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Kristaps Porzingis: Von der Leine gelassen

22.11.2017 || 14:05 Uhr von:
Kristaps Porzingis hat nach dem Abgang von Carmelo Anthony die Schlüssel in New York übernommen. Ist der Lette bereit, die Knicks anzuführen? In diesem Beitrag zeigen wir Euch zudem, was der 22-Jährige alles kann.

Wir schreiben den 5. November 2017. Die New York Knicks spielen an diesem Abend im heimischen Madison Square Garden gegen die Indiana Pacers. Ende des dritten Viertels sieht es nach einer deutlichen Pleite für die Gastgeber aus. Die bislang so überzeugend spielenden Pacers bauen ihre Führung immer weiter aus, 14 Minuten vor Schluss beträgt sie 19 Punkte. Knicks-Head Coach Jeff Hornacek schickt Kristaps Porzingis nach nur kurzer Verschnaufpause wieder aufs Feld. Ein letzter Versuch, ob nicht doch noch etwas geht. Was folgte, war eine sensationelle Aufholjagd – initiiert durch Porzingis. Der lettische Star war nach seiner Einwechslung für die nächsten 15 Punkte der Knicks verantwortlich. Insgesamt erzielte er 24 Zähler in den letzten 14 Minuten der Begegnung.

In diesem kurzen Zeitraum zeigt der „Zinger“ alles, was man von einem modernen Big Man erwartet: Fadeaway-Jumper, Pick-and-Pop-Dreier, spektakuläre Dunks. Korbleger plus Foul nach Pick-and-Roll, Dreier in Transition. Zwischendurch auch mal ein Block oder ein Assist.

Der neue Anführer der Knicks

Am Ende gewinnt New York die Partie mit 108:101 und Porzingis wird zum drittjüngsten Spieler in der Knicks-Geschichte mit 40 Punkten in einem Spiel. Hinzu kommen noch acht Rebounds und sechs Blocks. Die wichtigste Erkenntnis dabei in dieser noch jungen Saison: Der 22-Jährige liefert solche Leistungen mittlerweile auf konstanter Basis: Achtmal legte der Big Man bereits 30 Punkte oder mehr auf – so oft wie kein anderer Akteur in dieser NBA-Spielzeit. Mit dieser Konstanz zeigt der Jungstar, dass er nach Carmelo Anthonys Abgang die Leaderrolle bei den Knicks bereits übernommen hat und in der Lage ist, die Offense des Teams anzuführen. Porzingis trägt nun die Hauptverantwortung im Angriff – „endlich“, werden die meisten Knicks-Fans wohl sagen.

Veranschaulichen lässt sich dies am besten mit den Statistiken. Porzingis nimmt in dieser Saison 20,6 Würfe pro Spiel und damit 5,7 mehr als in der Vorsaison. Die Zahl seiner Freiwürfe hat sich fast verdoppelt (7,3 FTA in 17/18 gegenüber 3,8 in 16/17). Seine Nutzungsrate ist um mehr als zehn Prozentpunkte von 24,4 auf 34,8 gestiegen. Zur Einordnung: Unter allen relevanten NBA-Rotationsspielern weist nur James Harden einen höheren Wert auf (USG%: 36,1).

Diese Zahlen beweisen: Porzingis ist der neue Franchise Player im Knickerbockers-Land. Und dennoch gibt es Zeitpunkte, in denen sich der neutrale Beobachter wünschen würde, dass der Ball noch häufiger zum Letten ginge. Auch in der beschriebenen Begegnung gegen Indiana berührt der 22-Jährige im vierten Viertel mehrere Angriffe in Folge gefühlt gar nicht den Ball. Im Vergleich zu 2016/17 geht das orangefarbene Leder allerdings schon viel häufiger zu Porzingis, der dann zumeist im High- oder Low-Post angespielt wird, um von dort entweder abzuschließen oder den Ball weiterzupassen. Dies ergibt auch Sinn, denn Porzingis ist mit seinen 2,21 Metern den allermeisten Gegenspielern größentechnisch überlegen. Der Big Man nimmt auch jeden vierten Abschluss im Post-Up und agiert nach dieser Aktion sehr effizient (0,99 PPP).

Generell sind die Wurfquoten des Letten sehr beachtlich, wenn man berücksichtigt, dass ein Großteil der Konzentration der Verteidigungsreihen nun auf ihn gerichtet ist. Sowohl bei der Feldwurf- (47,2% FG), als auch bei der Dreierquote (40,5% 3FG) legt Porzingis derzeit Karrierebestwerte auf. Auch die Zahl seiner Ballverluste ist im Vergleich zu Spielern mit ähnlicher Nutzungsrate extrem gering (2,5 TO). Doch schon bald wird der Jungstar mit noch mehr Aufmerksamkeit konfrontiert werden. Teams werden sich besser auf Porzingis einstellen, ihn noch häufiger doppeln. Auch an diesen Situationen muss der 22-Jährige wachsen und das richtige Play machen wie etwa den freien Mitspieler finden. Seine Assistzahlen (1,1 ApG) sind zumindest noch sehr ausbaufähig.

