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Kritik der Kategorien

23.10.2017 || 15:19 Uhr von:
Nicht selten werden in der Basketballkultur leichthin Kategorien aus der Kiste gezogen, die Bedeutungen der verwendeten Begriffe kaum überdacht. Ein wenig Sprachkritik mag daher nicht schaden.

Eines vorweg: Sportmediale Sprachpolizei soll hier nicht gespielt werden. Vielmehr geht es in diesem Beitrag darum, ein Bewusstsein für einen reflektierteren Umgang mit Sprache zu schaffen und jenes zu schärfen. Denn wiederholte Worte bringen bekanntlich Wirklichkeit hervor. Und damit Wahrnehmungen und Wahrheiten, die den beschriebenen und betroffenen Personen oft nicht gerecht werden.

Das gilt auch für NBA-Akteure, die viele medial vermittelt zu kennen glauben, sie aber als Menschen in ihrer Vielschichtigkeit meist weder sehen noch verstehen (wie der „King“ jüngst pointierte: „Do they know what LeBron James completely represents? I don’t think so“). So herrschen häufig zu einfache und einseitige Vorstellungen vor, die, anstatt sie zu hinterfragen, von Außenstehenden kopiert und reproduziert werden. Besonders meinungsstarke und junge Spieler bekommen derart vorschnell Label und Stempel aufgedrückt, die den Ruf beschädigen und ihre Karrieren beeinträchtigen können.

Wie über Sport und Spieler geschrieben und geredet wird, geht demnach mit Verkürzungen und Missdeutungen einher. Oberflächlichen Einordnungen, die oftmals vermeidbar erscheinen. Sie betreffen vor allem spielerische Befähigungen und Limitierungen sowie den gerne zitierten bzw. diskreditierten Charakter (nicht selten, zumal belehrend im Ton, wird Athleten etwa Unreife und Unmündigkeit unterstellt).

Auch wenn die NBA-Medienwelt wie die Liga selbst ein „Copycat“-Kosmos ist, gibt es also gute Gründe, mit Sprache bedachter umzugehen und sich öfter einmal mehr Mühe zu geben. Und zwar jenseits der Nachahmerei und bloßen Effekthascherei im sportmedialen Spektakelbetrieb. Vielleicht könnte dies zu Saisonbeginn ein Vorsatz sein …

In it to win it

In FIVE #141 hat der geschätzte Kolumnistenkollege Toby Jochheim jüngst die Kiste der Kategorien geöffnet und bespielgebend den sportromantischen Begriff der „Lifer“ herausgegriffen. Also Profis, die wie Kobe Bryant, Tim Duncan und Dirk Nowitzki ihre gesamte NBA-Karriere bei derselben Franchise verbracht haben. Dafür genießen sie in Fan- und Medienkreisen hohes Ansehen; der ihnen attestierten Loyalität und der gemeinhin überhöhten „Vereinstreue“ sei Dank.

Im beliebten wie bemühten Spiel der Kontraste (und Klicks) gilt die Figur des „Ringjägers“ als abqualifizierter Gegenentwurf. Damit einher geht das moralisierende Gerede von vermeintlich ehr- und treulosen „Söldnern“, denen nachgesagt wird, sie nähmen eine unfaire Abkürzung, den einfachen Weg zum Titel. Hierbei schwingt eine hypermännlich aufgeladene Empörung mit, die suggeriert, dass „Ringjäger“ keine harten Wettkämpfer, ja keine „richtigen“ Männer seien (man stelle sich hierzu nur kurz David West vor, um zu begreifen, wie lächerlich solche Äußerungen sind).

Dies findet auch darin Ausdruck, wenn spät wechselnde Spieler als „Ringhuren“ diffamiert werden. Eine Unwort, das sich aus einer toxischen Männlichkeit speist, der sich nicht zuletzt Kevin Durant infolge seines Wechsels zu den Warriors ausgesetzt sah. Sein Abgang galt vielen bekanntlich als feige Flucht zum übermächtigen Feind. Es hieß: KD sei „soft“, ein „Weichling“, „Muttersöhnchen“ und „Verräter“, der dem leichten, schnellen Erfolg nachjage. Durant hatte zuvor wohlgemerkt neun Spielzeiten bei der gleichen Franchise, acht davon in Oklahomas Prärie verbracht …

Gleichzeitig – während selbstbestimmte und späte Wechsel zu Titelanwärtern Schmähkritik entfachen – werden erfolgreiche NBA-Karrieren (von außen) nicht zuletzt über errungene und gezählte Titel definiert, wird den Spielern der unbedingte Wille zum Triumph abverlangt. Ein absurder Doppelstandard, der ohnehin das Selbstbestimmungsrecht der Akteure als Profis und Menschen unterläuft. Alldieweil ihr Antrieb (mitunter ihre Angst) verständlich ist, beim zeitlich begrenzten Meisterschaftsbüffet nicht leer auszugehen.

