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Pionier an der Pfeife

24.10.2017 || 15:21 Uhr von:
Dass afroamerikanische Referees NBA-Partien leiten, ist heute selbstverständlich. Ende der 1960er Jahre wurde ihre Gleichstellung durch einen Bahnbrecher auf den Weg gebracht: Ken Hudson.

Die NBA gilt als offene Vorzeigeliga, in der Frauen und Minderheiten willkommen sind. Nach der WNBA ist sie die fortschrittlichste Profiliga im US-Sport, was sich auch mit Hinblick auf die Unparteiischen zeigt. Dass Afroamerikaner NBA-Partien leiten und nahezu die Hälfte der Schiedsrichterschaft stellen, ist heute selbstverständlich. Ende der 1960er Jahre wurde diese Gleichberechtigung durch einen Bahnbrecher (und seine Unterstützer) auf den Weg gebracht: Ken Hudson. Das ist seine Geschichte.

In der vergangenen Saison (2016/17) waren 28 von 64 oder 43,8 Prozent der NBA-Schiedsrichter Afroamerikaner. Hinzu kamen zwei Latinos sowie zwei weitere People of Color (PoC). 31 Euroamerikaner und eine weiße Frau stellten die verbleibenden 50 Prozent der Referees. Sonach konnte die Association mit einer zu 50 Prozent nicht-weißen Schiedsrichterschaft aufwarten. Ein beachtenswertes Novum in ihrer 68-jährigen Historie.

Auch berief die Liga für die Finals 2017 ein zwölfköpfiges Schiedsrichterteam, das wie schon 2016 fünf erfahrene afroamerikanische Referees – Tony Brothers, James Capers, Dan Crawford, Marc Davis und Derrick Stafford – einschloss. Darüber hinaus standen in den letzten beiden Finalserien zwei schwarze Ersatzschiedsrichter – Tom Washington und Sean Wright bzw. der mittlerweile bekannte Bill Kennedy – auf Abruf bereit.

Während der aktuellen Spielzeit bestehen diese seit der Saison 2010/11 (45 Prozent PoC) festgegründeten Mehrheitsverhältnisse fort. Auch wenn mit Violet Palmer (919 Saison- und neun Playoffeinsätze in 19 Jahren) die einzige schwarze NBA-Schiedsrichterin vor einem Jahr gesundheitsbedingt zurückgetreten ist.

Derweil kann die Liga in puncto der Inklusion von Frauen immerhin noch eine Unparteiische, Lauren Holtkamp, aufbieten. Ein Umstand, der gewiss ausbaufähig ist. Zumal Palmer über zwölf Jahre hinweg auf dem Parkett die einzige Frau an der Pfeife war. Zur Einordnung: 1997 waren Palmer und Dee Kanter als erste weibliche Referees im US-Profisport der Männer eingestellt worden; Kanter wurde 2002 entlassen, Holtkamp 2014 als dritte Unparteiische der NBA-Geschichte berufen. Die NFL setzte 2015 ihre erste offizielle Schiedsrichterin ein. Im europäischen Spitzenfußball ist dies seit dieser Saison mit Bibiana Steinhaus in der Bundesliga der Fall.

Indes kann hinsichtlich der Einbeziehung und Einstellung schwarzer Männer rückblickend ein Fortschritt ausgemacht werden. So standen vor zehn Jahren, zur Saison 2006/07, 18 Afroamerikaner im Schiedsrichterdienst der NBA. 32,2 Prozent der seinerzeit 59 Referees waren damit schwarz (inklusive Palmer). 2009/10 betrug ihr Anteil bei 24 Personen schon 40,7 Prozent. Kurzgesagt: Über die letzte Dekade hinweg ist erst ein allmählicher Anstieg und dann eine einkehrende Konstanz bei rund 45 Prozent ersichtlich. Von der relativen Gleichstellung afroamerikanischer Schiedsrichter darf daher die Rede sein. Allerdings ging dieser ein gut 45 Jahre andauernder Anerkennungsprozess voraus.

