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BBL

Verlierer

17.04.2017 || 13:59 Uhr von:
Gewinnen kann am Ende der Saison nur eine Mannschaft, verlieren müssen viele. Vielleicht finden sie Trost bei den Washington Generals, die nie gewannen - und dann plötzlich doch.

Als die Demütigungen ein Ende hatten, war da nur Trauer, keine Freude. Der Manager des Teams, John Ferrari, konnte es nicht fassen. „Es ist vorbei“, sagte er zu seiner Frau, das Telefon noch in der Hand. Im Juli 2015 war das. Dann, am ersten August, bestritten die Washington Generals ihr letztes Spiel gegen die Harlem Globetrotters. Sie verloren. Natürlich. Und dennoch konnten sie die Halle erhobener Hose verlassen, denn die lachenden Kinderaugen waren auch ihr Verdienst. Aber die bewundernden Blicke galten nicht ihnen, den ewigen Verlierern, sondern den Globetrotters, diesen fröhlichen, überdrehten, regelmissachtenden Basketballbanausen, die immer gewannen und jetzt Autogramme schrieben, während die Spieler der Generals sich in den dunklen Nachthimmel von New Jersey verzogen.

Die wertvollste Erinnerung

Was den wenigen Fans der Washington Generals am Ende bleibt, das ist die Erinnerung. Vor allem an diese eine Januarnacht im Jahre 1971. Die Generals gehen ersatzgeschwächt ins Spiel; Center Dennis Witkowski hat um einen freien Tag gebeten, er möchte seine Familie wiedersehen. Spielertrainer Louis „Red“ Klotz genehmigt ihm das. Er ist die legendäre Figur des Teams, vor kurzem hatte er seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Seit Monaten ist er mit den Jungs unterwegs. Sie haben angefangen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Der Spielort wechselt ständig, der Spielverlauf nicht. Wenn die weißblauroten Magier ihre Zaubertricks vorführen, haben sich die Generals zu fügen. Die Hose zwischen den Knöcheln blicken sie mit gespielt entsetztem Gesicht den schrittfehlernden Gegnern hinterher, die Pfeife des Schiedsrichters bleibt stumm, die Kinder lachen und zeigen mit dem Finger auf sie, während die Globetrotters den Ball in den Korb hämmern. Wenn der bezahlte Mann am Anzeigetisch gute Laune hat, gibt er dafür vier Punkte, vielleicht auch Zehn. Aber in dieser Nacht des Jahres 1971 läuft etwas aus dem Ruder. Die Globetrotters verlieren sich in ihren Tricks, während die Generals einen Wurf nach dem anderen treffen. Bis zu diesem Tag hatten sie 2595 Spiele in Folge verloren.

Während der Spiele blickt niemand auf die Anzeige. Niemand außer Klotz. Alle dachten immer, die Aufgabe der Washington Generals wäre es, die Globetrotters möglichst spektakulär gewinnen zu lassen. Aber das stimmte nicht. Über weite Teile des Spiels sollten sie ihr Bestes geben, um das Beste aus ihrem Gegner zu holen. In jener Nacht waren 3600 Zuschauer auf den Rängen, und doch existieren verschiedene Versionen des letzten Viertels. Sicher ist nur, dass die Globetrotter Sekunden vor Schluss mit 99:98 führten, als Klotz sich den Ball nahm. Als sich das Netz bewegt und die Sirene ertönt, haben die Washington Generals tatsächlich die Harlem Globetrotters besiegt.

Spiel auf Sieg

„Es war, als hätten wir den Weihnachtsmann umgebracht“, erinnert sich Red Klotz später. Kinder weinten. Die Washington Generals gewannen nie wieder, Red Klotz gewann nie wieder. Ein Jahr nach seinem Tod im Jahr 2014 kündigen die Globetrotters die Geschäftsbeziehungen mit den Generals aus finanziellen Gründen. Auch wenn die Generals immer wieder mal den Namen gewechselt hatten, unter anderem in jener berühmten Nacht, waren sie doch immer dasselbe Team und vor allem: eigenständig. Die Ausbootung durch die Globetrotters war ihre letzte Niederlage. In einem Interview sagte Klotz einmal: „Ich hasse es, zu verlieren.“ Deshalb gab er seinen Spielern vor jeder Partie die Worte „Play to win!“ mit auf den Weg.

Es dauerte wohl ein wenig, bis sie alle verstanden, dass Klotz von einer anderen Art des Gewinnens sprach. Es ist diese Art des Gewinnens, die jeder für sich suchen muss und die nicht leicht zu finden ist. Die Fans des so lange schon anrennenden, ewigen Vizemeisters Bonn – die Washington Generals der BBL – werden sie hoffentlich entdeckt haben. Ebenso die verlorene Generation des deutschen Basketballs um Philip Zwiener und Johannes Herber. Letzterer erzählt in seinem Buch von solch einem kleinen Sieg, als er nach sieben Jahren wieder auf den alten Campus zurückkehrt und von einer älteren Dame strahlend wiedererkannt wird. Als Vorbild dient Louis Klotz. Wenn das Spiel aus war und er umherblickte und die vielen glücklichen Menschen sah, hatte er nicht verloren. Für ihn war das ein Sieg.

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