Kriegsgetöse und andere Krankheiten

Inflationär ist überdies (generell im Teamsport der Männer) der Einsatz von fragwürdigen Gewalt- und Kriegsmetaphern. Der Begriff des Söldners ist im Zusammenhang mit dem des „Ringjägers“ bereits gefallen und abzulehnen. Sind doch erstere gekaufte Kämpfer, die in den Krieg ziehen, dabei Menschen töten und andere Verbrechen begehen. Mit kompetitiven Ballsport hat dies – entgegen dem geläufigen hypermaskulinen und martialischen Getöse – nichts zu tun.

Profiathleten gehen vielmehr ihrem Beruf nach, wobei ihnen mitnichten alleinig die Entscheidung zukommt, wie lange sie wo spielen. So liegt auch die eher harmlos erscheinende Bezeichnung des „Journeyman“ griffbereit. Allerdings meist ohne zu hinterfragen, was ungewollte Franchisewechsel mit den Spielern und ihren Familien machen, was diese für sie und ihren Alltag bedeuten (das Mitreisen, Neuanfangen, Zurückbleiben, usw.). Wer nicht glaubt, wie sehr ein wiederholter Trade Profis zu Herzen gehen und sie als Menschen mitnehmen kann, sollte sich Isaiah Thomas’ Ausführungen nach seinem unfreiwilligen Abgang aus Boston zu Gemüte führen.

Zweifelhaft erscheint in puncto „Gewalt“ auch das Label des „Coach-Killers“ oder das Attribut des sogenannten „Killerinstinkts“. Nochmal: Basketballspieler töten niemanden, selbst wenn sie wie LeBron James überaus machtbewusst auftreten oder wie einst Michael Jordan wiederholt spielentscheidend auftrumpfen.

Noch bedenklicher mutet die Negativzuschreibung „Locker Room Cancer“ an. Spieler, denen eine unprofessionelle Einstellung und ein schlechter Einfluss nachgesagt werden (die „Teammates of the Year“ Dwight Howard und Rajon Rondo lassen grüßen), mit weltweit drastisch steigenden Tumorerkrankungen zu verglichen – ist so geschmack- wie einfallslos. Was tatsächlich an Krebs erkrankte Menschen, denen wirkliches Leid und nicht selten der Tod droht, bei solch einem Sprachbild empfinden mögen? Und: Über die Pathologisierung sogenannter „Headcases“ und „Knuckleheads“ wollen wir hier lieber gar nicht erst schreiben …

Menschen statt Maschinen und Mysterien

Benannt sei außerdem ein wandelndes Klischee, nämlich das des Geheimnisvollen. Denn allzu gerne wird in den USA das Stereotyp vom europäischen oder internationalen „Mystery Man“ bespielt (wie einst im Falle von Kristaps Porziņģis und Emmanuel Mudiay oder jüngst Celtics-Rookie Daniel Theis und Neu-New-Yorker Frank Ntilikina). Was dabei Abhilfe schaffen könnte? In hochmedialisierten Zeiten über den eigenen Spielfeldrand hinauszuschauen und genauer hinzusehen, sich ein wenig zu informieren und sich neue Teaser und Texteinstiege einfallen zu lassen.

Kritikwürdig ist auch das Negativlabel „Bust“, mit dem sich junge Spieler konfrontiert sehen, die überzogene Fremderwartungen nicht zu erfüllen vermögen oder vermochten. Was es mit (teils noch nicht gefestigten) Menschen machen kann, was es heißt, gemeinhin als „Flop“ und großer „Draft-Reinfall“ zu gelten, sollte jeder einmal für sich selbst ausbuchstabieren – oder direkt Betroffenen wie Greg Oden zuhören.