Mehr als nur ein Shotblocker

Wenn es um Porzingis‘ Defensiv-Qualitäten geht, denken viele in erster Linie an seine spektakulären Blocks. Obwohl in den Highlights stets seine Monster-Blocks auftauchen, wäre es falsch, den vierten Pick der 2015er Draft darauf zu reduzieren – wenngleich auch wir es uns nicht haben nehmen lassen, ein Best-of dieser Kunststücke in diesen Beitrag einzubauen (siehe Video unten). Und ja: Selbstverständlich gehört Porzingis zu den besten Shot-Blockern der Liga. Mit 2,3 Rejections pro Spiel liegt er in dieser Kategorie hinter Myles Turner und Rudy Gobert auf Rang drei.

Doch auch andere Statistiken beweisen, dass der lettische Nationalspieler ein elitärer Ringbeschützer ist – wie zum Beispiel die gegnerische Wurfquote unter dem Korb. Demnach lässt Porzingis in Ringnähe nur eine absurd niedrige Wurfquote von 41 Prozent zu. Im Durchschnitt treffen seine Gegenspieler in diesem Gebiet zu 55,6 Prozent. Das Erfolgsgeheimnis sind eine langen Arme (Spannweite: 2,31 m) und das Nutzen seiner Vertikalität. Wenn der Big Man aufrecht abspringt – und damit kein Foul begeht – erschwert er praktisch jeden Wurf.

Auch am Perimeter leistet Porzingis gute Arbeit. Dank seiner Mobilität kann er das Pick-and-Roll switchen und auch kleinere Gegenspieler vor sich halten. Im Angriff nutzt der Lette diese Beweglichkeit, um auch den Fastbreak zu laufen. Sollte der schnellere Kontrahent ihn doch beim Drive schlagen, gelingt es ihm oft, mit seinen langen Armen zu recovern und Wurfversuche zu blocken oder zumindest zu erschweren. Zudem liefert er die kleinen Dinge, die auf dem Statistik-Bogen nicht auftauchen, wie etwa gute Help-Defense oder das Forcieren des einen oder anderen Offensiv-Fouls.

„Einhorn“ nach Lehrbuch

Fassen wir also zusammen: Kristaps Porzingis ist ein (sehr) großer Big Man, der dennoch beweglich ist und auch mit dem Spielgerät in der Hand etwas anzufangen weiß. Er ist ein elitärer Shot-Blocker und trifft gleichzeitig den Dreier hochprozentig. Er ist zudem ein vielseitiger Offensivspieler und kann in der Verteidigung sowohl innen, als auch außen seinen Mann stehen. Damit ist der Lette ein Paradebeispiel für ein „Einhorn“. Der Begriff dieses Fabelwesens wird vor allem mit großen und dennoch extrem vielseitigen Spielern in Verbindung gebracht. Kevin Durant, das vielleicht beste „Unicorn“, stellte dies bereits vor knapp zwei Jahren fest:

„Er kann werfen, das richtige Play machen, er kann verteidigen, er ist ein Seven-Footer, der von überall bis von der Dreierlinie werfen kann. Das ist selten. Und er blockt Würfe – er ist wie ein Einhorn in dieser Liga.“

Die Stimmung in New York ist wieder optimistisch. Das Team hat einige Spiele gewonnen und Porzingis wieder Vertrauen in die Organisation und den Trainerstab zurückgewonnen. Vergessen sind das geschwänzte Team-Meeting nach dem Saisonende 2016/17, die verfrühte Abreise nach Europa ohne Erlaubnis der Franchise sowie die daraufhin kursierenden Trade-Gerüchte. Einen Trade des 22-Jährigen können sich die Knicks ohnehin nicht erlauben. Porzingis ist schließlich der einzige Hoffnungsträger. Und das könnte mittel- bis langfristig ein Problem für den „Porzingod“ werden.

Die Knicks haben keinen Co-Star, den sie ihrem Franchise Player an die Seite stellen können. Gleichzeitig stehen einige Rollenspieler mit langfristigen und hochdotierten Verträgen im Kader, was externe Verstärkungen unmöglich macht. Die Kaderzusammenstellung ist schlecht: Es stehen zu viele Center im Team, weshalb Porzingis nicht so oft auf der Fünf spielen kann, obwohl dies dem Team gut tun würde. Alleine in der Eastern Conference haben einige Franchises eine bessere Perspektive für die kommenden fünf Jahre, auf jeden Fall aber Boston, Milwaukee, Philadelphia, Toronto und Washington. Die Knicks müssen in den nächsten Jahren Volltreffer in der Draft landen und darauf hoffen, dass sich Rookie-Point Guard Frank Ntilikina sehr gut entwickelt. Ansonsten droht in den nächsten fünf bis sieben Jahren trotz eines der besten NBA-Spielers in den eigenen Reihen nur das Mittelmaß.

Sollte Porzingis keinen Trade fordern, wird er in absehbarer Zeit nicht um Meisterschaften mitspielen. Doch das ist zunächst einmal kein Thema für den Letten, der sich erst einmal im Kreise der besten NBA-Spieler etablieren will. Wenn er weiterhin so beständig auf hohem Niveau spielt, wird ihm dies aber schon bald gelungen sein.

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