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„Wir sind Menschen wie alle anderen auch”

05.03.2018 || 11:05 Uhr von:
NBA-Spieler sind keine Superhelden, sondern immer auch Menschen – und als solche empfindsam und verletzlich. Das hat All-Star DeMar DeRozan jüngst deutlich gemacht.

Während des diesjährigen All-Star-Wochenendes, das Mitte Februar in Los Angeles stattfand, setzte DeMar DeRozan einen pointierten Tweet ab, der nachfolgend für virale Aufgeregtheit und viel Anteilnahme sorgte:

Im Nachgang betrieb der 28-Jährige Aufklärungsarbeit. Dazu gab der Flügelspieler der Raptors in einem Interview mit dem „Toronto Star“ Einblicke in seine Gefühlswelt und dabei zu verstehen, dass er mit Depressionen zu kämpfen habe. Wie jedermann sei er gefühlsbestimmt – eben ein Mensch, der sich von den Herausforderungen des Lebens zeitweise übermannt, ja allein und klein fühle.

„It’s one of them things that no matter how indestructible we look like we are, we’re all human at the end of the day“, betonte DeRozan. „We all got feelings … all of that. Sometimes … it gets the best of you, where times everything in the whole world’s on top of you.“

Mit diesen offenen Worten (später mehr von ihnen) forderte der Ausnahmespieler zugleich mehrere allzu simple Wahrnehmungen heraus, die den betroffenen Personen als Menschen kaum gerecht werden.

Kritik der Klischees

So konterkarierte DeRozan die Illusion vom unerschütterlichen Profiathleten, dem nichts und niemand etwas anhaben könne. Ein Trugbild, das kultürlich auch in einer weithin vorherrschenden Vorstellung von Männlichkeit begründet liegt, die um wetteifernde Alphamänner kreist. Nicht zuletzt in den USA, wo mächtige Männer oft die größten Angeber und Wichtigtuer sind, welche gerne ihre eigene Überlegenheit feiern und vermeintlich Schwächere verhöhnen (#45 lässt grüßen); wo der gesellschaftlich ausgeprägte Individualismus im Sport nach harten, physisch aggressiven und kämpferischen Athleten verlangt. Überhöhte Fantasiefiguren, deren „Killerinstinkt“, Verbissenheit und Großtuerei bewundert und als männlich beschworen wird.

Die physische „Männerliga“ der NBA ist davon nicht ausgenommen und stellt daher keine heile Parallelwelt dar. Vielmehr sind in der männlich dominierten US-Basketballkultur ebenso gestählte, toughe Wettkämpfer gefragt, während angezweifelte Männlichkeit mithin Feminisierung stets eine Rolle spielt. Denn wer nicht aggressiv genug, gefestigt und durchsetzungsfähig erscheint, gilt schnell als „soft“, als sogenannte „Pussy“ oder „Crybaby“ – also nicht als „richtiger“ Mann, der sich durchbeißt und dahin geht, wo es weh tut …

Gewiss, solch überkommene Vorstellungswelten, aus denen sich etwa die Rede von „Weichlingen“ und „Schwächlingen“ speist, werden graduell aufgebrochen, doch sind sie weiterhin wirkmächtig. Gleiches gilt für das geläufige hypermaskuline Gerede und martialische Getöse, das den Spektakelbetrieb des (Männer)Sports nicht selten begleitet.

Überdies illustrieren DeRozans Äußerungen, dass auch sehr privilegierte NBA-Profis verletzliche Menschen sind und sie keine durchweg unbekümmerten Leben führen. Trotz Ruhm, Reichtum und Rundumversorgung.

Das mag banal klingen, aber die menschliche Dimension – die Bedeutung von Befindlichkeiten und Gefühlen – kommt in der durchökonomisierten Leistungsschau des hypermaskulinen Profisports oft zu kurz oder erst gar nicht vor. Jedoch ringen dessen Hauptakteure wie so viele andere Menschen mit Ängsten, dem Alleinsein, Selbstzweifeln und Depressionen. Und zwar oft ungeachtet ihrer eindrucksvollen Erfolge auf dem Spielfeldern, die für viele die Welt bedeuten. Derweil Fans und Zuschauer die Athleten medial vermittelt zu kennen glauben, diese aber als Menschen in ihrer Vielschichtigkeit meist weder sehen noch verstehen. Wie etwa den menschlich gereiften Raptors-Star, der sich auch als Spieler konstant weiterentwickelt hat.

Dino deluxe

DeRozan, der neunte Pick der 2009er Draft, absolviert derzeit seine neunte NBA-Saison im hohen Norden. Zuletzt wurde er zum dritten Mal in Folge für die All-Star-Auswahl nominiert, zum zweiten Mal durfte er im alljährlichen Showspiel jüngst starten. Im April wird sein Top-Team, dessen bester Spieler er nunmehr ist, das fünfte Mal in Serie an den Playoffs teilnehmen – höchstwahrscheinlich als Nummer eins im Osten (bislang mit einer 45-17-Bilanz). Alldieweil Torontos tief besetzter, gewachsener Mannschaft, die nach einem Kulturwandel anschaulichen Teambasketball präsentiert, die erste Finalteilnahme der Franchise-Geschichte zugetraut wird.

