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Wechsel ans College – eine gute Idee?

18.04.2017 || 14:21 Uhr von: ,
„In your face“ ist das Diskussionsformat von basketball.de. Eine These, zwei Redakteure, mit pro- und contra-Position. Diesmal: Sollten junge Spieler ans College wechseln?

Pro: „Spotlight, auf mich“

Sebastian Hahn

Cheerleader jubeln den gefeierten College-Stars zu, die an ihrer Alma Mater teilweise fast schon einen Gott-Status haben – fragt mal bei Kemba Walker oder Steph Curry nach. Der eine wird immer der Anführer sein, der die Underdog-Huskies die Netze hat abschneiden lassen. Der andere brachte ein No-Name-College immerhin ins Elite Eight. Beide sind heute All-Stars, Curry sogar zweifacher MVP – und auf genau diese Vorbilder schauen eben auch junge Spieler in Deutschland. Die Begeisterung für den Universitätssport in Deutschland dagegen ist doch eher gering, meist zocken irgendwelche zusammengewürfelten Truppen in abgehalfterten Turnhallen. Leistungssport? Fehlanzeige.

Die klare Alternative in Deutschland ist da der Profisport. Aber da bist du als 17- oder 18-jähriger Rohdiamant meist nur einer von vielen. König wie Dirk in Würzburg oder Hoffnungsträger wie Dennis in Braunschweig – das gibt es in Europas Top-Ligen zu selten. Selbst ein Paul Zipser war bei den Bayern nur ein Rotationsspieler. Dafür zocken in Europa zu viele 1B-Amerikaner, die den Sprung in die NBA nicht geschafft haben – und eben auch genügend ausgebuffte Europäer, die meist schon eine Odyssee durch alle Top-Ligen Europas hinter sich haben. Bist du kein Ausnahmetalent, dann gehst du nun mal auch unter – und deswegen lohnt sich der Sprung ans College.

Hier kommen wir zu Moritz Wagner. Klar, Wagner war bei ALBA bereits ein geschätztes Talent, aber an der Spielzeit haperte es eben. Wie lange hätte der 19-Jährige in Deutschland auf den großen Durchbruch oder mehr Spielzeit warten müssen? Zwei Jahre, vier Jahre – auf jeden Fall zu lange. Denn das Problem in der NBA: Mit über 25 wechseln nur noch selten Europäer über den großen Teich – und meist sind sie dann nur noch Rollenspieler oder haben begrenztes Steigerungspotential. Tibor Pleiß, der den Sprung nach Utah vergleichsweise spät wagte und dort unterging, dient als warnendes Beispiel.

Wagner dagegen wagte sich aus der Komfortzone Berlin heraus – und sorgte während des NCAA Tournaments mit einer starken Performance für die Michigan Wolverines für Aufsehen. Zack. ist das Spotlight auf dem Deutschen, der am College eine solide Saison spielt. Zack. hagelt es die ersten Prognosen für die zweite Draft-Runde. Und zack, ist ein Vertrag für die NBA-Saison 2017/18 auf einmal deutlich realistischer. Hätte Wagner sich in Europa so sehr in den Fokus spielen können? Sicherlich nicht.

Natürlich birgt das College Risiken und natürlich scouten die 30 NBA-Teams mittlerweile auch sehr gut in Europa – aber ein gutes Jahr am College wirkt auf viele Amerikaner immer noch besser als ein gutes Jahr in Europa – nicht umsonst wurde Kristaps Porzingis bei der Draft 2015 ausgebuht, als die New York Knicks den Letten an vierter Stelle zogen. „If I can make there, I’ll make it anywhere“, singt Frank Sinatra in „New York, New York“. Und irgendwie trifft das auch aufs College zu – denn nach Europa geht es danach im Notfall immer noch.

