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Der Bibelmann aus Eisen

08.01.2013 || 09:39 Uhr von:
A.C. Green mag als Rollenspieler kein auffälliger Akteur gewesen sein, dennoch stach der Forward in der NBA-Welt als praktizierender Christ heraus. Bemerkenswert ist auch sein Durchhaltevermögen: 1.192 Spiele in Folge absolvierte Green.

20. November 1997: Sprungball zwischen Shawn Bradley und Erick Dampier. Der 2,31-Meter-Riese tippt den Ball zu Michael Finley, der nach nur wenigen Sekunden eine Auszeit nimmt. Warum? Um Teamkollege A.C. Green zu ehren. Es ist an diesem Tag die 907. NBA-Partie in Serie, an der der Power Forward mitwirkt. Am Ende Greens Karriere, vier Jahre später, stehen gar 1.192 Spiele in Folge in seinem Lebenslauf. Ein Rekord für die Ewigkeit. Eine Marke, die in der NBA wohl nie mehr erreicht werden wird. Doch nicht nur deswegen war A.C. Green ein ganz besonderer Basketballer.

Der perfekte Rollenspieler

Angefangen hat Greens bemerkenswerte Laufbahn in Oregon. An der hiesigen State-Universität entwickelt er sich in seinen vier Jahren zu einem herausragenden Akteur. Geprägt haben ihn vor allem die Duelle gegen seinen älteren Bruder Lee. A.C. beendet so gut wie jedes Bruder-Duell dabei als Verlierer. „Wenn er die vielen Niederlagen nicht hätte einstecken müssen, wäre er nicht derjenige, der er jetzt ist. Ich glaube, ihn verfolgen heute noch Flashbacks“, erzählt Lee.

Doch harter Einsatz und fester Wille zeichnen schon den jungen A.C. aus. Er beendet die Schule nicht nur mit einem Abschluss in Kommunikationswissenschaften, sondern auch als zweitbester Rebounder und viertbester Scorer der Uni-Geschichte. Mit einer Trefferquote von über 65 Prozent steht er in seinem dritten Jahr ligaweit auf Rang vier. Als Senior wird er ins All-American-Third-Team gewählt, nachdem ihm durchschnittlich 19,1 Punkte und 9,2 Rebounds gelingen.

Im anschließenden Draft wird er an 23. Position vom damaligen NBA-Champion, den Los Angeles Lakers, ausgewählt. Als Rookie an der Seite von Magic Johnson, Kareem Abdul-Jabbar, Byron Scott und James Worthy? Das Leben könnte es schlechter meinen. Doch statt in der Versenkung zu verschwinden, findet Green eine Nische. Vor allem mit seiner selbstlosen Art kommt der Neuling in der Startruppe hervorragend an. Für ihn werden keine Spielzüge gelaufen, stattdessen erledigt er die Drecksarbeit für die Superstars. Punkte fallen nur ab, da er trotz seiner Größe athletisch und schnell genug für den legendären Showtime-Fastbreak ist. Er kommt in allen Partien zum Einsatz, macht wenig Fehler und zählt fest zur Rotation (18,8 Minuten pro Spiel).

Gottes Botschaft und die Jungfräulichkeit

Bemerkenswert zu dieser Zeit ist aber nicht nur Greens Professionalität. Seit seinem 19. Lebensjahr ist A.C. Green praktizierender Christ. Wie es heißt, konvertierte er im Laufe eines Gottesdienstes, als der Pfarrer mehrmals die Kirchengemeinde fragte, ob sie zur Hölle gehen oder in den Himmel gelangen wolle. Erst beim dritten Aufruf des Geistlichen lief der 18-Jährige zum Altar, um fortan christlich zu leben. Diese Konvertierung am 2. August 1981 sei für Green eines der wichtigsten Daten seines Lebens. Verzicht auf Alkohol, kein Fluchen oder Rauchen und ein Leben in Enthaltsamkeit. Gerade in der NBA-Welt mit ihren schillernden und extrovertierten Persönlichkeiten ist Green ein Unikat – und einer, der wegen seiner Werte viel Spott auf sich nehmen muss.

Einmal, erzählt Teamkollege Michael Cooper, habe man auf einer Auswärtstour für Green die angeblich schönste Frau der Welt aufs Hotelzimmer geschickt, doch als Green auch am nächsten Tag im Mannschaftsbus aus der Bibel Verse zitierte, wird klar: Mission gescheitert. „Wenn ich nach den Werten Gottes lebe, dann lebe ich es richtig. Von A bis Z. Es gibt keine situative Ethik“, sagt Green später. Auch wenn besonders die Medien das Thema Jungfräulichkeit ansprechen, gehört Nächstenlieben ebenso zu den Werten, die A.C. Green verinnerlicht. Bestes Beispiel: der J.R.-Vorfall.

In der Partie gegen die New York Knicks trifft der mittlerweile für Phoenix spielende Green auf J.R. Reid. Dieser zieht Green seinen Ellenbogen durchs Gesicht. Den ersten unteren Schneidezahn verliert Green noch auf dem Court, den zweiten zieht er sich selbst in der Kabine. Das Erstaunlichste war aber die Reaktion. Teamkollege Kevin Johnson erinnert sich: „Er sah den Typ nur an, hob den Zahn auf und ging vom Platz. Kein normaler Mensch wäre ruhig geblieben.“ Konsequenz: Reid wird für zwei Spiele gesperrt und muss 10.000 Dollar bezahlen, Green bekommt eine Gesichtsmaske und spielt am nächsten Abend gegen die Utah Jazz.

