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Würzburg: Die Pick-and-Roll-Maestros

25.10.2017 || 12:16 Uhr von:
Würzburg Bauermann
Mit fünf Siegen aus sechs Spielen ist s.Oliver Würzburg in die BBL-Saison gestartet und hat bereits Bamberg und den FC Bayern geschlagen. In unserer Analyse erklären wir den Erfolg der Unterfranken.

s.Oliver Würzburg ist die positive Überraschung der bisherigen easyCredit BBL-Saison. Daran ändert auch die erste Saisonniederlage am vergangenen Freitag gegen die Basketball Löwen Braunschweig wenig. Die Begeisterung in der Stadt ist groß. „Trotzdem gilt ganz genauso: immer mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben. Verstehen, warum wir da sind, wo wir sind und konsequent besser werden“, ordnete Head Coach Dirk Bauermann den Traumstart nach dem fünften Sieg gegen die WALTER Tigers Tübingen realistisch ein und trat dabei sanft auf die Euphoriebremse. Und doch muss ja irgendetwas dran sein am starken Start der Würzburger? Wir haben uns auf die Suche nach den Erfolgsfaktoren begeben.

Neues Team, ähnliche Philosphie

Die Weichen für den erfolgreichen Saisonstart stellten die Würzburger durch die Verpflichtungen in der Offseason. Wie Bauermann vor ein paar Monaten im Interview mit basketball.de verriet, mangelte es dem Kader der Vorsaison insbesondere an Two-Way-Playern, wurfstarken und beweglichen Power Forwards sowie Tiefe. Alle ausgemachten Schwachstellen wurden im Sommer behoben. Würzburg verfügt über einen Kader mit jeder Menge vielseitiger Spieler, die variabel einsetzbar sind.

Nichtsdestotrotz ist die Spielphilosophie an einigen Punkten aus 2016/17 wiederzuerkennen. In FIVE #136 wies Bauermann auf die Entwicklung hin, dass mittlerweile sehr häufig zwei Point Guards bzw. einen Einser und ein Shooting Guard mit Point-Guard-Fähigkeiten gemeinsam spielen. Diesem Prinzip folgend ließ der ehemalige Bundestrainer in der Rückrunde der Saison 2016/17 seine beiden Point Guards Jake Odum und Vincent Sanford häufig gemeinsam spielen. In der laufenden Saison ist die Aufstellung mit zwei Spielmachern sogar noch häufiger zu sehen: Cliff Hammonds und Abdul Gaddy sind die Spieler mit der höchsten Einsatzzeit im Kader und stehen mehr als die Hälfte der Zeit gemeinsam auf dem Parkett.

Auf den Flügelpositionen hat Bauermann dank des neuen Spielerpersonal nun ganz andere Möglichkeiten. Musste der Cheftrainer in der Vorsaison mangels Alternativen noch zwei Big Men gleichzeitig aufstellen, ist Würzburg nun dank der beweglichen, spielintelligenten und (in der Theorie) wurfstarken Vierer in der Lage, das Feld weit zu machen. Teilweise spielen mit Robin Benzing und Osvaldas Olisevicius sogar eigentliche Power Forwards auf der Fünf. Als Resultat ist der Anteil der Dreipunktwürfe an allen Ballbesitzen im Vergleich zur Vorsaison von 35,5 auf 39 Prozent gestiegen. In diesem Bereich liegen die Unterfranken hinter dem Mitteldeutschen BC und gemeinsam mit der BG Göttingen auf Platz zwei. Allein die Dreierquote von lediglich 32,1 Prozent lässt noch zu wünschen übrig.

Trotz der kleinen Aufstellungen mit vier oder gar fünf mobilen Spielern generieren die Würzburger kaum Fastbreak-Punkte. Nur sechs Prozent aller Abschlüsse werden in der Early-Offense genommen. Dafür lassen sie selber ebenfalls kaum welche zu. Laut den Advanced Stats von basketball.de ist das Spieltempo der Würzburger folglich das niedrigste der ganzen Liga. In Partien mit Würzburger Beteiligung haben die beiden Teams durchschnittlich etwa vier Angriffe weniger als im BBL-Durchschnitt. Gründe für das gemäßigte Umschaltspiel der Unterfranken liegen in der Konzentration des gesamten Teams auf Defensiv-Rebounds (Defensiv-Rebound-Quote: 75,6%; Platz 1) und den wenigen Ballgewinnen (5,2 Steals pro Spiel, Platz 16). Umso wichtiger ist in Anbetracht dessen ein strukturierter und effektiver Halbfeldangriff. Im Folgenden soll anhand von Beispielen gezeigt werden, wie die Würzburger das Pick-and-Roll nutzen, um hochprozentige Würfe zu generieren.