 

Playoff

Contra: Eine gute europäische Liga ist die bessere Alternative

Linus Müller

Als Richard Freudenberg im letzten Sommer seinen Wechsel an das St. John’s College in New York verkündete, erfüllte sich für ihn ein Lebenstraum. Gute schulische Ausbildung wird hier kombiniert mit perfektem Basketball-Training, der junge Spieler sammelt Erfahrungen fürs Leben, steht zum ersten Mal auf eigenen Beinen, findet neue Freunde und genießt die Anfeuerung der vielen Studenten auf den Tribünen. Alles perfekt also? Ist das US-amerikanische College wirklich so ein guter Schritt auf dem Weg zum Profi?

Es gibt ja auch andere Wege. Paul Zipser, Dennis Schröder, Dirk Nowitzki: drei deutsche Spieler in der NBA, die wichtige Aufgaben für ihr jeweiliges Team übernehmen. Nowitzki ist der König, ihm gehörte die Vergangenheit. Die Zukunft gehört Zipser und Schröder, in der NBA und in der Nationalmannschaft. Die drei haben eine Sache gemeinsam: Keiner von ihnen war am College. Zipser hat sich den Sprung in die beste Liga der Welt in München erarbeitet, Schröder in Braunschweig und Nowitzki in Würzburg. Sieht man sich die anderen erfolgreichen Europäer in der NBA genauer an, zeigt sich ein Muster. Tony Parker, die Gasol-Brüder, Bojan Bogdanovic und, ganz frisch, Porzingis: Sie alle übernahmen schon früh in ihrer Karriere viel Verantwortung in einer starken europäischen Liga und im internationalen Wettbewerb.

Der andere Weg, den beispielsweise Domantas Sabonis und Jakob Pöltl gegangen sind, führt über das College und hat neben einigen Vorteilen vor allem Nachteile. Dazu sei gesagt, dass die Entscheidung für eine Ausbildung auf dem College unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Im Fokus stehen soll in diesem Text aber das Erreichen der optimalen sportlichen Leistungsfähigkeit.

Vorab aber darf bei genauerer Betrachtung die Qualität der schulischen Ausbildung angezweifelt werden. Dieser Nebenaspekt, der mit dem Sport erstmal nichts zu tun hat, wird deutlich überbewertet. Wer nicht gerade auf einer akademischen Elite-Universität studiert, bekommt gerne mal einfache Prüfungen in ungewöhnlichen Fächern zugeschoben, um die studentischen Anforderungen zu erfüllen. Das mag nicht für jede Universität gelten, aber in einem der beiden Bereiche müssen die Spieler nun mal Abstriche machen: Basketball oder Bildung. Durch den hohen Trainingsaufwand bleibt oft nur sehr wenig Zeit, um für die Universität zu lernen. Selbst bei bestandenen Prüfungen hält sich die Qualität der akademischen Ausbildung also häufig in Grenzen. Da stellt sich die Frage: Warum nicht gleich komplett auf das Studium verzichten und Profi werden? Wenn das nicht klappt, kann der Spieler das Studium schließlich immer noch angehen – zur Not auch mit 35.

Ein weiterer Grund, der gegen das College spricht und angeführt werden muss, ist die nicht vorhandene Bezahlung. Die NCAA will sich ihre Amateursport-Romantik erhalten. Die Spieler stehen im Regen, während die Verkäuferin der Spielertrikots sich mit diesem Nebenjob einen Regenschirm leistet. Der Trainer, der an der Seitenlinie brüllt, bezieht meist übrigens ein sehr üppiges Gehalt. Das Geld hat wie die Qualität der akademischen Ausbildung erstmal nichts mit der sportlichen Leistungsfähigkeit zu tun, aber eine Basketballkarriere ist nicht lang. Während in der Bundesliga bereits 18-Jährige Profi-Verträge unterschreiben und damit ihr erstes Geld verdienen, müssen College-Spieler lange auf diesen Tag warten. Maodo Lo war fast 24, als er seinen ersten Vertrag unterzeichnete.

