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Russell Westbrook: inselbegabt oder einäugig?

27.04.2017 || 14:53 Uhr von:
Russell Westbrook hat in dieser Saison ein Triple-Double im Schnitt aufgelegt. Doch welches Fazit kann man nach dem Erstrunden-Aus der Oklahoma City Thunder ziehen?

Russell Westbrook kann nicht real sein. Der Point Guard der Oklahoma City Thunder ist in der Saison 2016/17 die personifizierte herunterklappende Kinnlade, der fleischgewordene Traumspieler aus dem „My-Player-Mode“ bei NBA2K. Egal, ob die Denver Nuggets, die Westbrook mit seinem 50-Punkte-Triple-Double mit der Schlusssirene aus dem Playoff-Rennen schoss. Egal, ob die Orlando Magic, die im vierten Viertel vom Bulldozer aus Long Beach überrannt wurden – 57 Punkte und ein Triple-Double inklusive – viele Mannschaften erlebten hautnah: Russell Westbrook muss aus einem Videospiel oder direkt aus Hollywood sein. Korrektur: Er ist sogar besser als die Konkurrenz aus der virtuellen Welt.

Das „Harvard Sports Analysis Collective“ hat sich die Mühe gemacht und den Boxscore aus dem Spiel der Monstars gegen die Tune Squad im Film „Space Jam“ analysiert: Michael Jordan kommt auf eine Usage Rate von 44 Prozent. Russell Westbrooks Wert in der ersten Playoff-Runde gegen die Houston Rockets? 46 Prozent. Lassen wir mal so stehen.

Playoffs: #TeamkillerSZN

Das Problem: Genutzt haben Russell Westbrook diese absurden Zahlen noch nicht, womöglich geht er sogar ohne individuelle Auszeichnung aus der statistisch besten Spielzeit seiner Karriere. Was dann in 20 Jahren im Portfolio des Point Guards zur Saison 2016/17 stehen wird? Eine All-Star-Nominierung – noch nicht mal als Starter.

Mit 20 Punkten im dritten Viertel zieht „Brodie“ die Thunder in Houston nochmal tief aus dem Sumpf, zu Beginn des vierten Viertels hat OKC die Chance, das Spiel auszugleichen und die Serie zurück nach Oklahoma City zu schicken. Was folgt, wird in den kommenden Monaten wohl noch diskutiert werden: Neun Würfe setzt Westbrook daneben, teilweise gefühlt vom Parkplatz des Toyota Centers, teilweise mit über 20 Sekunden auf der Wurfuhr. Der MVP-Kandidat schaltet erneut in den Hero-Mode – und wird wie bereits in der zweiten Partie am Ende zum Backstein werfenden Egozocker deklariert. Die Rockets gewinnen übrigens beide Spiele – und damit auch die Serie.

Ist Russell Westbrook also Schuld daran, dass die Thunder erneut in der ersten Playoff-Runde die Segel streichen müssen? Stellt der Point Guard seine individuellen Stats über den Teamerfolg? Die Zahlen sagen: Ohne Westbrook sind die Thunder ein Haufen von Rotationsspielern, die den Ball schlecht bewegen und ihre Dreier überdurchschnittlich oft auf den Ring setzen. OKC 2016/17: Das ist in großen Teilen Russell Westbrook, der sein Team mit teilweise irren Performances in die Playoffs gehievt hat.

[In your face: Schadet Westbrook den Thunder?]

Ohne „Brodie“ auf dem Court legen die Thunder ein Offensiv-Rating von 88,6 gegen die Rockets auf – knapp 21 Punkte schlechter, als wenn der All-Star auf dem Court steht. Die Rockets dagegen explodieren in der Offense, wenn der Superstar ihres Gegners fehlt: 148,9 lautet der absurde Wert beim Offensiv-Rating, über 60 Punkte besser als die „russlosen“ Thunder. Die Zahlen lassen sich auf die reguläre Saison übertragen: Mit Westbrook auf dem Court machen die Thunder auf 100 Possessions gerechnet vier Punkte mehr als der Gegner, ohne ihn acht weniger.

Die Zahlenspiele lassen sich weiterführen: Mit 15,5 Punkten beim Box-Plus-Minus – der die Zahl der Punkte (auf 100 Positionen hochgerechnet) angibt, an denen Westbrook im Vergleich zum Liga-Schnitt mehr beteiligt ist, wenn er auf dem Court steht – führt er die Liga mit knapp fünf Punkten Vorsprung vor James Harden an. Ohne Westbrook wären die Thunder ein Lottery-Team und wären jetzt schon längst im Sommerurlaub.