Looking b(l)ack

Zur Saison 1968/69, knapp 20 Jahre nach der Ligagründung, nahm die Association ihren ersten schwarzen Schiedsrichter fest unter Vertrag: Ken Hudson, der von 1968 bis 1972 als NBA-Referee aktiv war. Kurz zuvor, im Februar 1968, hatte bereits Jackie White die „Rassenschranke“ durchbrochen, als der Afroamerikaner ein Saisonspiel der Chicago Bulls gegen die Cincinnati Royals mit leitete. Ein symbolhafter Auf- und Eintritt, der seinem Nachfolger als indirekter Türöffner diente.

Rückblickend erinnerte Hudson voller Stolz: „Ich sagte damals: ‚Wenn es gut läuft, werden einige Menschen eine Chance erhalten.‘ Die Geschichte hat mir Recht gegeben. Das freut mich sehr.“

So kam mit John Parker 1969/70 ein zweiter schwarzer Unparteiischer hinzu. Später folgten unter anderem Lee Jones, James Capers Sr., Hugh Evans, Hue Hollins und 1997 schließlich als erste schwarze Frau die angesprochene Violet Palmer (2014 trat sie im Übrigen als erster homosexueller NBA-Referee öffentlich hervor). Allesamt haben sie zur schrittweisen Integration der Schiedsrichterschaft beigetragen, die jenseits der obigen Zahlenwerte auch einen Ausdruck darin findet, dass afroamerikanische Referees Akzeptanz und Ansehen genießen.

Der Weg dahin war hingegen keineswegs vorgezeichnet. Zumal er kaum geradlinig verlief. Vielmehr war der Zugang zur Pfeife hart erarbeitet und bedurfte nachhaltiger Lobbyarbeit.

Einflussreiche Ausnahmespieler wie Bill Russell, Wilt Chamberlain und Oscar Robertson hatten sich in den 60er Jahren Gehör verschafft und die Liga wiederholt aufgefordert, auch ihre Refereereihen endlich durch schwarze Talente zu verstärken. Erst 1968 wurden sie erhört, wobei Russell als Fürsprecher und die Celtics als Jobvermittler auftraten.

Warm-up

Zuvorderst war es Russell, der Hudsons Einstellung maßgeblich ermöglichte, indem er ihn zunächst in Teamkreisen einführte und Übervater Red Auerbach vorstellte. Der Anker der Celtics-Dynastie und damalige Spielertrainer (1966-69) hatte Hudson, der seinerzeit in Boston für Gulf Oil als Handelsvertreter arbeitete, wiederum durch Mannschaftskollege Sam Jones kennengelernt. Der Celtics-Topscorer war mit dem gebürtigen Pittsburgher seit Jahren befreundet.

Ohnehin galt Hudson in Beantowns Basketballszene als stadtbekannt. Nebenberuflich leitete der 1,68 Meter-Mann Boys & Girls-Club- und High-School-Spiele. Überregional pfiff er in Sommerligen, etwa am renommierten New Yorker Rucker, sowie im semiprofessionellen Bereich. „All dies hat mich gegen jede Verrücktheit der Leute immun gemacht. Das war ein gutes Training. Bei jeder Entscheidung wurdest du ordentlich heruntergeputzt“, bedeutete der Absolvent der afroamerikanischen Central State University (Ohio). Studienbegleitend hatte er sich seinerzeit als Manager des Basketballteams verdingt, als Referee der Trainingsspiele fungiert – und damit eher zufällig seine Schiedsrichterkarriere gestartet.

Im Sommer 1966 kam er in Boston schließlich mit Russell ins Gespräch. „Ich sagte zu ihm: ‚Weiß du was? Ich würde gerne ein NBA-Spiel pfeifen!‘ Er entgegnete mir: ‚Hmm, ich denke du könntest genauso schlecht wie all die anderen sein … Lass uns eine Runde drehen.‘“

Daraufhin fuhr ihn Russell zur Trainingshalle der Celtics, wo er auf Auerbach traf und alsbald die Trainingsspiele des Abomeisters (seinerzeit acht Titel in Serie) pfiff – während der wenig trainingsbegeisterte Spielertrainer Kaffee trank und Zeitung las …

Und auch bei den Basketballcamps der Profis arbeitete Hudson fortan als Unparteiischer engagiert mit. „Ich ging zu all den Camps, um so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln. Denn das Pfeifen, egal auf welchem Level, betrifft das gleiche Spiel. Sicher, je höher du kommst, umso feinspüriger und versierter wirst du. Aber es verhält sich wie beim Sportspielen und Mathelernen: Wenn du die Grundlagen beherrscht, ergeben alle anderen Dinge mit der Zeit Sinn.“