Das größte Problem für junge Spieler am College ist aber tatsächlich leistungsbezogen: Die Spieler werden nur selten zu kompletteren, besseren Basketballern. College-Trainer verbleiben oft sehr lange in ihrem Programm und legen sich in dieser Zeit auf einen Spielstil fest, in den die Spieler gepresst werden. Patrick Heckmann und Niels Giffey ist bis heute anzumerken, dass sie während der vier Jahre zu lange nur in den Ecken standen und auf Bälle gewartet haben, statt den Ball zu dribbeln und eigene Entscheidungen zu treffen. Heckmann äußerte sich dazu im Interview mit Manuel Baraniak: „Ich denke, dass man in Europa individuell besser gefördert wird als in Amerika. Auf dem College wird man in ein System eingebaut, wo jeder seine Rolle erfüllen muss. In Deutschland kann man sich vielseitiger entwickeln, da die Individual-Coaches mehr Zeit mit dir in der Halle verbringen können als in Amerika.“

Mehr Glück haben herausragende Einzelspieler wie Moritz Wagner oder Maodo Lo. Die beiden dürfen oder durften aktiv werden, sich ausprobieren und auch Fehler machen. Das kann helfen. Wobei Lo auch davon profitierte, dass seine Universität nicht gerade für Basketball berühmt war und dementsprechend nur wenige hochklassige Spieler im Kader standen. So sah er viel Spielzeit als Anführer und machte auf sich aufmerksam.

Aber auf was für einem Niveau wird da überhaupt gespielt? „Ich denke, dass das Tempo, das Niveau und auch die Art, wie man Situation lesen muss, hier anders ist“ sagte Lo, angesprochen auf die Unterschiede zwischen College- und FIBA-Basketball. „Auf dem College wird mehr One-on-One gespielt.“ Darüber hinaus sind die Regeln anders als in Europa und der NBA: College-Teams haben für einen Angriff 30 Sekunden Zeit und verschleppen daher häufig das Tempo. Sie spielen strikt ihre eingeübten Laufwege und Systeme durch, bis einer dann ein Mismatch ausnutzt. Die Mannschaften selbst bestehen logischerweise lediglich aus jungen Erwachsenen und nicht aus gestandenen, erfahrenen Spielern, wie sie später in den Profiligen spielen. Nicht einmal zwei Prozent der Basketball-Spieler am College verdienen damit später ihr Geld. In den hohen Divisions kann diese Quote steigen, aber Fakt ist: Das Niveau ist mit der ACB oder auch der BBL nicht zu vergleichen.

Interessante Beobachtungen zu diesem Thema kann man in Bamberg machen. Dort spielen zwei junge Point Guards, Ali Nikolic und Maodo Lo. Für Nikolic ist es die zweite richtige Profi-Saison, für Maodo Lo die Erste. Ali Nikolic ist 22, Maodo Lo ist 24. Es sind zwei unterschiedliche Geschichten, die sich hier zusammenfinden. Auch zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Maodo Lo den Schritt an das College im Nachhinein vorzuwerfen, ist Unsinn, dafür spielten in diese Entscheidung zu viele Gründe hinein. Rein sportlich steht aber die Frage im Raum, wie gut Lo heute sein könnte, wenn er in Europa geblieben wäre. Oder wäre er schlechter? Patrick Heckmann sagt dazu: „Ich denke, damals war es für uns die richtige Entscheidung, weil es in Deutschland noch anders lief als heute. Durch die 6+6-Regel sehen die jungen Spieler aber jetzt schon viele Einsatzminuten in der Bundesliga, deswegen würde ich aktuell dazu raten, hier zu bleiben.“

Die größten deutschen Talente sind jedenfalls nun in Europa geblieben. Hartenstein spielt in Litauen, Mushidi in Serbien. Letzterer hat sich in diesem Jahr sogar schon für den Draft angemeldet, auch ohne vorher auf einem amerikanischen College die Aufmerksamkeit der Scouts auf sich gezogen zu haben. Und Richard Freudenberg, der wechselt nach nur einem Jahr in New York wieder zurück nach Deutschland, um hier seine Profikarriere zu starten. In die USA, wenn es denn sein muss, kann er ja auch später noch gehen. Da muss er nur Paul Zipser fragen.