Versteckt hinter dem Triple-Double

42 Triple-Doubles sind NBA-Rekord – auch das statistische Meisterstück über die Saison zu halten, hat seit Oscar Robertson noch niemand geschafft. Russell Westbrook hatte 2016/17 die Möglichkeit dazu, denn mit Kevin Durant wurde ihm sein Co-Star genommen. Folglich ist der zweitbeste Spieler bei den Thunder – wer eigentlich? Victor Oladipo. Steven Adams. Enes Kanter. Das Leistungsniveau nach Westbrook bricht – vor allem nach dem Ibaka-Trade im Sommer – rapide ein. Westbrook legt eben solch enorm absurden Zahlen auf, weil er es in gewisser Weise auch muss. Den Spielaufbau kann Victor Oladipo nicht übernehmen, den Dreier trifft er auch nur an guten Tagen. Enes Kanter und Steven Adams sind zwar passable Partner im Pick-and-Roll, 20 Punkte legen sie aber auch zu selten auf.

General Manager Sam Presti schickte Serge Ibaka im Sommer nach Orlando, weil er Platz unter dem Salary Cap freischaufeln wollte. Durant und Ibaka – spätestens im jetzt anstehenden Sommer wäre das sowieso nicht gegangen. Presti fädelte den Deal aber noch mit dem Wunsch im Hinterkopf ein, dass Durant in Oklahoma City bleibt. Oladipo als Backcourt-Upgrade und der talentierte Domantas Sabonis als Ibaka-Ersatz – sicherlich wären die Thunder mit Durant ein Contender gewesen. So riss die „Durantula“ mit ihrem Abgang nach Oakland ein großes Loch auf der Drei, füllen konnte es bis dato niemand so wirklich. Und Presti hatte einen Kader, der auf zwei Superstars zugeschnitten war – hatte aber nur einen.

Auch Headcoach Billy Donovan musste umplanen – und ließ Westbrook größtenteils freie Hand. Mit 41,4 Prozent über die Saison gesehen – ebenfalls neuer NBA-Rekord – hatte Westbrook die höchste Usage Rate der Liga. Kein Spieler war in der Offense mehr involviert als „Brodie“. Aber auch kein Spieler wurde dort so dringend gebraucht, wie der MVP-Kandidat. Denn schaut man in der Liste weiter nach unten, finden sich dort ebenfalls Akteure, die ihre Teams lange Zeit alleine tragen mussten: Auf dem zweiten Platz DeMarcus Cousins, der lange Zeit der Inselbegabte bei den Kings war. Dann folgt DeMar DeRozan, der die Raptors ohne Kyle Lowry in die Playoffs hieven musste.

Westbrooks individueller Leistungssprung war schlussendlich zumindest in der ersten Saison der Post-Durant-Ära notwendig. Die Frage wird sein, inwiefern die Offseason Veränderung nach Oklahoma City bringt. Der jetzige Kader ist kein Contender-Material, Westbrook kann alleine physisch nicht auf Dauer jeden Abend in den Monster-Modus schalten.

Balance bis Oktober

Billy Donovan wird sich im Sommer genau überlegen müssen, wie er einen neuen Contender um Westbrook herum aufbauen wird. Der Point Guard ist längst kein Egozocker mehr, sondern will seinen Mitspielern helfen. Im zweiten Spiel gegen die Rockets nahm er im letzten Viertel drei Minuten keinen Wurf und assistierte seinen Mitspielern, die warfen aber nur Backsteine. Erst dann schaltete Westbrook in den Hero-Mode, indem er dann notwendigerweise wieder viel alleine macht. Wenn er aber wirklich nicht an seinem Team interessiert wäre, hätte er sich längst öffentlich beschwert, wie es so viele andere Superstars vor ihm getan haben. Stattdessen nimmt er Steven Adams bei der Post-Game-Pressekonferenz in Schutz.

Adams, Kanter, Sabonis, Oladipo und auch Andre Roberson. Talent ist bei den Thunder vorhanden, nur braucht es neben Westbrook einen Spieler, der auch nur ansatzweise auf All-Star-Niveau agiert. Dann wird „Brodie“ zwar immer noch eine überragende Statline auflegen, er wird aber auch mal Pausen bekommen und kann ein wenig Verantwortung abgeben. Ein eigensinniger Statsjäger ist Westbrook aber keinesfalls, er hat in dieser Saison nur erkannt, wie er seinem Team weiterhelfen kann. Und dass dies auch manchmal schief geht, haben die Playoffs gezeigt – aber ein Inselbegabter ist an manchen Tagen auch nur der Einäugige unter den Blinden.

https://www.youtube.com/watch?v=fkqBt-bhcRg

Russell Westbrook: inselbegabt oder einäugig?
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