Grundsätzlich problematisch ist der Aspekt der Entmenschlichung. Denn aufgrund der kultivierten Tendenz zur Zahlengläubigkeit, Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit herrschen nicht selten Management-Perspektiven und Business-Sprech vor. Obsessiv kreisen viele Basketballteams, Berichterstatter und Beobachter um die Effektivität, Effizienzraten und Entwicklungspotenziale des sogenannten „Spielermaterials“, der transferier- und eintauschbaren „Anlagegüter“. Die Funktionalität des Personals wird analytisch aufgerechnet, bemessen und beurteilt. Franchise-Fehlkonstruktionen gilt es durch die als auswechselbare Bauteile der NBA-Maschinerie betrachteten Spieler zu restabilisieren. Die menschliche Dimension – die Bedeutung von Befindlichkeiten, Eigensinn und Interessen – kommt in solch einer durchökonomisierten Leistungsschau oft zu kurz oder erst gar nicht vor.

In diesem Sinne: Ein wenig mehr Sorgfalt im Sprachgebrauch und ein gelegentlicher Perspektivwechsel dürften nicht schaden – zuvorderst weil Menschen involviert und verletzlich sind.


In seiner Kolumne „Freiwurf“ äußert sich Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

 

Kritik der Kategorien
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theLF411
theLF411 24. Oktober 2017 um 22:11 Uhr

Schön geschrieben und auch in den meisten Punkten völlig richtig erkannt.
Nur beim Thema der „Lifer vs. Ringhuren“ stimme ich nicht überein:
Warum soll der Ring so wichtig sein? Warum sind 2Mio$ bei einem Verdienst von 20Mio$ entscheidend für eine Unterschrift? Warum verlasse ich einen „Arbeitgeber“ wenn er alles mögliche für einen tut und man dort angeblich sehr zufrieden ist?
Wir sprechen hier über die NBA, höher geht es nicht und man kann nichtmal absteigen, nichtmal wenn man bei den Nets spielt. Das sind First-World-Problems die der Fan nicht nachvollziehen kann. Gegenüber steht Dirk Nowitzki, ein Typ der erfolgreich vormacht wie man bei ALLEN gut ankommt egal ob Fan franchise oder Ausstehenden. Das Vorbild und an den Vorbildern misst man die, die welche werden wollen.
Deswegen finde ich es sogar richtig, dass Fans ihren Unmut gegenüber Spielern zeigen, auch wenn die Wortwahl oft falsch gewählt wird.

christian orban
christian orban 25. Oktober 2017 um 17:06 Uhr

@theLF411: Merci fürs Lesen und das Feedback.
Dazu: Wie geschrieben, das Ringe- und Meisterschaftenzählen wird ja nicht zuletzt von außen an die Spieler herangetragen – wenn Fans und Fachpresse z.B. über die sogenannte „Legacy“ oder den „GOAT“ räsonieren. Die Spieler verhalten sich dann gezwungenermaßen dazu und müssen mit diesem Gerede umgehen.
Zur Dirk-Referenz: Der Durchschnitts-NBA-Profi kommt halt nicht aus einer bescheidenen Mittelstandsfamilie im beschaulichen Franken, und verfügt meist auch nicht über so einen ungewöhnlichen Mentor wie Holger Geschwindner. Zumal die wenigsten Profis bei so stabilen, solide geführten Franchises wie den Mavs oder auch den Spurs landen. Derweil nicht jedes Team-Management so wohlwollend mit (Alt-)Stars umgeht, wie das in Dallas der Fall ist. Paul Pierce etwa, wäre wohl gerne bis zum Karriereende ein Celtic geblieben, während ein sehr loyaler Kevin Garnett gerne mit den Wolves mehr Erfolg gehabt hätte. Aber so reibungslos (im Vakuum) läuft das in der Liga bekanntlich nicht. Alldieweil Menschen (als Profis und Privatpersonen) nun einmal unterschiedliche, sich ändernde Präferenzen und Prioritäten haben, und das ist auch gut so. Nicht jeder kann, soll und will wie Dirk sein (siehe die müßige Vergleichsdiskussion um Dennis Schröder). Die Spieler treffen, soweit ihnen das möglich ist, ihre *Lebens*entscheidungen (siehe Kevin Durant), womit die Beobachter und Berichterstatter leben müssen. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass nicht wenige NBA-Spieler in sozial prekären Verhältnissen aufgewachsen sind und sich sonach gänzlich anderen Erwartungen und Zwängen in ihrem Umfeld und darüber hinaus ausgesetzt sehen, als etwa Nowitzki (also: Herkunft, Hintergrund und eine geldgetriebene Kultur in den USA nicht vergessen).
Und, auch wenn das hypothetisch ist: hätte Dirk mit den Mavs nicht bereits 2011 alles erreicht, wäre er vielleicht auch nicht bis zum Karriereende in Dallas geblieben, ein sog. „Lifer“ geworden …

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