Wechsel ans College – eine gute Idee?
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Lorenz2000
Lorenz2000 19. April 2017 um 10:03 Uhr

Ich sehe den großen Vorteil des Colleges darin, dass man als wiklich talentierter Spieler, was auch hier in der Diskussion bereits angeklungen ist, ohne körperliche Nachteile nur aufgrund vorhandenen Talents spielen darf. Ich denke, dass es für einen talentierten Basketballer keinen Sinn macht, jetzt ala Isaac Bonga o.ä. in einem Möchtegernprogramm zu versauern, welches den absurden Namen „Deutschen Weg“ trägt, obwohl der Wurfanteil der deutschen Spieler der geringste der gesamten Liga ist und es jetzt einmal ein goldenes Triumvirat gab, das sich vermutlich überall entwickelt hätte und bei dem vor allem Konsti Klein offensiv zu wenig Verantwortung trug. Hier kannst du zwar vielleicht insgesamt auf höherem Niveau spielen, welches jedoch hauptsächlich auf körperliche Unterschiede zurückzuführen ist, und von deinen Trainern Mantra-artig nur über die Wichtigkeit der Defense unterrichtet wirst. Ich sehe es eher problematisch, dass die klassischen Quotenhoffnungen Jehre der offensiven Entwicklung verlieren. Denn in der NBBL ist das Niveau gerade was die Athletik anbelangt nicht ausreichend, um wirklich Spieler zu fördern. Auch die Ideen, man könnte seine Jugendspieler doch bei irgendeinem schwindlichen Kooperationspartner in der 6. Liga parken, damit er sich an die „körperlich harte Spielweise gewöhnt“, ist pedagogisch wertlos, ja sogar kontraproduktiv, da es ja wohl nicht Sinn der Sache sein kann einen Spieler emotional abzubauen, indem er sieht, dass er zwar besser Basketball spielen kann als sein Gegner, sich aber körperlich noch nicht durchsetzen kann. Das College bleibt also eine sehr gute Möglichkeit, gegen athletische, teilweise hochtalentierte, gleichaltrige Spieler anzutreten, und ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass Maodo heute nicht diese offensive Waffe wäre, die er nun selbst auf Euroleague Niveau ist. Bei der Diskussion um mehr deutsche Führungsspieler sollten wir also einmal das College mehr in die Überlegungen einbeziehen oder den Tenor in den Jugendprogrammen verändern; weg von „wenn du Defense spielst ist alles andere wurscht“, hin zu „schau vor allem auch offensiv, dass su deinen Spielraum findest“. Und zu Dennis Schröder: Was er vor ca. einem Jahr in der BIG gesagt hat, nämlich, dass ihm von seinen Jugendtrainern immer klar gemacht wurde, dass er ohnehin keine Chance haben wird, sich in Deutschland durchzusetzen, ist nun etwas ad absurdum geführt: Es stimmt nämlich, dass er sich in Deutschland nie so etablieren wird, wie es ihm aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten und seiner existentiellen Wichtigkeit für das Nationalteam zustehen würde, jedoch hat er sich in der NBA durchgesetzt. Bei diesem medialen Echo auf alle Aktionen von Schröder, würde es mich nicht wundern, ich könnte es sogar gut nachempfinden, wenn er irgendwann einmal sagen würde, Nationalmannschaft mache er nicht mehr. Wenn man ihn fragt, ob er denn nicht damals lieber ans College gehen hätte sollen, wird man mit Sicherheit ein „ja“ als Antwort erhalten, weil er in diesem Fall sicher nicht hinter Ben Mclemore, Trey Burke oder Michael Carter Williams gedraftet worden wäre.

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