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Zurück zu den Wurzeln

09.10.2017 || 11:00 Uhr von:
In der Kolumne „Freiwurf“ äußert sich Christian Orban gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst zu NBA-Themen. Mit Blick auf die präsente Trikotwerbung gilt es, vergessene Anfänge in Erinnerung zu rufen.

Bekanntermaßen dürfen NBA-Teams zu Saisonbeginn erstmals einen Sponsorenaufnäher auf ihren Game Jerseys tragen (die übrigens vorerst „fanfreundlich“ im überlokalen Handel ohne Werbepatch verkauft werden.) Fünf Franchises – die Sixers, Kings, Celtics, Nets und Jazz – hatten Anfang des Jahres bereits einen Trikotsponsor präsentiert (hier kritisch aufgearbeitet). Wenig überraschend sind ihnen, in dem Bestreben, all ihre Präsenzen zu monetisieren, seither weitere Teams nachgefolgt.

So warten bis dato 16 Klubs der Vorzeigeliga – die Wolves (Fitbit), Magic (Disney), Raptors (Sun Life), Pistons (Flagstar), Nuggets (Western Union), Bucks (Harley-Davidson), Hawks (Sharecare), Lakers (Wish) und Heat (Ultimate Software) – mit einem Werbepatch auf. Darunter sind neben den Champs aus dem Golden State (Rakuten) auch die Vizemeister aus „The Land“, die nunmehr das Wingfoot-Logo von Goodyear (einem der weltweit führenden Reifenhersteller mit Sitz in Akron, Ohio) auf ihrer Spielkleidung tragen.

Analog zu den Cavs, versuchen viele NBA-Franchises dabei Werbepartnerschaften einzugehen, die möglichst eine örtliche Färbung und damit ein nachhaltiges Identifikationspotenzial bergen. „Jedes Kind in Akron wächst mit den Wingfoot-Luftschiffen am Himmel auf und empfindet Stolz für unsere Gemeinde“, ließ entsprechend der berühmteste Sohn der Stadt, „King James“, werbewirksam verlauten.

Zugleich gibt es einen zusätzlichen Grund, den Sponsoringdeal mit Goodyear hochzuhalten. Denn historisch gesehen ist der Konzern aus Nordost-Ohio dem Profibasketball verbunden, zumal es im nächsten Jahr ein Jubiläum zu feiern gibt: Vor dann 80 Jahren gewannen die Akron Goodyear Wingfoots, mit dem Namen und Logo des Reifenherstellers auf dem Trikot, die erste Meisterschaft in der NBA-Vorgängerliga NBL. Es bietet sich sonach ein guter Anlass, die weithin vergessene National Basketball League vor Saisonbeginn ein wenig zu würdigen. Auch, weil die NBA ihre Gründung bis heute in geschichtsklitternder Weise auf die zweite Vorgängerliga Basketball Association of America (1946 gegründet) zurückdatiert, die jedoch erst 1949 zusammen mit der NBL fusionierte – deren Vorleistungen hingegen nicht eingerechnet und kaum anerkannt werden …

Throwback

Die NBL wurde 1937 auf Initiative der Unternehmen General Electric, Firestone und Goodyear hin gegründet. Sie war seinerzeit die erste ernsthafte, stete Basketballprofiliga in den USA, die spielerisch die Basis für die NBA der 50er Jahre legte. Im Mittleren Westen beheimatet, kamen anfangs von Firmen gesponserte Teams wie die Goodyear Wingfoots und die konkurrierenden Akron Firestone Non-Skids, Fort Wayne General Electrics bzw. Zollner Pistons, Indianapolis Kautskys, Toledo Jim White Chevrolets und Anderson Duffey Packers in der stärksten Liga des Landes zusammen.

Das Leistungsniveau der regionalen NBL verdeutlicht der Fakt, dass ihre Werksmannschaften beim zwischen 1939 und 1948 jährlich ausgetragenen World Professional Basketball Tournament sieben Mal als Sieger hervorgingen. Einem nationalen Einladungsturnier, an dem die gemeinhin besten US-Profiteams teilnahmen und den „Weltmeistertitel“ ausspielten. Drei Mal entschieden im Übrigen die frei operierenden afroamerikanischen Profimannschaften der New York Rens, Harlem Globetrotters und Washington Bears das Turnier für sich.

Und im Gegensatz zur kapitalstärkeren BAA, die schwarzen Spielern und Teams die Mitwirkung und damit den Zugang zu den großen Hallen der Ostküste verwehrte, liefen in der NBL bereits ab 1942 einige Afroamerikaner auf. Derweil die Rens 1948/49 als erstes schwarzes Team in die weithin weiße Profiliga aufgenommen wurden, der nicht nur in puncto Integration eine Vorreiterrolle zukommt.

Schließlich wies die NBL eine kooperative Organisationsstruktur auf, die weniger streng hierarchisch anmutete, als die der rivalisierenden BAA, die auf Eignermacht und Gewinnmaximierung setzte (so besagt auch der NBA-Gründungsmythos, der nicht zufällig die BAA zentriert, die finanzstarken Eigner seien seit jeher der Erfolgsmotor der NBA). Überdies gelang es der älteren Liga, trotz vornehmlich kleiner wie mittlerer Städte und Märkte, ihren loyalen Zuschauern auch die befähigteren Spieler zu präsentieren. Etwa konnte die NBL mit George Mikan den ersten Basketballstar für sich gewinnen, der mit der naszierenden Dynastie der Minneapolis Lakers (dem grundlegenden Superteam der NBA) in der Liga 1948 seine erste Meisterschaft feierte.

Gewiss, wirtschaftlich musste die NBL letztlich klein beigeben und 1949 als Juniorpartner dem Zusammenschluss mit der Konkurrenzliga aus dem Nordosten zur NBA billigen. Doch das spielerische Talent und ihre Leistungsstärke schienen in der jungen, neuen Liga auf. Die dominanten NBA-Akteure kamen vorwiegend aus der NBL, während die ersten sechs NBA-Titel allesamt an vormalige NBL-Teams gingen. Zudem haben fünf der heutigen NBA-Franchises ihre Wurzeln in der NBL: Neben den Lakers sind dies die (Fort Wayne Zollner) Pistons, (Tri-Cities Black-)Hawks, Kings (Rochester Royals) und Sixers (Syracuse Nationals).

Lediglich drei NBA-Gründungsmitglieder, die Celtics, Knicks und Warriors, gehörten hingegen originär der BAA an. 1949 zählte die NBA zunächst 17 Teams – nur sechs von ihnen waren ursprünglich Teil der BAA. Von 1953 bis 1966 umfasste die NBA alsdann acht, neun Mannschaften, wobei (die besagten) fünf von ihnen aus der NBL herrühren …

Diese Genealogie und die Vorarbeit der NBL sollten sich alle geschichtsbewussten NBA-Aficionados einprägen und der Geschichtsklitterung der Liga entgegnen.


In der neuen Kolumne „Freiwurf“ äußert sich Christian Orban fortan jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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