Apropos Zeit. Der aufstrebende Schiedsrichter und einstige Baseballspieler (seine erste Sportliebe, die ihm ein Stipendium der Central State beschert hatte) musste sich in puncto NBA-Debüt nicht lange gedulden. Er hatte sich die Wertschätzung von Auerbach, mitnichten ein Schiedsrichterfreund, erarbeitet. Zusammen mit Russell (1966 der erste schwarze NBA-Headcoach) und Veteran Wayne Embry (1972 der erste afroamerikanische General Manager) sprach der einflussreiche Celtics-Boss in Richtung Ligabüro eine wegweisende Empfehlung aus.

„Kenny hatte Mut, machte entsprechende Calls. Er war immer in guter Form, und er war entschieden. Er war ein ziemlich guter Referee, wenn es so etwas gibt“, lobte der streitbare Celtics-Patriarch Hudson.

Tryout

Als Endzwanziger ging Hudson passioniert seinem Nebenjob nach. „Ich bekam vier bis zehn Dollar pro Spiel. Ich arbeitete damals für Gulf Oil, daher erhielt ich kostenlos Benzin und hatte ein Dienstfahrzeug.“ So fuhr er nach Dienstende im Nordosten der USA die Küste rauf und runter, um für ein paar Dollar ein Spiel zu leiten. Warum? „Weil ich es mochte.“

Schließlich erhielt er eine erste Bewährungschance. Hudson erinnerte: „Ich schickte Briefe an die NBA. Dann erhielt ich einen Anruf und ein Antwortschreiben. Sie sagten, sie würden mich drei Vorbereitungsspiele leiten lassen. Drei Spiele … normalerweise braucht es gut fünf Partien, um überhaupt in Gang und ein Gespür zu bekommen.“

Hinzu kam das Lampenfieber. „Als der Brief eintraf, geriet ich in Panik“, bekannte Hudson und berichtete: „Mein erstes Spiel war in Toledo, Ohio. Cincinnati gegen Detroit. Die Spieler behandelten mich wie einen Rookie, aber sonst geschah immerhin nichts Gravierendes.“

„Alle drei Spiele beinhalteten die Royals“ (die heute in Sacramento beheimateten Kings), erklärte Hudson. „Und es war eine Ligaregel, wenn du Partien derselben Mannschaft pfeifst und sie mit dem Bus reisen, dass du sie begleitest.“ So fand sich der Neuling alsdann auf dem Sitzplatz neben Point God Oscar Robertson wieder. Eine einprägsame Erfahrung. „Er sagte zu mir: ‚Häng dich rein und arbeite hart. Die Leute werden ohnehin über dich reden. Wenn du daran glaubst, was du siehst, pfeif es. Fühl dich obenauf, und bleibt dabei. Wir werden dir sowieso die Hölle heißmachen – dennoch wollen wir sehen, dass du Erfolg hast.‘“

Auch seine neuen Schiedsrichterkollegen, Veteranen wie Norm Drucker, Joe Gushue und John Vanek, mit denen er seine ersten und später gemeinsam viele Spiele leitete, unterstützten und schützen ihn. Er lernte von ihnen und freundete sich mit ihnen an. „Es gab nur ein, zwei weiße Referees mit denen ich mich unwohl fühlte. Generell wurde ich sehr gut aufgenommen“, bedeutete Hudson, der von Anfang an die ihm von Robertson angeratene, konsequente und personenunabhängige Linie pfiff.

