Anmelden oder registrieren

Schrittfehler in die falsche Richtung

21.08.2017 || 14:22 Uhr von:
Die NBA ist die beste Liga der Welt. Die europäischen Vereine streben den amerikanischen Vorbildern nach, nun passt die FIBA auch noch die Schrittfehlerregel an. Zeit für einen Richtungswechsel.

Die NBA ist den europäischen Ligen in vielerlei Hinsicht überlegen. Willst du festlich speisen, dann schau doch mal in Orlando vorbei, wo freundliche Kellner Avocado und Shrimps servieren. Willst du öffentlich küssen oder fremden Paaren dabei zusehen, dann freu dich auf von der Kiss-Cam spektakulär in Szene gesetzte Küsse in der Viertelpause. Willst du die witzigste Spielerverarsche, dann schau Shaqtin’ a Fool. Willst du architektonische Meisterleistungen betrachten, dann komm nach Brooklyn ins Barclays Center und staune. Willst du den Glitzersternchen einmal ganz nahe sein, dann kaufe dir ein Ticket für die zweite Reihe; wenn du Glück hast, sitzt vor dir Rihanna oder Spike Lee.  Und wenn du einfach nur die besten Basketballspieler und den besten Basketball der Welt bewundern willst, dann musst du ebenso nach Nordamerika. Dort wartet wahrhaftig das große Spektakel.

Was setzt Europa, was setzt die BBL dem entgegen? Nun, in Frankfurt ist das Popcorn-Angebot wahrscheinlich ausgeprägter als in vielen NBA-Arenen. In Bamberg hat man sich lange an die Mezzo Mix Kiss-Cam gewöhnt. Die Kamera schwenkt über die Nordtribüne, seid ihr nicht ein Paar, grimmiger Blick, nein, schade, wollt ihr vielleicht küssen, nein, schade, aber ihr bestimmt, oh ja, ein schneller Kuss, supertoll, eine Mezzo Mix umsonst, Glückwunsch! Wenn Cola und Orange so enthusiastisch zusammenfinden wie die Menschen auf der Bamberger Nordtribüne, muss das Zeug furchtbar schmecken. Telekom Basketball schneidet seit letzter Saison kurze Clips zusammen, das Format heißt Hoopala des Monats. Einmal hat ein Spieler nicht hingesehen und der Pass seines Mitspielers ist ihm ins Gesicht gedonnert, es war sehr witzig.

Das Zelt in Gotha war eine architektonische Meisterleistung der Improvisation, es wurde aber abgebaut und in Karlsruhe neu aufgeschlagen. Bleibt die Arena am Berliner Ostbahnhof, in der sich die Fans aus Block 212 die Seele aus dem Leib schreien können, einen Bierbecherwurf entfernt hört man sie schon nicht mehr. Stars und Sternchen finden sich inzwischen auch in Deutschland am Spielfeldrand ein, manchmal gibt Kai Pflaume dem übertragenden Sender in der Halbzeitpause sogar ein Interview. Arjen Robben und die anderen Bayern-Spieler sind ebenfalls gerne Gast im Münchner Audi Dome. Tatsächlich ist es in München so, dass sich die Stars Autogramme von Seppo Rotbichler holen, dem einzigen Nicht-Promi in der ganzen Arena. Nur die besten Spieler hat Deutschland noch nicht, auch der beste Basketball wird hier nicht gespielt. Die neueste Regeländerung der FIBA könnte das aber ändern. Die FIBA erstellt den Regelkatalog, nach der die Ligen in Europa spielen; die neue Änderung betrifft Schrittfehler beim Loslaufen.

Aktuell wird noch diskutiert, wie genau diese Regeländerung in Deutschland angewendet werden soll. Es wäre eine Anpassung nach Vorbild der NBA, wo der erste Schritt ohne Dribbling schon lange unbestraft bleibt. Deshalb taten sich amerikanische Spieler oft schwer in den ersten Wochen (Monaten, Jahren) in Europa. Diese Regeländerung gibt den Angreifern einen Vorteil, damit wird das Spiel spektakulärer, vielleicht sehen wir sogar mehr Dunkings. Da würden die Entscheider der FIBA sicher ganz froh sein: mehr Dunks, mehr Spektakel, fast wie in der NBA, das wird toll! Dabei ist die Regel eindeutig ein Schritt in die falsche Richtung. Und der beste Indikator dafür ist der deutsche Allstarday. Jedes Jahr veranstaltet die BBL auf diesem Event einen Dunk-Contest, wie die NBA es auch tut. Neulich war Patrick Heckmann dabei. In der ganzen Saison hatte er bis zu diesem Zeitpunkt ein einziges Mal gedunkt. Ohne den Spielern Unrecht tun zu wollen, mit den Videoclips aus der NBA im Hinterkopf ist die BBL-Version fast ein bisschen peinlich, jedenfalls ist es gut, wenn es schnell vorbei ist. Meistens gewinnt ein eingeladener Amateurspieler, der die anderen Akteure aussehen lässt wie die wahren Amateure. Und beim abendlichen Showspiel, wo alle auf ernsthafte Verteidigung verzichten, sieht man vor allem viele Dreier, die langweilig sind, weil sie nicht herausgespielt werden müssen, und freie Korbleger, weil viele halt nicht so hoch springen können.

Das Spektakel außenrum – man sagt auch Event – haben die Fans inzwischen größtenteils geschluckt. Es ist wohl auch notwendig, um die großen Hallen zu füllen. Das sportliche Nacheifern der NBA ist aber hoffnungslos und sinnlos. Stattdessen könnten die FIBA und auch die EuroLeague auch mal stolz sein auf das, was sie haben. Viele treue Fans, die fast alle allein des Basketballspiels wegen in die Arenen strömen, dort selbstorganisiert Stimmung machen und so der Halle und dem Verein einen Charakter geben. Harte Defense, teamorientierte Offense, spielintelligente Akteure. Nur eine geringe Bevorzugung von Starspielern. Eine größtenteils penible Achtung der Regeln, auch mal zu Lasten vieler Fouls oder technischer Fehler – damit sind diejenigen erfolgreich, die technisch gut ausgebildet sind. Statt als zu behebende Probleme könnte man diese Punkte ja mal als Stärke sehen und sich in Zukunft mit den Regeländerungen zurückhalten. Denn die Schrittfehlerregelung wird womöglich nicht sehr viel ändern, aber der damit eingeschlagene Weg macht Sorge. An der nächsten Biege umzudrehen wäre ein kleiner Schritt für die FIBA, aber ein großer Schritt für den europäischen Basketball.


Klatschpappe ist die Glosse von Linus Müller, der sich jeden zweiten Montag in einem möglicherweise überspitzten Kommentar zu einem Thema aus der Welt des Basketballs äußert.

Schrittfehler in die falsche Richtung
4.7 (93.33%) 6 votes
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.