Die Pick-and-Roll-Maestros

Der Begriff „Maestro“ kommt aus dem Italienischen und steht übersetzt für „Meister“ oder „Lehrer“. In den Videospielen von NBA 2k bekommt ein Spieler im Karrieremodus das Abzeichen namens „Pick & Roll Maestro“, wenn er eine bestimmte Anzahl Male diese Aktion durchgeführt hat. Übertragen auf die Realität verdienen sich die Würzburger diese Auszeichnung über alle Maßen, da sie das Pick-and-Roll in nahezu jedes Set Play integrieren.

Wie bereits erwähnt, lässt Bauermann häufig zwei Point Guards gleichzeitig auflaufen. Der Vorteil für den Angriff besteht darin, dass somit zwei Spieler in der Lage sind, das Pick-and-Roll zu laufen. Mit Maurice Stuckey, der in diesen Fällen auf die Drei rückt, steht teilweise sogar noch ein dritter Ballhandler auf dem Feld. Selbst Forwards wie Vytenis Lipkevicius, Olisevicius und Benzing sind dank ihrer Mobilität in der Lage, vereinzelt das Pick-and-Roll als Ballhandler zu laufen.

In den meisten Fällen stellen sie sowie Center Kresimir Loncar allerdings den Partner im Blocken-und-Abrollen dar. Wobei der Begriff an sich schon falsch ist, wenn von s.Oliver Würzburg die Rede ist. Denn in den meisten Fällen rollt der große Spieler nicht zum Korb ab, sondern „poppt“ hinter die Dreierlinie zurück. Tatsächlich war nahezu jeder zweite Abschluss des Blockstellers ein Dreier. Kein Wunder, schließlich stehen mit Loncar und Benzing zwei wurfstarke Big Men im Kader. Letzterer zieht nach Wurffinte aber auch gerne von der Dreierlinie zum Korb.

Charakteristisch für das Würzburger Pick-and-Roll bzw. Pick-and-Pop im Halbfeldangriff ist, dass dieses nur in seltenen Fällen den Einstieg des Angriffs darstellt. Stattdessen wird für den Pick-and-Roll-Ballhandler zunächst ein Block gestellt, ehe er das Spielgerät an der Birne erhält, um von dort aus das Pick-and-Roll zu starten. Der Spieler, der den Ballvortrag übernommen hat, läuft nach dem Pass in Richtung einer der beiden Ecken. Auch die andere Ecke ist immer mit einem Spieler besetzt, sodass stets zwei Spieler an der Dreierlinie auf den Kick-out-Pass warten. Damit schaffen diese Platz für den Drive des Ballhandlers oder den abrollenden Big Man.

Neben dem gewöhnlichen Blocken-und-Abrollen verwenden die Unterfranken auch innovative Varianten wie beispielsweise das „Spain Pick-and-Roll“. Wie in den beiden folgenden beiden Screenshots zu sehen, stellt dabei ein dritter Spieler (in diesem Fall DJ Richardson) einen Screen gegen den Verteidiger des abrollenden Angreifers. Anschließend läuft dieser dritte Akteur hinter die Dreierlinie. Das Play trägt den Namen daher, dass diese Erweiterung des Pick-and-Roll zuerst bei der spanischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen 2016 gesehen wurde. Zur Verteidigung dieser Aktion ist eine besonders gute Kommunikation der Defense notwendig. In diesem Fall verursacht sie Chaos in der Braunschweiger Defense, wodurch Richardson zu einem freien Dreier kommt.

Etwa 25 Prozent aller Abschlüsse nehmen die Würzburger direkt aus dem Pick-and-Roll, sei es durch den Ballhandler oder den abrollenden bzw. zur Dreierlinie „poppenden“ Big Man. Dieser Wert verwundert nicht, schließlich verfügen die Würzburger über eine Vielzahl von Akteuren, die dieses Play laufen können. Dadurch sind die Unterfranken nur schwer ausrechenbar. Umso überraschender erscheint auf den ersten Blick die Tatsache, dass die direkten Abschlüssen der Unterfranken aus diesen Aktionen vergleichsweise ineffizient sind (0,98 PPP).

Diese Beobachtung ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn die Zahl der Würfe, die die Würzburger durch das Pick-and-Roll vorbereiten, ist wesentlich höher. Die gegnerische Defensive konzentriert sich in dem Wissen der drohenden Gefahr zumeist darauf, die am Pick-and-Roll beteiligten Akteure zu stoppen. Daraus resultieren häufig hochprozentigere Würfe für das Bauermann-Team. Die beiden unteren Szenen zeigen, wie Würzburg die Aufmerksamkeit der Verteidigung auf das Blocken-und-Abrollen ausnutzt, um die Schützen auf dem Flügel in aussichtsreiche Situationen zu bringen.

In beiden Aktionen setzt Würzburg die Distanzschützen durch Blöcke abseits des Balls in Szene. In Szene eins wird für Stuckey zeitlich parallel zum Pick-and-Roll ein Flare Screen, also ein seitlicher Rückblock, gestellt. In diesem Fall ist die Ausführung perfekt: Da Loncar schnell zum Korb abrollt, muss sich Stuckeys Verteidiger (hier Bambergs Nikos Zisis) entscheiden, ob er den abrollenden Loncar stoppt oder dem zur Dreierlinie curlenden Stuckey folgt. Letztere Option wird allerdings durch Olisevicius‘ Block erschwert. Das Ergebnis ist ein offener Dreier. Würzburg schafft also eine Zwei-gegen-Eins-Situation, die kaum zu verteidigen ist.