Auch weil DeRozan, der im Sommer 2016 einen Fünfjahresvertrag über 139 Millionen US-Dollar unterzeichnet und diesen mit einem Karrierejahr inklusive All-NBA-Status gerechtfertigt hatte, neuerlich großartig aufspielt. So hat der Shooting Guard sein Offensivspiel verfeinert und seine Wurfauswahl verbessert – indem er vermehrt Dreier nimmt und diese passabel trifft (31,5% 3FG bei 3,6 3FGA), während er im neu ausbalancierten Offensivsystem der Raptors nicht nur als Topscorer (23,7 PpG; 14x mind. 30 Punkte), sondern verstärkt auch als Ballverteiler und fähiger Passgeber auffällig wird (5,2 ApG bei 2,4 AST/TO; 13x mind. 8 Assists).

Aber: Auch wenn es für den Mann aus Compton (South Los Angeles) auf dem Parkett prächtig läuft, können wir schwerlich exakt ermessen, was in seinem Leben und seinem Kopf vor sich geht. Gleichwohl legen DeRozans eingangs aufgegriffener Tweet und seine weiteren Erklärungen nahe, dass er abseits des allabendlichen Rampenlichts wiederholt zu kämpfen hat.

“This is real stuff”

Während sich DeRozan im Zuge der willkommenen All-Star-Pause in seiner Heimatstadt im Kreise seiner Familie aufhalten konnte, fand er sich wohl in einem dieser schwierigen, einsamen Momente wieder, der ihn letztlich zu seiner Äußerung auf Twitter bewog. Ein kleiner Einblick in sein Seelenleben, der über die sozialen Medien eine beachtliche Welle an Unterstützung und Zuspruch hervorrief. Zumal sich viele fragten, warum gerade jetzt? Schließlich galt das All-Star-Wochenende als „Homecoming“ des sympathischen Starspielers, der in Los Angeles aufgewachsen ist und sich seinerzeit über die Compton High School sowie die University of Southern California seinen unwahrscheinlichen Weg in die beste Basketballliga der Welt erarbeitet hat.

Indes war DeRozans Tweet weder deplatziert noch uncharakteristisch – vielmehr teilte er schlicht mit, dass er trotz des oberflächlichen Erfolgs eine harte Zeit durchlebt. Nicht zuletzt wohl, weil sein Vater Frank, der ihn maßgeblich zu dem Sportler formte, der er heute ist, gegenwärtig mit einer lebensbedrohlichen Nierenerkrankung zu ringen hat. Außerdem leidet seine Mutter Diane seit langem unter der Autoimmunerkrankung Lupus. Mehrmals ist DeRozan in der laufenden Saison zwischen einzelnen Partien nach L.A. geflogen, um bei seinen Eltern zu sein. Was Raptors-Headcoach Dwane Casey kaum verborgen blieb: „That’s maturity. To be able to do that back and forth. He did it a couple of times … and then he performed. It wasn’t like there was any dropoff or anything. That’s his focus, his maturity, and our prayers are out his family and to him … That’s a sign of his growth.“

DeRozan, der sich öffentlich meist zurückhaltend zeigt und bescheiden bedeckt hält, gab im Gespräch mit dem „Toronto Star“ zudem in Bezug auf sein Naturell zu bedenken: „I always have various nights. I’ve always been like that since I was young, but I think that’s where my demeanour comes from. I’m so quiet, if you don’t know me. I stay standoffish in a sense, in my own personal space, to be able to cope with whatever it is you’ve got to cope with.“

Seine Umgangsweise besteht dabei in der Regel darin, sich zeitfüllend seiner Familie zu widmen und den Fokus mit ebenso großer Hingabe auf den Basketball zu richten. Um in einer Form der Selbstsorge beständig (beschäftigt) daran zu arbeiten, ein noch besserer Vater (zweier Töchter), Ehemann und Profispieler zu sein. In dieser Hinsicht stellt Freund und Teamkollege Kyle Lowry heraus: „Inside those lines, that’s where the pain goes away. That’s his sanctuary.“

DeRozan sucht diese Ruhe- und Wohlfühlorte indes auch, weil er in einem vernachlässigten und vergessenen Großstadtviertel herangewachsen ist, wo er zu früh zu viele negative Lebenserfahrungen machen musste. Vor allem in puncto grassierender Waffengewalt sowie dem vielfach miterlebten unnötigen Sterben von Menschen, das die USA seit jeher in Atem hält und weiterhin ein gesellschaftliches Großproblem darstellt. „You remember that feeling. It’s kind of sickening“, bekundet der Kalifornier, der unter anderem seinen Onkel gewaltsam verlor. „I’m no stranger to pain. It’s what made me.“ Alldieweil der Angelino bezüglich seiner formativen Jahre in Compton anmerkt: „Every day was a challenge for me. Always extra drama. You carry that hatred and frustration with you.“

DeRozan hat demnach in jungen Jahren bereits genug gesehen. Gewiss haben diese prägenden Erfahrungen, besonders all die verlorenen Leben, nachhaltig dazu beigetragen, dass er ein achtsames Leben führt, in dem er bestrebt ist, alle Menschen egalitär und fair zu behandeln.