Ironischerweise musste „The Big O“ dies selbst erfahren, als Hudson ihm einen Foulpfiff zuteilwerden ließ und standhaft blieb. „Er sah mich nur an und sagte ‚Shit‘“, so Hudson. „Dafür verpasste ich ihm dann ein technisches Foul. Er konnte es nicht glauben, dass ich ihm ein T gab, was damals nur die wenigsten wagten. Er blickte mich an, wie um mir zu sagen: ‚Geht’s dir gut?‘“

Hudson ergänzte: „Ich wollte sehen, wie allen anderen reagieren, insbesondere die [gegnerischen] Celtics. Sie sagten: ‚Gut, okay, dieser Kerl ist in Ordnung!‘“

Wenig später erfuhr er via Radio, dass die NBA einen Bostoner Schiedsrichter im regulären Spielbetrieb einzusetzen beabsichtige. „Sie bezahlten mir 90 Dollar pro Spiel, plus Unkosten. Diese Tätigkeit lief neben meinem Tagesjob nebenher“, erläuterte der Berufene, der in Boston von 1968 bis 1988 hauptberuflich für Coca-Cola arbeitete und sich dort zuhause fühlte.

Tip-off

Sein Ligadebüt feierte Hudson dann im Rahmen eines Gastspiels der Chicago Bulls bei den Philadelphia 76ers im Herbst 1968. Der seinerzeit noch unsichere Debütant rekapitulierte: „Ich kam vielleicht gegen drei Uhr nachmittags an. Ich checkte ein und bat die Hotelrezeption um einen Weckanruf für sechs Uhr. Ich bezweifelte, ob ich das wirklich durchziehen wollte. Als später das Taxi um die Ecke fuhr und ich das Spectrum [die legendäre einstige Heimarena der Sixers] sah, wurde mir klar, dass es nun zu spät war, um mich um zu entscheiden.“

In der „Stadt der brüderlichen Liebe“ traf Hudson derweil auf alte Bekannte und gute Freunde. Die Ehefrau von Phillys All-Star Guard Hal Greer war seine ehemalige Kommilitonin, mit Sixers-Flügelspieler Chet Walker verband er ebenso eine gepflegte Freundschaft. „Sie wussten nicht, dass ich das Spiel pfeifen würde“, erinnerte Hudson. „Ich ging raus aufs Feld, wo Hal Greer sich warm machte. Er schaute auf und sagte: ‚Verdammt. Sieh an, wer hier ist‘“ …

„Das Spiel war dann überaus umkämpft. Zumal das Publikum in Philly die hitzige Atmosphäre befeuerte.“ Wenige Novembertage später sah sich Hudson in Atlanta, wo die New York Knicks gastierten, mit einer weitaus größeren Herausforderung konfrontiert. „Das war der Abend als sich [Knicks-Captain] Willis Reed dazu entschied, vier oder fünf Jungs plattzumachen. Es war Krieg. Und das zweite Mal während seiner Karriere, das Willis außer Rand und Band geriet.“

Hudson schilderte: „Die Jungs gingen ihn hart an und er hatte genug davon, ließ sie dies wissen. Ich meine, wenn ein Team wie die Bullets, die Knicks oder die Hawks spielt, dann hofft der Referee, dass der Ball in den Korb geht. Denn wenn das nicht geschah, ging es unter den Brettern ziemlich physisch und schlagkräftig zur Sache. Als Schiedsrichter musst du dann entscheiden, was da gerade passiert ist. Normalerweise war der letzte der stand, derjenige, der das Foul begangen hatte.“ Kurzgesagt, Box- und Ringeinlagen gehörten zum Standardrepertoire. Sie waren eine „Alltagsrealität in der NBA“, äußerte Phil Jackson, der seinerzeit als Knickerbocker aktiv involviert war.

Hudson gab das zu denken: „Ich erinnere mich daran, wie ich [meinen Kollegen] Earl Strom fragte: ,Will ich das hier wirklich tun?‘ Er entgegnete mir: ‚Willkommen in der Liga‘ … Ich war zudem so nervös, weil ich dachte, dass [der damalige NBA Commissioner] Walter Kennedy zuschaute, und ich im Spiel keine zwei Tage bestehen würde“, bekundete Hudson rückblickend.

