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Lang lebe der Liveticker

18.09.2017 || 16:27 Uhr von:
Slowenien ist Europameister und wir waren dabei. Wie war das eigentlich früher, als noch nicht alle Spiele übertragen wurden? Erinnerungen an das Zeitalter des Livetickers.

Gestern geschah Denkwürdiges, und ich war dabei. Nichts habe ich verpasst beim Finale der Europameisterschaft. Ich habe gehört, wie Luka Doncic am Boden jammerte, nachdem er sich den Fuß verletzt hatte. Ich habe gesehen, wie Goran Dragic in der Crunchtime auf die Bank trottete. Ich bin erschreckt zurückgewichen, als mich Gasper Vidmars entschlossener Blick traf. Ich konnte den Schweiß fast riechen, als die slowenischen Spieler (und Anthony Randolph) ihre Goldmedaillen in Empfang nahmen. Gut, der Schweißgeruch war vielleicht nur Einbildung, so richtig war ich schließlich nicht dabei. Ich saß nur vor dem Bildschirm. Aber gibt es da heutzutage überhaupt noch einen Unterschied? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt ein Blick zurück in längst vergessene Zeiten. Kurz nachdem alle Dinosaurier aus Angst vor Menschen wie Gasper Vidmar nach Hollywood zogen und Schauspieler wurden, erfand James Naismith das Basketballspiel und mit ihm: den Liveticker.

Fortan entbrannten am abendlichen Lagerfeuer glühende Diskussionen um die Deutungshoheit in der Bewertung der Spiele. „Die Schiedsrichter waren schuld, sie haben immer gegen uns gepfiffen“, sagte ein Fan, der dabei gewesen war. „Das kann nicht sein, schließlich ist die Foulverteilung 25 zu 21 gegen unser Team“, entgegnete ein weiser Mann mit Bart, der den Liveticker verfolgt hatte. Und so zog sich das über Jahre hin. Als Bamberg unter Chris Fleming im Januar 2009 in Ulm spielte, hatten sich diese Diskussionen freilich längst vom Rande des Lagerfeuers ins Internet verlagert. Überall in der Stadt setzten sich die Fans zusammen vor den Computer und starrten auf den Liveticker. Weil das niemanden auslastete, fanden sie sich außerdem in Foren zusammen, wo sie gemeinsam den Ticker analysierten. In Sekundenschnelle wurde aus den vielen erfolgreichen Dreiern der Ulmer eine Einstellungskrise der Bamberger. Auf Seite Vier sollte Flemings Kopf rollen. Weil Bamberg wenig Freiwürfe zugesprochen bekam, wurde die Neutralität der Schiedsrichter grundsätzlich in Frage gestellt. Und das System des Trainers gleich mit. Man hatte ja nur die paar Zahlen, sonst nichts. Aber mitfiebern wollte man trotzdem. Der Liveticker war die Farbpalette, das Bild malen musste sich jeder selbst. Meistens war viel Schwarz im Spiel.

Das neue Zeitalter ist bunt. Wer möchte, kann sich auf Telekom Sport auch nachträglich noch den halbstündigen Vorbericht zum Testspiel der Bayern gegen Real Madrid ansehen. Heldengeschichten, die einst erst durch ständiges Weitererzählen zu ihrer farbenprächtig ausgeschmückten Endfassung fanden, werden nun in Videoformaten festgebrannt. Das zweite Final-Viertel von Goran Dragic werden slowenische Erstklässler noch in 30 Jahren mit ihren Eltern schauen können. Es ist dann fast so, als wären sie dabei gewesen. Aber eine Sache werden sie nicht nachempfinden können: den Moment vor dem letzten Wurf. Am Liveticker. Wenn es 71 zu 71 steht und der Ticker Ballbesitz für dein Team anzeigt. Bei zwölf Sekunden Restspielzeit. Wenn dein Hirn jedes Szenario im Kopf durchgeht. Dann taucht eine neue Zeile auf: Fehlwurf, noch 3 Sekunden. Ein Fluch. Wieder endloses Warten. Dieser Blick, mit dem man damals Löcher in den Bildschirm brannte, das war der Blick von Gasper Vidmar während des Finalspiels. Die nächste Zeile erscheint: Offensiv Rebound, noch zwei Sekunden. Großer Jubel, erneut gefolgt von angespannter Stille. Nächster Fehlwurf und Ende der regulären Spielzeit. Verlängerung. Noch mal fünf Minuten Qual vor dem Bildschirm. Oh, was würde ich geben, dieses Spiel in HD aus sechs Kameraperspektiven mit Kommentator zu verfolgen. Aber das ist nur ein Wunschtraum. So wie ein Europameistertitel für Slowenien. Und dann kam 2017.


Klatschpappe ist die Glosse von Linus Müller, der sich jeden zweiten Montag in einem möglicherweise überspitzten Kommentar zu einem Thema aus der Welt des Basketballs äußert.

Lang lebe der Liveticker
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