zweiundzwanzigjährigen Forward Leonard Bias an zweiter Position drafteten, schien das ein Glücksfall für die Celtics zu sein. Denn trotz der erfolgreichen Vergangenheit waren weite Teile des Teams schon im gesetzten Alter. Spieler wie Robert Parish und Bill Walton hatten die Dreißig schon überschritten und die Ära der Celtics, die immerhin sechzehn NBA-Meisterschaft aufwies, drohte ihrem Ende entgegenzugehen. Da kam einer wie Len Bias genau zur rechten Zeit. Der Forward der University of Maryland galt nicht nur den NBA-Scouts der Boston Celtics als einer der besten Basketballspieler der USA. ?Das komplette Paket?, so nannte ihn damals sein College-Coach Lefty Driesell. Der ehemalige Coach der Duke-Universität Mike Krzyzewski verglich Bias gar mit Michael Jordan, einem weiteren aufstrebenden Star der NBA. Kein geringer Maßstab an Bias, der in der NBA noch keine Minute gespielt hatte und trotzdem schon jetzt im Mittelpunkt des Medieninteresses stand.

Len Bias schien der Hype, der um seine Person gemacht wurde, äußerlich nicht zu stören. Noch bevor er ins Training mit den Celtics einstieg, unterzeichnete Bias einen Vertrag mit Reebok und versuchte dem Trubel zu entgehen, indem er sich mit Freunden und Familie in seiner Heimatstadt Landover ablenkte. Eine Situation, die sich gut mit der von LeBron James im letzten Jahr vergleichen lässt. Genau wie jetzt in Cleveland warteten damals tausende Fans in Boston auf die Ankunft eines Mannes. Len Bias sollte jedoch niemals bei den Celtics ankommen. Zwei Tage nach dem Draft, am 19. Juni 1986 fanden Freunde den leblosen Körper Bias in seinem Appartement in Maryland. Was war geschehen?

Als Ärzte den Körper Bias untersuchten, fanden sie eine Überdosis Kokain im Urin des Toten. Warum und von wem er die Drogen bekommen hatte, ist bis heute nicht genau klar. Sicher ist nur, dass Len Bias vor seinem Tod mit dem Footballspieler der University of Maryland Keeta Covington und einigen anderen Freunden in seinem Appartement zu Abend aß.

?Er war müde von den vielen Fragen?, erinnert sich Covington. ?Wir waren wie die Reporter, die ihn die letzten zwei Tage auf Schritt und Tritt verfolgt hatten.? Gegen zwei Uhr morgens verabschiedete sich Bias von seinen Freunden. ?Wir dachten, er würde sich noch mit einer Frau treffen?, so Covington später und erinnert sich ebenfalls, dass Bias äußerlich zwar angespannt, aber nicht krank wirkte. Kurze Zeit danach verliert sich die Spur Bias‘ für einige Zeit. Gegen drei Uhr tauchte Len Bias dann wieder in seinem Appartement auf. Während eines Gesprächs mit seinem Teamkollegen Terry Long sackte er dann plötzlich in sich zusammen, als wollte er schlafen. Alle Hilfe der wenige Minuten später eintreffenden Ambulanz kam für Bias zu spät. Die Ärzte des regionalen Krankenhauses versuchten verzweifelt, Len Bias wiederzubeatmen. Doch auch die Bemühungen ihm einen Herzschrittmacher zu implantieren, schlugen fehl.

Der Autopsiebericht stellte später fest, dass sich Spuren von Kokain (Crack) im Urin des Toten befanden. Das College von Maryland führte damals häufige Drogentests und weitere medizinische Untersuchungen an seinen Spielern durch, ohne dass Bias je auffällig wurde. Trotz dieser Kontrollen fiel Len Bias seinem exzessiven Drogenkonsum zum Opfer. Für Bias‘ Coach Lefty Driesell war es nach dem Tod zweier Spieler 1976 schon das dritte Mal, dass er den Verlust eines Spielers seines Collegeteams zu beklagen hatte. Dementsprechend ergriffen trat Driesell vor die Presse ?Er (Len Bias) war wie ein Sohn für mich, also denke ich, dass sich jeder vorstellen kann, wie ich mich im Moment fühle. Ich denke, er war der beste Spieler, der je in der Atlantic Coast Conference gespielt hat.?

Der Fall Bias löste in den gesamten USA Bestürzung aus. ?Das ist das Schlimmste, was ich je gehört habe?, so Larry Bird, als er vom Tod seines Teamkollegen hörte. In Folge des Todes entbrannte in den USA eine heftige Diskussion über den Konsum von Drogen und die Gründe für den Tod Bias. Hatte der aufstrebende Spieler die nervliche Anspannung und den permanenten Medienrummel um seine Person nicht verkraftet und daher überreagiert? Oder handelt es sich bei dem jungen Mann um einen Drogenabhängigen, dem nicht rechtzeitig geholfen werden konnte, um seine Sucht in den Griff zu bekommen? Fragen, die sich besonders die Fans der Boston Celtics noch heute stellen, wenn sie an die Folgen des Todes Len Bias‘ denken.

Für die Boston Celtics und ihre Fans bedeutete der Tod Bias‘ neben dem menschlichen auch einen hohen sportlichen Verlust. Auch wenn sich das Team um Larry Bird bis in die frühen Neunziger Jahre noch für die Playoffs qualifizieren konnte, ging es mit den Boston Celtics spätestens 1992 nach dem Rücktritt Larry Birds bergab. Die Celtics verloren in der Folgezeit ihren Nimbus als Serienmeister und gewannen in der Saison 96/97 gerade einmal fünfzehn und verloren siebenundsechzig Spiele. Waren die späteren Misserfolge Auswirkungen eines gescheiterten Generationenumbruchs, der durch den Tod Leonard Bias‘ 1986 nicht rechtzeitig eingeleitet werden konnte? Es scheint, als hätten sich die Boston Celtics bis heute nicht von diesem Schock erholt. Der Tod Len Bias‘ stellte bis zum heutigen Zeitpunkt das Ende der glorreichen Ära der Boston Celtics dar.

Bostons schwarze Stunde
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EvgenyF
EvgenyF 15. Juli 2011 um 18:26 Uhr

gerade bei youtube die highlights von len angeguckt und ich muss sagen, ja seine dunks und die bewegungen ähneln Jordon und Kemp.

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