So betont der 28-Jährige heute mit Nachdruck: „This is real stuff. We’re all human at the end of the day. That’s why I look at every person I encounter the same way. I don’t care who you are. You can be the smallest person off the street or you could be the biggest person in the world, I’m going to treat everybody the same, with respect.“

Und weiter:

My mom always told me: Never make fun of anybody because you never know what that person is going through. Ever since I was a kid, I never did. I never did. I don’t care what shape, form, ethnicity, nothing. I treat everybody the same. You never know.

Zumal DeRozan auch nicht vergessen hat, was anderen Menschen in einer toxischen gesellschaftlichen Umgebung widerfahren ist. „I had friends that I thought was perfectly fine, next thing you know they’re a drug addict and can’t remember yesterday“, erinnert er und erklärt: „I never had a drink in my life because I grew up seeing so many people drinking their life away to suppress the [troubles] they were going through, you know what I mean?“

Vorbild und Verantwortung

Durch solch offene und reflektierte Worte hat DeRozan das Thema psychischer Gesundheit, das ohnehin noch viel mehr gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bedarf, in den Fokus gerückt. Unverkrampft hat er gezeigt, dass es in Ordnung ist – selbst als Starathlet mit antrainierter harter Schale –, über sein Gefühlsleben und nur menschliche, scheinbare Schwächen zu sprechen. Indem er couragiert aus seiner Komfortzone getreten ist, konnte DeRozan derweil sehr viele Menschen erreichen, wobei ihm die erhaltene Resonanz recht gibt: „Sometimes you hear things from other people, such as doing something like that [his Twitter statement]. There could have been a better way to take that approach, but I got great words from a lot of people.“

Sonach hat der reife Raptor dazu beigetragen, das Bewusstsein für seelisches (Wohl)Befinden zu schärfen. Ein Lebensthema, das zahllose Menschen tangiert und trotz beträchtlicher Fortschritte noch immer mit einem Tabu behaftet ist. Insbesondere im Profisport der Männer, wo vielerlei Gefühlsäußerungen als Schwäche abgetan werden (siehe Kevin Durants vielfach verlachte emotionale MVP-Rede) und meist nur wortreich über physische Gesundheit sowie Verletzungen räsoniert wird. Daher verdient DeRozan Respekt und Anerkennung. Auch weil der 28-Jährige um seine Rolle als sicht- und hörbares Vorbild weiß und diese wie so viele NBA-Akteure beispielgebend annimmt:

It’s not nothing I’m against or ashamed of. Now, at my age, I understand how many people go through it. Even if it’s just somebody can look at it like, ‘He goes through it and he’s still out there being successful and doing this,’ I’m OK with that.

DeRozan akzentuiert:

We all have a voice and it’s on us to have the knowledge to be able to better whatever we can better. At the end of the day we are not just athletes, we are human beings just like everyone. And if we have a platform to help and put something out and put that knowledge to help, we should.

Das hat unterdessen auch die Spielergewerkschaft (NBPA) erkannt. In einem lesenswerten Interview mit „SB Nation“ hat Exekutivdirektorin Michele Roberts jüngst verlauten lassen, dass im letzten Tarifvertrag zwischen der Gewerkschaft und der NBA vereinbart wurde, das lange Zeit vernachlässigte Thema der mentalen Spielergesundheit anzugehen und dafür Ressourcen freizusetzen. Unumwunden räumt Roberts ein: „We’ve been naïve – I’m being kind when I say naïve – in thinking that we didn’t have to address and make sure that we were giving as much attention to our players‘ mental wellness, as we were their physical.“

Zeitnah soll laut Roberts sonach ein entsprechendes Programm (mit einem eigens verantwortlichen Direktor) an den Start gehen. „We’re working on it, but it’s a shame that this hasn’t been given attention a long, long time ago.“

Nachtrag:

Inzwischen ist DeRozans Beispiel ein weiterer All-Star gefolgt – lesenswert hat Kevin Love psychische Gesundheit zum Thema gemacht.

Zudem hat sich Kelly Oubre, Jr., der aufstrebende Sixth Man der Wizards, zu Wort gemeldet und Einblicke in seine Gefühlswelt gegeben.

Bereits im letzten Jahr hatte Loves damaliger Teamkollege Channing Frye freimütig über seinen Umgang mit Depressionen gesprochen

Zuvor hatten Larry Sanders und Metta World Peace ihre psychischen Probleme offengelegt und die Bedeutsamkeit der mentalen Komponente betont.

Nicht vergessen sei auch Vorkämpfer Royce White, dessen NBA-Karriere aufgrund von Angststörungen und mangelnder Unterstützung seitens der Liga nie stattfand.


In seiner Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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