Seine Professionalität zeichnet ihn eben aus. Eine Stunde vor Spielbeginn ist Green im Kraftraum, fährt Rad oder geht aufs Laufband oder den Stepper. Der Körper müsse eine Routine entwickeln und natürlich helfe das tägliche Lesen aus der Bibel. Dies sei Grundvoraussetzung, um jeden Abend Leistungen abzuliefern.

Im schillernden Los Angeles hat Green seine Nische gefunden. In seinen ersten acht Jahren führt er das Team sechsmal als bester Rebounder an. 1987 und 1988 wird er Meister, kratzt dabei regelmäßig an Double-Doubles. Nach seiner ersten Meisterschaft trinkt er zum ersten Mal Champagner („Es schmeckt so unglaublich süß“). 1989 und 1991 erreicht er nochmals die NBA-Finals. 1990 wird er sogar von den Fans (!) ins All-Star-Game gewählt – noch vor Karl Malone. Dort spielt er zwölf Minuten, trifft keinen seiner drei Würfe und geht mit einer fetten Null vom Platz. Ausgerechnet auf der größten Show-Bühne versinkt er im Rampenlicht der Besten. Und was sagt er dazu? „Ich selbst hätte Karl (Malone) gewählt. Und dann James Worthy.“

1993 befinden sich die Los Angeles Lakers im Umbruch und wollen sich verjüngen. Für Green ist kein Platz mehr. Da passt es, dass die Phoenix Suns, gerade eben in den Finals an Chicago gescheitert, für ihren Star Charles Barkley einen Wasserträger suchen. Als Free Agent heuert Green in Arizona an. Der Christ an der Seite von Labertasche Barkley? Das Experiment aber klappt. Green teilt sich die Power-Forward-Position mit Sir Charles und erzielt Bestwerte bei den Punkten Punkte (14,7 PpG), Assists (1,7 ApG) und Wurfversuchen (11,3 FGA). Doch schon im Conference-Halbfinale ist Schluss.

Jahr für Jahr, gehen die Minutenzahlen zurück, ebenso die Punkteausbeute. Er freundet sich immer mehr mit der Rolle des Mentors an. 1996, als mittlerweile 33-Jähriger, geht die NBA-Reise nach Dallas weiter. Im jungen Team geht der Ironman mit gutem Beispiel voran. Wegen des Trades während der Saison spielt er 83, statt der üblichen 82 Saisonpartien. „Hier in Dallas gibt es eine Regel. Wenn du keine 20 Minuten spielst, schuldest du den Mavs zwanzig Minuten auf dem Laufband.“ Mit dieser Einstellung ist er Vorbild, selbst im hohen Alter.

Und auch sportlich muss sich der alte Mann nicht vor der Jugend verstecken. Mit 8,1 Rebounds ist er in der Saison 1997/98 sogar erneut Teambester. Trotz starker Konkurrenten wie Dirk Nowitzki, Samaki Walker und Gary Trent kommt Green weiterhin auf seine Spielzeit. Gnadenbrot des Coaches ist seine Einsatzzeit also keineswegs. In seiner letzten Saison in Dallas 2000 darf er immerhin 18 Minuten pro Partie ran, wenn auch nicht als Starter.

Dieser Posten winkt ihm zurück in Los Angeles. Auf seine letzten NBA-Tage kehrt Green zurück an den Ort, an dem alles angefangen hat. An der Seite von Shaquille O’Neal, Kobe Bryant, Glen Rice und Head Coach Phil Jackson holt er erneut einen Titel nach Los Angeles. In den Playoff-Runden nimmt er es zunächst mit Chris Webber, dann mit Shawn Marion und später mit Rasheed Wallace auf. Zwar ist erkennbar, dass Green nicht mehr dauerhaft mit der neuen Forward-Generation mithalten kann, an ein Aufhören denkt er aber auch trotz des vermeintlichen Happy-Ends nach 15 Spielzeiten nicht.

Eine letzte Saison hat er noch im Tank. In Miami holt ihn sein einstiger Förderer, Pat Riley, zu den Heat. Im Rentner-Bundestaat Florida beendet Green auch seine Karriere. Wie es sich gehört nach 82 Spielen. Hier endet auch die unglaubliche Serie von 1.192 Saisonspielen in Folge. 99,8 Prozent seiner Matches hat Green bestritten, inklusive Playoffs musste Green in all seinen 16 Jahren nur dreimal zuschauen.

Er spielte zusammen mit Magic Johnson, Kareem Abdul-Jabbar, James Worthy, Byron Scott, Charles Barkley, Shaquille O’Neal, Kobe Bryant, Alonzo Mourning, Dirk Nowitzki, Michael Finley, Vlade Divac und Steve Nash. 2003 wird er in die Oregon-Hall-of-Fame aufgenommen, acht Jahre später erhält er von der NBA den Bobby-Jones-Award – eine Auszeichnung für starke Charaktereigenschaften, Führungsqualitäten und Professionalität. Eine Ehrung für einen, der diese Werte verinnerlicht hat, wie kein Zweiter – über 16 Jahre hinweg, 82 Spieltage pro Saison, in jeder einzelnen Minute.

Der Bibelmann aus Eisen
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A.I.
A.I. 9. Januar 2013 um 15:04 Uhr

Gut geschrieben, schöner Artikel!

Istiffin
Istiffin 10. Januar 2013 um 10:50 Uhr

Sehr guter Artikel! Ich weiß, dass ihr schon einige Artikel über NBA Veteranen geschrieben habt, aber ich lese immer gerne mehr davon 🙂

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