„Das erste Jahr war dann eine Mischung aus Höhen und Tiefen. Ich habe letztendlich ungefähr 55 oder 60 Spiele gepfiffen, obwohl ich für nur 40 Partien vorgesehen war. Es ist mir gut geglückt.“ Zumal Hudson dabei auch davon profitierte, dass einige seiner Kollegen den Sprung in die konkurrierende American Basketball Association wagten (die mit höheren Einstiegsgehältern und einer besseren Absicherung warb). Seitens der NBA erhielt er eine positive Evaluierung und Weiterbeschäftigung, was ihn sichtlich stolz machte. „Das fühlte sich gut an, weil ich der einzige Schwarze da draußen war.“

Gleichzeitig rang er damit, dass er als Schiedsrichter, der mit allen Menschen gut auskam und mit den Spielern per du war, nicht immer als Nice Guy daherkommen konnte. Auch weil die Profis, gerade die Führungsspieler, ihm überaus wohlgesonnen und unterstützend entgegentraten. „Walt Bellamy, Jerry West, Gus Johnson, Wilt Chamberlain, Oscar – sie ließen dich deinen Job machen, und andere folgten ihrem Beispiel. Wenn du ein bestimmtes Niveau erreicht hast, beeinflussen Unparteiische dein Spiel zumeist ohnehin kaum noch“, meinte Hudson.

Im Blickpunkt

Aus seinem ersten Einsatzjahr hatten sich in der Rückschau einige Bilder und Ereignisse verfestigt. Etwa vergegenwärtigte Hudson die anmutigen Korbbewegungen des prototypischen Combo Guards. „Er muss zwölf Drehungen und Wendungen gemacht haben“, schwärmte er über Hall of Famer und Pistons-Ikone Dave Bing. „Ich schaute bewundernd zu“ … bevor er von Bings Mitspieler Eddie Miles lachend dazu angehalten wurde, sich das nächste Mal doch ein Ticket zu kaufen, wenn er schon zuschaue.

„Diese Jungs aus der Nähe zu sehen war faszinierend“, gab Hudson fast schon entschuldigend zu Protokoll. „Lenny Wilkens [der damals auf seinem Zenit als Spielertrainer der SuperSonics auflief] … niemand konnte ihn stoppen. Er hatte keinen Sprungwurf – zumindest nichts, was ich so nennen würde. Aber er ging das Spiel immer wie ein Wissenschaftler an. Und es gab Jungs wie Oscar, der so professionell darin war, das andere Team methodisch zu sezieren. Nach dem Spiel warst du in der Kabine und hörst die Stats: Oscar Robertson; dreißig Punkte, fünfzehn Assists, elf Rebounds – und du fragst dich: ,Was für ein Spiel habe ich da gerade gesehen?‘“

Anfang Februar 1969 sorgte der Schiedsrichterneuling in einer erinnerungswürdigen Partie zudem für ein wetterbedingtes Novum. „In meinem ersten Jahr war ich der erste schwarze Referee, der ein im nationalen Fernsehen ausgestrahltes Spiel leitete. Es war ein ziemlich gutes Spiel gegen Philly.“ Dabei hatte es in Boston unwirklich viel geschneit, was den angesetzten Unparteiischen verhinderte, Hudson als Notfall-Backup nachrücken ließ und ins Fernsehen brachte – obwohl es Rookie-Referees eigentlich gar nicht erlaubt war, in solch wichtigen Partien zu amtieren. Die betroffenen Sixers und Celtics bejahten die Ausnahme der Liga jedoch. Der Auserwählte war ein Nervenbündel.

„Als ich im [Boston] Garden ankam, wusste außerhalb der Liga niemand, nicht mal meine Familie, dass ich das tun würde,“ erinnerte Hudson. „Es war ein Mordsspiel. Es ging in die Verlängerung … es war die Art Spiel, die du pfeifen willst. Ich werde es niemals vergessen: 122-117, Celtics. Im letzten Play blockte Russell einen Wurf von Hal Greer. Verdammt, als ich nach Hause kam, das Telefon hörte nicht auf zu klingeln. Von überall her riefen Menschen an, denen ich nicht gesagt hatte, dass ich in der NBA pfeife.“

„Nach dem Spiel rief ich meine Eltern an, und mein Vater ging ans Telefon. Er sagte: ,Was hast du da draußen [auf dem Feld] gemacht?‘ … Als ich im nationalen Fernsehen zu sehen war, sind sie fast gestorben. Sie waren große Sportfans“, bedeutete Hudson, der seine NBA-Zeit trotz mancher Tiefpunkte nicht missen mochte.