Im zweiten Beispiel bekommt Stuckey von Olisevicius einen Down Screen gestellt. In diesem Fall behindern sich zudem die Verteidiger der beiden Würzburger gegenseitig. Stuckey curlt hinter die Dreierlinie zu bekommt dort den Ball. Wie hier nicht zu sehen ist, verteidigt Jena zwar nach dieser Aktion den zum Dreier ansetzenden Stuckey per Closeout, doch da ist der Schaden schon entstanden. Dieser lässt seinen Gegenspieler per Wurffinte aussteigen und zieht zum Korb. Danach spielt Stuckey Olisevicius an, der zuvor hinter die Dreierlinie gelaufen ist. Da der Gegenspieler des Litauers versucht, Stuckey am Korbleger zu hindern, bekommt er einen freien Wurf.

Ansonsten nutzt Würzburg den Fokus der gegnerischen Verteidigung auf das eigene Pick-and-Roll auch auf andere Art und Weise aus. Dazu gehören beispielsweise Backdoor-Cut der Spieler in den Ecken, indem diese ihren unaufmerksamen Gegenspielern entwischen.

Go-to-Guy Benzing

Neben einem funktionierenden Halbfeldangriff bedarf es dennoch einen oder mehrere Spieler, die in schwierigen und entscheidenden Situation Verantwortung übernehmen. Diese hat Würzburg mit Loncar, Stuckey, vor allem aber mit Robin Benzing. In unserer Saisonvorschau wurde der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft als Schlüsselspieler der neuen Würzburger Mannschaft herausgestellt. Dies hat sich bislang bestätigt. Benzing ist die erste Option im Angriff und nimmt die mit Abstand die meisten Würfe (13,5 FGA pro Spiel). Zudem geht er bislang fast achtmal pro Partie an die Freiwurflinie. Dort ist der 28-Jährige quasi automatisch (46/47 FT).

Benzing verfügt über eine in der BBL fast einzigartige Kombination aus Größe (2,08 m), Beweglichkeit und Wurfqualitäten, was die meisten Verteidigungen vor große Probleme stellt. Insbesondere in wichtigen Situationen war auf den Neuzugang aus Saragossa bislang Verlass. Gegen Bamberg tütete er den Sieg an der Linie ein, in Jena brachte er das Team fast im Alleingang in die Verlängerung und gegen den FC Bayern war er maßgeblich an der Wende in der zweiten Halbzeit beteiligt. In Braunschweig brachte er die Unterfranken aus aussichtsloser Lage fast noch in die Overtime. Mit seiner Erfahrung und Qualität als Führungsspieler hilft er der Mannschaft zusätzlich.

Crunchtime-Stats von Robin Benzing (aufgeführt sind alle Aktionen in den letzten fünf Minuten von Q4 + OT bei Führung oder Rückstand mit sechs Punkten oder weniger):

Play TypeFreq%PPPFGMFGAeFG%FT Freq%
Isolation33,31,502462,516,7
Spot-Up33,31,173658,3
MISC16,71,67100
P&R Roll Man11,12,0022100
Post-Up5,6001
Gesamt1001,3971361,522,2

Defense first

Bei allem Lob für die Offensive von s.Oliver Würzburg: Ohne eine gute Verteidigung würde das Bauermann-Team nicht so gut dastehen. Die Mannschaft der letzten Saison gehörte zu den fünf schlechtesten Defensiv-Teams, nun liegt sie beim Defensiv-Rating unter den Top fünf. Verantwortlich dafür sind starke Individualverteidiger wie Hammonds, Stuckey oder Lipkevicius. Dank der vielseitigen Flügelspieler kann Würzburg nun aggressiver verteidigen und bei Blöcken switchen. Weitere Erfolgsfaktoren der Würzburger bestehen darin, dass sie relativ wenige Offensiv-Rebounds und Fastbreak-Chancen für den Gegner zulassen. Einfache Punkte gibt es gegen die Unterfranken daher kaum zu holen.

Somit ist es also die Mischung aus Angriff und Verteidigung, die Würzburg so erfolgreich macht. Bei allem ist natürlich zu bedenken, dass erst sechs von 34 Saisonspielen absolviert sind. Dennoch stehen die Vorzeichen für eine erfolgreiche Saison, sprich Rückkehr in die Playoffs, gut. Die Mannschaft scheint sich sowohl auf, als auch neben dem Court gut zu verstehen. DJ Richardson und Ryan Anderson haben aufgrund von Verletzungen ihr gesamtes Potenzial noch gar nicht abgerufen. Ob Würzburg für Höheres berufen ist, muss diese Mannschaft allerdings erst noch nachhaltig beweisen.

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