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Pass ins Glück

12.06.2017 || 14:10 Uhr von:
Ein junger Spieler erhält den ungarischen Pass, ein Waffen-Narr wird Deutscher. Eine Glosse über den Zusammenhang zwischen Basketball und Einbürgerungen.

Jeden Sommer machen sie sich auf den Weg. Meist sind es junge Männer, die in Flugzeugen anreisen, während die Familie in der Heimat zurückbleibt. Irgendwann kommt dann der große Tag in der Behörde. Hinter dem Schalter eine kerzengerade Frau in dunkelgrau, vor ihr der junge Mann und sein Betreuer.

Ungarn, Juni 2017. Der erste Morgenkaffee ist gerade durchgelaufen.

Frau: „Guten Tag, ich grüße Sie. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Betreuer: „Mein Schützling möchte gerne ungarischer Staatsbürger werden.“

Frau: „Oh, na da sind Sie ja nicht die Ersten. Aber das wird schwierig.“

Betreuer: „Er ist wirklich ein toller Junge. Harter Arbeiter, guter Charakter. Er möchte es hier unbedingt schaffen, ist sehr motiviert. Und er steht schon auf eigenen Beinen.“

Frau: „Unwichtig, alles unwichtig.“

Betreuer: „Ist da denn wirklich nichts zu machen?“

Frau: „Mich wundert ja, dass sie es überhaupt über unseren ausgebauten Zaun geschafft haben. Außerdem werden die Menschen, die einen Asylantrag bei uns stellen, inzwischen für die Dauer des Entscheidungsprozesses interniert. Wo sind Sie untergebracht?“

Junger Mann: „Nein, Sie haben da etwas missverstanden. Ich will nicht im Land bleiben, ich bin zum ersten Mal hier und haue morgen wieder ab. Ich hätte nur gern die ungarische Staatsbürgerschaft.“

Frau: „Und wieso denken Sie, dass wir ausgerechnet Ihnen diesen Pass ausstellen sollten?“

Junger Mann: „Ich bin Profi-Basketballer, hab letztes Jahr sogar ein paar Wochen bei Ulm gespielt. Und ich habe gehört, eure Nationalmannschaft nimmt in diesem Sommer an der Europameisterschaft teil.

Frau: „Ach wenn das so ist! Dann brauche ich hier nur noch eine Unterschrift. – Danke. Willkommen in Ungarn, Herr Kane!“

DeAndre Kane: „Thank you very much. And goodbye.“

Deutschland

Ein guter Pass öffnet Räume, er bringt jemanden in eine gute Position und erwirkt damit einen großen Vorteil. Meist dauert es lange, manchmal geht es aber auch ganz schnell. Ein Blick, eine Entscheidung – schon hat der Pass seinen Adressaten gefunden. Und so wurde DeAndre Kane im Juni 2017 zum ungarischen Staatsbürger. Ein Pass ins Glück: Einige Ligen in Europa unterscheiden zwischen „Ausländern“ und „EU-Ausländern“. Wer also einen europäischen Zweitpass hat, der verbessert seine Chancen auf ein super Gehalt bei einem sehr guten Verein. Aber natürlich ist das nur in Ungarn so, weit weg von uns.

Deutschland, Juli 2008. Kurz vor der Mittagspause. Ingo Weiss, Chris Kaman, Wolfgang Schäuble.

Weiss: „Toll, dass Sie nun endlich auch offiziell Deutscher sind, Herr Kaman.“

Kaman: „Hm.“

Weiss: „Und danke auch nochmals an Sie, Herr Innenminister, dass sie aus ‚überragenden sportfachlichen Erwägungen’ diese Einbürgerung so zügig vorangetrieben haben.

Schäuble: „Natürlich, es geht ja um Basketball, da kennt die Solidarität des Staates keine Grenzen. Ich erwarte nun aber natürlich auch eine Medaille bei den Olympischen Spielen, dass wir uns da richtig verstehen.“

Kaman, in amerikanischem Cowboy-Englisch: „Gilt hier Tempolimit für Panzer auf der Autobahn?“

Weiss: „Herr Schäuble, eine Medaille ist dann vielleicht doch etwas hoch gegriffen. Schließlich konzentrieren wir uns voll auf die Olympischen Spiele 2020. Aber jetzt sind wir erstmal froh, dass wir einen Deutschen… also, äh, ich meine, einen richtigen Deutschen weniger mitnehmen müssen.“

Kaman: „Als ich in Los Angeles mal mit einem Pfeil das Nachbarhaus traf, haben die sofort die Polizei gerufen. Ich hoffe, die deutschen Nachbarn sind nicht so spießig.“

Schäuble: „Dann eben keine Medaille, ist auch in Ordnung. Wichtig ist ja das FairPlay und dass alle Spaß haben. Der deutsche Pass für Chris Kaman ist auch einfach ein Zeichen, dass es jeder schaffen kann, dessen Großeltern mal einen deutschen Schäferhund gestreichelt haben. Vor allem deshalb bin ich stolz, Chris Kaman bald im Nationaltrikot zu sehen.“
Flüsternd weiter zu Weiss: „Jetzt mal im Ernst, Bronze müsst ihr schon holen, sonst hätten wir den Schwachsinn auch lassen können.“

Kaman: „Ich freue mich, meine Sommer in Zukunft mit der Nationalmannschaft zu verbringen. I love Germany. Wo gibt’s hier Waffen im freien Verkauf? Ihr habt bestimmt von meiner Sammelleidenschaft gehört…“

Schäuble, ganz leise: „Ein bisschen Angst hab’ ich vor dem Kollegen ja schon.“

Weiss, ebenfalls leise: „Er bleibt ja nicht lange.“

Und so bürgern sie seitdem nun fleißig ein, die guten Vereine, vor allem die besten. Ein Sommer ohne Einbürgerung ist ein verlorener Sommer, sagt man. Und was nicht passt, das wird passend gemacht.


Klatschpappe ist die Glosse von Linus Müller, der sich jeden zweiten Montag in einem witzigen, polemischen Kommentar zu einem Thema aus der Welt des Basketballs äußert.

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