Fehler und Fouls

„Einmal, wir waren in Phoenix, verstrickten wir uns in einer Spielsituation, wonach wir letztlich den falschen Mann an die Freiwurflinie schickten. Ich versuchte den Hauptschiedsrichter dazu zu bewegen, dies zu korrigieren, aber er wollte es nicht tun, was zu einem fragwürdigen Durcheinander führte. Der Spielbericht besagte, wir hätten die Partie verbockt. Das war ein Tiefpunkt“, bekannte Hudson.

Hinzu kam ein zweifelhafter Umgang seitens der Association. „Nach meinem dritten Jahr, nachdem sie die Evaluierung angeschaut hatten, entschied sich die Liga, mich nicht für ein viertes Jahr zu engagieren. Dabei ließen sie während des Jahres nie verlauten, woran ich zu arbeiten hätte. Plötzlich, als die [Schiedsrichter-]Ratings rauskamen, gaben sie mir eine 18 von einem Maximalwert von 20“, erzählte Hudson. „Ich verhielt mich defensiv, rief Walter Kennedy an und wunderte mich darüber, dass sie mir einerseits einen Brief schickten, wie zufrieden sie mit meiner Arbeit wären, um mir andererseits mitzuteilen, dass ich mich in die falsche Richtung entwickelt hätte – ohne dies vorher zur Sprache zu bringen.“

In der Folge gelang es Hudson, seine absurde Abberufung abzuwenden und ein weiteres Dienstjahr an der Pfeife abzuliefern. Zugleich wusste er, dass „sie versuchten mich hinauszudrängen“. Dabei war er zwar kein herausragender, aber ein achtbarer und anständiger Unparteiischer, der mit seiner Konstanz und Fairness, seinem Humor und Drive punkten konnte.

Hatten weiße Referees vergleichbarer Befähigung seinerzeit längere NBA-Karrieren? Keine Frage. Doch ist der Rassismusvorwurf, der oft (vor-)schnell zur Hand ist, nicht belegbar. Vielmehr betonte Hudson zeitlebens, dass er nie eine rassistische Herabsetzung, lediglich harmlose Bemerkungen über seine Körpergröße erfahren habe („A Tree Stump in the Valley of Redwoods“ lautet der selbstironische Titel seiner Autobiografie).

„Die meisten Coaches behandelten jeden [Schiedsrichter] gleich. Einige Trainer attackierten jedermann. Wenn ich auf dem Court war, äußerten sie weiterhin ihre Meinungen“, so Hudson. Und auch seitens des Publikums, ungeachtet wiederholt aggressiver Zwischenrufer und der Tatsache, dass einigen Zeitgenossen die Präsenz eines schwarzen Referees wohl nicht passte, habe er nie eine rassistische Beleidigung vernommen. Zumal er anmerkte: „Beim Pfeifen, in der Hitze des Spiels, blendest du all das ohnehin aus. Du hoffst, dass die Arena voll ist, weil du dann wirklich nichts mehr hörst.“ Alldieweil er mit Unmutsbekundungen und „hoch emotionalen Situationen“ laut eigener Aussage sehr gut umzugehen vermochte.

Derweil war sein Lebensfokus nicht auf „Rasse“ und dergleichen ausgerichtet. „Hautfarbe war für mich nie eine bestimmende Sache. Ich bin stolz schwarz zu sein, aber Menschen sind Menschen“, ließ Hudson 1988 exemplarisch verlauten. „Es wird immer Idioten geben, Menschen, die dich nicht mögen, weil du schwarz, irisch oder jüdisch bist – aber das ist Zeitverschwendung. Ich finde, wenn du zwei oder drei Menschen hilfst, und sie jemanden anderen helfen, profitieren alle davon.“ Das war Hudsons überschiedsrichterlicher Leitsatz, für den auch seine NBA-Karriere beispielhaft steht.

„Ich habe für andere Menschen Türen geöffnet. Lee Jones kam hinzu. John Parker war für eine Weile dabei“, beobachtete Hudson Ende der 80er Jahre. „Nun sieht man schwarze Schiedsrichter wie Hugh Evans, Jimmy Capers [Sr.], Hugh Holland und all die anderen Jungs, die einen fantastischen Job machen.“ Afroamerikanische Unparteiische, seine (im schiedsrichterlichen Idealfall) unsichtbaren Nachfolger, die Playoffspiele leiten und schwarze Meistertrainer wie K.C. Jones und Lenny Wilkens, die Hudson noch als Aktive erlebt hatte, in ihre Coachingzonen verwiesen. Heute, knapp 30 Jahre später, heißen sie unter anderem James Capers Jr. (siehe Foto) und Derrick Stafford, die raren schwarzen Meistertrainer Doc Rivers und Ty Lue.

Schlusssirene und Shootout  

Während seinem finalen Refereejahr (1971/72) konsultierte Hudson wiederum seinen Förderer, Bill Russell, der sich stets als Mensch und nicht als Sportler definierte. „Er sagte mir: ,Du hast bereits bewiesen, dass du das [Pfeifen] beherrscht. Du musst niemanden mehr etwas beweisen. Zieh weiter, außer wenn es in deinem Leben nichts anderes zu tun gibt.‘“ Ein weiser Ratschlag, den der Wahl-Bostoner annahm, der in Beantown im Regelfall ohnehin keine Ligaspiele leiten durfte. „Ich konnte in Boston nicht pfeifen, was ich für verrückt hielt“, pointierte Hudson. „Sie glaubten, wenn du in Philly lebst, kannst du dort nicht pfeifen. Oder wenn du in New York lebst, kannst du keine Knicks-Spiele leiten, etc. Das war die Ausrede, die sie parat hatten.“

De facto war es wohl seine Nähe zu den machtvollen Celtics – zu Russell und Red Auerbach, der den jungen Schiedsrichter unter seine Fittiche nahm –, die der Liga missfiel.

In jedem Fall beendete Hudson nach vier Spielzeiten sein NBA-Engagement. Zum Teil auch, weil sein Hauptarbeitgeber, Coca-Cola, die zehrende Doppelbelastung zunehmend kritisch sah und ihn weitaus besser vergütete. Anfang der 2000er Jahre, nach über zwanzigjähriger Tätigkeit für Coke, trat er als Schiedsrichterbeobachter aber nochmals in den Dienst der Association.

Bereits in den 60er, 70er Jahren hatte Hudson sich dem Basketballnachwuchs und generell der Ermächtigung junger Menschen verschrieben. Zu diesem Zweck initiierte er 1972 etwa den Boston Shootout. Ein nach wie vor attraktives Einladungsturnier für landesweite High-School-Talente, bei dem unter anderem Patrick Ewing, Kobe Bryant und Paul Pierce aufgelaufen sind.

„Kenny war der Zeit voraus“, stellte Erfolgscoach Doc Rivers heraus. „Er war ein großartiger Mensch. Er stand für viele gute Dinge, und ich denke, dass eine Menge unterprivilegierter Kinder ohne seinen Einfluss nicht dort wären, wo sie heute stehen.“

Rivers, der in den 60er und 70er Jahren auf Chicagos rauer West Side heranwuchs, sprach hierbei aus eigener Erfahrung. 1980 fand er sich erstmals im Passagiersitz eines Flugzeugs wieder – sein Bestimmungsort war Boston und Hudsons Shootout, wo erstklassig kompetitiver AAU-Basketball gespielt wurde.

„Das war der Ort, wo ich Kenny kennenlernte“, sagte derzeitige Clippers-Coach und erwiesene „Schiedsrichterfreund“. „Von allen Turnieren, in denen ich jemals gespielt habe, ist es einer meiner Favoriten. So sollte die AAU sein.“ Denn Hudson sah sich verpflichtet, Heranwachsende wie Rivers zu erreichen, sie zu fordern und fördern, sie nachhaltig zu inspirieren und moralisch anzuleiten.

In den 90er Jahren brachte Hudson seine Arbeit für den Brausehersteller nach Atlanta, wo er mit mehreren afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisationen (der National Urban League und National Association for the Advancement of Colored People) zusammenarbeitete, und auch seinen durch schwere Erkrankungen beeinträchtigten Lebensabend verbrachte.

Im Mai 2012 – einen Tag nachdem Ken Hudson im Alter von 72 Jahren zu früh verstarb – trafen Rivers‘ Celtics und die Atlanta Hawks in Spiel sechs ihrer Erstrunden-Playoffserie aufeinander. Die drei Schiedsrichter, die in Boston den Court betraten und die Partie leiteten, sind Afroamerikaner.

Pionier an der Pfeife
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